Alexandra Compain-Tissier (nach Vorlage Anthony Anex/Keystone)

Der Malwiederstand

Die Demonstrationen gegen die Corona-Massnahmen wirken chaotisch. Dabei ist die Mischung der Menschen dort nicht neu. Youtuber und Quacksalber kultivieren die ideologische Melange der «Corona Rebellen» seit Jahren.

Von Anina Ritscher (Text) und Alexandra Compain-Tissier (Illustration), 30.05.2020

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Ein Mann in Regenjacke steht auf dem Bären­platz gegenüber dem Bundes­haus und liest stumm die Schweizer Verfassung. Der Regen tropft auf die Seiten. Einige Meter weiter läuft ein Mann über den leeren Platz, vor sich trägt er ein Schild mit dem Schriftzug «Kann die Mehrheit irren?». Ein Rentner fragt einen Passanten, wann es losgehe mit der Demonstration. Es könnte der letzte Auftritt der «Corona Rebellen» in der Schweiz sein.

Berichte von Protesten in ganz Europa gegen Corona-Massnahmen gingen in den letzten Wochen durch die Medien. Was die Teilnehmenden eint, ist die Über­zeugung, dass gerade etwas Unheimliches passiert. Einige fürchten sich vor den wirtschaftlichen Folgen der aktuellen Krisen­politik. Andere vor dem Impfzwang. Dritte mutmassen, hinter alledem stecke Bill Gates.

Seit Anfang Mai gibt es auch in der Schweiz Proteste.

Die Gemeinsamkeiten unter den Protestierenden sind gerade gross genug, dass ein Ehepaar, das die Grünen wählt, ein bekannter Rechts­extremer, ein Gastro­unternehmer und ein selbst ernannter Friedens­aktivist plötzlich gemeinsam auf die Strasse gehen. Sie fordern vom Bundesrat, alle Mass­nahmen zur Eindämmung des Corona­virus sofort rückgängig zu machen.

Die chaotische Zusammen­setzung der Proteste verwirrt Betrachtende – und manchmal die Protestierenden selbst. Doch die Wider­sprüche sind kleiner, als sie zunächst scheinen. Was verbindet diese Menschen?

9. Mai 2020, Bern. Gegenöffentlichkeiten

Auf dem Bärenplatz in Bern jongliert eine Frau im Batikrock. Daneben spielt ein Mann mit zotteligem Haar Querflöte. Dazwischen stehen Leute dicht gedrängt und trinken Bier aus Plastik­bechern. Auf Fahnen und T-Shirts prangen Schweizerkreuze.

Die Szenerie gleicht einem Volksfest, wären da nicht die Plakate. «Stopp WHO & Gates» steht auf einem. «Media is the Virus» auf einem anderen. Es ist bereits die zweite Mahnwache in Bern gegen die Corona-Massnahmen.

Das Ehepaar Boos ist extra für die Kundgebung angereist, um für die Schweizer Verfassung und gegen einen vermeintlichen Impfzwang einzustehen, wie sie sagen. Sie sind gekommen, weil sie den Berichten in den klassischen Medien keinen Glauben schenken. Stattdessen vertrauen sie Youtube-Videos und Internet­portalen, und die behaupten, dass die Mass­nahmen übertrieben seien und das Virus nicht bedrohlich.

Die beiden folgten dem Vorbild von Alec Gagneux, der als Erster zu den Mahn­wachen aufrief. Gagneux betreibt eine Website, auf der er wütende Kommentare und verschwörungs­ideologische Berichte veröffentlicht. Heute sitzt er mit Gitarre auf dem Pflaster­stein, trällert: «Wir haben keine Angst.»

Ausserdem wurde in einer Telegram-Gruppe mit dem Namen «Corona Rebellen Offiziell» für die Mahnwache mobilisiert. Rund zweitausend Menschen vernetzen sich in diesem Chat seit einigen Wochen. Er ist eine Mischung aus Mythen­börse und sozialem Netzwerk.

Unter den Teilnehmenden in Bern ist auch ein Mann, der mehr für sein vegetarisches Tatar bekannt ist als für seine politische Haltung. Christian Frei hat die Tibits-Restaurant­kette mitgegründet. Er eilt durch die Menge und verteilt Flugblätter mit dem Aufdruck «Die Panik-Macher – Schweizer Medien: Das Transatlantik-Netzwerk». Darunter eine Grafik, die suggeriert, klassische Medien in der Schweiz würden den «Bilderberg Meetings», der Nato und dem «Deep State» unterstehen.

