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Re: Fwd: Ein paar Fragen

18.05.2020

Liebe Leserinnen und Leser

An einem Freitag Ende Februar versuchten wir zusammenzutragen, was in Sachen Coronavirus bereits bekannt war. Jetzt, fast drei Monate später, machen wir nochmals denselben Schritt; weg von den politischen und wirtschaftlichen Fragen, zurück zum Virus an sich.

Im Folgenden liefern wir Ihnen die Kurzversion unseres zweiten ausführlichen Treffens mit Sars-CoV-2. Falls Sie mehr Zeit haben, möchten wir Ihnen das vollständige Erklärstück mit Antworten zu 16 Fragen ans Herz legen.

Was passiert in meinem Körper, falls mich Sars-CoV-2 erwischt?
Das Virus gelangt in Mund, Nase oder Augen und hangelt sich via bestimmte Rezeptoren ins Innere von Zellen. Dort kann es sich vermehren und weitere Zellen befallen. Vielleicht spüren Sie – nichts. Oder Ihr Körper reagiert mit Husten, Fieber und weiteren milden Symptomen. Vielleicht gelingt es dem Immun­system, das Virus so zu stoppen. Und Sie werden gesund.

Vielleicht wandert das Virus aber auch weiter in die Lunge. Es hinterlässt dort tote Zellen, Eiter, Schleim, was die Sauerstoffzufuhr erschwert. Vielleicht erholen Sie sich auch davon. Oder es kommt noch heftiger, und die Lunge erleidet Schaden, das Herz, Blutgefässe, Nieren, Leber, Darm, Gehirn oder das Nervensystem.

Manchmal steckt dahinter das Virus selbst. Und manchmal ist es die Abwehr­reaktion des Körpers, die den grössten Schaden anrichtet. Das geschwächte Immunsystem erkennt plötzlich, wie stark der Körper von Viren befallen ist. Es reagiert viel zu heftig im ganzen Körper und greift die eigenen Gewebe und Organe an. Sars-CoV-2 stellt also in unterschiedlichen Körpern ganz unterschiedlich schwere Schäden an.

Warum trifft es manche Patienten so viel stärker als andere?
«Es ist nicht das Virus, es ist der Patient», sagt der Intensivmediziner Thierry Fumeaux: das Immunsystem der Patientin, ihre Vorerkrankungen, ihr sozioökonomischer Status, ihre Gene. Ärztinnen und Forscher gehen davon aus, dass all diese Faktoren einen Einfluss darauf haben, mit welcher Härte ein Mensch vom Virus getroffen wird.

Nach dem jetzigen Kenntnisstand ist wohl das Alter der grösste Risikofaktor. Und dennoch gibt es Patientinnen, die durch die Maschen fallen. Hat auch die Virusladung, die Sie erwischen, einen Einfluss auf die Symptome, wie es schon bei Sars der Fall war? Werden deshalb auch Ärztinnen und Pfleger so schwer krank? «Je mehr Informationen wir haben werden, desto besser werden wir es verstehen», sagt Fumeaux.

Welche Langzeit­schäden kann Covid-19 verursachen?
Sie ahnen es bereits: Alles, was über Vermutungen hinausgeht, ist in der aktuellen Situation unseriös.

Wir können uns jedoch Sars- und Mers-Patientinnen anschauen und sehen: Noch Jahre nach ihrer Genesung kämpfen manche mit einer angeschlagenen Lunge. Wir können uns Menschen mit akutem Lungenversagen, wie es auch Covid-Patienten erleiden, anschauen und sehen: Wer beatmet werden muss, hat jahrelang mit Schäden zu rechnen, manchmal mit unwiderruflichen. Doch auch wenn unser Immunsystem in einen Overdrive gerät, drohen langfristige Schäden an Herz, Hirn, an unseren Blutgefässen und unserem Nervensystem.

Ob es bei Covid-19 auch so sein wird? Wir wissen es nicht. Noch nicht.

