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Sich drücken lassen lassen lassen?

04.06.2020

Liebe Leserinnen und Leser

War da nicht was?, fragt sich Republik-Autor Simon Schmid.

Ein Lockdown, der uns alle ganz teuer zu stehen käme? Ein historischer Einbruch, ja, ein regelrechter Stillstand der Wirtschaft? Doch, da war etwas.

Über die letzten Wochen habe ich an einer Analyse in drei Teilen gearbeitet. Es ist eine Auslegeordnung über die Corona-Krise: ihr Ausmass, ihre Bekämpfung, ihre Folgen. Ich schrieb, die Corona-Krise sei global gesehen das heftigste wirtschaftliche Ereignis seit dem Zweiten Weltkrieg.

Es fühlt sich merkwürdig an, diese Artikelserie jetzt zu veröffentlichen.

Denn rundherum blüht die Welt gerade auf. Sportshops, Blumenläden, Arztpraxen, Flohmärkte, Restaurants: Alles ist wieder offen. Kids gehen wieder zur Schule, Studentinnen zur Uni. Fussballer sind wieder im Training, Coiffeure in ihrem Salon. Und die Bundesrats-Pressekonferenzen – ja, diese Veranstaltungen interessieren schon lange niemanden mehr.

Fast scheint es, als wäre alles nur ein schlimmer Traum gewesen. Fast scheint die Corona-Krise vorüber. Doch der Eindruck trügt. Die Krise ist da – und wird uns noch länger beschäftigen.

Zugegeben: Es braucht etwas Fantasie und gedankliche Akrobatik, um sich vorzustellen, dass die Corona-Krise für die Wirtschaft wirklich so tief und so einschneidend werden könnte wie kein anderes Ereignis der letzten Jahrzehnte. Doch die Zahlen, die in den letzten Wochen erhoben wurden, wie auch die Prognosen, die Forscherinnen kontinuierlich berechnen, zeigen das deutlich.

Das Coronavirus bringt nicht nur Krankheit und menschliches Leid mit sich, sondern verursacht rund um die Welt auch tiefe wirtschaftliche Verwerfungen.

Da ist der massive Anstieg der Arbeitslosigkeit, den wir in Ländern wie den USA sehen. Da ist die enorme Inanspruchnahme der Kurzarbeit in Europa. Da sind die unterbrochenen Lieferketten im Welthandel, die Investitionsstopps von Firmen, die zunehmenden Konkurse. Und da ist die Zurückhaltung der Konsumenten, die zwar wieder in Scharen entlang der Bahnhofstrasse flanieren, aber beim Geldausgeben doch zurückhaltender geworden sind.

All dies dürfte, so sehen es Forschende, dazu führen, dass die Wirtschaft nach überstandenem Lockdown zwar wieder auf Touren kommt. Aber das alte Niveau eben doch nicht ganz erreicht. Noch eine ganze Weile lang dürfte die Wirtschaft ein paar Prozentpunkte, je nach Land vielleicht 3, 5 oder 10, unterhalb ihrer eigentlichen Möglichkeiten bleiben.

Was das für die Menschen bedeutet, beginnen wir gerade erst zu erfahren.

Zum Beispiel in den USA. Amerika wird – parallel zur Wirtschaftskrise – gerade von den heftigsten sozialen Unruhen seit Jahrzehnten geschüttelt. Nicht nur wegen des Rassismus: Menschen aller Hautfarben gehen in ihrer Verzweiflung auf die Strasse. Weil es, anders als etwa in der Schweiz, kein System gibt, das sie in der Krise auffängt und ihnen Halt gibt.

Der Untertitel meiner Analyse heisst: «Stand des wirtschaftlichen Irrtums». Ich bilde mir nicht ein, jetzt schon alle Konsequenzen der Corona-Krise abschätzen zu können.

Und mir ist auch klar, dass düstere Krisenszenarien nicht gerade das sind, womit man sich im Post-Lockdown-Höhenflug unbedingt befassen mag.

Aber ja, leider war da wirklich was.

Ebenso wie die Pandemie ist der wirtschaftliche Albtraum an vielen Orten der Welt noch nicht vorbei.

