Im Menschengewimmel von Chandni Chowk, dem Herzen von Old Delhi.

Das wahre neue Indien

Wirtschaftsfreundlich und modern: So verkauft der indische Premierminister Narendra Modi sein «neues Indien» in Europa und den USA. Doch eine muslimische Journalistin deckt auf, wie verstrickt der Staat in Gräueltaten an Muslimen ist.

Eine Reportage von Dexter Filkins (Text), Sarah Fuhrmann (Übersetzung) und Helmut Wachter (Bilder), 24.04.2020

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Wütende Mobs, die durch die Strassen marodieren, sie schreien: «Metzelt die Muslime nieder!» – und tun es dann auch. Und der heutige Premierminister Indiens, der 2002 als Chief Minister des Bundesstaats Gujarat bestätigt wird, obwohl er nicht nur wegschaut, sondern die Stimmung gegen Muslime selber anheizt: «Wenn wir die Selbst­achtung und die Moral von 50 Millionen Einwohnern Gujarats stärken, können uns die Pläne der Alis, Malis und Jamalis nichts anhaben.» Warum ist Narendra Modi damit so erfolgreich?

Viele Beobachter leiten Modis Erfolg aus seiner Bereitschaft ab, mit tiefsitzenden Ressentiments zu spielen, die jahrzehnte­lang als nicht salon­fähig galten. Obwohl viele Muslime in Indien ärmer waren als andere Staats­bürger, waren viele Hindus der Meinung, diese würden von der zentralen Regierung bevorzugt. Im privaten Umfeld lästerten viele Hindus, die Muslime hätten zu viele Kinder und unterstützten den Terrorismus.

Durch das Gandhi-Nehru-Experiment, dem Versuch eines säkularen Staats, hatten sich viele Muslime in Indien aussergewöhnlich sicher gefühlt, und auch deshalb radikalisierten sich nur sehr wenige ausserhalb von Kaschmir. Trotzdem sahen viele Hindus sie als ständige Bedrohung.

«Modi wurde zum Helden für alle Hindus», sagte mir Nirjhari Sinha, eine Wissenschaftlerin in Gujarat, die die Unruhen untersucht hatte. «Das erzählen mir Leute bei Partys, bei Abend­essen. Die Leute glauben tatsächlich, dass Muslime Terroristen sind – und dass es Modis Verdienst ist, dass die Muslime endlich unter Kontrolle sind.»

Zur Reportageserie

Brennende Moscheen, Pogrome gegen Muslime, radikal-hinduistische Gruppen, die den Staat unterwandern: Was ist los im «neuen Indien» von Premierminister Narendra Modi? Übersicht aller Folgen der dreiteiligen Serie «Blut und Boden».

Gegen die Hindunationalisten

Rana Ayyubs Vater Waqif hatte 1993 ein Buch über die Aufstände geschrieben, die nach der Zerstörung der Moschee Babri Masjid in der Stadt Ayodhya auch in Mumbai um sich griffen. Er gab ihm den Titel «Ich bin am Leben» – seine übliche Antwort, wenn Freunde ihn während der Unruhen gefragt hatten, wie es ihm geht. Als seine Tochter ins Auge fasste, Journalistin zu werden, zeigte sie eine ähnlich kämpferische Einstellung. «In meiner Kindheit sagten alle, ‹Sie ist ein schwaches Kind›», erzählte sie mir. «Es ist, als müsste ich allen beweisen: Nein, das bin ich nicht.»

Zuerst wollte sie etwas verändern, indem sie in den Staats­dienst eintrat. Aber sie erzählte: «Die Leute sagten mir, ‹Als Polizei­beamtin kannst du auf keinen Fall etwas tun, weil du immer Polizisten und korrupten Politikern unterstehst›.» Nachdem sie das Sophia College in Mumbai mit einem Abschluss in englischer Literatur beendet hatte, nahm Ayyub verschiedene Jobs als Journalistin bei Websites und einem TV-Sender an, bevor sie schliesslich bei einer Zeitschrift namens «Tehelka» landete.

