Covid-19-Uhr-Newsletter

Daniel kocht

05.06.2020

Liebe Leserinnen und Leser

Ein Gedanke begleitet viele Menschen, jetzt, wo die Ausnahmesituation zumindest teilweise erst mal vorüber ist: Was können wir aus der Krise lernen? Was wollen wir vielleicht künftig bewusst anders machen? Oft bezieht sich das auf ein Thema: den Konsum.

Die Pandemie hat uns vor Augen geführt, wie verletzlich unsere vernetzte Welt eben doch ist. Das löste bei vielen Menschen ein Nachdenken darüber aus, wie viel Konsum wirklich nötig ist – und liess sie etwa lokal und/oder ressourcenschonend angebaute Nahrungsmittel neu wertschätzen. Nur: Hat dieses Bewusstsein auch tatsächlich unser Einkaufsverhalten verändert? Und, falls ja: wie nachhaltig?

Zumindest während des Shutdown änderte sich tatsächlich etwas. 86 Prozent der Befragten gaben im April in einer Studie der Hochschule Luzern an, sie achteten häufig oder ab und zu auf die Schweizer Herkunft ihrer Alltagseinkäufe – deutlich häufiger als drei Monate zuvor. Viele Befragte gaben an, auch künftig unter anderem auf die regionale Herkunft von Produkten achten zu wollen. Die Autoren wagten damals eine Prognose: Diese Zeit werde «auch in Zukunft Spuren hinterlassen», schrieben sie. Sie wollen in den nächsten zwei Jahren denn auch «die Langfristigkeit dieser Veränderungen» untersuchen.

Noch ist es allerdings zu früh, um die Dauerhaftigkeit des veränderten Einkaufs- und Konsumverhaltens einschätzen zu können. Und angesichts einer gewissen Trägheit des Menschen ist Skepsis nicht verkehrt. Dennoch haben wir bei den beiden grossen Detailhändlern der Schweiz ein erstes Mal angefragt – die Antworten deuten vorerst nicht auf eine grosse Revolution hin.

Bei Coop spürte man «in den vergangenen Monaten» eine starke Nachfrage nach Bioprodukten, insbesondere bei Milchprodukten, Früchten und Gemüse. Migros bestätigt, dass die Nachfrage nach regionalen oder lokalen Produkten gestiegen ist – dieser Trend habe jedoch schon vor der Corona-Krise eingesetzt und dürfte daher wohl weiter anhalten.

Bei der Migros sieht man eher einen anderen Bereich wachsen: «Gerade weil viele Menschen in den vergangenen Wochen das selber Kochen (wieder) entdeckt haben, dürften Mehrwertprodukte weiter an Bedeutung gewinnen», heisst es. Mit anderen Worten: Gerne gekauft werden beispielsweise vorgeschnipselter Salat, gefrorenes Gemüse – das übrigens bezüglich Nährwert zu Unrecht einen schlechten Ruf hat – oder abgepackte Gnocchi. Die können durchaus auch bio und lokal hergestellt sein. Vor allem aber lässt sich damit schneller kochen – eine Alternative zum Restaurant oder Take-away.

Vielleicht ist es tatsächlich so, wie der bekannte Konsumhistoriker Frank Trentmann betont: Wir sind in unseren Kaufgewohnheiten viel weniger frei, als wir dies gerne wären – und wenn wir sie ändern wollten, müssten wir insbesondere auch über unseren Umgang mit Zeit nachdenken.

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

  • Die neuesten Fallzahlen: Gemäss dem Bundesamt für Gesundheit zählten die Schweiz und das Fürstentum Liechtenstein heute Morgen insgesamt 30’936 positiv auf Covid-19 getestete Personen. Im Vergleich zu gestern sind das 23 Fälle mehr. Im Zusammenhang mit einer laborbestätigten Covid-19-Erkrankung sind bisher 1660 Personen verstorben.

  • Demos «von grossem Interesse» werden nicht bewilligt: Eigentlich wären ab morgen Samstag Demonstrationen in der Schweiz wieder erlaubt, sofern an ihnen nicht mehr als 300 Personen teilnehmen. Die Konferenz der Polizeidirektoren empfiehlt aber, Demonstrationen nicht zu bewilligen in Fällen, wo «aufgrund eines breit interessierenden Themas und/oder eines grossen angesprochenen Personenkreises davon auszugehen ist, dass die Zahl von 300 Teilnehmern überschritten wird». Die Einschränkung dürfte viele Demonstrationen betreffen, zumal die Zahl der Teilnehmerinnen schwer vorherzusagen ist. Der Bundesrat nahm heute auch auf Anfrage in seiner Medienkonferenz nicht Stellung dazu.

