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Im grünen Bereich

22.05.2020

Liebe Leserinnen und Leser

Die Erfahrung der letzten Wochen und Monate wird in der Politik Spuren hinterlassen. Besonders dort, wo vor der Krise sowieso schon ein Umbruch oder ein Richtungsstreit im Gang war. Ein solches Gebiet ist die Agrarpolitik.

Hier tobt seit Jahren eine Debatte darüber, wie sich die Schweizer Landwirtschaft für die Zukunft ausrichten sollte: Soll der Staat weiterhin die inländische Produktion stark subventionieren – mit Massentierhaltung, steigender Milchmenge und zunehmend belasteten Böden? Oder sollte er stattdessen das Tierwohl fördern, die Biodiversität und giftfreiere Böden – mit dem Preis, dass die Inlandproduktion in der Schweiz sinkt? Der Bauernverband plädierte eher für mehr Produktion, progressive Agronomen und Kleinbäuerinnen waren tendenziell für eine Entlastung.

Im Frühjahr präsentierte der Bund schliesslich die Agrarpolitik 22+ – die sich, zumindest leicht, in Richtung mehr Ökologie ausrichtet. Ein Kompromiss, der es wohl gerade so knapp ins Ziel schaffen würde.

Und dann kam Corona.

Die Schweiz diskutiert seither wieder mehr denn je über Versorgungs­sicherheit – und der Präsident des Bauernverbands nutzte sofort das günstige Timing, um die Agrarpolitik 22+ infrage zu stellen. Die Debatte, die schon fast erledigt war, wird jetzt in aller Heftigkeit zurückkehren. Zu Recht: So läuft der demokratische Prozess.

Unsere Redaktorin Olivia Kühni hat einen Demeter-Bauern im Kanton Luzern besucht und mit ihm darüber gesprochen, wie er diese Zeit des Lockdown erlebte, wie er dafür sorgte, dass seine Kundinnen trotz Marktverbot zu ihrem Gemüse kamen – und wie er, der sich schon vor Jahren für einen Weg hin zu mehr Natur entschieden hat, sich die Landwirtschaft der Zukunft vorstellt.

So viel ist klar: Um diese politische Diskussion wird die Schweiz, werden Bürgerinnen, Bauern und Konsumentinnen in den nächsten Jahren nicht herumkommen. Im Gegenteil.

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

Die neuesten Fallzahlen: Gemäss dem Bundesamt für Gesundheit zählten die Schweiz und das Fürstentum Liechtenstein heute Morgen 30’707 positiv auf Covid-19 getestete Personen. Im Vergleich zu gestern sind das nur 13 Fälle mehr. Gestorben sind bisher im Zusammen­hang mit einer labor­bestätigten Covid-19-Erkrankung 1638 Personen.

Milliardenschaden für Spitäler: Die Schweizer Spitäler schätzen den finanziellen Schaden durch die Pandemie auf 1,5 bis 1,8 Milliarden Franken. Nun fordert der Spitalverband H+ einen Gesundheitsgipfel, um über die Kostenverteilung zu sprechen. Allein das Behandlungsverbot bei nicht dringlichen Eingriffen habe zu einem Verlust von 1,2 bis 1,4 Milliarden Franken geführt.

Illegales Fussballspiel: Obwohl Veranstaltungen aktuell verboten sind, hat ein nicht bewilligtes Fussballspiel in Lausanne am Donnerstagabend zu einer Ansammlung von gegen 1000 Menschen geführt. Weil ein Eingreifen der Polizei gemäss einem Sprecher kontraproduktiv und gefährlich hätte werden können, wurde niemand festgenommen. Stattdessen wird eine Untersuchung eingeleitet, um die Verantwortlichen zu finden.

Hunderttausende auf der Flucht: Seit die Uno aufgrund von Covid-19 Ende März zu einem weltweiten Waffenstillstand aufgerufen hat, mussten 660’000 Menschen flüchten. Uno-Generalsekretär António Guterres hat gestern den Aufruf wiederholt. Doch der Norwegische Flüchtlingsrat kritisiert, die Uno habe es verpasst, die Führung zu übernehmen, um sicherzustellen, dass ein Waffenstillstand, Friede und der Schutz der Zivilbevölkerung möglich würden.

Die besten Tipps und Links

  • Aus voller Lunge: Nach einer Aufführung eines Amsterdamer Chors erkrankten 102 der 130 Mitglieder an Covid-19, 4 Personen starben. In Berlin erkrankten 60 von 80 Sängern eines Chors, und auch aus Frankreich, Bayern und Luzern erreichen uns ähnliche Geschichten. Seither geht die Angst um: Wie gefährlich ist Chorsingen wirklich? Der «Tages-Anzeiger» ist der Frage nachgegangen.

  • Achtung, Risiko: Wer sich mit Sars-CoV-2 infiziert, steckt ohne Schutzmassnahmen im Durchschnitt 2 bis 3 Personen an. Mit den getroffenen Massnahmen liegt der Wert in der Schweiz im Moment ziemlich sicher unter 1. Aber in welchen Alltagssituationen ist das Risiko, sich anzustecken, eigentlich besonders gross? Der «Spiegel» hat basierend auf den Erkenntnissen einer Forscherin eine Übersicht erstellt.