«Tehelka» erschien auf Englisch, hatte zwar nur eine kleine Auflage, aber einen über­durchschnittlich guten Ruf für knall­harte Recherchen. Ayyub mochte die Arbeit, schrieb Beiträge über Polizei­morde und über eine Schmuggler­bande, die von Funktionären in Mumbai betrieben wurde. «Ich versuchte, den Menschen zu helfen», sagte sie mir. «Ich versuchte, herauszufinden, was geschah, und ich fühlte mich dadurch besser.»

Der Fall des engsten Beraters

2010 brachte Ayyub mit einer Reihe von Titel­geschichten für «Tehelka» Modis engsten Berater, Amit Shah, mit einem aufsehen­erregenden Verbrechen in Verbindung. Shah war der Sprössling einer Familie aus einer hohen Kaste. Er hatte eine Ausbildung als Biochemiker, tat sich jedoch als politischer Taktiker hervor. Der ehemalige Präsident des Schach­verbands von Gujarat hatte Modi zweimal zur Wahl zum Minister­präsidenten von Gujarat verholfen; Jahre später, 2019, wurde er indischer Innen­minister.

Rana Ayyub untersuchte einen Fall, der fünf Jahre zurücklag: 2005 erklärte die Polizei in Gujarat, sie habe einen mutmasslichen Terroristen erschossen, den Pakistan entsandt habe, um Narendra Modi, Premier­minister des Bundes­staats, zu ermorden. In politischen und journalistischen Kreisen wurde die Mitteilung mit Skepsis aufgenommen. Gerüchte hatten die Runde gemacht, dass die Polizei Kriminelle ermordete und dann vorgab, es habe sich um muslimische Attentäter gehandelt, die sie heldenhaft gestoppt hätten, bevor sie Modi erreichten. Gut informierte Inder verspotteten solche Behauptungen als «Fake-Zusammen­stösse», aber bei den Einwohnern von Gujarat, die durch die Ausschreitungen beunruhigt waren, trugen sie dazu bei, Narendra Modis Ruf als Verteidiger der Hindus zu verbessern.

Es stellte sich heraus, dass der angebliche Attentäter, ein einheimischer Erpresser namens Sohrabuddin Sheikh, keine Vorgeschichte im Zusammen­hang mit islamistischer Militanz hatte. Bald fanden die Bundes­ermittler heraus, dass er von der Polizei ermordet worden war. Es gab Zeugen, unter anderem Sheikhs Frau und einen kriminellen Komplizen. Ein paar Tage nach dem Mord jedoch wurde seine Frau ermordet und die Leiche verbrannt. Der Komplize wurde ein Jahr später in Polizei­gewahrsam getötet.

Ayyub glaubte nicht, dass die letzte Verantwortung bei der Polizei lag. «Ich schaute mir nie die Festnahmen an, fokussierte nicht auf die Leute, die schiessen», sagte sie mir. «Ich suchte nach den Hinter­männern.»

In Sarina Kalam, einem Teil der Altstadt von Delhi.

Eine ihrer Quellen, ein Polizei­beamter, deutete an, Modis Berater Amit Shah habe mit dem Fall zu tun. Ayyub traf den Beamten zum ersten Mal in einem abgelegenen Haus auf dem Land. «Er konnte sehen, wie meine Hände zitterten», sagte sie. «Er sagte, ‹Wenn du diese Geschichte bringen willst, dann musst du aufhören zu zittern›.» Als sie sich das nächste Mal trafen – auf einem Friedhof, um 3 Uhr nachts, Ayyub mit einer Burka verkleidet –, gab er ihr eine in einem Blumen­strauss versteckte CD. Darauf waren Amit Shahs Telefon­daten aus sechs Jahren gespeichert, einschliesslich der Zeiten und Orte seiner Anrufe.

