Wie Big Tech die Pandemie «lösen» will

Apple, Facebook und Google geben sich dieser Tage als Retter in der Not, die ihre Daten­hoheit für das Gute nutzen. Damit verbuchen sie enormen Macht­zuwachs – und bauen das System für eine datafizierte Biopolitik weiter aus.

Von Anna-Verena Nosthoff, Felix Maschewski (Text) und David Plunkert (Illustration), 09.05.2020

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Nie habe es «einen wichtigeren Moment» gegeben, verkündeten Apple und Google am 10. April gleichzeitig auf ihren Websites, um «an der Lösung eines der dringendsten Probleme der Welt zu arbeiten».

Die beiden Monopolisten teilten mit, gemeinsam eine Plattform für das sogenannte Contact-Tracing zu entwickeln – eine Technologie zur Nach­verfolgung von Corona-Infektionen via Smartphone. Man werde, so die Verheissung, «die Kraft der Technologie nutzen (…), um Ländern auf der ganzen Welt zu helfen». Mit anderen Worten: Die Ingenieure aus Kalifornien treten auf ein Neues an, die Menschheit zu retten, sie vom Schlechten zu erlösen. Frei nach dem Google-Motto: Don’t be evil – sei nicht böse.

Nur wenige Wochen zuvor hatte der Präsident der Vereinigten Staaten deutlich gemacht, dass auch er auf genau das vertraute. «I want to thank Google», erklärte Donald Trump auf einer Medien­konferenz. Danken dafür, dass dort «1700 Ingenieure» eine Website für ein flächen­deckendes Covid-19-Testing entwickelten. Auch er gab sich überzeugt, dass damit allen Menschen, überall, geholfen wäre: «We cover this country and large parts of the world.»

Es ist nebensächlich, dass diese Verheissung reichlich übertrieben war, die Website allenfalls ein grober Entwurf und die breite Verfügbarkeit von Testing mehr Wunsch denn Wirklichkeit. Von Bedeutung ist die Haltung: Das Weisse Haus vertraut im epidemischen Ernst­fall so sehr auf die Tech-Elite, dass es deren eigene digitale Machbarkeits­ethik sogar noch übertrifft. Gemeinsam feiert man eine Denkart, die die Technik zum ultimativen Tool der Problem­lösung erklärt – den sogenannten Solutionismus.

Im virologischen Ausnahme­zustand zeigt sich damit eine grosse Lücke staatlicher Souveränität – und die Konzerne aus dem Silicon Valley füllen sie mit entschlossenem Eifer. Denn sie betreten die Bühne keinesfalls naiv: Schon seit Jahren expandieren sie in den Gesundheits­sektor, sammeln dort Expertise im Tracking mithilfe von Smartphone und Wearables. Letzteres nennt man vernetzte Technik zum Anziehen, zum Beispiel Smartwatches. In der Corona-Krise scheint nun der entscheidende Moment gekommen, sich als Wegbereiter eines daten­getriebenen Gesundheits­wesens durchzusetzen – und sich dabei gleichzeitig als Welt­verbesserer zu inszenieren.

So heisst es aktuell für beide Konzerne: Never let a serious crisis go to waste – lassen Sie eine ernsthafte Krise niemals ungenutzt.

Google: Souverän im Ausnahmezustand

Alphabet – so heisst das Google-Konglomerat unterdessen – verstand Trumps Ankündigung der Corona-Testing-Website als Aufforderung zur Improvisation. Gleichzeitig liess man verlauten, dass man neben der Website zur Koordination von Tests auch ganz eigenständige Tests anbieten würde. Organisiert über Alphabets Tochter­unternehmen Verily. Innert kürzester Zeit mobilisierte man reichlich Personal und entwickelte – in Kalifornien, New York, New Jersey, Ohio oder Pennsylvania – drive-throughs, die ein Corona-Screening effizient und sicher möglich machen.

Zwar müssen die Teilnehmenden eine Art Eignungs­test ausfüllen, Fragen zur aktuellen Verfassung, zum Wohnort oder zur Kranken­historie beantworten, sodass allerlei sensible Informationen an den Konzern – zunächst war sogar ein Google-Account obligatorisch – fliessen. Doch passt dies in ein Corporate Design, bei dem die meisten Dienste nur vermeintlich kostenlos sind. Gerade in Zeiten von Corona heisst es bei Google: Sharing is caring – Teilen ist Fürsorge.