  • Weitere Grenzöffnungen am 15. Juni: Bisher waren auf dieses Datum hin nur Grenzöffnungen gegenüber Frankreich, Deutschland und Österreich geplant, nun hat der Bundesrat die Öffnung auf alle EU- und Efta-Staaten sowie das Vereinigte Königreich erweitert. Die epidemiologische Lage erlaube es, schreibt das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement. Das Vorgehen entspreche dem vieler anderer Staaten.

  • WHO warnt: Es ist noch nicht vorbei. In einer Pressekonferenz sagte heute die Sprecherin der Weltgesundheitsorganisation, Margaret Harris: «Es ist nicht vorbei, solange es das Virus noch an irgendeinem Ort der Welt gibt.» Mancherorts seien Restriktionen aufgehoben worden und die Neuinfektionen in der Folge gestiegen. Tatsächlich steigt die Zahl der Infizierten weltweit betrachtet wieder stärker als zuvor.

Die Artikel mit den besten Tipps

Am Montag lockert die Schweiz erneut ein Massnahmenpaket, und mit jedem Schritt kehrt etwas mehr Normalität in unser aller Leben ein. Dennoch: Viele Alltagssituationen bleiben irgendwie surreal. Denn gleichzeitig zur scheinbaren Normalität im wirtschaftlichen Leben versuchen wir, einfachste gesellschaftliche Rituale nach wie vor zu unterdrücken – oder anzupassen.

In der gestrigen Ausgabe dieses Newsletters hat ein Infektiologe das Risiko von Umarmungen für uns eingeschätzt. Für den Fall, dass Sie sich nach wie vor Gedanken hierzu machen sollten: Die «New York Times» hat in Text und Illustrationen und mithilfe der Berechnungen einer Spezialistin für Aerosole zusammengetragen, was Sie beachten können, falls Sie auf bestimmte Umarmungen trotz Risiko nicht verzichten möchten.

Don’t:

  • Sich Auge in Auge umarmen.

  • Sich Wange an Wange umarmen.

  • Vor oder nach der Umarmung in das Gesicht der anderen Person atmen.

  • Während der Umarmung sprechen oder husten.

  • Weinen (Tränen und eine laufende Nase erhöhen das Übertragungsrisiko via kontaminierte Flüssigkeiten).

Do:

  • Die Gesichter voneinander abwenden.

  • Nach Umarmungen durch Kinder, deren Gesicht Ihre Knie oder die Taille berührt, die Kleider wechseln.

  • Eine Maske tragen.

  • Sich draussen umarmen.

  • Sich kurz halten – vielleicht sogar den Atem kurz anhalten.

  • Danach wieder auf Abstand gehen und sich die Hände waschen.

(Falls Sie sich jetzt fragen, weshalb wir uns überhaupt so detailliert mit Umarmungen beschäftigen: Man weiss aus psychologischen Experimenten, dass körperliche Zuneigung Kummer und Stress reduziert.)

Wie hoch ist die Ansteckungsgefahr im Büro, im Restaurant, daheim? In einem Bus, beim Fitness oder im Gottesdienst? Der «Tages-Anzeiger» fasst in diesem grossen Überblicksartikel zusammen, was aus wissenschaftlichen Studien bisher bekannt ist.

«De nöi Ed Yong isch daa!», rief der stellvertretende Chefredaktor heute durch die Redaktionsräume. Wir könnens uns also nicht verkneifen, den neuen Artikel unseres Lieblingsjournalisten vom amerikanischen Magazin «The Atlantic» zu empfehlen: Es geht um Langzeitfolgen nach einer Covid-19-Erkrankung.

Frage aus der Community: Mir wurde – verständlicherweise – eine geplante Flugreise annulliert. Die mit Steuergeldern unterstützte Swiss verweigert aber bis heute auf allen Kanälen auch nur eine Anfrage nach Rück­erstattung. Ist das rechtlich und politisch tragbar?

Wir haben uns bei Corona-legal.ch schlaugemacht: Das Team von freiwilligen Juristen hält eine Antwort zu dieser Frage nämlich schon auf seiner Website bereit. Wir fassen hier kurz zusammen:

Wäre der Flug in der Schweiz, der Europäischen Union (EU) oder einem Staat des Europäischen Wirtschaftsraums gestartet, so gälte die Fluggastverordnung der EU, schreibt Corona-legal.ch. Gemäss dieser Verordnung muss die «Fluggesellschaft bei einer Annullierung des Fluges die Wahl zwischen der Erstattung des Ticketpreises oder einer anderweitigen Beförderung zum Zielort eröffnen».