Auf der Rückseite sind angebliche «Medien mit Vernunft» aufgelistet. Darunter der russische Propaganda­sender RT Deutsch, das rechts­populistische Magazin «Compact», die «Weltwoche», das Verschwörungs­medium «Swiss Propaganda Research» (seit Corona: «Swiss Policy Research»), die «Nach­denkseiten» und die Verschwörungs­plattform KenFM.

Berichte von diesen Medien werden auch im Telegram-Chat der «Corona Rebellen» oft geteilt, sie werden als «Alternativ­medien» gesehen, im Gegensatz zu den sogenannten «Mainstream­medien».

Sie ebnen seit Jahren den ideologischen Boden, auf den die Corona-Krise fiel – und bilden jetzt den Informations­kompass der Demonstrationen.

«Diese Medien reklamieren für sich, journalistisch zu sein. Das sind sie aber nicht, auch wenn ihre Produzenten mit journalistischen Mitteln arbeiten. Sie verfolgen das Ziel, ihre Weltdeutung zu verbreiten», sagt der Sozial­wissen­schaftler und Publizist Wolfgang Storz, der 2015 eine Analyse zum Erfolg dieser «Gegen­öffentlichkeit» in Deutschland veröffentlicht hat. «Nicht klar ist, ob sie damit eine politische Agenda verfolgen.»

Ken Jebsen, der Gründer von KenFM, ist laut Storz der aufmerksamkeits­stärkste Aktivist in diesen Medien. Sein Video über den angeblichen Einfluss von Bill Gates auf die WHO wurde im April 3 Millionen Mal geklickt und bildet einen wichtigen Bezugs­punkt für viele der Verschwörungs­mythen rund um Corona, auch in der Schweiz.

Storz schreibt in seiner Analyse: «Diese ‹neuen Öffentlichkeiten› haben nicht das Ziel, mit ihren Inhalten in traditionelle Massen­medien einzu­dringen. (…) Sie fühlen sich so ‹stark›, dass sie vor allem das Ziel haben, ihre eigene Öffentlich­keit jenseits der klassischen Medien­welt möglichst auf- und auszubauen.»

Der Gestus der Bericht­erstattung ist immer: Wir hier unten müssen gegen die da oben kämpfen. Diese Schablone lässt sich auf unter­schiedliche Themen anwenden: wir gegen das «Finanz­kapital», gegen die «Lügen­presse», gegen die EU, gegen die USA, gegen Grosskonzerne.

Inhaltlich verbinden die Medien laut Storz einige lose Schwer­punkte: In Deutschland gebe es keine Demokratie. Es würden Eliten herrschen, die gegen das Volk regierten. Die Medien würden ihnen dienen und helfen, die Wahrheit zu unterdrücken. Deutschland sei ein Vasall der USA und müsse souverän werden, auch gegenüber Israel. Eine Friedens­politik gegenüber Russland sei unabdingbar. Und der Wunsch nach einem starken National­staat und einem Europa der Vaterländer.

«Wir hier unten, die da oben – das lässt sich vor der Folie der Corona-Krise perfekt inszenieren, weil sie alles umspannt», sagt Storz im Gespräch. Und weil es im Moment zutrifft: Die Regierungen haben wirklich kurzzeitig mehr Macht und greifen weiter in die Privat­sphäre aller ein als sonst. Auch deswegen erleben Jebsen und Co. einen erneuten Aufschwung.

Zwar orientieren sich die Schweizer «Corona Rebellen» an den «Hygiene­demos» in Deutschland, und es zirkulieren in den Chats hauptsächlich deutsche Medien­berichte. Doch auch hier gibt es Galions­figuren, die bei den «Rebellen» beliebt sind.

Der Basler Daniele Ganser etwa, der Vorträge zum angeblich inszenierten 9/11 hält und Bücher zum «Imperium USA» veröffentlicht. Ganser wurde von sämtlichen akademischen Stellen entlassen wegen unwissenschaftlicher Arbeit. Darin gleicht er Ken Jebsen, der wegen unjournalistischer Arbeit und einer anti­semitischen Äusserung beim Radio­sender RBB gefeuert wurde. Beide erhalten seit der Entlassung noch grösseren Zuspruch von ihren Fans, die darin eine Bestätigung für ihre Skepsis gegenüber den «Mainstream­medien» sehen. Ganser wird regelmässig von KenFM und RT Deutsch interviewt.