Mit seiner schnellen Auffassungs­gabe bewies der Konzern also Handlungs­fähigkeit, hatte Trumps Aufgabe zwar nicht zur Gänze erfüllt, aber medien­wirksam und souverän Verantwortung übernommen. Im Auftrag der Behörden konnte man sich als Notfall­helfer profilieren; eine Position, die man gerne einnimmt. Denn nicht erst seit Corona begreift Alphabet die Gesundheit als eine Frage der Technik – und damit als ein Gebiet, auf dem es die Markt­macht anstrebt. Mit Verily hat man einen Spezialisten kreiert, der seit 2018 über das «Project Baseline» Gross­studien koordiniert, die nichts weniger als ein «Redesign der Zukunft der Gesundheit» versprechen.

Mal werden dafür 10’000 Probanden mit eigens entwickelten Uhren über vier Jahre lang vermessen, mal Studien zu Typ-2-Diabetes, zur Herz- oder mentalen Gesundheit initiiert. Stets will man mehr über das Zusammen­spiel von Körper, Umwelt und Geist erfahren, daten­basiert erforschen, was es heisst, gesund oder krank zu sein, vor allem aber neue Produkte und Services entwickeln. Angesichts der schieren Grösse des Projekts spricht der Konzern nicht selten von einer Revolution; eine Revolution, die sich im Namen der Gesundheit auf ein Mehr an Vermessung, ein Mehr an Datafizierung, ein Mehr an monopolistischer Übersicht verpflichtet. Im googlesken Selbst­verständnis lautet das Motto: We’ve mapped the world. Now let’s map human health – (wir haben die Welt kartografiert, nun werden wir die menschliche Gesundheit kartografieren).

Das Covid-19-Testing ist denn auch keineswegs Alphabets einzige Antwort auf die Corona-Krise. Man nutzt auch die herkömmlichen Pfade der Kartierung, erstellt über Google Maps sogenannte «Mobility-Reports» in 131 Ländern – auch der Schweiz. Dafür werden aggregierte und anonymisierte Standort­daten verwendet, die normaler­weise anzeigen, wie gut ein Ort – etwa ein Restaurant zur Mittagszeit – besucht ist.

Solche Daten sollen nun von Behörden genutzt werden, um Bewegungs­level abzustecken, mögliche Risiko­gebiete der Ansteckung zu lokalisieren und zu eruieren, ob sich die Bevölkerung im kategorischen Imperativ des flatten the curve übt, zu Hause bleibt. So macht das nützliche Angebot nicht nur deutlich, ob sich im Kanton Bern die Besuchs­frequenz in Parks erhöht oder das Homeoffice in Genf en vogue ist; aus dem Service des Konzerns kann auch ein behördliches Tool, aus daten­basierten Mitschriften können neue Vorschriften werden. In diesem Sinne: Souverän ist, wer die besten Karten hat.

Facebook: Daten für das Gute

Alphabet ist nicht das einzige aktive Mitglied im technologischen Krisen­stab, das sich um das Wohl der Menschen sorgt. Auch Facebook erkennt im Ausnahme­zustand die eigene Mission wieder, hat zuletzt nicht nur ein «Corona­virus Information Center» für den Newsfeed entwickelt, konsequenter als je zuvor virale Falsch­nachrichten bekämpft oder das herzliche Corona-Emoji für automatisierte Solidarität kreiert. Das soziale Netzwerk will die «Connectedness der Community» nutzen, um das Virus zu verfolgen, und spricht für die Carnegie Mellon University (CMU) gezielt User an, um einen Frage­bogen zu bewerben, der den Forschern dabei helfen soll, wöchentlich Land­karten individuell gemeldeter Krankheits­symptome zu erstellen.

Man erhoffe sich, Millionen von Nutzerinnen zu erreichen. Nur auf dieser breiten Informations­grundlage – die Daten werden zwar nicht mit Facebook geteilt, es bleibt aber fraglich, aufgrund welcher Kriterien der Konzern die potenziellen Teilnehmerinnen auswählt – könne man über den aktuellen Stand der Infektionen Aufschluss geben: «Diese Informationen können den Gesundheits­systemen bei der Planung helfen, wo Ressourcen benötigt werden und wann, wo und wie möglicher­weise Teile der Gesellschaft wieder geöffnet werden können.»

