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Selbstinsulation

08.06.2020

Liebe Leserinnen und Leser

«Die Schweiz ist im Bereich der Schtart-Öps eine der weltweit führenden Nationen.» Sosehr es mit der Aussprache haperte: Inhaltlich lag Bundesrat Ueli Maurer in seiner Ansprache vom 22. April sehr richtig. Der Bundesrat informierte damals über ein Unterstützungspaket für Schweizer Start-ups.

Die Menge an Geld, die in Schweizer Jungunternehmen investiert wird, ist in den vergangenen zehn Jahren regelrecht explodiert. Fast 2,3 Milliarden Franken waren es allein im vergangenen Jahr. Vor allem in der Informations- und Biotechnologie scheinen die Anlegerinnen keine Obergrenze mehr zu sehen.

Und dann kam Corona, und immer mehr Menschen wurden plötzlich krank. Der Bundesrat verbot, schloss, schockfrostete die Wirtschaft. Alte, grosse Unternehmen warnten vor einem Bankrott. Junge, kleine Unternehmen warnten vor einem Bankrott. Sie alle waren abhängig vom Vertrauen der Investorinnen. Und diese sahen vielerorts nur noch Eis.

Als Republik-Trainee Ronja Beck Mitte Mai auf den Spuren eines besonderen Start-ups in die Walliser Berge fuhr, knallte die Sonne vom Himmel. Hier oben kriege man vom Lockdown nicht viel mit, sagte Andy Abgottspon. Was sehr richtig war und gleichzeitig sehr übertrieben.

«Hier oben» heisst: in Gspon, im Chalet des Grossvaters, wo sich der junge Abgottspon im Frühling vier Tage lang eingeschlossen hatte. Als am Ende dieser vier Tage, am 16. März, der Lockdown light in Effekt trat, sollte sein Unternehmen bereit sein, seine Jahrhundertchance zu packen. Hazu, so heisst sein Start-up, ermöglicht es Lehrern, ohne Präsenz zu unterrichten, von der Stube aus. Und von einem Tag auf den anderen mussten sie es dann auch – schweizweit, alle, ohne Ausnahme.

Die Pandemie verpasste Andy Abgottspon einen Schubs nach vorne, während viele Junggründer in der Schweiz in die andere Richtung gestossen wurden. Und es war doppeltes Glück, hatte der Hazu-Gründer die letzte Finanzierungsrunde genau noch vor der Krise durchgebracht.

Vor einer Prachtskulisse und einem Prachtsschnitzel auf fast 2000 Meter über Meer erzählte der Walliser, wie man so ein unvorhersehbares Momentum nutzt. Und was passiert, wenn, wie das heute der Fall ist, die allermeisten Schulen wieder öffnen und das Momentum verpufft. So viel: Abgottspon lässt sich nicht beirren. Er erwartet aufs neue Schuljahr hin eine zweite Welle. Nicht von Infektionen, sondern von Interesse an seiner Software.

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

Die neuesten Fallzahlen: Gemäss dem Bundesamt für Gesundheit zählten die Schweiz und das Fürstentum Liechtenstein heute Morgen 30’972 positiv auf Covid-19 getestete Personen. Im Vergleich zu gestern sind das nur 7 Fälle mehr. Davon sind 28’700 wieder genesen, was rund 93 Prozent sind. 6,2 Prozent sind gestorben, weniger als 1 Prozent ist noch krank. Die Anzahl der durchgeführten Tests beträgt 425’154.

Neue Lockerungen: Seit heute gilt auch an den Schweizer Gymnasien und Berufsschulen wieder Präsenzunterricht. Allerdings hat das Bundesamt für Gesundheit die Regeln gelockert: Der Zwei-Meter-Abstand soll jetzt nur noch «wann immer möglich» eingehalten werden. Seit Samstag dürfen zudem auch Bergbahnen, Zoos, Schwimmbäder und Clubs wieder Gäste empfangen.

Steigende Infektionszahlen: Nachdem Deutschland, Israel und Japan die Epidemie in ihren Ländern unter Kontrolle gebracht hatten, haben sich dort nun lokal neue Virenherde gebildet. In Deutschland sei auch die Ansteckungsrate wieder knapp über 1 gestiegen, wie das Robert-Koch-Institut am Sonntagabend bekannt gab. Das heisst, dass jede infizierte Person im Durchschnitt wieder etwas mehr als eine weitere Person ansteckt.

Grossbritannien isoliert Reisende: Wer ab heute in Grossbritannien ankommt, wird in eine zweiwöchige Quarantäne geschickt. Das Land will damit eine zweite Welle von Infektionen verhindern. British Airways, Easyjet und Ryanair haben gemeinsam juristische Schritte gegen die Regelung eingeleitet. Sie nennen die Massnahme «unverhältnismässig und unfair».