Warum sind wir nicht längst mit Antikörpertests versorgt?
Die kurze Antwort: Die erhältlichen Tests sind noch zu wenig zuverlässig. Und ob Sie nach einer Erkrankung an Covid-19 immun sind, nimmt man zwar an, aber mit Sicherheit sagen kann es Ihnen niemand.

Die etwas längere Antwort: Ein Serologietest misst Antikörper im Blut. Um aussagekräftig zu sein, muss er die richtigen Antikörper erwischen. Nämlich die, die von Sars-CoV-2 stammen, und nicht die, die durch eine Erkältung von einem anderen Coronavirus herrühren. Davon soll er dann die erwischen, die das Virus neutralisieren. Die meisten Tests reagieren aber zu häufig auf Antikörper, die man nicht erwischen möchte – was ihre Aussagekraft mindert.

Kommt mit den Lockerungen eine zweite Welle?
Wir wissen: Geht die Reproduktionszahl, also die Anzahl Menschen, die eine Erkrankte im Schnitt ansteckt, über 1, nehmen die Fälle wieder zu. Erste Modelle zeigen nun: Den Wert trotz Lockerungen unter 1 zu halten, könnte schwierig werden.

Gemäss dem Epidemiologen Marcel Salathé kann es gelingen, wenn wir es schaffen, die Ansteckungen zurückzuverfolgen – zum Beispiel via Contact-Tracing-App –, und infizierte Menschen frühzeitig zu isolieren. Und wenn wir uns weiterhin an die Hygiene- und Abstandsregeln halten.

Die Antwort liegt also gewissermassen in Ihren Händen. Deshalb: Waschen Sie sie besser regelmässig.

Wir wünschten, wir könnten Ihnen mehr sagen. Oder ähnlich viel, aber mit mehr Gewissheit. Aber Wissenschaft ist nun mal ein Herantasten an den bestmöglichen Stand des Wissens, Experiment um Experiment und Studie um Studie. Nur sieht man das ausserhalb des akademischen Zirkus in der Regel nicht in Echtzeit. Jetzt schon.

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

Die neuesten Fallzahlen: Gemäss dem Bundesamt für Gesundheit zählten die Schweiz und das Fürstentum Liechtenstein heute Morgen 30’597 positiv auf Covid-19 getestete Personen. Im Vergleich zu gestern sind das nur 10 Fälle mehr – bei immerhin 2400 Tests. Zudem gab es seit gestern keinen neuen Todesfall. Bisher sind 1603 Personen im Zusammenhang mit einer laborbestätigten Covid-19-Erkrankung gestorben.

Demonstrieren erlaubt: Demonstrationen von bis zu 5 Personen gelten nicht mehr als Veranstaltung und sind neu erlaubt, wenn die Abstandsregeln eingehalten werden. Man habe erkannt, dass Demonstrationen ein Grundrecht seien, sagte Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit heute.

Meinung zu den Lockerungen: Eine neue Umfrage von Tamedia zeigt: Die meisten Befragten finden das Tempo, mit dem der Bundesrat die Massnahmen lockert, gerade richtig. Von den mehr als 26’000 Befragten sagen 38 Prozent, dass für sie die Geschwindigkeit zu hoch sei. Nur 15 Prozent finden, es müsste schneller gehen.

Spanien wartet noch: Da Italien die Grenzen für Touristen ab dem 3. Juni öffnen will, wächst der Druck auf Spanien, nachzuziehen. Der spanische Verkehrsminister sagte jedoch heute, vor Ende Juni sei nicht mit Grenzöffnungen zu rechnen. So lange soll im Land noch der Notstand gelten.

Die besten Tipps und interessantesten Artikel

  • Unterschätzte Gefahr: Von der ersten Meldung zu Corona bis zur Ansprache der deutschen Kanzlerin Angela Merkel und zu ernsthaften Massnahmen vergingen 78 Tage. Der Bayerische Rundfunk und die «Welt am Sonntag» haben die Wochen dazwischen rekonstruiert und kommen, gestützt auf vertrauliche Dokumente, zum Schluss: Deutschland hat die Gefahr der Pandemie in den ersten Wochen des Jahres deutlich unterschätzt.