Mithilfe dieser Daten konnte Rana Ayyub aufzeigen, dass Amit Shah und die drei Beamten, die mutmasslich Sheikhs Komplizen ermordet hatten, vor und nach dem Mord ausgiebigen Kontakt miteinander gehabt hatten. Ihr Bericht lieferte ausserdem eine Erklärung für Shahs Motiv: Ein Polizei­beamter hatte ihr erzählt, dass die ermordeten Kriminellen «etwas wussten, das für den Minister belastend gewesen wäre».

Rana Ayyub war nicht die erste Journalistin, die in diesem Fall ein Fehl­verhalten der Behörden offenlegte, aber ihre Beweise im Fall Shah waren brisant. Bundes­beamte baten sie um eine Kopie von Shahs Telefon­daten, und sie kam dem Wunsch nach. Wenige Wochen später wurde Shah festgenommen und wegen Mordes und Erpressung angeklagt; angeblich war er in dieselben illegalen Geschäfte verwickelt gewesen wie Sheikh. (Shahs Sprecher bestritt dessen Tatbeteiligung und sagte: «Shah wurde aus rein politischen Erwägungen dieser Straftat angeklagt.») Die Bundes­polizei stellte schliesslich 38 weitere Menschen unter Anklage, darunter Gujarats obersten Polizei­funktionär, den früheren Innen­minister des Bundes­staats Rajasthan und mehr als 20 Polizisten, von denen man vermutete, dass sie an den Morden beteiligt waren.

In Erklärungsnot: Amit Shah (braunes Hemd) auf dem Weg zu einer Pressekonferenz im Zusammenhang mit seiner angeblichen Verwicklung bei der Tötung von Sohrabuddin Sheikh (Juli 2010). Sam Panthaky/AFP Photo

Am Morgen von Shahs Festnahme wachte Ayyub auf und sah, dass ihre Reportage die Nachricht des Tages war. Ein bekannter Fernseh­moderator las einen ihrer Artikel in voller Länge im Fernsehen vor. «Ich war nur eine 26-jährige muslimische Frau», sagte sie. «Ich hatte das Gefühl, dass die Leute endlich sehen, was ich kann.» Ihre Recherche löste zusammen mit anderen Geschichten eine Reihe von offiziellen Ermittlungen gegen die Polizei von Gujarat aus, die man verdächtigte, mehr als 20 Menschen bei sogenannten Fake-Zusammenstössen umgebracht zu haben.

Aber Ayyub war überzeugt, dass auch Shah nicht die Nummer eins war. Ihre Quelle hatte ihr gesagt, dass die Polizei unter sehr grossem Druck stand, die Ermittlung zu verzögern und Akten vor den Bundes­beamten zu verstecken – was darauf hinwies, dass jemand Mächtiges versuchte, den Fall unter den Teppich zu kehren. Die Überschrift einer ihrer Artikel lautete: «Warum schützt Narendra Modi Amit Shah?»

Trotz der Beweise, die sich rund um Modi ansammelten, wurde dieser nur stärker. Immer öfter wurde er als Kandidat für ein nationales Amt gehandelt. Als er 2007 zur Wiederwahl als Minister­präsident des Bundesstaats Gujarat kandidierte, forderte er Mitglieder der Kongress­partei spöttisch heraus, ihn doch zu verfolgen. «Die Leute von der Kongress­partei sagen, dass Narendra Modi ‹Zusammenstösse› fördert – sie sagen, dass Modi Sohrabuddin Sheikh getötet hat», sagte er zu einer Gruppe von Unterstützern. «Sagt ihr mir, was ich mit Sohrabuddin tun sollte?»

«Töten!», brüllte die Menge. «Ihn töten!»

