Wer soll die Flugblätter aufheben, die ich vom Balkon werfe, lieber Laurin?

Solidarität als Einstiegsdroge: Das hatte Laurin Buser in seinem Brief an Fatima Moumouni vorgeschlagen. In ihrer Antwort will die Poetin gleich noch etwas höher hinaus.

Von Fatima Moumouni (Text) und Elisabeth Moch (Illustration), 05.05.2020

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Lieber Genosse Laurin,

du hast ja so recht! Es ist an der Zeit, die eingerosteten Glieder des Aufstands zu strecken und zu dehnen, den Muskel der Veränderung zu flexen und am Status quo zu rütteln – Zeit für die Revolution! Weil gäll, das meinst du doch, wenn du von einer «grösseren Sache» schreibst.

Und ich? Stimme dir zu und bin bereit!

Jetzt, wo sich in allen Schweizer Haushalten die ersten 48er-Packungen WC-Papier-Rollen wieder dem Ende neigen und die stockenden Streams zuhause an den Nerven zerren, ist doch auch eine gute Portion zusätzlicher Pandemie-Frust vorhanden, um das ruhige Schweizer Blut in Wallung zu bringen. Ja, ich glaube Schweizer*innen sind JETZT bereit! So bereit, wie Schweizer*innen jemals für eine Revolution bereit sein können! Und was ist besser für eine Revolution als ein Konsens?

Allerdings, über eine Sache bin ich mir nicht ganz so sicher. Unser Kollege Gil Scott-Heron wusste ja schon: «the revolution will not be televised». – Wir müssten vielleicht abklären, ob das auch für Streams und Video­telefonie gilt. Ich meine, wie vorgehen ausser über Zoom?

Ich habe meinen Balkon geprüft, er eignet sich wunderbar dazu, Flugblätter hinunter­zuwerfen. Aber wer hebt die auf, wenn man nach wie vor nur so minuten­weise auf die Strassen soll? Bis auf die, die sich nicht dran halten – und die aus dem Gesundheits­system, aber die haben ja nun wirklich schon genug am Hals. Obwohl – jetzt könnten wir noch die Schar an Leuten erwischen, die die Coiffeur­salons des Landes stürmen. Dann sind wenigstens alle gut frisiert, die mitmachen.

Ich bange allerdings ein bisschen ob der Entwicklung der letzten Wochen. Ich meine, wie soll ein Volk langfristig überleben, das in einer Krise als Erstes zum WC-Papier greift? Stell dir vor, du bist Direktor an einer Schule und bemerkst, dass die Kinder beim Feuer­alarm als Aller­erstes ins WC rennen, das Papier aus den Behältern klauen und sich dann im Schul­kiosk um die Ovimilch prügeln. Wo soll man da noch pädagogisch ansetzen?

Ich glaube ja, dass es einen nachhaltigen Paradigmen­wechsel geben wird, was Hygiene betrifft. Die neue Panik vor Aerosolen. Winzige Spucke­tröpfchen wie die, die wir versprühen, wenn wir unsere Texte spitten. Tü Tü Tü Tü Tü! Ich hoffe ehrlich gesagt, dass die Situation nicht kippt. Stell dir vor, wenn den Leuten erst richtig auffällt, wie viel wir bei unseren Auftritten spucken, werden sie es vielleicht generell unverantwortlich finden, dass wir vor Publikum auftreten! Nur noch Geister­spiele im leeren Stadion bis ans Ende unserer Tage.

Und man könnte es ihnen nicht übel nehmen. Wir spucken wirklich viel. Als wir letzte Woche für unser Online-Konzert bei Bajour geprobt haben, ist es mir aufgefallen. Zwei Meter Abstand haben gar nicht gereicht! Ich habe peinlich darauf geachtet, dass wir mindestens drei Meter auseinander­stehen. Ausser wenn du so grosszügig das Desinfektions­mittel geteilt hast, aber dann haben wir sowieso immer feierlich geschwiegen.

Es hat mich übrigens überhaupt nicht überrascht, dass du jemanden gerügt hast, wie du mir schreibst. Mich überrascht eher, dass du so uncool dabei warst. Bro, «Mösiö» – fo real??

Ich glaube, das ist eine der Heraus­forderungen dieser Zeit: Wie schafft man es, seine Mitmenschen auf fatale Fehler hinzuweisen (es geht schliesslich um Leben und Tod!), ohne dabei zu klingen wie ein Bünzli?