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

Die neuesten Fallzahlen: Gemäss dem Bundesamt für Gesundheit zählten die Schweiz und das Fürstentum Liechtenstein heute Morgen insgesamt 30’913 positiv auf Covid-19 getestete Personen. Im Vergleich zu gestern sind das 20 Fälle mehr. Im Zusammenhang mit einer laborbestätigten Covid-19-Erkrankung sind bisher 1660 Personen verstorben.

Bundesrat schafft Bussen wieder ab: Bis zum Pfingstsamstag konnte man in der Schweiz noch mit 100 Franken gebüsst werden, wenn man in der Öffentlichkeit weniger als zwei Meter Abstand zu Mitmenschen hielt. Der Bundesrat hat diese Regel diskret aufgehoben, das Bundesamt für Gesundheit empfiehlt aber nach wie vor zwei Meter Abstand. Bussen gibt es etwa noch für öffentliche Ansammlungen von mehr als 30 Personen und Einkaufstouristen.

Nationalrat will Gewerbemieter entlasten: Nach monatelanger Diskussion über Mietzinserlasse hat der Nationalrat einen Entscheid gefällt: Für die Dauer des verordneten Shutdown sollen Geschäftsbetreiber nur 40 Prozent der Miete bezahlen müssen, Vermieterinnen sollen die restlichen 60 Prozent übernehmen. Nächste Woche berät der Ständerat über das Geschäft. Der Bundesrat wünscht sich eine Einigung der jeweiligen Vertragsparteien ohne staatlichen Eingriff.

Studien zu Hydroxychloroquin sollen weitergehen: Die Weltgesundheitsorganisation hatte Tests mit dem umstrittenen Medikament an Covid-19-Patientinnen aufgrund eines Berichts ausgesetzt, nimmt sie jetzt aber wieder auf. Das Mittel wird innerhalb einer grossen Forschungsreihe mit weiteren Medikamenten untersucht. Bisher fehlt verlässliche Evidenz für die Wirkung des Medikaments gegen Covid-19. Nun gibt es eine erste klinische Studie dazu, ob es bei exponierten Personen vielleicht als Vorbeugung gegen die Entwicklung von Symptomen dienen könnte. Die Forschenden fanden keine Effekte.

Die interessantesten Artikel

Vielleicht gehören Sie auch zu denen, die ihr Büro während des Shutdown auf dem Küchentisch, neben dem Bett oder auf dem Sofa aufgestellt haben. Nun hat für viele Angestellte der Weg zurück an den Arbeitsplatz begonnen. Die NZZ-Autorin Nicole Rütti zeigt, dass das nicht so einfach ist, denn Schutzkonzepte lassen sich nicht überall gleich gut umsetzen:

  • Man denke etwa an ein Hochhaus mit unzähligen Büros und nur wenigen Aufzügen. Dürfen nur zwei Personen den Lift benutzen, kann es dauern, bis jede an ihrem Schreibtisch sitzt.

  • Auch in Grossraumbüros dürfte es schwierig werden, Mitarbeitende angemessen vor Ansteckungen zu schützen. Um die Besetzung dieser Räume zu reduzieren, planen manche Unternehmen eine Mischung aus Heim- und Büroarbeit.

  • Zudem sind viele nervös, was die Rückkehr an Orte angeht, wo sie sich (oder andere) anstecken könnten.

Die Arbeit im Homeoffice könnte also vermehrt zur Norm werden, viele Firmen haben im durch die Pandemie erzwungenen Experiment positive Erfahrungen gemacht. Nur stellen sich hierzu auch arbeitsrechtliche Fragen: Antworten dazu hat die NZZ ebenfalls zusammengetragen.

Was verloren geht, wenn man seine Kollegen nicht täglich vor derselben Kaffeemaschine sieht, wenn man keinen Arbeitsweg mehr hat und die Chefin Aufträge mehrheitlich schriftlich verteilt, darauf geht dieser Artikel des «New Yorker» ein. Er schlägt Strategien für diese Situationen vor. Eine von vielen wichtigen Beobachtungen: «Organisationen werden vermutlich nicht nur darüber nachdenken müssen, was sie tun, sondern auch darüber, wie sie es tun.»

Frage aus der Community: Darf man Freunde, die man selten sieht, eigentlich wieder umarmen?

