Corona-Korrespondenz – Folge 8

Liebe Ruth, gestern vergass ich meine Gesichts­maske, das war mir peinlich

Wie erlebst du die gesellschaftlichen Entwicklungen in Hongkong?, fragt Ruth Schweikert in einem Brief an ihren alten Schulfreund, der heute Gefängnis­seelsorger in Hongkong ist. Nun antwortet Tobias Brandner und erzählt, was Covid-19 dort verändert – und was nicht.

Von Tobias Brandner (Text) und Elisabeth Moch (Illustration), 12.05.2020

Liebe Ruth

Covid sei Dank, würde ich sagen, dass wir wieder miteinander ins Gespräch kommen. Der Erinnerung sei Dank, die in Zeiten der Eingeschlossenheit und der erzwungenen Inaktivität zu einem wertvollen Gut geworden ist, das uns mental stärkt: in alten Foto­alben blättern, in den Aufzeichnungen unserer Vorfahren wühlen, Erinnerungen nieder­schreiben. Oder eben: ruhende Freundschaften neu beleben, durch Briefe oder Anrufe – ein kleiner Ersatz für die Unbeweglichkeit, zu der wir hier wie dort, wenn auch in unterschiedlichem Masse, verurteilt sind.

Kurz, und um das Wichtigste zuerst zu sagen: Es freut mich ausser­ordentlich, von Dir zu hören. Die Erinnerungen an die Zeit, da wir uns während unserer Mittelschul­zeit kennen­lernten, sind ganz und gar lebendig.

Und um noch etwas von guten Erfahrungen in Zeiten des Covid zu schreiben: Die Himmel waren schon lange nicht mehr so still und rein wie nach Wochen der abgestellten Industrien und gestrichenen Flüge. Kein Fluglärm überdröhnt das Vogel­gezwitscher. Das wird auch hier in Hongkong dankbar festgestellt, obwohl Menschen in Asien weiterhin ganz ohne Flugscham fliegen, als wäre das kollabierende ökologische Gleich­gewicht nur ein europäisches Problem.

Weiteres: Die Leute sind besser erreichbar, denn meist sind sie zu Hause. Gesellschaftliche Anlässe sind nicht mehr so sehr Alltag, sondern besondere Anlässe der Freude. Heute, am 8. Mai, während ich Dir schreibe, reduziert Hongkong das Social Distancing und erlaubt neu, dass nicht mehr nur vier, sondern acht Personen am gleichen runden Tisch essen dürfen. Sofort haben meine Mitarbeiter*innen zu einem Mittag­essen zur Verabschiedung eines Kollegen aufgerufen, und fast alle haben sich gemeldet.

Ein eher komischer Effekt der Krise: Die Regierung Hongkongs, welche im vergangenen Jahr zunehmend verzweifelt, zunehmend unfähig versucht hat, eine demokratische Protest­bewegung abzuwürgen, hat sich einmal mehr zum Gespött gemacht: Im vergangenen Oktober verfügte sie, Gesichts­maskierung zu verbieten, damit Demonstrierende einfacher identifiziert werden können. Drei Monate später laufen Regierung, Polizei und Sicherheits­beamte wie eben alle anderen auch ungeniert maskiert herum.

«Seltsam heilsam», schreibst Du in Deinem Brief, und von der «Fragilität des Homo sapiens», die ja immer da war, nur jetzt unleugbarer, schwerer verdrängbar. Ich halte die Erfahrung der eigenen Fragilität für einen zwar schmerz­haften, aber eben seltsam heilsamen Teil unserer Existenz. Sie bereitet uns vor auf unseren künftigen Schmerz und sensibilisiert uns für den Schmerz der anderen.

In diesem Sinn bin ich meinen vergangenen bald dreissig Jahren der Gefängnis­besuche dankbar: als einer ständigen Schule der Fragilitäts­erfahrung; und dazu einer erstaunlichen Erfahrung der Gleichheit in der Unfreiheit (ganz im Gegen­satz zur Vision beim Fall der Berliner Mauer, die Du ansprichst). Denn alle werden sie gleich in der Unfreiheit: die vormals in teuren Häusern Wohnenden und die auf der Gasse Lebenden, die Mächtigen und die Ohnmächtigen. (Ja, das ist tatsächlich so in den Gefängnissen Hongkongs, und dafür lobe ich das hiesige Gefängnis­system gerne auch öffentlich, bei aller sonstigen Kritik; und es ist anders als in Gefängnissen der Region, die ich besucht habe, etwa auf den Philippinen, wo sich die Wohl­habenden eben auch im über­füllten Gefängnis ein kleines Einzel­studio mit Küche und eigenem Bade­zimmer leisten können.)