Und noch einer versucht, sich den Status als publizistischer Kopf der «Corona Rebellen» zu ergattern: SVP-Nationalrat Roger Köppel sendet jeden Tag das Monolog­format «Weltwoche Daily» ins Internet. Im Video vom 7. Mai spricht er in Bezug auf die Session des Parlaments von einer «Simulation von Demokratie» und zieht abenteuerliche Vergleiche zur DDR. Die durch­schnittliche Zahl der Aufrufe von Köppels Videos hat sich seit der Corona-Krise auf etwa 15’000 Klicks verdreifacht.

Zurück auf dem Bärenplatz: Vor dem Brunnen steht in der Sonne ein Mann in blauem Leinen­hemd, vor dem Bauch ein Schild: «Nicht warten auf Willi. Wir sind Willi!» steht neben einem Bild von Wilhelm Tell.

Ein Mann mit Cap, Sonnen­brille und Selfiestick richtet sein Smart­phone auf das Plakat und sagt: «Hier haben wir noch einen Volks­helden aus der Schweiz.» Er sei live und habe Zuschauer in Deutschland.

Der Mann mit Selfiestick ist Ignaz Bearth, ein bekannter Rechts­extremer, Gründer der gescheiterten Schweizer Pegida und Mitglied der rechts­extremen Partei national orientierter Schweizer (Pnos).

Die Polizei toleriert die friedliche Kundgebung lange, erst nach einigen Stunden werden Einzelne aufgefordert, den Platz zu verlassen, schliesslich gilt ein Versammlungs­verbot. Die meisten bleiben sitzen. Irgend­wann verdrängen Beamte unter Beschimpfungen alle Teilnehmenden.

Am 13. Mai tritt Bearth der Telegram-Gruppe «Corona Rebellen Offiziell» bei und bekommt dort das Label «Ehrengast» zugeteilt. Bearth meldet sich im Chat nun immer öfter zu Wort. Jubel erntet er, als er verkündet, Xavier Naidoo habe den Aufruf zu den Schweizer Mahn­wachen auf seinem Kanal geteilt. In einer Sprach­nachricht, die er angeblich an Bearth persönlich richtet, sagt Naidoo: «Jetzt müssen wir alle zusammenhalten.»

Zwar haben einige Mitglieder im Chat Bedenken, mit einem Rechtsextremen gemeinsame Sache zu machen. Jemand schreibt dort: «Ich frage mich wie förderlich es ist für unsere Ziele, wenn wir jemanden mit so einem Hinter­grund in unserer Gruppe haben.» Sie werden aber schnell übertönt: «Es geht nicht um rechts oder links, oder was irgend­jemand für eine Einstellung bezüglich irgend­etwas hat», erwidert jemand.

16. Mai 2020, Bern. Bauchlinke und Rechtsextreme

Das Ehepaar Boos schlendert in grüner Funktions­kleidung über den Bären­platz, sie sind auf dem Weg zur grossen Allmend. Dort soll die heutige Mahn­wache stattfinden, wie sie auf der Website von Alec Gagneux gelesen haben.

Der kurzfristige Ortswechsel führt zu Verwirrung: Gagneux mobilisiert für die Allmend, in den Telegram-Chats kursiert der Bundes­platz als Treffpunkt. Es finden deswegen zeitgleich zwei Mahn­wachen statt. Aktivistisch sind die Teilnehmenden unerfahren, neben den Chats bestehen kaum organisierte Strukturen. Auch das Ehepaar Boos war bisher nicht politisch engagiert, Martin Boos sei aber mal an der Klimademo mitgelaufen.

In der Berner Innenstadt und auf dem Markt auf dem Bären­platz drängen sich Leute. Sie sind kaum zu unter­scheiden von den Demonstrierenden. Als «Corona Rebell» outet sich nur, wer «Volks­souverän!» oder «Buh!» ruft, wenn die Polizei jemanden kontrolliert. Die geht dieses Mal strikter vor und spricht von Anfang an Wegweisungen aus.

Auch Ignaz Bearth ist wieder vor Ort und sendet einen Livestream über Youtube. Nach zehn Minuten wird er von der Kantons­polizei Bern abgeführt und unter lauten Buhrufen in U-Haft gebracht. Auch weitere Personen werden unter Protest weggetragen. Zur gleichen Zeit werden die Teilnehmenden von Gagneux’ Mahnwache von der Allmend vertrieben.