Zunächst sollten wir kurz auf das Wörtchen «wieder» eingehen. Denn Sie denken dabei vermutlich an die mittlerweile relativ niedrigen Fallzahlen. Der Infektiologe Hugo Sax vom Universitätsspital Zürich schreibt uns, man müsse «unterscheiden zwischen

  • der Wahrscheinlichkeit, auf eine Person mit Covid-19 zu treffen aufgrund der epidemiologischen Lage,

  • und der Wahrscheinlichkeit einer Übertragung zwischen einer kranken und einer gesunden Person in Funktion der Nähe und Art der Berührung».

Das werde häufig verwechselt. Die erste Wahrscheinlichkeit hat abgenommen. Aber die zweite bleibt gleich.

Hierzu schreibt Sax: «Alles, was bisher bekannt ist, gilt immer noch. Distanz, Masken und Händehygiene verhindern eine Übertragung; Nähe, Dauer, Singen, Husten, Anfassen von Mund und Nase fördern eine Ansteckung. Eine kurze Umarmung zwischen zwei Personen mit je einer chirurgischen Maske ohne direkten Kontakt des Gesichts würde ich demnach als weniger gefährlich einstufen als ein Händeschütteln ohne vorherige und nachfolgende Händedesinfektion – und ohne Maske. Da kommt es leicht zur indirekten Übertragung von einer Nasen- oder Mundschleimhaut der einen Person zu derjenigen der anderen, da wir Menschen uns ja unbewusst dauernd ins Gesicht fassen.»

So viel also zum Risiko. Und nun noch zum Wörtchen «darf»: Physical Distancing ist in der Öffentlichkeit nun nur mehr eine Empfehlung, seit bald einer Woche verteilen die Behörden keine Bussen mehr, wenn man sich zu nahe kommt.

Sie dürfen also, und ob Sie möchten, darüber obliegt die Entscheidung natürlich Ihnen – und Ihren Freundinnen.

Zum Schluss ein Blick nach China

Seit den ersten lokalen Ausbrüchen, die sich irgendwann zur globalen Pandemie entwickelten, begleitet uns die Frage: Wie redlich gingen und gehen die chinesischen Behörden mit Informationen und Daten um?

Eigentlich hatte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) China im Januar sogar gelobt: für die schnelle Reaktion und die Transparenz. Aber gemäss Recherchen der Nachrichtenagentur Associated Press hätte China die globale Öffentlichkeit schon früher warnen können. Die Behörden hätten Informationen zurückbehalten – unter anderem wegen Konkurrenz zwischen Labors und dem öffentlichen Gesundheitssystem sowie innerhalb davon.

«Keine zwei Wochen nachdem die chinesischen Behörden der Weltgesundheits­organisation (WHO) ein neues, noch unbekanntes Virus gemeldet hatten, lag es nackt vor uns – am 11. Januar 2020», schrieben wir im März in einem Artikel, der das rasante Tempo und die Vernetztheit der Forschenden zum Thema hatte. Nun stellt sich heraus: Das Tempo war noch rasanter, der Vernetztheit standen aber die Behörden im Weg. Denn eigentlich war die erste Genomsequenzierung schon am 2. Januar bereit.

Auch die Publikation detaillierter Daten zu Patienten zögerten die Behörden offenbar um mindestens zwei Wochen hinaus.

Wochen, während deren man Daten mit Forschenden aus aller Welt hätte teilen können, um die Verbreitung des Virus möglichst zu verlangsamen. Bei der WHO wusste man vermutlich, dass China Informationen vorenthielt, schreibt Associated Press. Das öffentliche Lob sollte die chinesischen Behörden wohl weichschmeicheln, damit sie ihre Daten teilen.

Bleiben Sie umsichtig, bleiben Sie freundlich, bleiben Sie gesund.

Bis morgen.

Marie-José Kolly, Simon Schmid

PS: Haben Sie Fragen und Feedback, schreiben Sie an: covid19@republik.ch.

PPS: Wir würden uns freuen, wenn Sie diesen Newsletter mit Freundinnen und Bekannten teilten. Er ist ein kostenloses Angebot der Republik.

PPPS: Vielleicht hat Ihnen der pandemiebedingte Shutdown auch ein neues Hobby beschert. Stricken? Spazieren? Sugo einmachen? Nicht wenige würden hier offenbar antworten: Hühner halten. Durch die Krise sei die Nachfrage «geradezu explodiert», schreibt die «Süddeutsche Zeitung».

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