Vielleicht ist es meine eigene kleine déformation professionelle, aber das Gefängnis wird mir überall zur Metapher für unser Leben in der Beschränkung: gefangen im Covid. So können wir uns jetzt eine Spur besser vorstellen, was es bedeutet, eingesperrt zu sein. Ich hoffe, dass das für die Gefangenen, die ich auch in Zeiten des Covid weiterhin besuchen kann, wenigstens ein kleiner Trost ist. Mir jedenfalls ist es wichtig, denn Verbesserungen der Straf­bedingungen, wofür ich mich lokal seit Jahren einsetze, scheinen eher möglich, wenn die Leute eine Ahnung davon haben, was Einschliessung bedeutet.

Doch ich will nicht nur rosig sein. Soziale Distanzierung und Einschliessung zehren an den Nerven – das umso mehr, als Menschen hier auf engstem Raum leben müssen; nicht nur all diejenigen, die in unter­teilten Wohnungen, in sogenannten «Sarg-Wohnungen» oder in Käfig­wohnungen leben, sondern auch durch­schnittliche Familien. Neuerdings werden in Hongkong auch Wohnungen mit weniger als 20 m2 gebaut. Besonders hart ist es für viele der etwa 300’000 Haushalts­angestellten, die gesetzlich gezwungen sind, mit ihren Arbeit­geber*innen zu leben. Bei so engen Wohn­verhältnissen wird zuerst bei ihnen gespart. Ein eigenes Zimmer zu haben, und seien es auch nur 5 m2, ist für viele von ihnen ein Privileg.

Ich weiss von Haus­angestellten, die auf dem Küchen­boden oder in einem Kajüten­bett oder gar im gleichen Bett wie eines der zu betreuenden Kinder schlafen. In der Krise verfügen nun etliche Arbeit­geber*innen, dass ihre Angestellten an ihrem einzigen freien Tag pro Woche zu Hause bleiben sollen, um die Gefahr, das Virus nach Hause zu bringen, zu bannen. (Ja, werktags sollen sie durchaus weiterhin zum Markt gehen, um einzukaufen.)

Die Sonntage haben sich verändert: Früher nahmen sonntags Hundert­tausende Philippinerinnen und Indonesierinnen die Stadt ein – in Parks, auf öffentlichen Plätzen, in den Verkehrs­mitteln. Ihre Freude über den freien Tag verbreiteten sie lachend, laut schwatzend, mit ihren Liebsten zu Hause kommunizierend. Heute sind die Sonntage stiller geworden.

Aber vielleicht akzentuiert Covid noch mehr die Unter­schiede zwischen Ost und West. Mir kommt das berühmte Wort von Rudyard Kipling in den Sinn: East is East, and West is West and ne’er the twain shall meet. So jedenfalls scheint es mir in der mühsamen Frage der Gesichts­masken, die man sich in Europa scheinbar noch immer stellt: Sollen wir? Sollen wir nicht?

Gestern hatte ich meine Gesichts­maske zu Hause vergessen, als ich unterwegs war ins Stadt­zentrum. Ich war etwas spät dran, sonst hätte ich noch eine gekauft in einem der allgegen­wärtigen Seven Eleven. So unterliess ich es – und bereute es bald, denn ich war weit und breit der Einzige, in U-Bahn und Bus und auf der Strasse. Ja, nackt fühlte ich mich. Und alle taten so, als wäre gar nichts geschehen. Bis auf den alten Mann (Risiko­gruppe!), der im Bus von mir abrückte, als ich mich, auch das noch, rücksichts­los von mir, ausgerechnet neben ihn setzte. Kurz, es war mir peinlich.

Denn ausnahmslos halten sich die Menschen daran, in der Öffentlichkeit Masken zu tragen. Sie tun das nicht, um sich selbst, sondern um andere zu schützen. Kaum war der erste lokale Covid-Fall bekannt, wurden die Masken zur Selbst­verständlichkeit. Ohne ideologische Streitereien, ob es was bringe. Nur einige Ausländer versuchten anfänglich, sich diesem neuen Tenue-Code zu verweigern, doch nach einigen harschen Kommentaren in den Medien gaben auch sie ihren Wider­stand bald auf.

Macht es den Leuten in Hongkong weniger aus, durch Masken zu atmen und zu reden? Oder nehmen sie solche Unannehmlichkeiten einfach besser hin als Menschen in der Schweiz? Der einfachste Grund ist schlicht, dass es bei den Hongkonger Raum­verhältnissen undenkbar ist, beim Einkauf oder in der U-Bahn 2 m Abstand zu bewahren, wie es scheinbar in der Schweiz praktiziert wird. Stattdessen müssen es Masken richten. Ein anderer Grund, weshalb Menschen hier Masken leichter tragen, ist, dass diese hilft, sich ein Stück Privatheit zu sichern, und Privatheit ist, wo Menschen auf so engem Raum leben, ein kostbares Gut. Das erklärt vielleicht auch, weshalb es hier so selbst­verständlich ist, sich in der Öffentlichkeit hinter dem Mobil­telefon zu verschanzen (oder ist das bei Euch unterdessen auch so?): Auch in der U-Bahn, dicht zusammen­gepfercht, lässt sich so eine Privatheits­blase aufrechterhalten.

Doch mehr noch hat die masken­trägerische Selbst­disziplin mit der sozialen Lage Hongkongs zu tun, mit Misstrauen gegenüber der eigenen Regierung, mit Misstrauen gegenüber den offiziellen Fall­zahlen Chinas und mit Mangel an sozialer Sicherheit. Während in Europa viele denken: «Es ist doch egal, wenn ich mich anstecke; werde schon nicht daran zugrunde gehen; bin doch kein Weichei» – so denken die Leute hier: «Ich möchte auf keinen Fall zum Grund werden, dass sich andere anstecken.» Das wäre nicht nur peinlich – der berühmte, viel beschworene und durchaus reale Gesichts­verlust –, sondern würde auch der Gemeinschaft schaden, als deren Teil man sich hier selbst­verständlich sieht.

Ja, es ist unvorstellbar, dass sich Maggie Thatcher hier in Asien so hätte äussern können, wie Du sie zitierst: dass es Gesellschaft nicht gebe, sondern nur Individuen und Familien und vielleicht grad noch einige Nachbarn (diejenigen, die wir mögen, dachte sie wohl). Zwar versucht auch China die Gesellschaft abzuschaffen – und nur den Staat und ihm loyal, ja kindlich ergebene Subjekte zu belassen. Der Staat als Familie, die Regierenden als Eltern, die Bürger als Kinder – das in Ultra­kurzform die chinesische Regierungsauffassung!

Doch die Zivil­gesellschaft hat gelernt, stubbornly, daran festzuhalten, dass es zwischen Staat und Individuum eine vom Staat nicht kontrollierte Gemeinschaft gibt. Die Protest­bewegung des vergangenen Jahres überlebt auch die Zeit der sozialen Isolation. Gestern Abend musste ich schmunzeln, als zum ersten Mal seit vielen Wochen wieder einmal die Klänge der Hymne der Hongkonger Protest­bewegung, quasi eine alternative National­hymne, durch unseren Universitäts­campus schwebten.

Ja, Gemeinschaft unbedingt, auch wenn es manchmal alleine einfacher ist, auch wenn andere Menschen manchmal mehr als Störung erscheinen. Gerne erinnere ich mich an die Ermahnung des katholischen Mystikers Henri Nouwen, dass Störungen die eigentlich wichtigen Momente sind: What if all the unexpected interruptions are in fact the invitations to give up old-fashioned and out-moded styles of living and are opening up new unexplored areas of experience?

Also, gestört wurden wir. Und wir entdeckten, was wir vernachlässigt haben – Gemeinschaft, Gemeinschaft nicht nur der Gleich­gesinnten. Aber, liebe Ruth, gerne auch Gemeinschaft mit Gleich­gesinnten. Ich freue mich auf eine nächste Gelegenheit des Austauschs, gerne unelektronisch, warum nicht wie beim letzten Mal am See, im «Ziegel Oh Lac».

In Freundschaft

Tobias
Hongkong, 8. Mai 2020

Zur Adressatin

Ruth Schweikert, 1965 in Lörrach geboren und in der Schweiz aufgewachsen, lebt als Schrift­stellerin und Theater­autorin in Zürich. Für ihre Arbeit wurde sie unter anderem mit dem Kunst­preis der Stadt Zürich (2016) und dem Solothurner Literatur­preis (2016) ausgezeichnet. Zuletzt erschien «Tage wie Hunde», ein persönliches Buch über ihre Brustkrebs­erkrankung, das zugleich die grossen Themen des Lebens und der Literatur verhandelt.

Zum Autor

Tobias Brandner, 1965 in Zürich geboren, studierte Evangelische Theologie an der Uni Zürich und arbeitet seit Mitte der Neunziger­jahre in Verbindung mit dem Hilfs­werk Mission 21 als Seelsorger in verschiedenen Gefängnissen Hongkongs. Von den Insassen hat er den Namen «Father Tobias» erhalten. An der Chinese University von Hongkong ist er zudem Professor an der Theologischen Fakultät. 2009 veröffentlichte er das Buch «Gottesbegegnungen im Gefängnis. Eine Praktische Theologie der Gefangenenseelsorge».

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