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Aber manche sind gleicher

05.05.2020

Liebe Leserinnen und Leser

Lernen alle Kinder zu Hause gleich gut wie in der Schule?

Die Politikwissenschaftlerin Valentina Petrovic meint: Nein. Die Doktorandin am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz hat uns folgenden Text geschickt, in dem sie aufzeigt, wieso Kinder aus Migrantenfamilien zu den grossen Verlierern der Corona-Krise gehören:

Seit sieben Wochen sind die öffentlichen Schulen in der Schweiz geschlossen. Auch wenn sich der Alltag seit dem 16. März für alle Familien verändert hat: Der Ausnahmezustand überfordert vor allem jene Eltern stark, die kein Deutsch sprechen und die ihre Ausbildung nicht in der Schweiz absolviert haben.

Auch wenn der digitale Unterricht im Grunde genommen funktioniert: In der Realität lösen die Kinder ihre Aufgaben in Mathematik, Deutsch, Englisch oder Französisch oft allein, ausser ihre Eltern oder Geschwister können sie unterstützen. Das ist in vielen Migrantenfamilien nicht so.

Kinder mit Migrationsgeschichte haben oft mit einer doppelten Ungleichheit zu kämpfen: Einerseits wachsen sie in ärmeren Verhältnissen auf als ihre Schulkollegen, andererseits sind ihre Eltern oft weniger gebildet oder mit dem hiesigen Schulsystem nicht vertraut. Die Schüler starten ihre Bildungskarriere von unterschiedlichen Ausgangspunkten, nicht alle verfügen über dieselben Möglichkeiten.

Die Pandemie wird diese Ungleichheit verschärfen.

Dagmar Rösler ist Zentralpräsidentin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz. Sie hat mir gesagt: «In der Tat bereitet dies den Lehrerinnen und Lehrern die grösste Sorge. Die unterschiedlichen sozioökonomischen Bedingungen der verschiedenen Familien, von denen wir Lehrer schon immer eine Ahnung hatten, treten nun in der Krise an die Oberfläche. Ich hoffe ganz stark, dass die Politik bereits angefangen hat, sich dazu Gedanken zu machen.»

Das Homeschooling wird also nicht überall die gleiche Qualität haben. Deshalb ist es wichtig, dass Ressourcen bereitgestellt werden, um Kinder aus weniger privilegierten Verhältnissen zu unterstützen. Schulen könnten zum Beispiel zusätzliche Förderstunden anbieten. Eine andere Möglichkeit wäre, dass ältere Jugendliche oder Studierende den Kindern beim Lernen helfen.

Solche Initiativen fände auch Dagmar Rösler gut: «Früher gab es in vielen Kantonen Heilpädagogen, welche Familien über längere Zeit zu Hause unterstützt haben. Die enge Begleitung hat unglaublich viel gebracht. Leider wurde dies aus Kostengründen gestrichen.»

Es braucht Vorschläge, wie das Bildungssystem die nötigen Strukturen aufbauen kann. Geschieht das nicht, wird die soziale Ungleichheit zwischen den Kindern nicht nur bestehen bleiben, sondern wegen der Pandemie noch zunehmen. In Zeiten der Krise sollten wir uns nicht nur mit Milliardenkrediten für die Unternehmen beschäftigen, sondern auch mit unserer zukünftigen Generation.

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

Die neuesten Fallzahlen: Gemäss dem Bundesamt für Gesundheit zählten die Schweiz und das Fürstentum Liechtenstein heute Morgen 30’009 positiv auf Covid-19 getestete Personen. Im Vergleich zu gestern sind das nur 28 Fälle mehr. Die Fallzahlen sinken langsam, aber sicher. Bis Mitte April kamen täglich neue Fälle in einem hohen dreistelligen Bereich dazu.