Anspruch auf Rückerstattung haben Sie also – bleibt noch die Frage nach einer Antwort auf Ihre Anfrage.

Hierzu schreibt Corona-legal.ch, es sei aus zwei Gründen mit «(administrativen) Hürden und Verzögerungen» zu rechnen: Einerseits fragten gerade viele weitere Passagierinnen bei Fluggesellschaften um Rückerstattungen an, und andererseits befänden sich die Gesellschaften «in einer wirtschaftlich schwierigen Situation».

Hier finden Sie allgemeine Informationen zu Rückerstattungen, hier Informationen spezifisch zur Swiss.

Zum Schluss ein Blick auf das Wochenende

Ab morgen können in der Schweiz wieder Veranstaltungen bis zu 300 Personen stattfinden. Das gilt für Demonstrationen, aber etwa auch für Sportwettkämpfe und -veranstaltungen. Ab Montag dürfen Mittel- und Hochschulen wieder ihre Türen öffnen. Weiter gehen schon am Wochenende verschiedene Freizeitangebote auf: Zoos, Kinos, Thermalbäder, botanische Gärten, Campingplätze, Nachtclubs, Erotikbetriebe. Kinder können ins Ferienlager, Sie mit mehr als drei weiteren Personen ins Restaurant und Wanderer mit Seilbahnen auf den Berg.

Nur: zwei Meter Abstand in der Gondel? Das wird eng. Die Branche setzt auf das Schutzkonzept «Eigenverantwortung»: Wenn Sie in die Berge fahren, müssen Sie damit rechnen, lange auf die Fahrt zu warten oder in einer vollgestopften Bahn zu stehen. Denn es ist jedem Betreiber selbst überlassen, Passagierzahlen zu limitieren – oder nicht.

Die Übersicht über die geltenden Massnahmen sowie die rechtlichen Grundlagen, die sie überhaupt ermöglichen, finden Sie im Watchblog der Republik.

Bleiben Sie umsichtig, bleiben Sie freundlich, bleiben Sie gesund.

Bis zum Montag.

Oliver Fuchs, Marie-José Kolly und Olivia Kühni

PS: Haben Sie Fragen und Feedback, schreiben Sie an: covid19@republik.ch.

PPS: Wir würden uns freuen, wenn Sie diesen Newsletter mit Freundinnen und Bekannten teilten. Er ist ein kostenloses Angebot der Republik.

PPPS: Einmal mehr zeigt sich, wie unsicher es ist, sich in der aktuellen Situation auf Einzelstudien zu verlassen. Eigentlich schien nach einer Publikation in der Zeitschrift «The Lancet» klar, dass die Malaria-Medikamente Chloroquin und Hydroxychloroquin mit einem höheren Risiko für Herzschwierigkeiten in Zusammenhang stehen. Jetzt stellt sich heraus: Die Datenbasis könnte problematisch sein, sie stand nicht allen Co-Autoren der Studie zur Verfügung. Drei der vier Autoren haben sich dazu entschieden, den Artikel zurückzuziehen.

PPPPS: Auch die Pariser Museen und Galerien öffnen dieser Tage wieder ihre Türen. Eine dieser Galerien stellt ihren Besucherinnen geflügelte Hüte zur Verfügung. Solange Ihre Hut-Flügel die der anderen Besucher nicht berühren, stehen Sie weit genug auseinander.

PPPPPS: Noch eine gute Nachricht aus der Kunst: Im französischen Chalon-sur-Saône wurde das erste professionelle Theaterstück seit dem Shutdown aufgeführt – in einem Altersheim. Das «Cabaret sous les balcons» fand unter freiem Himmel, unter den Balkonen und Fenstern der Heimbewohner statt. Die Theatertruppe kündigt Aufführungen in weiteren Altersheimen an:

Nous viendrons avec nos instruments, nos voix, nos corps et nos énergies.
Pour vous dire qu’on est là.
Nous voulons vous dire qu’on pense à vous.
A vous qui avez connu d’autres temps, d’autres guerres.
[...]
Peut-être alors chantonnerez-vous avec nous?
Ce serait tellement bon.
De vous entendre.
De chanter ensemble.
Car si on ne peut plus s’approcher les uns des autres, nos voix peuvent encore se mêler.

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