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Das ist Jeffsache

12.05.2020

Liebe Leserinnen und Leser

Heute möchten wir von zwei Männern berichten, die vieles gemeinsam haben und doch wie Tag und Nacht sind. Gerade kämpfen sie mit den gleichen Problemen.

Sie heissen: Jeff Bezos und Roland Brack.

Beide haben Elektrotechnik studiert, beide haben 1994 ein Unternehmen gegründet, das Konsumgüter über das Internet verkauft. Bezos gründete Amazon in Seattle, USA. Brack lancierte Brack.ch in Mägenwil, Aargau. Einer begann mit Büchern, der andere mit Computern. Beide verkaufen heute allerlei Waren. Und beide sind unverschämt erfolgreich damit.

Brack mag dabei nicht ganz so reich geworden sein wie Bezos, der mit einem geschätzten Vermögen von 145 Milliarden Dollar als reichster Mensch der Welt gilt. Aber genauso wie Bezos hat er ein Unternehmen aufgebaut, das vielen Menschen einen Arbeitsplatz bietet.

Als in zahlreichen Ländern der Welt die Läden wegen der Pandemie schliessen mussten, shoppten Kundinnen einfach im Internet weiter. In England, Deutschland, Frankreich oder den USA taten sie das vorzugsweise bei Amazon. Brack.ch wiederum hat nur Schweizer Kunden, davon aber sehr viele. Bei Brack wie bei Bezos schossen die Bestellungen in die Höhe, und beide hatten grösste Mühe, dieser gesteigerten Nachfrage zu genügen.

Reagiert haben sie sehr unterschiedlich. Zwar haben beide Unternehmen rasch zusätzliches Personal angestellt. Doch weil Bezos und Brack nicht die gleichen Vorstellungen davon haben, wie positive Unternehmenskultur geht, sind die Resultate sehr unterschiedlich.

So wehrten sich Amazon-Angestellte in den USA gegen mangelhafte Schutzmassnahmen in den Verteilzentren. Dass sich die schlecht bezahlten Angestellten gegen Amazon auflehnen, ist nicht neu. Doch die Corona-Versäumnisse von CEO Bezos brachten offenbar das Fass zum Überlaufen. In New York schritt die Staatsanwaltschaft ein, um mögliche Gesetzesverstösse im Sicherheits- und Gesundheitsbereich zu untersuchen. Mutmassliche Whistleblower setzte Amazon kurzerhand auf die Strasse.

In Frankreich schloss der Konzern sogar alle sechs Versandlager – offenbar aus Trotz, weil man vor Gericht einen Prozess gegen Gewerkschaften verlor. Sie hatten wegen der gleichen Probleme wie in den USA geklagt: mangelhafte Vorkehrungen zum Schutz der Mitarbeiter vor dem Virus. Gleichzeitig waren die Frankreich-Chefs so unverschämt, Kurzarbeitsentschädigung anzufordern. Das Begehren wurde abgelehnt. «Dafür ist die Kurzarbeit nicht gedacht», richtete das Pariser Arbeitsministerium aus.

Und Brack? Er wählte einen ungleich sanfteren Weg, wie die Reportage von Republik-Journalist Philipp Albrecht zeigt. Um in seinem Warenlager in Willisau die dringend benötigten 100 Temporärleute zu integrieren, liessen Bracks Leute jeden Tag Schritt für Schritt nur 10 Personen aufs Mal einarbeiten. Dazu bekam jede neue Arbeitskraft einen verantwortlichen «Götti» zugeteilt.

Klar, mit seinen total 800 Angestellten ist Brack natürlich viel näher an seinen Leuten als Bezos, der weltweit tausendmal mehr Menschen beschäftigt. Aber angehende Betriebswirtschaftlerinnen lernen heute, dass man auch in grossen Konzernen nachhaltige Personalpolitik durchsetzen kann.

Inzwischen ist es in Willisau wieder etwas ruhiger geworden, und der Chef hat wieder Zeit, über die Zukunft nachzudenken. Alle grossen Online­händler rechnen damit, dass die Stimmung der Konsumentinnen anhält. Brack etwa glaubt, dass er die meisten der jüngst geschaffenen Stellen auch in einem Jahr noch brauchen wird. Und er will einen neuartigen Roboter kaufen, der selbstständig Produkte in Kartons einpacken kann.