Neben der alltäglichen Umfrage weitet Facebook zudem auch sein Programm der «Disease Prevention Maps» (Karten für die Krankheits­prävention) weiter aus. Das Projekt verwendet Standort- und Bewegungs­daten, die beim Gebrauch der konzern­eigenen Apps entstehen, will so «die Effizienz von Gesundheits­kampagnen und die Reaktion auf Epidemien» steigern und wurde bereits beim Cholera-Tracking in Moçambique oder zur Einhegung des Zika-Virus eingesetzt. Mit drei neuen Tools, den co-location maps, den movement range trends und dem social connectedness index, will man nun erfassen, wie der Bewegungs­radius und die sozialen Kontakte der Bevölkerung zur Verbreitung des Virus beitragen, ob die verhängten Ausgangs­beschränkungen greifen oder ob gar neue Massnahmen notwendig sind. Das Motto der Kartierungs­verfahren verspricht auch hier viel: Data for Good. Man ist, selbstverständlich, im Einsatz für das Gute.

Bei Facebook geht es aber um weit mehr, als sich als selbstloses Tool der Gesundheits­behörden anzupreisen. Dem Kartografen des Sozialen geht es um die Erweiterung der Einfluss­sphäre, eine eigene Führungs­rolle. So spendete Mark Zuckerberg in den vergangenen Wochen nicht allein deshalb 720’000 Atem­masken an öffentliche Stellen oder 25 Millionen Dollar für den Forschungs­hub «Covid-19 Therapeutics Accelerator», um als gemeinnützig-karitativer Philanthrop zu erscheinen. Sein Unternehmen erkennt in der Krise die Chance, entwickelt sich von einem sozialen zu einer Art Forschungs­netzwerk und präsentiert sich immer mehr als die öffentliche Infra­struktur, die es stets sein wollte – als essenzielles Element des Systemerhalts.

Neben der CMU arbeitet man aktuell mit diversen Gesundheits­institutionen zusammen, erforscht mit der New York University und dem Mila Research Institute in Montreal, wie man KI-Anwendungen einsetzen könnte, um Kranken­häuser und ihr Personal besser auf die Krise vorzubereiten. Darüber hinaus hat man noch eine ambitionierte «globale Koalition», das «Covid-19 Mobility Data Network», ins Leben gerufen. In kalkulierter Care-Arbeit kooperiert der Konzern nun mit der Harvard School of Public Health, der National Tsing Hua University in Taiwan, der italienischen Universität Pavia oder der Bill & Melinda Gates Foundation. Ziel sei es, mit den «Echtzeit-Erkenntnissen aus Facebooks ‹Data for Good›» den Zeit­punkt der Infektion präziser zu bestimmen und schliesslich prädiktive Modelle zu erstellen, die den Verlauf der Krise prognostizieren. Kurz: eine ungewisse in eine wahrscheinliche Zukunft zu transformieren.

Wurden ähnliche Verfahren noch vor Monaten vornehmlich dazu verwendet, die Präferenzen der User zu erforschen, ihr (Konsum-)Verhalten und ihre Stand­orte vorherzusagen, um bewegungsbasiert Werbung zu schalten, erscheint die überwachungs­kapitalistische Daten­sammel­leidenschaft nun in neuem Licht.

Denn mithilfe des essenziell nachgefragten Krisen­managements scheint sich der image­mässig angeschlagene Konzern sukzessive zu rehabilitieren, allerlei Datenschutz­skandale vergessen zu machen und sich publikums­wirksam wieder als fast magischer Heils­bringer digitaler Vernetzung zu produzieren. In den Worten Zuckerbergs: «Die Welt war schon früher mit Pandemien konfrontiert, doch dieses Mal haben wir eine neue Super­macht: die Fähigkeit, Daten für das Gute zu sammeln und auszutauschen.»

Gewandelt hat sich damit auch der Blick auf den Monopolisten. Denn obgleich noch keineswegs geklärt ist, dass die Karten und Dienste im Kampf gegen Covid-19 irgendwas nützen, wirken sie wie verlockende Therapie­angebote. Angebote, die die Position des Konzerns verfestigen und seine Ansprüche reanimieren. Und so wirkt die Krise für Facebook wie ein hilfreiches System­update, das ganz neue Legitimität verspricht.