Verdeckte Recherchen

Wenige Wochen nach Shahs Festnahme hatte Ayyub eine Idee für einen neuen Artikel: «Wenn ich Shah nachspüren kann, warum nicht auch Modi?» Sie sagte ihren Herausgebern bei «Tehelka», dass sie Modi viel schwererer Verbrechen verdächtigte, als bisher berichtet wurde. Wenn sie verdeckt recherchieren würde, erläuterte sie, könnte sie sich in seinen inneren Kreis einschleichen und die Wahrheit herausbekommen.

Verdeckte Recherchen sind ein verbreitetes journalistisches Mittel in Indien. So schickte «Tehelka» im Jahr 2000 einen ehemaligen Kricket­spieler mit einer versteckten Kamera los, um die weitverbreitete Spiel­manipulation und Bestechung im Sport offenzulegen. Im selben Jahr gaben sich zwei Reporter als Vertreter einer fiktiven Firma aus, die dem Verteidigungs­ministerium Infrarot­kameras zum Verkauf anboten. 36 Funktionäre nahmen Bestechungs­gelder an, der Verteidigungs­minister trat zurück.

Der damalige «Tehelka»-Chefredaktor Tarun Tejpal sagte mir, er habe verdeckte Recherchen nur autorisiert, wenn es keinen anderen Weg gab, an die Geschichte heranzukommen. Zu diesem Fall sagte er: «Modi und Shah waren unantastbar. Die Wahrheit wäre nie ans Licht gekommen.» Er gab Rana Ayyub grünes Licht.

Ayyub erfand eine raffinierte Tarnung, um bei Gujarats politischem Establishment Eindruck zu schinden. «Inder haben eine Schwäche dafür, in Amerika bekannt zu werden», sagte sie. «Sie finden die Vorstellung unwiderstehlich, in den Staaten berühmt zu werden.» Ayyub wurde also zu Maithili Tyagi, einer indisch-amerikanischen Studentin am American Film Institute Conservatory in Los Angeles, die Indien besucht, um einen Dokumentar­film zu drehen. Sie erfand eine Geschichte über ihre Familie und sagte, ihr Vater sei Professor für Sanskrit und Anhänger hindu­nationalistischer Vorstellungen. Ayyub glättete ihr lockiges Haar und steckte es zu einem Knoten auf. Sie übte einen amerikanischen Akzent und stellte – um ihre Glaubwürdig­keit zu unterstützen – einen französischen Assistenten an, den sie Mike nannte. Nur ihre Eltern wussten, was sie tat; sie hielt über ein separates Telefon Kontakt zu ihnen.

Im Herbst 2010 mietete Ayyub ein winziges Zimmer in Ahmedabad, der fünftgrössten Stadt Indiens und dem eigentlichen Zentrum vom Gujarat, auch wenn Gandhinagar offiziell die Hauptstadt des Bundesstaates ist. Acht Monate lang schmeichelte sie sich bei der lokalen Elite ein und erzählte, dass sich ihr Film auf die Menschen in Gujarat konzentrieren würde, die in Modis Amtszeit Erfolge zu verzeichnen gehabt hatten. «Modis grösste Unter­stützung kommt von Gujarat-Amerikanern», erzählte sie mir. «Ich sagte, ich wolle die einfluss­reichsten Menschen treffen, die mir die Geschichte des Bundesstaates erzählen können – die mir das Geheimnis dessen verraten, was Mr. Modi in den vergangenen 15 Jahren erreicht hat.»

Zuerst tauchten Ayyub und ihr «Assistent» Mike nur bei unpolitischen, gesellschaftlichen Veranstaltungen auf, damit sich die Einheimischen daran gewöhnten, sie zu sehen. Mit der Zeit fing sie an, versteckte Kameras und Mikrofone zu tragen – in ihrer Uhr, in ihrer Kurta, in ihrem Handy. (Als sie die Minikameras in einem Spionage­laden in Delhi gekauft hatte, hatte sie dem Verkäufer erzählt, sie wolle einen untreuen Ehemann überführen.)