Es gehe ihm nicht darum, Arbeits­kräfte einzusparen, sondern Rand­stunden abzudecken, sagt Brack. Denn wenn der Markt den Schwung aus dem Lockdown behält, «wäre es schon ideal, wenn wir am Wochen­ende den Roboter die Aufträge vorbereiten lassen könnten».

Und was macht Bezos in der Zwischenzeit? Er geht auf den Mond.

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

Die neuesten Fallzahlen: Gemäss dem Bundesamt für Gesundheit zählten die Schweiz und das Fürstentum Liechtenstein heute Morgen 30’380 positiv auf Covid-19 getestete Personen. Im Vergleich zu gestern sind das 36 Fälle mehr. Bis Mitte April kamen täglich neue Fälle in einem hohen dreistelligen Bereich dazu.

Sehnsucht nach Einkaufstouristen: Der Boom im Schweizer Onlinehandel geht auch auf Kosten des deutschen Detailhandels. Der Grenzregion fehlt die Kundschaft aus der Schweiz, Handel und Gastronomie beklagen hohe Umsatzeinbussen, weshalb Politiker auf eine rasche Öffnung der Grenze drängen. «Existenzen stehen auf dem Spiel», sagt Philipp Frank, Oberbürgermeister von Waldshut-Tiengen. Läden im Grenzgebiet haben das Personal reduziert und die Öffnungszeiten um fünf Stunden verkürzt. Die erste Lockerung des Grenzregimes von gestern Montag gilt nicht für den Einkaufstourismus.

Post mit Allzeit-Päcklirekord: Dass die Schweizerinnen in den vergangenen Wochen vorwiegend online eingekauft haben, beschert der Post einen neuen Rekord: 17,3 Millionen Pakete verarbeitete das Unternehmen laut einer Mitteilung im Monat April. Zum Vergleich: Im letzten Dezember gingen zur Weihnachtssaison 15,6 Millionen Pakete durch die Logistikzentren der Post.

Hotspot Russland: Nach ersten Lockerungen der Pandemie-Massnahmen ist die Zahl der Corona-Infektionen in Russland erneut stark gestiegen. Landesweit sind über 232’200 Fälle nachgewiesen, wie die Behörden mitteilten.

Die interessantesten Artikel

Geschwächt durch die internationalen Sanktionen, bricht im Iran gerade das Gesundheitssystem unter der Last ein. Die Journalistin und Pulitzerpreisträgerin Maggie Michael, die für die Nachrichtenagentur AP aus dem Nahen Osten berichtet, hat dazu eine verstörende Reportage verfasst (auf Englisch). Ihre wichtigsten Erkenntnisse:

  • Offiziell haben sich im Iran 100’000 Menschen mit dem Virus infiziert, 6500 starben. Doch eine Studie, die das Parlament in Auftrag gegeben hat, kommt zum Schluss, dass es acht- bis zehnmal mehr Erkrankungen geben müsse und 80 Prozent mehr Tote.

  • Viele Ärzte erhielten lange Zeit nicht die nötige Schutzausrüstung. Sie sterilisierten ihre Masken selber im Ofen und zogen sich zur Behandlung Plastiksäcke aus dem Supermarkt über.

  • Allein in den ersten 90 Tagen des Ausbruchs starb durchschnittlich jeden Tag eine medizinische Fachkraft, Dutzende steckten sich an.

  • Offiziell datiert die erste Ansteckung im Iran vom 19. Februar. Doch Ärztinnen berichten, dass sie schon zuvor Fälle an das Gesundheitsministerium gemeldet hätten. Weil aber die Regierung Wahlen und nationale Feierlichkeiten gefährdet sah, seien die ersten Massnahmen um mehrere Wochen hinausgeschoben worden.

  • Besonders stark betroffen ist die Provinz Gilan, wo man in den Spitälern noch lebenden Patienten die Atemgeräte entfernte und ihre Totenscheine ausfüllte. Auf Druck der Regierung schrieben viele Ärzte als Todesursache Herz- oder Lungenversagen in die Formulare. Kein Wort von Corona. «Als ich am Abend nach Hause ging, konnte ich nichts anderes mehr tun, als zu weinen», erzählt eine Krankenpflegerin.

Was wir Ihnen darüber hinaus empfehlen:

Frage aus der Community: Zu welchen Schutzmassnahmen ist mein Arbeitgeber verpflichtet, wenn er von mir verlangt, wieder ins Büro zurückzukehren?