Mir ist noch etwas anderes Schockierendes aufgefallen. Du weisst, dass ich das mit der Integration hier immer ein bisschen übertrieben habe. Du hast es letztens selbst bemerkt, es geht so weit, dass ich «das» Mail sage. Ich kann quasi gar nicht mehr zurück nach Deutschland! Und jetzt, in dieser Krise, fällt mir auf, dass das «Grüezi», das ich Gross­städterin mir so hart antrainiert habe, kaum noch erwidert wird! Früher kam ich kaum nach mit Zurück­grüssen, bis ich heraus­gefunden habe, dass man zeitsparend auch einfach laut und deutlich ein «Zi!» in hoher Stimme heraus­schleudern kann. Während man auf Blick­kontakt, Timing oder Variation («ZI wooohl») achtet und darauf, zu Kindern einfach «hoi» zu sagen (sonst siezt man sie, und das ist dann auch wieder ausländertums­entlarvend).

Und heute? Werde ich einfach nicht mehr gegrüsst. Ich verstehe nicht ganz, warum, aber ich glaube, es hat etwas mit der Corona-Angst zu tun, die die Menschen lähmt, denn für so ein zackiges Grüezi muss man ja ganz schön parat sein. Ich wollte dich jedenfalls fragen, wie ich die Leute höflich darauf aufmerksam machen kann, dass man sich hier in der Schweiz gefälligst grüsst! Mir fällt nur das sehr deutsche, empörte «Haalloh, ich rede mit dir!» ein. Meinst du ein «Gopferdelli, Mösiö, ich han ‹Zi!› gsait!!» trifft es besser?

Ich meine, wenn man erst mal aufgehört hat, sich zu grüssen, dann ist die Solidarität doch gänzlich vor die Hunde gegangen. Nachdem das Recht auf Asyl abgeschafft wurde, wir uns die Pasta weggekauft, uns gegenseitig erzählt haben, wie system-unrelevant wir doch sind, kann man nicht mehr auf Zusammen­halt hoffen.

Deshalb hast du natürlich recht: Wir müssen uns jetzt um all diese herzigen Solidaritäts­einsteiger*innen kümmern, die das Konzept ganz neu für sich entdeckt haben und ein kleines Flämmchen dafür lebendig halten. Deinen Einstiegs­drogen-Vergleich finde ich passend. Nachdem die Leute für ihre Oma eingekauft haben, muss man sie anfixen, Solidaritäts-Heroin! Psst. Habt ihr auch Lust, euch für Geflüchtete einzusetzen? Den Sexarbeiterinnen auf Phuket auszuhelfen, die keine Touri-Einkünfte mehr haben? Schauen, dass in kongolesischen Coltan­minen der Sicherheits­abstand gewährt werden kann?

Wie jeder weiss, macht die Einstiegs­droge Cannabis kommunistisch und homosexuell, das habe ich zumindest mal auf einem Flyer gegen Drogen gelesen. Corona als Solidaritäts-Einstiegs­droge könnte ähnlich funktionieren. Ich fiebere schon dem Tag entgegen, an dem wir unsere Ressourcen kompromisslos high, gleich­berechtigt und gleich­geschlechtlich teilen, das wird ein Fest!

Bis dahin lege ich dir noch ein Gedicht bei. Es ist mein Lieblings­gedicht und ich finde, es passt mega gut zur jetzigen Situation. Es heisst «Weltende», von Jakob van Hoddis:

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei,
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Ich dachte, man könnte etwas Ähnliches schreiben, mit mehr Corona-Bezug:

Der Virus fliegt uns aus dem Mund,
In den Lüften hallt ein Husten,
Das Geld geht aus, auch für die Kunst,
Manch einer kann nicht pfusen.

Die SBB tut nicht mehr büssen,
Es klatscht von den Balkonen,
Die Oma darf man nicht mehr küssen
aus Angst vor Aerosolen.

Viel weiter bin ich noch nicht gekommen. Teamtext? Wie findest du den Reim Husten auf Pfusen? Vertretbar in Zeiten der Krise?

Naja.

Happy Release Day übrigens! Hoffe, dein Song «Wo warst du» geht steil. Passt ja auch wieder gut zur Krise, irgendwie.

Liebe Grüsse
Fatima

Zürich, 1. Mai 2020

Zum Adressaten

Der Rapper und Spoken-Word-Poet Laurin Buser bildet mit Fatima Moumouni das Team «Zum Goldenen Schmied», gemeinsam sind sie amtierende deutsch­sprachige Poetry-Slam-Champions und touren mit ihrem Abend­programm «Gold». Busers letzte EP «Schmuck» wurde bei Samy Deluxes Label «Kunst­werkstadt» veröffentlicht. Diese Woche erscheint seine neueste Single «Wo warst du».

Zur Autorin

Fatima Moumouni ist Spoken-Word-Poetin und hat mehrere Poetry-Slam-Wett­bewerbe gewonnen. Daneben studiert sie Sozial­anthropologie an der Universität Bern. Moumouni gibt Anti-Rassismus-Work­shops an Schulen zu Sprach­betrachtung und Diskurssensibilisierung.

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