Vergangenen Dezember hat Ken Jebsen Gagneux zum angeblichen «Tabu­thema Über­bevölkerung» interviewt. Es ist eines seiner Lieblings­themen: Gagneux war im Vorstand der Ecopop-Initiative, welche die Zuwanderung in die Schweiz stoppen wollte, um das Bevölkerungs­wachstum zu bremsen – im Namen der Umwelt. Insbesondere lag Gagneux dabei die Idee am Herzen, dass die Schweiz sich für «freiwillige Familien­planung» in Entwicklungs­ländern einsetzen solle.

Angesprochen auf Ignaz Bearth säuselt Gagneux: «Die Rechten machen ihr Ding, und ich mache meines», er nenne sich Entwicklungs­dialoger und wolle verstehen, warum Menschen denken, wie sie denken. Dass jemand beim Protest vergangene Woche den Hitler­gruss gemacht hat? «Wenn jemand einen Gruss macht, der nicht opportun ist, dann finde ich das nicht gut. Aber ich finde auch nicht gut, wenn Frauen und Kinder von der Nato bombar­diert werden.» Letztlich sei ihm aber egal, wer welche «Grussform» wähle.

Auch das Ehepaar Boos will mit Rechten nichts zu tun haben, sie wählen Grün. Von den Telegram-Chats der «Corona Rebellen» wissen sie nichts. «Es sind Menschen aus verschiedenen politischen Richtungen, die hier für Freiheit einstehen. Aber diese Vielfalt macht die Stärke aus», findet der anthroposophische Mediator Martin Boos.

Laura Hammel forscht an der Uni Tübingen zu Verschwörungs­erzählungen in rechts­populistischen Parteien und Bewegungen. Sie sieht Parallelen zwischen den aktuellen Demonstrationen und vergangenen Protesten, etwa zu den «Mahn­wachen für den Frieden», die 2014 überall in Deutschland und in Basel stattfanden. Damals wendeten sich die Proteste gegen eine angebliche Kriegs­hetze des Westens gegen Russland. Es war das erste Mal, dass KenFM einer breiteren Öffentlichkeit auffiel.

Auch damals standen Esoteriker neben Rechts­extremen, Verschwörungs­ideologen neben Globalisierungs­kritikerinnen.

Sowohl an den Mahnwachen damals als auch an den aktuellen Protesten seien viele Menschen, die zum ersten Mal politisch aktiv seien, sagt Hammel: «Die Leute verbindet eine diffuse politische Unzufriedenheit. Sie sind politisch nicht organisiert, viele lehnen Gewerkschaften und Parteien ab.» Deswegen fehle den meisten eine klare Vorstellung davon, was sie fordern und wie das politisch umzusetzen wäre. Hammel nennt die aktuellen Demonstrationen deswegen «politisch entleert».

An den Demonstrationen in Bern ordnen sich einige politisch links-grün ein, andere rechts-konservativ, aber die meisten können mit den Kategorien nichts anfangen. Auch über die Proteste in Deutschland sagt Hammel: «Da ist ein Wunsch nach Frieden und Harmonie. Politische Lager werden als Wider­spruch wahrgenommen, den es zu überwinden gilt.» Teilnehmende dort wie hier haben kaum Berührungs­ängste, was Rechts­extreme angeht.

Entgegen der Berichterstattung der NZZ waren «Links­autonome» nie beteiligt an den aktuellen Protesten. Im Gegenteil: Linke Aktivistinnen in Bern schleusten sich in diverse Chats ein, stifteten Verwirrung und Ablenkung und veröffentlichten Nachrichten aus den Chats auf Twitter. Hammel sieht jedoch Parallelen zur Occupy-Bewegung 2011: Wir, die 99 Prozent hier unten, die Banken und die Reichen da oben, das war damals der Kampfspruch.

Der Journalist Peter Bierl forscht zur Verbindung zwischen der Öko­bewegung und Rechts­extremismus. Über die Hygiene­demos in Deutschland sagt er: «Stark vertreten ist ein alternatives, esoterisches und globali­sierungs­kritisches Milieu.» Bierl nennt diese Menschen «bauchlinks» und ergänzt: «Die Schwäche dieses Milieus ist: Sie missverstehen Kapitalismus als räuberische Veranstaltung, bestimmt von Gier und Skrupellosigkeit, und sehen ihn nicht als System.»