Das BAG beantwortet die Frage trocken und kurz: «Die Arbeitgeber sind verpflichtet, den Schutz der ArbeitnehmerInnen zu garantieren. Dazu haben sie Schutzkonzepte aufgestellt.» Doch für diese Konzepte machen das BAG und das Seco klare Vorgaben. Auch nach der Lockerung der Massnahmen gilt: Nach Möglichkeit von zu Hause aus arbeiten. Es bleibt abzuwarten, wie viele Arbeitgeber ihre Angestellten aktiv dazu auffordern, im Büro zu arbeiten. Geht man – aus welchen Gründen auch immer – doch ins Büro, muss man zu Kolleginnen und Kunden stets zwei Meter Abstand halten können. Immer. Auch auf dem WC. Ausserdem müssen zum Beispiel Oberflächen und Gegenstände regelmässig gereinigt werden, und alle Personen, die die Räume betreten, müssen sich die Hände mit Wasser und Seife waschen können. All das muss der Arbeitgeber gewährleisten.

In den Büros wurde deshalb schon eifrig das Mobiliar geputzt und umgeräumt. «Wir haben das mit einer über Kreuz versetzten Anordnung der Plätze gelöst», sagte der CEO eines der grossen Bürovermieter der Schweiz in der «NZZ am Sonntag». Auch der Mitarbeiter eines Büromöbelanbieters empfiehlt: «Die Tischanordnung sollte um 90 Grad gedreht werden, damit die Kollegen in verschiedene Richtungen blicken.» Ausserdem werden zwischen den Arbeitsplätzen Trennwände aufgestellt, Absperrbänder werden gezogen, Türen erhalten Aufsetzer, damit man sie mit dem Ellbogen öffnen kann. Und natürlich: überall Desinfektionsmittel.

Für Personen, die gemäss der Definition des Bundes besonders gefährdet sind, gilt übrigens: Können weder die Vorgaben (Hygiene, Abstand) eingehalten noch im Homeoffice gearbeitet werden, müssen sie beurlaubt und muss ihr Lohn weiter bezahlt werden.

Zum Schluss ein Blick nach China, wo gestern nach dreieinhalb Monaten das Disneyland Shanghai seine Wiedereröffnung feierte

An normalen Tagen fasst das Disneyland in der chinesischen Wirtschaftsmetropole bis zu 80’000 Menschen. Doch seit dem 25. Januar waren es jeden Tag genau: null. Bis gestern Montag. Seither ist der gigantische Vergnügungspark, der erst 2016 eröffnet wurde, wieder in Betrieb. Allerdings mit ein paar Einschränkungen: Das Kapazitätsmaximum wurde um zwei Drittel verkleinert, sämtliche Besucherinnen müssen ihre Tickets vorab online kaufen und sich am Eingang die Temperatur messen lassen. Zudem gilt im ganzen Park die Maskenpflicht, und in den Warteschlangen müssen Sicherheitsabstände eingehalten werden. Das Social Distancing führt ausserdem zur wohl emotionalsten Einschränkung: Selfies mit Mickey Mouse sind verboten. Doch wie aktuelle Bilder aus dem Vergnügungspark beweisen, gibt es noch immer mehr als genug Motive für Handybilder.

Bleiben Sie umsichtig, bleiben Sie freundlich, bleiben Sie gesund.

Bis morgen.

Philipp Albrecht und Amir Ali

PS: Haben Sie Fragen und Feedback, schreiben Sie an: covid19@republik.ch.

PPS: Wir würden uns freuen, wenn Sie diesen Newsletter mit Freundinnen und Bekannten teilten. Er ist ein kostenloses Angebot der Republik.

PPPS: Claudio Facoetti aus Bergamo war schwer an Covid-19 erkrankt. Ende März wurde er in ein Spital in Bochum gebracht, das er gestern wieder gesund verlassen durfte. Neben der Tatsache, dass er der Klinik sehr dankbar sei, betonte Facoetti bei seiner Verabschiedung, dass er sich nun wieder auf «besseren Kaffee» in Italien freue.

PPPPS: Wenn Sie wissen wollen, wie Jeff Bezos so tickt, wie er Amazon zum grössten Onlinehändler und sich selber zum reichsten Mann der Welt gemacht hat, dann empfehlen wir Ihnen eine Doku von 2018, die Arte heute Abend um 21.45 Uhr als Wiederholung zeigt.

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