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Bettman und Stubengirl

09.06.2020

Liebe Leserinnen und Leser

In einem seiner Texte zur Corona-Krise formulierte der US-Wissenschaftsjournalist Ed Yong schon vor einigen Wochen mit Nachdruck eine scheinbar simple Einsicht: «No one knows it all» – ein hochkomplexes Phänomen wie diese Pandemie lässt sich nicht aus der Warte einer einzelnen Disziplin erklären. Es braucht nicht die eine Expertise, sondern einen ebenso komplexen Expertendialog, eine Zusammenführung von Wissen und Erfahrung aus unterschiedlichen Fachgebieten.

Nur schon die Sache mit den Tests: Über die Frage, ob es zur Eindämmung der Pandemie breit angelegte Tests quer durch die Bevölkerung brauche, so Yong, müsse man mit Public-Health-Expertinnen sprechen. Um zu klären, ob das überhaupt machbar ist, sei es sinnvoll, die Kenner der Versorgungsketten zu befragen. Um zu klären, ob Antikörper auch wirklich Immunität bedeuten, müssten Immunologinnen zu Wort kommen. Bei der Grundsatzfrage schliesslich, wie wünschenswert flächendeckende Tests seien, kämen Ethik, Anthropologie und Wissenschaftsgeschichte ins Spiel.

Und wenn man noch etwas grundsätzlicher fragt? Zum Beispiel, warum in einem Land Tests überhaupt vorhanden sind oder fehlen? Was den Ausschlag dafür gibt, ob für Masken in ausreichender Zahl vorgesorgt wurde oder nicht?

Wenn die Frage, wie gut oder schlecht die Schweiz auf diese Pandemie vorbereitet war, auch etwas mit unseren Gewohnheiten und unserem Selbstbild zu tun hat, dann lohnt es sich, nach den Erzählungen zu fragen, die dieses Selbstbild geprägt haben.

Und an wen würde man sich in diesem Fall wenden? Zum Beispiel an einen, der sich ein ganzes Forscherleben lang mit Erzählungen befasst hat; mit ihren Formen, Folgen und Funktionen.

Der Literaturwissenschaftler Peter Utz hat über 30 Jahre lang als Professor an der Universität Lausanne gelehrt. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die deutschsprachige, speziell die Schweizer Literatur vom 18. bis zum 20. Jahrhundert und das literarische Übersetzen – aber eben auch die Schweizer Katastrophenkultur. Und diese, schreibt Utz in einem Essay für die Republik, sei eben immer schon ganz auf die alpinen Naturgefahren ausgerichtet gewesen.

Zwar habe sich die Schweiz traditionell stets in der Zuschauerrolle gesehen, wenn sich rundherum die Dramen der Weltgeschichte ereigneten. Die gemeinschaftliche Bewältigung von Bergstürzen, Lawinen oder Überschwemmungen hingegen ist fester Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses. Sie gehört, wie Peter Utz schreibt, «seit über zweihundert Jahren zur helvetischen Katastrophenkultur». Seit 2018 steht der helvetische «Umgang mit der Lawinengefahr» gar auf der Unesco-Liste zum «immateriellen Kulturerbe der Menschheit».

Nur: Für eine Pandemie wie die gegenwärtige war man damit nicht gerüstet. Gegen Corona, schreibt Utz, «hat man keine Dämme errichtet».

Was man aus seinem genauso kenntnisreichen wie anschaulichen Text sonst noch lernen kann: zum Beispiel, warum schon beim Bergsturz von Goldau 1806 ein Maler mit der Herstellung von offiziellen Katastrophenbildern beauftragt wurde. Oder warum es ziemlich irreführend ist, wenn man die aktuelle Pandemie als «Ereignis» bezeichnet.

Aber am besten, Sie lesen (und schauen!) einfach selbst.

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

Die neuesten Fallzahlen: Gemäss dem Bundesamt für Gesundheit zählten die Schweiz und das Fürstentum Liechtenstein heute Morgen insgesamt 30’988 Personen positiv auf Covid-19 getestete Personen. Im Vergleich zu gestern sind das 16 Fälle mehr. Im Zusammenhang mit einer laborbestätigten Covid-19-Erkrankung sind bisher 1663 Personen verstorben.