Neustes aus der Sondersession: Nach dem Nationalrat hat heute Dienstag auch der Ständerat die Corona-Notkredite in der Höhe von 57 Milliarden Schweizer Franken genehmigt. Wie bereits die grosse Kammer lehnte er alle Kürzungsbeträge ab. Ausserdem haben die eidgenössischen Räte beschlossen:

  • Geld für die Kitas: Das Parlament hat einen Millionenbetrag für Kinderkrippen bewilligt. Die Betreuungsangebote erhalten zur Bewältigung der Corona-Krise mindestens 65 Millionen Schweizer Franken vom Bund. Der genaue Betrag ist noch unklar.

  • Geld für die Fluggesellschaften: Das Parlament will die Schweizer Luftfahrt vor dem Kollaps retten. Deshalb hat es eine Staatshilfe in der Höhe von 1,275 Milliarden Franken genehmigt. Unter der Bedingung, dass keine Gelder ins Ausland abfliessen dürfen, erhalten flugnahe Betriebe wie Swissport weitere 600 Millionen Franken. Strenge Klimaauflagen, wie sie die Grünen und die SP forderten, fanden keine Mehrheit.

  • Geld für die Medien: Aufgrund der wegfallenden Werbeeinnahmen leiden die Schweizer Zeitungsverlage stark unter der Corona-Krise. Das Parlament hat deshalb entschieden, dass der Bund vorläufig die Kosten für Agenturmeldungen und Zeitungszustellung übernimmt. Zudem sprechen die Räte eine Nothilfe in der Höhe von 30 Millionen Franken für private Radio- und TV-Stationen.

Am meisten Tote in Grossbritannien: Mittlerweile sind auf den Britischen Inseln über 32’000 Menschen gestorben. Kein anderes Land in Europa verzeichnet offiziell mehr Todesfälle als Grossbritannien. Vor wenigen Tagen behauptete Premierminister Boris Johnson, das Land hätte den Höhepunkt der Pandemie überschritten. Dem widersprach das Europäische Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten am Montag: In Grossbritannien, Polen, Rumänien, Bulgarien und Schweden steige die Zahl der Neuinfektionen seit zwei Wochen mit unveränderter Geschwindigkeit an.

Milliarden für Impfstoff: Die Europäische Union hat 7,4 Milliarden Euro für die Entwicklung eines Corona-Impfstoffs gesammelt. Bei einer online geführten Geberkonferenz einigte sich die EU zusammen mit anderen Staaten und diversen Organisationen darauf, ihre Kräfte in der Entwicklung und späteren Verbreitung eines Gegenmittels zu bündeln. Gemäss Schätzungen der Vereinten Nationen wird aber das Fünffache der gesammelten Summe nötig sein, um den Stoff zu entwickeln und später auch tatsächlich Milliarden von Menschen zu impfen. Eine weitere Konferenz folgt Ende Mai.

Die (wohl) besten Coversongs gegen den Lockdown-Koller

80 Minuten täglicher Musikkonsum hätten einen positiven Einfluss auf die Gesundheit, zu diesem Schluss kommt (wenig überraschend) der französische Musikstreaming-Dienst Deezer. Dabei hilft sicherlich auch die richtige Musikauswahl. Doch aus den eigenen Hörgewohnheiten auszubrechen, das würden moderne Musikdienste immer öfter verhindern, schreibt der Kulturjournalist Tobi Müller in der Republik. Was also dagegen tun?

Wir helfen Ihnen dabei – und bauen heute drei Startrampen in die Welt eines unterschätzten Musikgenres: Coversongs.

  • Gemeinsam mit den Scary Pockets wagt sich Sänger Mario Jose an einen unter Musiksnobs höchst verpönten Titel: «Love Yourself» von Justin Bieber. Daraus kreiert er einen dreiminütigen Dreiakter mit Exposition, Konfrontation und explosionsartiger, ungemein befriedigender Auflösung.

  • Peter Bence schaffte es mit 765 Anschlägen pro Minute einmal ins «Guinnessbuch der Rekorde» als schnellster Pianist der Welt. Für Youtube stimmt er auf seinem Bösendorfer-Klavierflügel mit Verve «Africa» von Toto an.