Ausweitung der Tracking-Zone

Über die einsichts­reichen unternehmerischen Daten­analysen hinaus werden in Kalifornien aber aktuell auch ganz hemds­ärmelige Experimente durchgeführt. Sie zielen auf eine andere Nähe und Bindung zum Patienten.

So erforscht man im Zuckerberg San Francisco General Hospital derzeit, wie sich der Mangel an flächen­deckenden Testings über Wearable-Technologien kompensieren liesse. Der «Oura-Ring» – ein Ring, der sowohl die Herz- als auch die Atem­frequenz im Schlaf misst – soll Coronavirus-Infektionen diagnostizieren, noch bevor Symptome spürbar sind. Krankenhaus­angestellte, durch den ständigen Kontakt mit Infizierten grundsätzlich gefährdet, werden dabei mit dem smarten, eng anliegenden Device ausgestattet und liefern dem finger­fertigen «Frühwarn­system» interessante Daten. Ziel des Echtzeit-Trackings ist dann, künftig schneller zu reagieren, sodass kränkelnde Mitarbeitende besser erkannt, gezielter kontrolliert und therapiert werden: ein Ring, sie zu heilen, sie alle zu finden.

Bei der Studie «Detect» vom Scripps Research Institute denkt man in noch sehr viel grösseren Dimensionen, man möchte den Teilnehmer­kreis so weit aufmachen wie möglich. So bindet sich die tragbare Kontrolle hier nicht nur an das eine smarte Wearable, sondern an fast die gesamte Angebots­palette an Fitness­trackern – von Googles schlankem Fitbit bis zur schmucken Apple Watch. Jeder Self-Tracker kann, sofern er in den USA lebt, teilnehmen, seine Körper­daten als citizen scientist direkt über die «MyDataHelps»-App («Meine Daten helfen») an die Forschenden senden. Ähnlich wie beim «Oura-Ring» sollen auch hier frühzeitig Symptome «detektiert» und individuelle Daten «resozialisiert» werden, sodass Infektions­herde – wieder einmal – in Karten erfasst, besser lokalisiert, zielgenauer eingehegt werden könnten.

«Detect» bildet dabei das Remake einer bereits im Januar erschienenen Vorgängerstudie, die das sogenannte real-time flu tracking (Grippe-Tracking in Echtzeit) qua Wearable bei knapp 200’000 Fitbit-Trägern erforschte. Über das Fitness­armband wurden Daten zu Ruhepuls und Schlaf erfasst, mit denen sich, so das Ergebnis der Studie, signifikant bessere Influenza-Prognosen als mit herkömmlichen Mitteln erstellen liessen. Zwar konnte das Tracking nicht durchweg überzeugen – so waren weder die Schlaf­daten wirklich genau, noch konnte immer eindeutig zwischen dem erhöhten Puls einer Grippe­erkrankung und dem bei alltäglichem Stress unterschieden werden. Doch verwiesen die Autoren auf die grossen Potenziale der Wearable-Technologie, die mit ihrer gestiegenen Verbreitung bald eine kontinuierliche, umfassendere und zeitlich präzisere Überwachung möglich machen solle. Allein in der Schweiz nutzt schon jetzt knapp ein Fünftel der Bevölkerung Wearables, Tendenz steigend.

Genau diese Potenzialität versucht man bei der «Detect»-Studie nun in die Wirklichkeit zu übersetzen, man erweitert mit den biometrischen Variablen – etwa der täglichen Aktivität – auch die Tiefen­schärfe der Überwachung, und so heisst es optimistisch auf der Website: «Sie werden ermächtigt, die Kontrolle über Ihre Gesundheit zu übernehmen, ebenso wie Mitarbeitende des öffentlichen Gesundheits­wesens den Ausbruch einer grippe­ähnlichen Krankheit in grösseren Gemeinden stoppen können.»

Mit der durch Covid-19 gestiegenen Bereitschaft zur solidarischen Daten­spende wird das quantifizierte Selbst in ein quantifiziertes Kollektiv überführt. Die beständige Erfassung, Analyse und Kontrolle sensibler Daten wird als innovatives Studien­angebot, als kollektive Ermächtigung beschrieben. Und auf diese Weise Selbst- und Fremd­kontrolle mühelos miteinander verbunden.

Was vor Corona vielleicht noch als übergriffige Überwachung wahr­genommen wurde, erscheint nun als partizipatives Gesundheits­mapping im Dienst der Forschung. Einer Forschung, die ihre Einsichten immer mehr an smarte Geräte bindet, deren Gebrauch nah und immer näher liegt.

