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Die Schülerin, die aus dem Fenster stieg und zu den Hausaufgaben verschwand

28.05.2020

Liebe Leserinnen und Leser

Eine Berufsgruppe, die über Lockerungsmassnahmen am 8. Juni besonders froh sein dürfte, sind Lehrerinnen. Sie unterrichten je nach Stufe seit Monaten per Videokonferenz und halten über unterschiedliche Medien mit Schülern Kontakt. In den Primarschulen kombinieren viele von ihnen seit Wochen Präsenz- mit Onlineunterricht. Das kostet Energie.

Wie sieht das im Alltag aus? Die Reporterin Daria Wild hat ein Schulhaus im Zürcher Quartier Schwamendingen besucht:

Michaela Frigg ist Klassenlehrerin im Auzelg, einer multikulturellen Schule in einem von Bäumen umgebenen Backsteinbau mitten in einer Wohnsiedlung. Es ist Montag, kurz vor Mittag. Ein gelbes Klebeband am Boden markiert die Grenze zum Lehrerinnenpult. An der Wandtafel hängt eine Weltkarte. Die zehn Einzelpulte stehen etwas verloren im geräumigen Klassenzimmer. Vier Kinder fehlen heute, sie feiern Bayram. Sechs sind da, in ihre Tablets vertieft.

Seit diesem Schuljahr wird in den städtischen Schulen ab der 5. Klasse damit gearbeitet, jetzt erweisen sie sich als weit wichtiger als geplant. Während die eine Halbklasse hier vor Ort ist, sitzt die andere zu Hause mit dem Tablet im Fernunterricht – am Mittag wird gewechselt. Für Michaela Frigg heisst das: Sie betreut nun zehn Kinder via Konferenz-App und zehn im Klassenzimmer. Gleichzeitig. Mit den Anwesenden geht sie die Hausaufgaben durch. Und zum Schluss verkündet sie allen zusammen, den Blick ins Tablet gerichtet, die Sportaufgabe der Woche: Seilspringen.

Gemächlich räumen die Kinder ihre Pulte. Schliesslich klettern sie aus dem Fenster des Schulzimmers im Erdgeschoss – eine Sicherheitsmassnahme, so kommen sich die Klassen im Flur nicht in die Quere. Es ist nicht das Einzige, was nicht so ist, wie es mal war.

Ein Schüler, er kommt aus Eritrea, möchte von Michaela Frigg nochmals an der Wandtafel gezeigt bekommen, wo das Rote Meer liegt, er hat sich soeben erinnert, es mal gesehen zu haben. Mit zwei Metern Abstand ist das umständlich. Auch das Spielen auf dem Pausenhof, die Arbeit in Zweierteams, Nähe, Ausflüge – all das ist nach wie vor eingeschränkt. «Kreativ ist diese Form des Unterrichts nicht», sagt Frigg. Im Moment sei es ihr oberstes Ziel, eine Tagesstruktur zu schaffen. Und dass kein Kind abgehängt werde. Deshalb war und ist sie praktisch ununterbrochen mit ihnen in Kontakt.

Manche Kinder hätten es als Chance begriffen, über Whatsapp einen direkten Draht zu ihr zu haben, hätten auch durch diese intensivere Betreuung Fortschritte gemacht. «Doch wo liegen da die Grenzen? Das musste ich erst alles herausfinden», sagt Frigg. Hinzu komme der Aufwand der Umstellungen, schon bald steht die nächste an. Die Belastung für die Lehrpersonen sei enorm und werde medial kaum diskutiert. Ebenso wenig das Gesundheitsrisiko, dem sie sich aussetzen würden.

Doch es gibt auch Erfreuliches. Die Kinder lernen neue Dinge. «Sie reden einander dank der Videokonferenzen nicht mehr drein, die Lauten nehmen weniger Raum ein, und auf die Leisen kann ich besser eingehen.» Medienkompetenz und Eigenverantwortung hätten sich die Kinder im Rekordtempo angeeignet. «Ich bin wahnsinnig stolz auf sie», sagt Frigg. Denn die Hürden sind hoch.