Ausserdem entwickelt sich auch unsere Corona-Playlist zu einer überraschend angenehmen Art, neue Musik zu entdecken. Mittlerweile hat die Republik-Community auf der «Quarantäne-Playlist für karge Tage» Hunderte Songs zusammengetragen.

Frage aus der Community: Wären die meisten Patienten ohne Corona-Infektion nicht sowieso bald gestorben?

Grundsätzlich gilt immer noch: An der Corona-Infektion sterben hierzulande vor allem ältere Menschen. Seit Einführung der Covid-19-Meldepflicht in der Schweiz sind die coronabedingten Todesfälle bei den Altersklassen unter 60 Jahren sehr klein. Die allermeisten registrierten Corona-Toten waren über 80 Jahre alt. Trotzdem: Auch jüngere Menschen können schwerwiegende Krankheitsverläufe durchmachen, auch junge Menschen mussten hospitalisiert werden. Todesfälle bleiben in der Schweiz aber eine Seltenheit.

Für die Schweiz liegt keine Untersuchung vor, die eine befriedigende Antwort auf die heutige Community-Frage liefern könnte. Aber es gibt eine neue Studie aus Grossbritannien, die sich italienische und britische Daten vorgenommen hat. Die Forscher von vier schottischen Universitäten haben ausgerechnet, wie lange die an einer Corona-Infektion verstorbenen Personen ohne das Virus noch zu leben gehabt hätten, indem sie ihr Sterbealter mit der generellen Lebenserwartung verglichen haben. In ihre Berechnungen haben sie allfällige Vorerkrankungen der Patientinnen wie Krebs oder Diabetes mit einbezogen.

Das Resultat: Die verstorbenen italienischen Männer hätten im Durchschnitt noch weitere 11,1 und die Frauen 11,2 Jahre zu leben gehabt. Für Grossbritannien waren die Zahlen leicht tiefer. Die verfügbaren Daten lassen also vermuten, dass viele der Corona-Toten ohne Infektion erst bedeutend später gestorben wären. (Die Studie ist noch nicht durch den Peer-Review-Prozess gegangen, ihre Resultate sind also noch als vorläufig zu betrachten.)

Zum Schluss ein Blick nach Taiwan, wo die Baseball-Saison trotz Corona wieder gestartet ist und auf so viel Aufmerksamkeit stösst wie noch nie.

Normalerweise interessiert sich ausserhalb von Taiwan kein Mensch für die Chinese Professional Baseball League. Corona hat das schlagartig geändert. Weil kaum ein anderes Land die Pandemie so gut im Griff zu haben scheint wie Taiwan, hat die heimische Baseball-Liga als erste Profiliga weltweit bereits am 11. April ihren Spielbetrieb wieder aufgenommen. Publikum bleibt aber verboten. Damit die Zuschauerränge trotzdem nicht ganz so trostlos bleiben, haben die Clubs ihre Stadien mit Fan-Dummys aus Pappkarton und Schaufensterpuppen gefüllt. Ein Verein hat sogar eine Roboterband aufgeboten, die das Team mit Trommeln anfeuerte. Und weil Sportevents derzeit fast überall auf der Welt verboten sind, berichten plötzlich auch grosse internationale Fernsehsender über die taiwanischen Spiele.

Bleiben Sie umsichtig, bleiben Sie freundlich, bleiben Sie gesund.

Bis morgen.

Elia Blülle, Patrick Venetz und Valentina Petrovic

PS: Haben Sie Fragen und Feedback, schreiben Sie an: covid19@republik.ch.

PPS: Wir würden uns freuen, wenn Sie diesen Newsletter mit Freundinnen und Bekannten teilten. Er ist ein kostenloses Angebot der Republik.

PPPS: Als Ergänzung zu den Coversongs haben wir noch eine andere Version von «Africa» gefunden, die uns gefällt – von den Melodica Men im Elefanten- und Giraffenkostüm inszeniert.

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