Diese verkürzte Kapitalismus­kritik ist anfällig für Verschwörungs­mythen: Wir hier unten und die Kapitalisten da oben – als Strippen­zieher werden wahlweise Multi­milliardäre wie George Soros oder aktuell Bill Gates herangezogen, aber auch die Familien Rothschild und Rockefeller, Medien, Politikerinnen, das sogenannte «Finanz­kapital», die Nato und andere inter­nationale Organisationen oder multi­nationale Konzerne.

Solche Verschwörungsmythen könnten antisemitische Affekte bedienen, erklärt die Politik­wissenschaftlerin Katharina Nocun, die jüngst mit Pia Lamberty ein Buch zu Verschwörungs­ideologien veröffentlicht hat. «Einer Gruppe von Menschen wird grosse Kompetenz zugesprochen. Das deckt sich mit alten antisemitischen Stereo­typen, Juden seien klug, reich und mächtig.»

Manchmal ist der unterschwellige Antisemitismus der Verschwörungs­ideologien offensichtlich: Im Rebellen-Chat schreiben einige Teilnehmende, der Holocaust sei eine Erfindung – mit wenig Wider­spruch. Und auf der Demonstration in Bern ziehen zahlreiche Transparente eine Parallele zwischen dem Bundesrat im Notstand und dem Naziregime.

Manchmal muss man genauer hinsehen: Die Antisemitismus­forschung spricht oft von einem strukturellen Antisemitismus bei Verschwörungs­mythen. Es werden nicht immer direkt Jüdinnen und Juden beschuldigt, aber die Mythen funktionieren systematisch gleich wie antisemitische Erzählungen: Kleine Gruppen regieren vermeintlich heimlich die Welt.

Zu den Verschwörungsideologien kommen bei den aktuellen Demos die Impfgegner. Auch ihre Argumentation ist anschluss­fähig für rechte Positionen, so Peter Bierl: «Bei den Völkischen, Rassen­hygienikern und Lebens­reformern um 1900 galt Impfen als unnatürlich, man pfusche der Natur ins Handwerk, die Minder­wertige und Schwache ausmerze. Heute finden sich immer noch die Vorstellung, Impfen sei unnatürlich, sowie die Idee, Krankheit sei eine Prüfung, wer sie durchstehe, gehe gestärkt daraus hervor. Das ist Unsinn – und hat eine sozial­darwinistische Note.»

Die Ablehnung moderner Medizin ist auch in den Rebellen-Chats verbreitet. Einige tauschen sich dort über Erfahrungen mit Heilpraktik und Homöo­pathie aus. Es herrscht eine allgemeine Skepsis gegenüber der Pharma­industrie, einige Mitglieder sehen die Familie Rockefeller als alleinige Machthaber der Branche.

Ein Chat-Teilnehmer, mit dem die Republik sprach, bestellte aus Neugier «Miracle Mineral Supplement» über den «Corona Rebellen»-Chat. Dabei handelt es sich um ein hochgiftiges Chlorgemisch, das in einer tiefen Konzentration die Organe angreift und in einer höheren Konzentration tötet. Laut dem Verkäufer stärke es das Immun­system und könne Krankheiten heilen – auch Covid-19.

Zwei Tage später hatte der Chat-Teilnehmer eine solche Chlorlösung im Briefkasten. Dazu die Anweisung, täglich eine steigende Dosis des Giftgemischs zu sich zu nehmen: «Wenn Ihnen schlecht wird, ist dies ein Zeichen, dass MMS wirkt. Auch kann es sein, dass Sie Durchfall bekommen. Das ist auch ein Zeichen, dass MMS die Giftstoffe ausscheidet.»

Das Ehepaar Boos ist auf dem Nachhauseweg, als sie von der Polizei kontrolliert werden. «Eigentlich wollten wir nicht mehr kommen, aber nach dem Vorgehen der Polizei bin ich sicher, dass wir nächste Woche wieder hier stehen werden», sagt Martin Boos.

Wenige Stunden später schreibt Ignaz Bearth in den «Rebellen»-Chat: «Er ist wieder dahaaaa! Patrioten, es geht mir gut. Bin gerade aus dem Gefängnis rausgekommen!» Er postet von nun an jedes seiner Youtube-Videos in den Kanal und wird für deren Inhalte gelobt.

23. Mai 2020, Bern. Der Sockel wächst

In den Chats herrscht mittler­weile Uneinigkeit. Einige wollen die Demos weiter machen wie bisher. Andere planen stattdessen Spazier­gänge in Fünfer­grüppchen. Und Dritte scheinen an dem Strassen­protest kaum Interesse zu haben – sie wollen über «Fakten» zu Corona und der Welt­verschwörung diskutieren.

Der lokale Bern-Chat hat sich vom grossen «Corona Rebellen»-Chat distanziert, seit dieser einen Rechts­extremen mitmachen lässt und Holocaust-Leugnungen unerwidert blieben. Zudem ist schwer zu sagen, wie viele der Teilnehmenden stille Beobachterinnen, Journalisten oder Aktivistinnen sind.

Das Polizeiaufgebot in Bern ist am verregneten Samstag Ende Mai unverändert gross, der Bundes­platz wie jede Woche abgesperrt. Weder Gagneux noch das Ehepaar Boos sind zu sehen. Zu unberechenbar sei der Einsatz der Polizei vergangene Woche gewesen, sagen beide. Gagneux wurde zudem mit einem Rayon­verbot für die Stadt Bern belegt. Tibits-Frei hat sich schon länger nicht mehr blicken lassen, er verbreitet seine Mythen nur noch auf Facebook.

Und Ignaz Bearth? Der sendet am 23. Mai einen Livestream aus seinem Auto. Er wolle die «Hofbericht­erstatter zum Narren halten». In Wirklichkeit hat auch er ein Rayon­verbot für die Stadt Bern bekommen. Im Video präsentiert er einen Schnell­flug durch seine Ideologie, er redet zusammen­hanglos über die angeblich vom Staat finanzierte Berliner Antifa, über Daniele Ganser, über den Ukraine-Krieg, über George Soros und über «Massenmigration».

Laura Hammel sagt: «Verschwörungs­theorien sind eine Möglichkeit, tabuisierte Ansichten über einen Umweg zu äussern.» Und das könne in Gewalt umschlagen, wie die Attentate in Christchurch und in Halle 2019 zeigten.

Zwar gibt es diverse Anknüpfungs­punkte zwischen Natur­heilern und Neonazis, zwischen Antisemitinnen und Verschwörungs­ideologinnen, zwischen Globalisierungs­kritikerinnen und «Lügenpresse»-Rufern.

Letztlich werden sie aber keine politische Bewegung tragen. Zu unter­schiedlich sind die Überzeugungen, zu gegensätzlich die Visionen für die Zukunft, zu unkonkret die politischen Forderungen.

Aber: Die Bewegung in diesem verwirrlichen Spektrum ist wellenförmig. Wenn es einen konkreten Anlass gibt, gibt es Protest. Dann verebbt er wieder. Und jedes Mal, wenn ein Protest dieses weltanschaulichen Gemischs verebbt, bleiben Dinge zurück.

Die prominenten «Alternativ­medien» haben ein etwas grösseres Publikum. Lokale Gruppen entstehen und vernetzen sich. Die Menschen sammeln Erfahrungen und Erlebnisse. Und Rechts­extreme wie Ignaz Bearth werden von einem grösseren Publikum akzeptiert.

«Bei jeder Wiederholung bleibt ein Sockel an Menschen und an Über­zeugungen bestehen, der über die Jahre von Menschen wie Ken Jebsen gepflegt wurde. Und die beim nächsten einschneidenden Ereignis wieder auf der Strasse stehen werden», sagt Wolfgang Storz.

Auch die Corona-Massnahmen werden in die Erinnerung eingehen, als weiteres Beispiel für das Gefühl: Wir werden von «denen da oben» verarscht.

Wenn dieses Gefühl weiterwächst, kann es gefährlich werden. Katharina Nocun sagt: «Verschwörungs­mythen sind Radikalisierungs­beschleuniger. Man kann sie benutzen und sagen: Innerhalb des politischen Systems werde man nicht gehört, weil das alles ein abgekartetes Spiel sei – also brauche es Gewalt.»

Laut Hammel ist die Inhalts­leere die grösste Gefahr: «Das sind politisch entfremdete Menschen, die sich entweder ganz von demokratischen Prozessen abwenden oder zu Protest­wählern werden können.»

Einen Tag nach der Demo postet Ignaz Bearth in den Chat der «Corona Rebellen»: «Ihr seid SPITZE – herzlichen Dank für über 23’000 Abonnenten auf meinem YouTube Kanal.»

Zur Autorin

Anina Ritscher ist freiberufliche Journalistin und lebt in Basel. Sie schreibt unter anderem für die deutsche Tages­zeitung TAZ und die WOZ. Für die Republik schrieb sie bereits über die Entstehung von und den Umgang mit alternativen Fakten und Fake News.

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