Fast überall war Ayyub willkommen. Sie machte entlarvende Aufnahmen von höheren Funktionären in Gujarat, von denen einige Modi und Shah direkt der Verbrechen beschuldigten. Sogar Modi stimmte zu, sie für eine kurze Unterhaltung in seinem Büro zu empfangen, wo seine Angestellten ihr Biografien über ihn anboten. Modi zeigte ihr Exemplare von Barack Obamas Büchern. «Er sagte, ‹Maithili, schau Dir das an. Eines Tages will ich wie er werden›», erinnerte sie sich. Ihr fiel seine Gerissenheit auf. «Ich dachte, Modi würde entweder Premier­minister werden oder im Gefängnis landen.»

Warum wird die Recherche gestoppt?

Rana Ayyub zeigte ihr Recherche­material dem damaligen Chefredaktor. Nachdem er die Abschriften gelesen hatte, entschied er sich gegen die Veröffentlichung des Artikels. Es handelte sich hauptsächlich um Gespräche unter Funktionären, die andere anklagten – oft Modi und Shah. Tejpal sagte mir gegenüber, dass er Leute brauche, die ihre eigenen Verbrechen gestehen. «Die grund­legende Regel einer verdeckten Recherche ist, dass die Tarnung nichts taugt, wenn eine Person sich nicht selbst beschuldigt», sagte er. «Wenn du zu mir kommst und sagst, ‹Ich habe mit jemandem gesprochen, und er hat mir gesagt, dass Tom, Dick und Harry Mistkerle sind, und er weiss, dass Tom Geld von Soundso nimmt, und Harry hat echt Soundso übers Ohr gehauen›, dann bedeutet das nichts. Das ist nur leeres Gerede.»

Ayyub dagegen war überzeugt, dass sich Tejpal dem Druck von Modis Bharatiya Janata Party (BJP) gebeugt hatte. «Er ist eingeknickt», erzählte sie mir. «Ich war in Modis und Shahs innerem Kreis, so nah, wie man nur herankommen kann.» (Tejpal dementierte diesen Vorwurf, und andere Redaktoren unterstützten ihn darin.)

Entschlossen, ihre Geschichte doch noch zu publizieren, schrieb Ayyub den Entwurf zu einem Buch und bot es englisch­sprachigen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen an. Alle lehnten das Angebot ab. Manche sagten, das Buch sei zu voreingenommen, die meisten wandten ein, dass sie wegen Ayyubs Methoden eine Anklage riskieren würden. Einige Verleger sagten mir später unter vier Augen, sie fänden, Ayyubs Werk sei enthüllend – aber dass es unmöglich sei, es zu veröffentlichen. «Wir wollten einen Auszug aus ihrem Buch als Leitartikel unserer Zeitschrift drucken, aber es sprach sich herum, und wir erhielten Anrufe», sagte Krishna Prasad, der damalige Chefredaktor des indischen Nachrichten­magazins «Outlook». «Wir konnten es einfach nicht machen.»

Devotionalienmarkt vor der Jama-Masjid-Moschee in Delhi.

Im Jahr 2012 war Narendra Modi zum bekanntesten BJP-Führer des Landes geworden, und seine Kandidatur als Premier­minister Indiens schien wahrscheinlich. «Alle wussten, dass die Stunde geschlagen hatte», sagte Rana Ayyub. «Modi würde gewinnen, und niemand wollte es sich mit ihm verscherzen.» Ayyub versuchte weiterhin, einen Verleger zu finden, aber nichts tat sich. Sie erzählte mir, dass sie in eine tiefe Depression gefallen und in den nächsten vier Jahren auf Antidepressiva angewiesen war. 2013 wurde Tejpal, ihr Chefredaktor bei «Tehelka», wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt und verbrachte sieben Monate im Gefängnis, bevor er auf Kaution freikam. (Er beteuert seine Unschuld, der Fall ist noch nicht abgeschlossen.) Die Zeitschrift brach mehr oder weniger zusammen. «Ich dachte, das wäre das Ende», sagte Ayyub.

Modi, der Anti-Gandhi

Als Narendra Modi im Herbst 2013 seinen Wahlkampf für das Amt des Premier­ministers Indiens begann, vermarktete er sich nicht als kämpfender Nationalist, sondern als meister­hafter Manager, als Visionär, der für den wirtschaftlichen Boom in Gujarat verantwortlich war. Sein Wahlkampf­slogan war «Die guten Tage kommen».

Ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass Gujarats Wirtschaft während seiner Amtszeit nicht schneller gewachsen war als in den Jahren davor – das beschleunigte Wachstum war laut dem damaligen «Outlook»-Chefredaktor Krishna Prasad «eine abenteuerliche Erfindung». Trotzdem überfluteten viele von Indiens grössten Firmen seinen Wahlkampf mit Spenden.

Was Modi half, war der weitverbreitete Eindruck der Öffentlichkeit, die Kongress­partei, die den grössten Teil der vergangenen 50 Jahre regiert hatte, sei arrogant und korrupt geworden. Die Selbst­gefälligkeit wurde durch die Gandhi-Familie verkörpert, deren Mitglieder die Partei beherrschten, die aber reserviert und realitäts­fremd wirkten. Indische Medien gaben Rahul Gandhi, dem Führer der Partei (und Jawaharlal Nehrus Urenkel), den Beinamen reluctant prince, «zögerlicher Prinz».

Nur noch die Namen erinnern an die grosse Vergangenheit: Sonia Gandhi und Rahul Gandhi am Grab von Jawaharlal Nehru. Raj K Raj/Hindustan Times/Getty Images

Im Gegensatz dazu waren Modi und sein Team diszipliniert, konzentriert und zugänglich. «Die Gandhis liessen Minister­präsidenten der Bundes­staaten, die durch das ganze Land gereist waren, um sie zu treffen, tagelang warten – es war ihnen egal», sagte mir ein indischer Politik­kommentator, der sowohl die Gandhis als auch Modi kennengelernt hat. «Modis Leute liessen einen nicht warten.» Während sich die Führer der Kongress­partei oft benahmen, als stünde ihnen die Herrschaft zu, präsentierten sich die BJP-Führer als asketisch, engagiert und unbestechlich. Modi, von dem man sagt, er mache jeden Tag mehrere Stunden Yoga, trug meistens einfache Kurtas, und enge Familien­mitglieder von ihm arbeiteten in einfachen Jobs und bekleideten auffällig selten ein höheres Regierungs­amt. Was immer man ihm nachsagte, materielle Gier konnte man Modi nicht vorwerfen.

Erfrischend modern

Die BJP gewann bei der nationalen Parlaments­wahl 2014 mit 31,1 Prozent der Stimmen und 51,9 Prozent der Sitze die Mehrheit und machte Modi zum Chef der regierenden Koalition. Als Premier­minister Indiens überraschte er viele Inder damit, dass er Leute dazu brachte, Probleme anzugehen, die vergessen worden waren. Eines war das öffentliche Defäkieren, eine Hauptursache für Krankheiten in ganz Indien. Bei einer frühen Rede in Delhi verkündete er ein landes­weites Programm, um in jeder Schule eine öffentliche Toilette zu installieren – eine einfache Verbesserung, die viele Inder zufrieden­stellte, selbst jene, die sich eine Toilette im Haus leisten konnten.

Modi sprach auch eine Reihe von Gruppen­vergewaltigungen an, die ein grosses mediales Aufsehen erreicht hatten, und bediente sich dabei einer erfrischend modernen Haltung. «Eltern stellen ihren Töchtern Hunderte von Fragen», sagte er. «Aber haben sie gewagt, ihre Söhne zu fragen, wohin sie gehen?»

Die Rede war prägend für Narendra Modis erste Amtszeit als Premier­minister – oder zumindest für einen Teil davon.

Als junger «Pracharak» – Fusssoldat der radikalen Hindu­organisation RSS – hatte er ein Keuschheits­gelübde abgelegt, und er liess in der Öffentlichkeit keine Absicht erkennen, dieses zu brechen. Unbeschwert von familiären Verpflichtungen arbeitete er ununterbrochen. Menschen, die ihn sahen, sagten, er strahle eine Kraft aus, die seine sonst einsame Existenz zu kompensieren schien. «Wenn man eine solche Macht hat, eine solche Bewunderung, braucht man keine Liebes­affären», erklärte mir der oben bereits erwähnte indische Polit­kommentator. In Gujarat hatte sich Modi auf teure Projekte konzentriert, Autobauer umworben und Elektrizität in die Dörfer gebracht. Als Premier­minister führte er eine beeindruckende Reform des Konkurs­rechts ein und begann ein mehrere Milliarden Dollar teures Strassenbau­projekt.

Modis Bemühungen, sein Image zu ändern, waren auch im Westen erfolgreich. Die Liste euphorischer Zeitungs­kommentare, die seine Betonung von Markt und Leistung feierten, ist lang.

Darüber hinaus appellierte Modi an ein riesiges Netzwerk von Indisch-Amerikanern, die den Umstand bejubelten, dass er Indien erfolgreich auf die Weltbühne befördert hatte. Die Obama-Regierung strich stillschweigend das Visum­verbot für indische Staatsbürger. Als Modi kurz nach seinem Amtsantritt Barack Obama traf, besuchten die beiden die Gedenkstätte für Martin Luther King Jr., einen Mann, den Modi angeblich bewunderte. Während seines Aufenthalts traf Modi Obama zum Abendessen, aber er stellte die Köche im Weissen Haus vor ein Dilemma: Er fastete wegen des Hindufests Navaratri. Beim Dinner trank er nur Wasser.

Grosse Figuren unter sich: Narendra Modi und Barack Obama besuchen das Martin Luther King Memorial in Washington (2014). Alex Wong/Getty Images

Der indische Politkommentator, der Modi während seiner ersten Amtszeit getroffen hatte, sagte mir unter vier Augen, dass der Premier­minister angestrengt und neugierig gewirkt habe, aber nicht rastlos; er habe Witze über die Affen gemacht, die seinen Garten plünderten und fröhlich über Details der Projekte gesprochen, denen seine Aufmerksamkeit galt. Das Hauptprojekt war Wasser: Indiens Grundwasser­reserven schwanden rasch dahin (sie sind in den vergangenen zehn Jahren um 61 Prozent gesunken), und Modi versuchte, sich auf eine Zukunft vorzubereiten, in der das Land austrocknen könnte. Während des Treffens präsentierte er auch eine ausführliche Liste von Ländern, die Angehörige verschiedener Berufs­gruppen brauchten – Anwältinnen, Ingenieure, Ärztinnen –, die Indien mit seinen vielen Absolventen bereitstellen konnte. «Er ist intelligent, sehr konzentriert», sagte der Kommentator. «Und ja, ein wenig puritanisch.»

Der Aufstieg der Nummer zwei

Nicht lange nachdem Narendra Modi an die Macht gekommen war, kam der Sohrabuddin-Sheikh-Fall, in den sein alter Freund Amit Shah verwickelt war, zum Stillstand. 2014 hatte Shah praktisch aufgehört, zu Verhandlungen zu erscheinen. Als der Richter Shahs Erscheinen anordnete, wurde ihm der Fall entzogen – unter Missachtung des Obersten Gerichts.

Der neue Richter, Brijgopal Loya, beschwerte sich ebenfalls darüber, dass Shah nicht bei Gericht erschien. Er erzählte seiner Familie und seinen Freunden, dass er unter «grossem Druck» stehe, den Fall abzuweisen, und dass der oberste Richter des Bombay High Court ihm 16 Millionen Dollar angeboten hätte, damit er ihn versenke. (Der oberste Richter war nicht für einen Kommentar zu erreichen.) Loya starb nicht viel später im Alter von 48 Jahren unter mysteriösen Umständen. Im Bericht des Gerichts­mediziners steht, er habe einen Herzinfarkt erlitten, aber laut dem «Caravan», einem führenden indischen Nachrichten­magazin, waren Details des Berichts offensichtlich verfälscht worden. Die Vorkehrungen, um Loyas Leiche zu seiner Familie zurückzubringen, wurden nicht von Regierungs­beamten getroffen, sondern von einem Mitglied der RSS; der Leichnam war blutverschmiert. Loyas Familie forderte eine offizielle Untersuchung seines Todes – vergeblich.

Shahs Fall wurde einem dritten Richter übergeben, M. B. Gosavi, der nach weniger als einem Monat alle Anklagen abwies und sagte, er habe «keine triftige Begründung gefunden, um den Fall weiter zu bearbeiten». Weitere Bemühungen, jemanden für Sohrabuddin Sheikhs Tod zur Verantwortung zu ziehen, verliefen im Sande. Als der Prozess gegen die übrigen Angeklagten näher rückte, verlor die Anklage 92 Zeugen. Einige sagten, sie fürchteten um ihr Leben. Die Angeklagten wurden freigesprochen. Rajnish Rai, der Beamte, der beauftragt worden war, gegen Shah zu ermitteln, wurde vom Fall abgezogen. Als er Früh­pensionierung beantragte, wurde er beurlaubt.

Als die Anklage fallen gelassen wurde, hatte Modi Shah bereits als Präsident der BJP und als Vorsitzenden der Regierungs­koalition eingesetzt – was diesen praktisch zum zweitmächtigsten Mann des Landes machte.

Die «Gujarat Files»: «Er wusste alles»

2016, nachdem Rana Ayyub vier Jahre lang vergeblich einen Verlag für ihr Buch gesucht hatte, beschloss sie, es selbst zu veröffentlichen. Um es zu bezahlen, verkaufte sie den Gold­schmuck, den ihre Mutter für ihre Hochzeit aufbewahrt hatte. «Ich wollte ohnehin nicht in absehbarer Zukunft heiraten», sagte sie lachend. Sie fand eine Druckerei, die bereit war, das Manuskript zu vervielfältigen, ohne es vorher zu lesen, und sie handelte mit einem Buch­vertrieb aus, einen möglichen Gewinn zu teilen. Sie überredete eine befreundete Künstlerin, ein angemessen geheimnis­volles Titelbild zu entwerfen. Ayyub wurde durch die Tatsache geschützt, dass ein englisch­sprachiges Buch nur von Indiens Elite gelesen werden würde, einer zu kleinen Gruppe, um die BJP zu beunruhigen. Im Mai kam das Buch auf Amazon und in Buchläden im Land in den Handel.

Journalistin Rana Ayyub auf einer Aufnahme aus dem Jahr 2019. Tania/Contrasto/Laif

Sie nannte es «Gujarat Files: Anatomy of a Cover Up» («Die Akte Gujarat – Anatomie einer Vertuschung»).

«Gujarat Files» gibt die Highlights der Gespräche wieder, die Ayyub mit höheren Funktionären in Gujarat führte, als sie recherchierte, was während der Zeit passiert war, als Modi und Shah den Bundesstaat beherrschten. Es ist kein geschliffenes Werk, es liest sich wie eine Broschüre für politische Insider, eilig veröffentlicht von jemandem, der keine Zeit hatte, die Zeichen­setzung zu prüfen, Abkürzungen auszuschreiben oder auf den historischen Hintergrund der besprochenen Fälle einzugehen. «Ich hatte keine Möglichkeit, über all das nachzudenken», sagte Ayyub zu mir. «Ich wollte einfach nur die Geschichte herausbringen.» