Covid-19-Uhr-Newsletter

Gestrandet

29.04.2020

Liebe Leserinnen und Leser

Heute hat der Bundesrat weitere Lockdown-Lockerungen veranlasst: Ab dem 11. Mai dürfen nicht nur Museen und Restaurants, sondern auch Reisebüros wieder öffnen. Nur: Bis man wieder mit dem Zug oder dem Flugzeug in die Ferne reisen darf, wird es noch Monate dauern. Die Entwicklung deute nicht darauf hin, dass die Grenzen für Touristinnen und Touristen diesen Sommer offen sein würden, schreibt das Bundesamt für Gesundheit.

Doch was ist eigentlich, wenn man im Ausland gestrandet ist?

Der deutsche Journalist Benedict Wermter war in Malaysia auf Reisen, als die Pandemie ausbrach. Für den Covid-19-Uhr-Newsletter berichtet er von seinen absurden Erlebnissen aus dem südasiatischen Abseits:

Eigentlich war es als Urlaub geplant. Ich wollte den höchsten Berg Malaysias besteigen, den Kinabalu. Und bin Anfang März in die Stadt Kuching im Westen Borneos gereist. Ich konnte mir nicht ausmalen, dass ich eine Woche später isoliert und militärisch abgeriegelt sein würde.

Als ich in der Stadt ankomme, ist die Welt noch in Ordnung. Nur China ist wegen Corona abgeriegelt, aus Europa erreichen mich aber schon Toilettenpapier-Memes auf dem Handy. In Kuching sind ein paar Läden verrammelt, überall stehen Desinfektionsmittel auf den Theken, die Einheimischen tragen alle Masken und sagen, es sei hier ruhiger als sonst.

Was ich da noch nicht weiss: An meinem ersten Urlaubstag trinke ich das vorerst letzte Bier in Geselligkeit. Dann fahre ich mit dem Bus durch den Norden der Insel, in ein Örtchen auf halber Strecke zwischen Kuching und dem Sultanat Brunei. Schon während der Fahrt wird klar, dass Brunei dichtmacht.

Am nächsten Tag: Panik. Ich will zügig nach Kota Kinabalu reisen, genannt KK, um aus diesem Örtchen wegzukommen. Ich schaue nach Flügen. Der malaysische Premierminister verkündet derweil im Fernsehen den Lockdown; der Server der Fluggesellschaft braucht plötzlich ewig lang, während die Preise sprunghaft steigen. Nachdem ich ein Flugticket nach KK ergattert habe, rauche ich noch eine Zigarette mit dem Rezeptionisten. Er fragt mich: «What do you think about the virus?» Ich fasle etwas von der globalen Durchseuchung, aber, hey, es wird schon vorübergehen. Er zieht an seiner Zigarette. Und sagt: «I think this is the end of the world.»

Um sieben Uhr in der Früh geht der Flieger nach KK. Dort der Schock: Der erste Hotelmanager sagt, er dürfe keine Gäste mehr aufnehmen, in einem anderen Hotel wird einfach der Hörer aufgelegt. Ein Airbnb-Apartment sieht hingegen isolationstauglich aus, mit Wasserkocher und Fernseher mit tausend Internetkanälen.

Der chinesische Landlord und seine malaysische Gehilfin möchten, dass ich meine Buchung storniere und in bar einen höheren Preis bezahle. Ich willige ein und übergebe später das Geld in einem Briefumschlag an einen maskierten, langhaarigen Mann, der mich unangekündigt am Airbnb aufsucht.

Ich folge anfangs der Logik, dass eher autoritär geführte Staaten wie Malaysia mit dem Virus besser klarkommen, hier gibt es keine zwei Meinungen, nur Containment, Eindämmung. Niemand ist an diesem Tag, 18. März 2020, am ersten Tag des Lockdown in Malaysia, noch draussen. Das Land hat eine Ausgangssperre beschlossen. Während Deutschland und die Schweiz fahrig auf mich wirken.

Viele Touristen auf Borneo wollen jetzt nach Hause. Was die Reisenden in den Hostels nicht wissen: Vor ihnen liegen quälende Tage voller sinnloser Fahrten zum Flughafen und unzählige Stunden auf Stornierungsseiten von Airlines. Als ich ein Hostel abends nach einem Untergangs-Umtrunk verlasse, rast ein Polizist in Zivil auf dem Motorrad heran und brüllt mich an, ich solle zurück in den Eingang gehen, wegen «Coronavirus». Ich bestelle mir mit zitternden Händen ein Taxi über eine App. Es gibt kaum Fahrerinnen.

Ich bekomme die ersten amtlich versendeten SMS: Das Militär wird die Polizei bald unterstützen. Die Ausreise ist technisch noch möglich, aber will ich in den Emiraten stranden? Will ich mich möglicherweise in Kuala Lumpur infizieren?

Wenn ich einkaufen gehe, halten mir Türsteher die berühmten Fieberthermometer-Pistolen an den Kopf, manchmal habe ich angeblich nur 32 Grad. Und: Hier ist der Eintritt in ein Geschäft ohne Maske nicht möglich – seit Tag eins. Als ich im selben Haus in ihr Apartment umziehen möchte, wollen die Landlords wieder mehr Geld. Eine Viertelstunde später ist deren Angst grösser als die Gier. Ich soll doch ausziehen. Ich wende mich an die deutsche Botschaft. «Wir können Ihnen da nicht helfen», sagt der Mann am Botschaftstelefon. Und: «Sorgen Sie dafür, dass Ihre Kreditkarte gedeckt ist.»

Meine Hoffnung: der Schlüssel von Bekannten in Burma, die in Kota Kinabalu ein Apartment haben. Sie wollen helfen, der Schlüssel sei unterwegs. Hoffentlich kommt er an, bevor mein Mietverhältnis endet.

In der zweiten Woche geht gefühlt fast nichts mehr. Und ich habe ein noch grösseres Problem: Mein Visum läuft Mitte April aus, meine Krankenversicherung Ende April. Je weniger Flugverbindungen, desto besser für meine Argumentationslinie, denke ich mir.

In den sozialen Netzwerken kursiert fast nur blanker Unsinn: In einem Video aus Indonesien erklärt ein sprechendes Baby, wer mitten in der Nacht Eier esse, würde immun gegen das Virus. Seither stürzen sich einige Indonesier und Malaien auf Eier wie Schweizer auf Klopapier. Malaysische Fernsehsender zeigen jetzt immer wieder Bilder von Verhafteten, die einen Hoax erstellt oder geteilt haben. Das malaysische Gesundheitsministerium warnt erneut per SMS: Wer einen Hoax verbreitet, wird verfolgt.

Am 1. April eine Nachricht: Der Lockdown wird bis Anfang Mai dauern. Dann Entwarnung: April, April. Die Tage ziehen sich jetzt wie Kaugummi.

In der dritten Woche kommt der Schlüssel für das andere Apartment tatsächlich an. Und über eine Hotline der Einwanderungsbehörde erfahre ich, mein Visum wird ausgesetzt. Die Krankenversicherung wird wohl eine Verlängerung des Schutzes erlauben. Die Sorgen lassen nach. Geld kommt immer noch aus dem Automaten, die Supermärkte halten durch, nur Masken und Desinfektionsmittel gibt es selten.

Dann sehe ich, dass die Polizei eine Verräter-Hotline eingerichtet hat: Wer Menschen beobachtet, die sich grundlos draussen aufhalten, soll anrufen. Eine andere amtlich verschickte SMS fordert mich auf, Bekannte nicht per Handschlag zu grüssen. Das Gesundheitsministerium empfiehlt stattdessen ein: «Namaste.»

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

Die neuesten Fallzahlen: Gemäss dem Bundesamt für Gesundheit zählen die Schweiz und das Fürstentum Liechtenstein heute Morgen 29’407 positiv auf Covid-19 getestete Personen. Bis Anfang April kamen täglich neue Fälle im vierstelligen Bereich dazu. Mittlerweile liegt die Zahl bei knapp über 100. Die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19 liegt bei 1408.

Weitere Öffnungen ab dem 11. Mai: Der Bundesrat hat neue Lockerungen bekannt gegeben. Ab Montag, 11. Mai, dürfen Läden, Restaurants, Museen und Bibliotheken wieder öffnen. Unterricht vor Ort ist in den Primar- und Sekundarschulen wieder erlaubt. Vereine im Spitzen- und Breitensport dürfen wieder trainieren. Der öffentliche Verkehr kehrt zum ordentlichen Fahrplan zurück. Auch die Einreisebeschränkungen werden schrittweise gelockert: Unter anderem soll dann für Schweizer und EU-Bürger der Familiennachzug in die Schweiz wieder möglich sein. Die Grenzkontrollen bleiben aber bestehen.

Grossveranstaltungen bleiben verboten: Bis Ende August dürfen keine Events mit mehr als 1000 Personen durchgeführt werden. An Grossveranstaltungen ist laut Bundesrat das Übertragungsrisiko stark erhöht und die Rückverfolgung einer Ansteckung nicht möglich. Noch vor den Sommerferien will die Regierung die Lage aber neu beurteilen. Wie es mit kleineren Veranstaltungen mit weniger als 1000 Personen weitergehen soll, entscheidet der Bundesrat am 27. Mai.

Keine schriftlichen Maturitätsprüfungen: Die kantonalen Gymnasien können dieses Jahr auf schriftliche Maturitätsprüfungen verzichten. Das hatten die Erziehungsdirektoren der Kantone gefordert, und der Bundesrat ist nun dieser Forderung gefolgt. Die Kantone hatten bereits entschieden, dieses Jahr keine mündlichen Prüfungen durchzuführen. Auch die Berufsmaturanden werden dieses Jahr keine schriftlichen Prüfungen durchführen. Stattdessen sollen die Erfahrungsnoten die Maturität bescheinigen.

Finanzielle Garantien für Airlines: Der Bund wird sich nicht finanziell an Swiss und Edelweiss beteiligen. Er will den Unternehmen jedoch Garantien in Höhe von insgesamt maximal 1,275 Milliarden Franken sichern. Das Geld sollen die Fluggesellschaften in Form von «Covid-plus-Krediten» (Zinssatz 0,5 Prozent) bei den Banken beziehen. Die Garantien muss das Parlament noch absegnen.

Nächste Volksabstimmungen im September: Der Bundesrat hat entschieden, dass die nächsten Abstimmungen am 27. September stattfinden sollen. Abgestimmt wird dann über fünf eidgenössische Vorlagen: die Begrenzungsinitiative, das Jagdgesetz, die Steuerabzüge für Kinder, den Vaterschaftsurlaub und die Beschaffung neuer Kampfflugzeuge. Der Fristenstillstand gilt noch bis zum 31. Mai. Bis dahin sind die Sammel- und Behandlungsfristen für sämtliche Volksinitiativen sowie die Sammelfristen von zwei fakultativen Referenden auf Eis gelegt.

Die besten Tipps und Interviews

«Immer wieder heisst es in diesen Tagen: Forscher seien sich uneins und änderten ständig ihre Meinung.» Das schreiben die beiden «Zeit»-Autoren Florian Schumann und Jakob Simmank in einer lesenswerten Analyse. So warf der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet der Wissenschaft vor, sie wisse selbst nicht so genau, was sie eigentlich wolle. Hat er recht? Nein, meinen die beiden Wissenschaftsjournalisten.

Ihre wichtigsten Argumente:

  • Unsicherheiten gehören dazu: «Forschung lebt davon, Widersprüchliches oder scheinbar Widersprüchliches zu produzieren, Experimente zu wiederholen, Ergebnisse wieder und wieder zu prüfen und zu hinterfragen. Dass zwei Beobachtungen nicht so recht zusammenpassen, ist einem guten Wissenschaftler Antrieb, weiterzuforschen. In der Forschung werden Theorien entworfen und verworfen.»