Die interessantesten Artikel

  • Wer, wann, wieso: Hat die Schweiz zu spät, aber dafür zu heftig auf die Pandemie reagiert? Wer hat im Hintergrund die Fäden gezogen, wer hat bei wem lobbyiert, und wie kam das Wirtschaftsrettungspaket zustande? Die «NZZ am Sonntag» erzählt die Geschichte der Corona-Krise in der Schweiz in fünf Episoden nach.

  • Maskenhaft: Wie hilfreich sind Schutzmasken gegen die Ausbreitung des Coronavirus? Über diese Frage wurde schon viel diskutiert. Eine neue Studie aus Deutschland legt nun nahe, dass sie ziemlich effektiv sind, wie der «Spiegel» schreibt. Dazu wurde die Stadt Jena untersucht, die schon am 6. April eine Maskenpflicht eingeführt hatte und bald keine Covid-19-Erkrankungen mehr verzeichnete – und mit einem «synthetischen Jena» verglichen, das die Maskenpflicht erst später eingeführt hat.

  • Gemeinsam am Herd: Führt die Corona-Krise dazu, dass Frauen zurück an den Herd katapultiert werden? Erste Umfragen und viele Erfahrungsberichte deuten darauf hin, dass vor allem Frauen das Homeschooling und zusätzliche Arbeiten im Haushalt übernehmen. Eine repräsentative Studie, in deren Rahmen seit April mehr als 10’000 Menschen interviewt werden, zeigt nun aber, dass sich Paare die zusätzliche Betreuungs- und Hausarbeit weitgehend partnerschaftlich aufteilen, wie «Zeit Online» schreibt.

Frage aus der Community: Da sich offenbar die grösste Ansammlung der Viren im Rachen befindet, könnte nicht auch Mund- und Rachenhygiene die Übertragung von Sars-CoV-2 verringern?

Wir haben bereits in einer früheren Ausgabe darüber berichtet, dass eine bewusste Pflege des Rachenraums die Schwere des Krankheitsverlaufs von Covid-19 beeinflussen kann. Aber hat sie auch einen Effekt auf die Übertragung auf andere Menschen?

Diese Frage haben wir Hugo Sax, Infektiologe am Universitätsspital Zürich, gestellt. Er weist ebenfalls auf Studien hin, die belegen, dass generelle Mundhygiene und die Behandlung von Zahninfektionen bei Spitalpatienten Lungenentzündungen verhindern können, weil dadurch die Bakterien im Mund vermindert werden. Denn Mundbakterien können, speziell bei kranken und schwachen Menschen, mit dem Speichel in kleinen Mengen in die Lunge geraten. Ob solche Massnahmen gegen Viren wirken, darüber könne nur spekuliert werden, sagt Sax. Bewiesen ist es nicht.

Zum Schluss ein Blick nach Neuseeland, wo die letzte an Covid-19 erkrankte Patientin genesen ist

Schon 17 Tagen ist es her, seit in Neuseeland zuletzt eine Infektion gemeldet wurde. Nun wurde die letzte an Covid-19 erkrankte Patientin aus der Isolation entlassen, nachdem sie seit 48 Stunden keine Symptome mehr zeigt. Da es damit nun keinen einzigen aktiven Infektionsfall im ganzen Land mehr gebe, werde man die Einschränkungen aufheben, sagte Premierministerin Jacinda Ardern auf einer Pressekonferenz. Die strikten Grenzkontrollen werden aber beibehalten. Vor Neuseeland hat auch schon Island das Virus vorerst gestoppt. Einen Rekord kann Neuseeland aber trotzdem verzeichnen: Weil bereits ab dem kommenden Wochenende Sportveranstaltungen wieder vor vollen Stadien stattfinden dürfen, kommt dem Nationalsport Rugby die Ehre zuteil, als erster professioneller Sport der Welt in der «Super-Rugby-Meisterschaft» (mit internationaler Beteiligung) wieder vor Fans spielen zu können. Mit einer Einschränkung: Weil die Mannschaften aus Australien, Südafrika, Argentinien und Japan noch nicht zugelassen sind, dürfen die fünf Teams aus Neuseeland erst gegeneinander antreten.

Bleiben Sie umsichtig, bleiben Sie freundlich, bleiben Sie gesund.

Bis morgen.

Ronja Beck und Bettina Hamilton-Irvine

PS: Haben Sie Fragen und Feedback, schreiben Sie an: covid19@republik.ch.

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PPPS: Die Pandemie hat Musiker und Festivalveranstalter an den Rand der Verzweiflung gebracht: Denn Partys und Konzerte funktionieren mit Abstand einfach nicht so recht. Doch nun hat eine Firma aus Los Angeles den Micrashell-Anzug entwickelt, der es Musikfans ermöglichen soll, zusammenzukommen, ohne sich anzustecken. Und: Man habe auch an Grundbedürfnisse gedacht, sagt der Erfinder – wie den Toilettengang oder Sex.

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