  • Männer erklären Corona: Der «Spiegel» hat Zeitungsartikel, Youtube-Auftritte und Talkshows zum Thema Corona seit Anfang Jahr ausgewertet und ist dabei zum Schluss gekommen: Nur ein Drittel der Talkshowgäste ist weiblich. Und: Männer sind häufig die Experten, Frauen dürfen vor allem in der Rolle der Betroffenen auftreten.

  • Das Virus aus dem Labor: Forscher der Universität Bern haben im Labor das neue Coronavirus «nachgebaut», wie die «NZZ am Sonntag» schreibt. Dass sie die Methode veröffentlicht haben, sorgt für Kritik. Die Forscher jedoch beteuern, dass der Nutzen ihres Projekts im Vergleich mit den Risiken klar überwiege.

Ausserdem. Ein Tipp für Sprachliebhaber:

  • Einfach nur schön: Die letzten Wochen waren für viele Menschen geprägt von Verunsicherung und Sorge. Umso mehr sehnt man sich gelegentlich nach einer kleinen Flucht in eine Welt ohne Corona. Das Literaturhaus Stuttgart lädt uns deshalb ein, «den Blick zu wechseln und diesem genuinen Bedürfnis nach Schönheit neuen Raum zu geben»: mit einem Wörterbuch der Schönheit.

Frage aus der Community: Kann man sich beim Schwimmen auch über das Wasser infizieren?

Viren können theoretisch über das Wasser übertragen werden. Bisher gibt es aber keinen bekannten Fall, bei dem sich jemand über das Wasser mit dem neuen Coronavirus infiziert hat. Auch gemäss Weltgesundheitsorganisation WHO gibt es keinen Nachweis, dass das Virus auf dem Wasserweg übertragen wird.

Im Freibad oder im Hallenbad besteht kaum ein Risiko für eine Übertragung, weil man gemäss allen bisherigen Erkenntnissen davon ausgeht, dass allfällige Viren durch das Chlor abgetötet werden. Auch im See oder im Fluss ist das Schwimmen nicht problematisch, da die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung minim ist. Aufgrund der Verdünnung gilt zudem: je grösser die Wassermenge, desto kleiner das Risiko. Auch die höhere Wassertemperatur und die stärkere Sonneneinstrahlung im Sommer helfen, Viren im Wasser zusätzlich ausser Gefecht zu setzen.

Aus diesen Gründen bezeichnen es Experten als «extrem unwahrscheinlich», dass man sich beim Schwimmen mit dem Coronavirus infiziert. Wichtig bleibt aber, dass man auch beim Baden den nötigen Abstand zu anderen Personen einhält – denn eine Übertragung auf diesem Weg ist wahrscheinlicher.

Zum Schluss ein Blick nach Spanien, wo ein Vater die Lockdown-Langeweile besiegt

Zwar hat Spanien das strenge Lockdown-Regime nun etwas gelockert. Weil das Leben aber nach wie vor wenig Ablenkung bietet, hat ein spanischer Vater sich für seine dreijährige Tochter etwas ganz Besonderes ausgedacht. Dank der Kreativität des ehemaligen Basketballspielers, der heute ein Fernsehmoderator ist, wird der tägliche Spaziergang, um den Müll zu entsorgen, zu einer Kostümparade. Damit macht er sich nicht nur bei seiner kleinen Tochter beliebt, die sich jeden Tag in ein neues Abenteuer stürzen kann: Der Instagram-Account, auf dem die neuesten Kostüme des Vater-Tochter-Paars zu sehen sind, verzeichnet bis zu 2,5 Millionen Besuche am Tag.

Bleiben Sie umsichtig, bleiben Sie freundlich, bleiben Sie gesund.

Ronja Beck, Bettina Hamilton-Irvine und Marie-José Kolly

PS: Haben Sie Fragen und Feedback, schreiben Sie an: covid19@republik.ch.

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PPPS: Wie geht eine Segnung mit zwei Metern Abstand? Ein humorvoller Priester hat eine Lösung gefunden. Die gleiche Methode funktioniert übrigens auch bei Taufen.

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