  • Es gibt einen wissenschaftlichen Konsens: «Dass sich alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in einer Frage einig sind, ist eigentlich nie der Fall. Der eine legt Studien auf eine bestimmte Art und Weise aus, die andere ein wenig anders. Die eine gewichtet einen bestimmten Zweifel stärker, der andere weniger. Und doch schält sich in vielen Fällen so etwas wie ein Konsens heraus. Auch beim neuen Coronavirus.»

  • Wissenschaftler sind Spezialisten, keine Alleswisser: «Forscherinnen [müssen] auch klarmachen, wenn eine Frage über ihre Expertise hinausgeht. Viele Wissenschaftler praktizieren das gerade, unter anderem Christian Drosten. Der Virologe forscht seit Jahren an Coronaviren und kann grundsätzliche Fragen dazu mühelos beantworten. Gleichzeitig kennt er sich aber auch in angrenzenden Feldern wie der Forschung nach Impfstoffen gut aus. Trotzdem macht Drosten immer wieder transparent, dass er bei diesem und jenem Thema eben kein Fachmann sei.»

  • Meinungswechsel sind ein Qualitätsmerkmal: «Einen falschen Experten erkennt man […] nicht daran, dass er seine Einschätzung zu bestimmten Themen ändert. Ganz im Gegenteil: Wenn der Umschwung gut begründet ist, dann macht gerade das die Qualität eines Forschers aus.»

Ausserdem empfehlen wir zwei Interviews aus dem Republik-Programm:

  • CH-Media-Besitzer Peter Wanner ist einer der wichtigsten Schweizer Verleger. Er erzählt im Gespräch, warum er durch die Pandemie bereits mehr als 10 Millionen Franken verloren hat, und sagt: «Wenn die Situation zwölf Monate so weiterginge – ja, dann ginge es ans ‹Läbige›.»

Zum Schluss ein Blick nach Deutschland, wo die Regierung jetzt einen Weg gefunden hat, Kunstschaffenden zu helfen

Für die Kultur sieht es düster aus. Es wird wohl noch lange Zeit nicht absehbar sein, wann Musiker, Komikerinnen und Theaterschauspieler wieder vor Publikum auftreten dürfen. Die deutsche Regierung hat nun ein Hilfspaket geschnürt, das eine Entlastung bringt. So werden Kunstschaffenden, deren Auftritte wegen der Corona-Pandemie abgesagt wurden, bis zu 60 Prozent der Gage als Ausfallhonorar bezahlt. Das hat CDU-Politikerin Monika Grütters, Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, heute mitgeteilt. Die Regel gilt zwar nur für Auftritte in Institutionen, die vom Staat gefördert werden, aber das sind nicht wenige. Und es dürften in erster Linie jene davon profitieren, die es auch am nötigsten haben: die Kleinen. Denn der Staat wird nur Honorare bis maximal 2500 Euro vergüten. Grossverdiener fallen weg.

Die Schweiz geht übrigens einen anderen Weg. Der Bund gewährt seit Anfang April eine Nothilfe von höchstens 196 Franken pro Tag. Alternativ können Kunstschaffende in ihren Kantonen einen Erwerbsausfall geltend machen, der maximal 80 Prozent des verursachten Schadens deckt.

Bleiben Sie umsichtig, bleiben Sie freundlich, bleiben Sie gesund.

Bis morgen.

Philipp Albrecht und Elia Blülle

PS: Haben Sie Fragen und Feedback, schreiben Sie an: covid19@republik.ch.

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PPPS: Der Kanton St. Gallen hat bisher darauf bestanden, dass seine Gymnasiasten trotz Pandemie eine schriftliche Maturaprüfung ablegen. Deshalb hat die Kantonsschule Wil schon einmal über die Modalitäten informiert und die Schülerinnen darauf hingewiesen, für die Prüfung unbedingt einen Stift zu verwenden, dessen Schrift hitzebeständig sei. Der Grund: Vor der Korrektur will die Kanti die Prüfungen «im Backofen bei 70 Grad Celsius keimfrei» machen. Die Floskel «frisch gebackene Maturandin» bekommt damit eine ganz neue Bedeutung.

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