«Rucksäcke» nennt Frigg die Herausforderungen, mit denen viele der Kinder ohnehin zu kämpfen haben. Für alle ist Deutsch die Zweitsprache. Der Ramadan, den ein Teil der Schüler gerade begangen hat, hat sie Energie gekostet. Die Lernbedingungen zu Hause sind erschwert, vor allem in kinderreichen Familien ist wenig Platz und Ruhe zum Lernen da. Nicht alle Eltern können ihre Kinder morgens wecken, weil sie dann bereits arbeiten. Dazu kommt jetzt noch der «Corona-Rucksack», der die Kinder runterzieht. Viele seien vorsichtig, gehemmt, müde. Viele hätten Angst, krank zu werden, oder Angst um die Eltern, von denen einige trotz Lockdown auswärts arbeiten mussten. Und der Druck ist gross: Ist der Übertritt in die Sekundarschule noch zu schaffen? Öffnet sich die Schere zwischen denen, die mit der Situation besser zurechtkommen, und jenen, denen es schwerfällt, noch mehr? Die Chancengerechtigkeit, sagt die Lehrerin, sei nicht gegeben.

«Das alles bereitet mir Sorgen.»

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

Die neuesten Fallzahlen: Gemäss dem Bundesamt für Gesundheit zählten die Schweiz und das Fürstentum Liechtenstein heute Morgen 30’796 positiv auf Covid-19 getestete Personen. Im Vergleich zu gestern sind das 20 Fälle mehr. Gestorben sind bisher im Zusammenhang mit einer laborbestätigten Covid-19-Erkrankung 1655 Personen.

SBB mit Normalbetrieb: Die Züge fahren ab dem 8. Juni wieder weitgehend nach dem gewohnten Takt, wie die Bundesbahnen heute informierten. Viele Strecken werden bereits ab dem 6. Juni wieder normal bedient. Für das genaue Angebot verweisen die SBB auf den Online-Fahrplan.

Easyjet will bis zu 30 Prozent der Stellen streichen: Die britische Fluggesellschaft kündigte heute an, bis zu 4500 Stellen zu streichen. Zuvor hatten schon die anderen britischen Fluggesellschaften British Airways, Ryanair und Virgin Atlantic jeweils grosse Sparprogramme und Entlassungen angekündigt. Die britische Regierung lehnt bislang Staatshilfen an die heimischen Fluggesellschaften ab.

Staatshilfe für Lufthansa blockiert: Die deutsche Lufthansa wiederum hat dem vom deutschen Staat angebotenen Stabilisierungspaket überraschend nicht zugestimmt. Der Grund seien Auflagen der EU-Kommission, wie das Unternehmen gestern Nacht schrieb. Das «Handelsblatt» berichtet heute, die EU-Wettbewerbsbehörden verlangten von der Lufthansa, im Gegenzug für die Hilfe 20 Start- und Landerechte in Frankfurt und München für die Konkurrenz freizugeben. Staatshilfen an einzelne Unternehmen sind nach EU-Recht nur unter bestimmten Bedingungen zulässig, weil sie als wettbewerbsverzerrend gelten. Ryanair-Chef Michael O’Leary hat bereits angekündigt, bei Hilfen für die Lufthansa Beschwerde einzulegen.

Die interessantesten Artikel

  • Wenn Männer Corona erklären: Mehr als drei Viertel der Experten, die zum Thema Corona im deutschen Fernsehen auftraten, waren Männer – und im eigentlich von Frauen dominierten Gebiet Medizin und Pflege gar 83 Prozent. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie. Der «Spiegel» hat die Autorin, die Kommunikationswissenschaftlerin Elizabeth Prommer, zu ihren Erkenntnissen befragt.

  • Gefangen auf dem Schiff: Sie können nicht umkehren, aber auch nicht von Bord: Rund 100’000 Crewmitglieder sitzen im Moment weltweit auf Kreuzfahrtschiffen fest. Viele wohnen in Kabinen auf engstem Raum und wissen nicht, wann sie wieder nach Hause fahren können. Die «Zeit» hat mit einigen von ihnen gesprochen.