Erlasse bei Geschäftsmieten: Unternehmen, die wegen der Corona-Pandemie schliessen mussten, erhalten einen Mietzinserlass von 60 Prozent. Nach dem Nationalrat hiess nun auch der Ständerat eine entsprechende Motion gut. Die Regelung gilt nur für Mieten bis 20’000 Franken im Monat.

Arbeitslosigkeit noch einmal gestiegen: Heute sind fast 54 Prozent mehr Menschen arbeitslos gemeldet als noch vor einem Jahr, wie das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) bekannt gibt. Im Monat Mai ist die Arbeitslosenquote in der Schweiz im Vergleich zum Vormonat noch einmal um 0,1 auf insgesamt 3,4 Prozent gestiegen. Das heisst: Knapp 156’000 Menschen waren in diesem Monat ohne Job.

Strafanzeigen in Italien: Morgen Mittwoch wollen Angehörige von Corona-Opfern in der Stadt Bergamo rund 50 Strafanzeigen gegen Unbekannt bei der Staatsanwaltschaft einreichen. Sie werfen der Regierung und den Behörden im Umgang mit der Krise Inkompetenz und Fahrlässigkeit vor. Stand heute sind in Italien rund 34’000 Menschen im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion gestorben.

Die besten Post-Lockdown-Aktivitäten:

Open Airs und Sportevents sind für diesen Sommer gestrichen. Dafür dürfen wir wieder raus, in Restaurants, Museen und Kinos. Unsere sieben Post-Lockdown-Empfehlungen für die nächsten Tage:

Frage aus der Community: Waren Menschen wie Busfahrerinnen, die auch während des Shutdown arbeiten mussten, stärker vom Virus betroffen?

Eine gute Frage, die wir für die Schweiz leider nicht beantworten können. Auf Nachfrage heisst es beim Bundesamt für Gesundheit, für eine solche Analyse stünden nicht genügend Daten zur Verfügung. Die Erklärung: «Einerseits werden die Angaben zur Berufsgruppe auf der Meldung an das Bundesamt für Gesundheit häufig nicht vollständig ausgefüllt. Der Ärzteschaft fehlen oft die genauen Angaben, um die Meldung auszufüllen. Andererseits würde man, um Ihre Frage beantworten zu können, Angaben zur Anzahl exponierter Personen je Berufsgruppe benötigen.»

Die Wahrscheinlichkeit ist aber gross, dass Menschen, die trotz Shutdown arbeiten mussten und ungeschützt mit anderen Personen in Kontakt kamen, sich eher ansteckten. Erfahrungen aus dem Ausland zeigen, dass in den USA und in Grossbritannien das Zug- und Buspersonal nur unzureichend geschützt wurde, dadurch stärker exponiert war und sich so eher infizierte als Personen, die zu Hause bleiben konnten.

Zum Schluss eine gute Nachricht: Corona-Massnahmen verhinderten gemäss neuen Studien Millionen Tote

Zwei neue Untersuchungen legen nahe, dass die politischen Corona-Massnahmen mehrere Millionen Leben retteten. Gemäss einer Studie von britischen Wissenschaftlern sollen die Massnahmen allein in elf europäischen Ländern (Österreich, Belgien, Dänemark, Frankreich, Deutschland, Italien, Norwegen, Spanien, Schweden, Schweiz und Grossbritannien) bis Anfang Mai etwa 3,1 Millionen Leben gerettet haben. Ein weiteres Forschungsteam kam zu ähnlichen Ergebnissen. Gemäss ihren Resultaten haben die Massnahmen in China, Südkorea, Italien, im Iran, in Frankreich und den USA bis zum 6. April rund 530 Millionen Infektionen verhindert. «Ich denke, kein anderes menschliches Unterfangen hat jemals in so kurzer Zeit so viele Leben gerettet», kommentierte Studienleiter Solomon Hsiang von der University of California die Ergebnisse. Beide Studien erschienen im Fachmagazin «Nature».

Bleiben Sie umsichtig, bleiben Sie freundlich, bleiben Sie gesund.

Bis morgen.

Elia Blülle und Daniel Graf

PS: Haben Sie Fragen und Feedback, schreiben Sie an: covid19@republik.ch.

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