  • Ich krieg die Krise: Auffallend viele Männer sind zurzeit wütend und werden laut. Woran liegt das? Männer scheinen es schwerer aushalten zu können, nicht Bescheid zu wissen, schreibt die Zeitung «Der Freitag». Frauen wiederum haben den Teil des Gehirns gut trainiert, der für Gefahrenanalyse, Angst und emotionale Bewertung und Einordnung zuständig ist.

  • Weg vom Fleisch: Was wird uns Covid-19 lehren? Der Autor Jonathan Safran Foer hofft, dass der Schrecken der Pandemie und die dringende Frage nach dem wirklich Essenziellen uns dazu führen werden, zu verstehen, wie desaströs der Verzehr von Fleisch ist. Schon lange liege die Möglichkeit eines besseren Lebens vor uns, schreibt er in einem Gastbeitrag in der «New York «Times» (Bezahlschranke): Covid-19 habe die Tür nun weit aufgestossen.

Frage aus der Community: Viele Alterszentren lockern das Besuchsverbot und richten Begegnungszonen ein – wo aber jegliche Art von Körperkontakt verboten ist. Was ist die rechtliche Grundlage dafür, dass das Pflegepersonal unsere betagten Eltern mit Schutzmaske berühren darf, wir aber nicht?

Zur rechtlichen Grundlage: Die aktuell geltenden Einschränkungen und Lockerungen sind in Notverordnungen des Bunds geregelt, die meisten davon in der Covid-19-Verordnung. Daneben haben auch die Kantone gemäss ihren Verfassungen ein Notrecht. Sie dürfen aber nur dort aktiv werden, wo der Bundesrat in seiner Notverordnung einen Bereich nicht bereits abschliessend geregelt hat.

Für die Massnahmen, die Alters- und Pflegeheime betreffen, sind die Kantone zuständig: Die meisten von ihnen haben Mitte März ein Besuchsverbot erlassen und sind nun daran, dieses wieder zu lockern. In den entsprechenden Verfügungen halten die Kantonsregierungen auch fest, dass die Leitungen der Alterszentren die Details regeln. So viel zur rechtlichen Grundlage – wenn Sie mehr darüber wissen wollen, wer im Moment auf welcher Basis regiert, empfehlen wir Ihnen unseren Watchblog zu den Grundrechtseinschränkungen.

Dass es Sie trotzdem belastet, wenn Sie Ihre Eltern nicht umarmen dürfen, ist natürlich verständlich. Gleichzeitig ist es wohl hilfreich, sich in Erinnerung zu rufen, dass es nach wie vor wichtig ist, die Schwächsten der Gesellschaft so gut wie möglich vor einer Infektion zu schützen. Und in diesem Zusammenhang auf Abstand zu achten, eine Maske zu tragen und Berührungen zu vermeiden. Zudem: Wenn wir es schaffen, die Zahl der Neuansteckungen und der Menschen, die jemand durchschnittlich ansteckt, tief zu halten, werden die Massnahmen weiter gelockert werden können.

Zum Schluss eine gute Nachricht: Gärtnern wirkt therapeutisch

Wissen Sie noch, als die Gartencenter wieder öffnen durften und die halbe Schweiz hinstürmte, als hinge ihr Leben davon ab? Falls Sie (wie manche hier in der Redaktion) zu den Personen gehören, die sich damals über die eifrigen Hobbygärtner lustig machten, sollten Sie Ihre Position vielleicht nochmals überdenken. Denn gerade in Krisenzeiten kann Gärtnern Wunder bewirken: So wirkt es Stress entgegen und hilft sogar, Depressionen zu vermindern, wie das Wissenschaftsmagazin «Higgs» schreibt. Wenn wir beispielsweise eine Pflanze umtopfen, sinkt der Blutdruck, und das vegetative Nervensystem, das bei Stress aktiv wird und den Körper auf eine Flucht vorbereitet, fährt herunter. Kein Wunder, gibt es mittlerweile sogar Psychotherapeutinnen, die Wald- oder Gartentherapien anbieten. Aber so weit müssen Sie gar nicht unbedingt gehen: Denn nur schon das Betrachten von Pflanzen kann einen Einfluss auf das Stresshormon Cortisol haben. Vielleicht überlegen Sie sich die Sache mit dem Gartencenter doch noch mal?

Bleiben Sie umsichtig, bleiben Sie freundlich, bleiben Sie gesund.

Wir wünschen Ihnen ein stressfreies Wochenende. Und einen grünen Daumen.

Bettina Hamilton-Irvine und Olivia Kühni

PS: Haben Sie Fragen und Feedback, schreiben Sie an: covid19@republik.ch.

PPS: Wir würden uns freuen, wenn Sie diesen Newsletter mit Freundinnen und Bekannten teilten. Er ist ein kostenloses Angebot der Republik.

PPPS: Vielleicht hat es Sie als Kind auch verwirrt, dass es bei gewissen Tests – zum Beispiel einem HIV-Test – positiv ist, wenn man ein negatives Resultat erhält? Dem mächtigsten Mann der Welt geht es immer noch so.

PPPPS: Am Mittwoch haben wir darüber berichtet, wie die Tiere sich vielerorts während des Lockdown ihren Raum zurückerobern. Aber manchen reicht auch einfach mal eine wohlverdiente Pause auf einem bequemen Liegestuhl, mit Blick auf das Meer.

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