Apple: Im Dienst der Menschheit

Diese Grossstudien via Wearable können in der aktuellen Situation – auch die Stanford University launchte zuletzt eine Covid-19-Studie – leicht als Krisen­phänomen wahrgenommen werden. Doch man darf sich nicht täuschen lassen: Sie sind im Silicon Valley längst business as usual.

Während Google die Gesundheit mit Wearables ganz grundlegend vermessen will, übte sich besonders Apple zuletzt im Modus des tragbaren Versuchs­labors. Der Konzern erkundete mit der hauseigenen Smart­watch und der Apple «Research App» neue unternehmerische Forschungs­felder. Dank vernetzter Sensorik und Big Data sollte schon vor der Pandemie jeder Träger an umfangreichen Gesundheits­studien teilnehmen – vom Hörvermögen bis zum Zyklus­tracking –, konnte seine Daten allerlei Universitäten, Kranken­häusern oder Institutionen wie der WHO zur Verfügung stellen. Eine ganze Infra­struktur, die den Einzelnen über sein Wearable mit dem grossen Welten­lauf verlinkt und dabei neue wissenschaftliche Erkenntnisse, zukunfts­weisende Produkte, vor allem aber individuelle Bedeutung verspricht: The future of health research is you – die Zukunft der Gesundheits­forschung sind Sie.

Es ist wenig verwunderlich, dass die Apple Watch aktuell als essenzieller Bestandteil vieler Covid-19-Studien begriffen wird. Dass ihr fortschrittliches Aktivitäts­tracking hoch im Kurs steht. Und die Pandemie, wie Chief Operating Officer Jeff Williams jüngst erklärte, neue Apple-Watch-Features wie das eingebaute Herz­messgerät schneller etabliert. Auch die interne Lösung einer eigenen Covid-19-Studie ist so wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit.

Schon jetzt ist man nicht untätig, Apple-Chef Tim Cook berät den Präsidenten, reorganisiert Liefer­ketten, designt Gesichts­schilder für das Klinik­personal und produziert, ähnlich wie Google, mit dem eigenen Karten­system Mobilitäts­berichte für die Behörden. So stellt sich auch Apple ganz in den Dienst der Sache, sieht seine Aufgaben im Gesundheits­sektor «nicht auf das Hand­gelenk limitiert» und will den Rücken­wind für weitere Services und Apps nutzen: Mehr denn je gilt, was Cook bereits im Januar 2019 verkündete: «Wenn man einst […] die Frage stellte, was der grösste Beitrag Apples für die Menschheit» gewesen sei, werde es nur eine Antwort geben: «die Gesundheit.»

Wer Apples und Googles Forschungen im Gesundheits­sektor in den vergangenen Monaten verfolgte, den überraschte denn auch die jüngste Nachricht der Zusammen­arbeit beim Contact-Tracing kaum. Es ist folge­richtig, dass die Konzerne nicht warten, bis allfällige staatliche Akteure ihre Aufgabe erfüllen, stattdessen – ganz direkt­technokratisch – ihre eigene «umfassende Lösung» präsentieren. Dabei setzt die geplante Infra­struktur für unterschiedlichste Tracing-Apps auf einen dezentralen Ansatz, wirkt damit egalitärer und progressiver als zentralisierte Systeme – und schliesst diese gänzlich aus. Dass die Konzerne mit ihrer Markt­macht so eine unhintergehbare Norm schaffen, ihre «Lösung» verallgemeinern und standardisieren (der Chaos Computer Club nennt es «diktieren»), ist ein eleganter Neben­effekt.

Im Silicon Valley erkennt man also, in einer Zeit, die aus den Fugen scheint, das Momentum, spricht wieder im Brustton der Überzeugung und nutzt seine Entscheidungs­macht – auf dass sich die Smartphone-User aller Länder vereinigen. Natürlich, es hat für Apple und Google «nie einen wichtigeren Moment» gegeben, um mit der «Kraft der Technologie» zu helfen, die Welt zu retten, sie nach den eigenen Vorstellungen zu sanieren. Aber auch selten mehr Bereitschaft beziehungs­weise schiere Notwendigkeit, ihnen zu glauben. Glauben zu müssen.

Datafizierte Biopolitik oder: Gesundheit als Service

Krisen beschreiben per definitionem einen Raum der Entscheidung, ein temporäres Nebeneinander unter­schiedlicher Möglichkeiten, in dem es um alles oder nichts, Erfolg oder Scheitern, Leib und Leben geht. Dass die Konzerne aus dem Valley entscheidungs­freudig, einige mehr als krisen­fest sind, haben sie in den vergangenen Jahren häufig bewiesen. Auch in der Pandemie wird die besondere Form kalifornischer Resilienz anschaulich.

Selten konnte man klarer beobachten, wie schnell sich die einzelnen Akteure anpassen, ihre Infra­strukturen nutzen oder gar umwidmen, um sich als essenzielle Hilfs­kräfte, als Werkzeuge der Krisen­bekämpfung zu profilieren – neu zu erfinden.

Dass dabei alte Erzählungen – vom don’t be evil (Google) zum bringing the world closer together (Facebook) – gekonnt neu belebt werden, dass der Solutionismus vielerorts eine neue Legitimität erfährt und sich die umfassende Vernetzung immer weiter im Alltag manifestiert, ist kaum erstaunlich. Aber es ist mit wesentlichen Risiken und Neben­wirkungen verbunden.

Denn in den Möglichkeiten der Konzerne scheint nicht nur die durchaus löbliche Idee der Krisen­bekämpfung und der Förderung der Gesundheit in allerlei Public-Private-Partnerships inbegriffen. In ihnen zeigt sich auch eine schleichende unter­gründige Souveränitäts­verschiebung: Der Alltag wird zum Versuchs­labor der Unter­nehmen, das Leben selbst zum Experiment der smarten Vermessung erklärt. Es systematisiert sich immer nachhaltiger, was man eine datafizierte Biopolitik nennen kann.

Staatliche wie private Akteure haben längst erkannt, dass das alte biopolitische Werkzeug – periodische Statistiken oder zyklisch ermittelte Durchschnitts­werte – heute recht antiquiert wirkt. Dass es individuellerer Mechanismen, einsichts­reicherer Karten und anschmiegsamerer Apparate bedarf, um den individuellen, vor allem den Gesellschafts­körper am Laufen zu halten. Die Heils­bringer des Silicon Valley machen die staats­tragende Aufgabe dabei ganz souverän zum eigenen Service, entwickeln essenzielle Tools zur kollektiven Selbst­sorge und verbuchen als selbst erklärte Forschungs­einrichtungen einen enormen Kompetenz­zuwachs. So bewegt sich der Einzelne verstärkt im Zeichen der Gesundheit in vermessenen Räumen, werden Mobilitäts- und Kontakt­daten live getrackt und sondiert, das Wohl­befinden, der Puls oder der Schlaf­rhythmus einer kontinuierlichen Beobachtung unterstellt. Wie hiess es schon bei Apples «Research App»? Humanity says thank you – die Menschheit sagt Danke.

Was in der Krise durchaus verständlich, in einigen Fällen sogar vernünftig erscheint, schafft schnell eine neue Selbst­verständlichkeit. Eine Realität, in der der expansive, monopolistisch betriebene Einsatz digitaler Technik so sehr in die Lebens- und Erfahrungs­welt einsinkt, dass sie letztlich normative Kraft entfaltet: irgendwann nicht mehr nur beschreibt, was ist. Sondern auch, was sein sollte.

Vielleicht sollten wir also nicht allzu leichtfertig «I want to thank Google» sagen und die Krise als Problem begreifen, das nur smart gelöst werden will. Wir sollten dringend auch auf den Beipack­zettel der überwachungs­kapitalistischen Therapeutika schauen.

Zu den Autorinnen

Anna-Verena Nosthoff ist Publizistin, Philosophin und politische Theoretikerin. Sie ist Dozentin an der Universität Wien, der FU Berlin und war zuletzt Research Fellow am Weizenbaum Institut für die vernetzte Gesellschaft. Felix Maschewski ist Publizist, Wirtschafts- und Kultur­wissenschaftler und Dozent an der FU Berlin. Kürzlich ist ihr gemeinsames Buch «Die Gesellschaft der Wearables – Digitale Verführung und soziale Kontrolle» im Berliner Nicolai-Verlag erschienen. Für die Republik schrieben sie etwa über das Silicon Valley, das die Freiheit abschafft, und über den Traum vom Tech-Staat.

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