  • In Eis und Dunkelheit: Erfahrung mit monatelangem Festsitzen auf Schiffen hatten die frühen Polarforscher. Ihnen half unter anderem Musik, die schwierige Situation zu überstehen, wie ein spannender Bericht im «National Geographic» zeigt.

Frage aus der Community: Kürzlich hiess es, ab dem 1. Juli könne man wieder nach Griechenland reisen. Also haben wir gebucht. Nun habt ihr gestern hier geschrieben, die Reisefreiheit in allen Schengen-Staaten komme am 6. Juli. Können wir jetzt reisen oder nicht?

Ihre Reise ist nach momentaner Einschätzung grundsätzlich möglich, aber mit einigen Risiken verbunden.

Bevor wir das weiter ausführen, gleich zu Anfang die Empfehlung: Informieren Sie sich bis zu Ihrer geplanten Abreise regelmässig auf der Website des Schweizer Aussendepartements und bei der griechischen Botschaft in Bern. Hier finden Sie ausserdem die Updates des Flughafens in Athen.

Nun einige Ausführungen zur Lage. Die EU-Kommission hat ihren Mitgliedsstaaten, also auch Griechenland, empfohlen, Reisebeschränkungen bis zum 15. Juni aufrechtzuerhalten und sie dann «nach und nach» aufzuheben. Kurz darauf kündigte Griechenland an, die Einreise sei ab diesem Datum wieder möglich, und bis zum 1. Juli seien wohl die meisten Fluglinien mit Flugangeboten ins Land wieder in Betrieb. Diese rasche Reaktion hat vor allem mit der immensen wirtschaftlichen Bedeutung des Sommertourismus für das Land zu tun. In die Schweiz wieder einreisen können Sie jederzeit, wenn Sie Schweizer Bürger sind oder über eine gültige Aufenthaltsbewilligung verfügen. Grundsätzlich sollte die Reise also nach jetzigem Wissensstand möglich sein.

Trotzdem ist etwas Vorsicht angebracht. Nach aktuellem Stand müssen sich alle nach Griechenland Einreisenden einem Corona-Test unterziehen. Das gilt nur bis zum 31. Mai, kann aber nach aktueller Aussage der Behörden verlängert werden. Im Moment gilt laut dem Flughafen Athen ausserdem eine Anweisung an alle einreisenden Flugpassagiere, sich während 14 Tagen selber zu isolieren – doch ist unklar, ob und wie diese Empfehlung überprüft werden soll.

Wie gesagt: Wir empfehlen Ihnen, sich bis zur geplanten Abreise regelmässig bei den offiziellen Stellen zu informieren.

Was den 6. Juli betrifft: Das ist das Datum, an dem die Personenfreizügigkeit beidseitig zwischen der Schweiz und allen EU-/Schengen-Staaten spätestens wieder gelten soll. (Eine frühere Öffnung ist möglich.) Bis zu diesem Zeitpunkt ist also die Grenze zu Griechenland einseitig offen – Sie dürfen dort einreisen, griechische Bürgerinnen ohne Aufenthaltsbewilligung allerdings nicht in die Schweiz.

Zum Schluss: Ein Licht für jeden Toten

Bei allzu vielen Statistiken geht leicht vergessen, dass jeder Mensch, der stirbt, eine Lücke hinterlässt. Die «Washington Post» illustriert dies traurig und wunderschön mit einer virtuellen Landkarte mit einem Lichtstrahl für jeden Menschen, der in den letzten Wochen in den USA an Covid-19 verstorben ist – und mit einer Porträtserie zu den Verstorbenen.

Bleiben Sie umsichtig, bleiben Sie freundlich, bleiben Sie gesund.

Bis morgen.

Oliver Fuchs, Olivia Kühni und Daria Wild

PS: Haben Sie Fragen und Feedback, schreiben Sie an: covid19@republik.ch.

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PPPS: Dressed to spiel? Weil auch Modeschauen zurzeit nicht stattfinden können, haben sich ein Stylist und eine Fotografin etwas Spezielles ausgedacht – ein virtueller Auftritt in einem Computergame. Wir freuen uns besonders auf die neue Kollektion von Hugo Endboss.

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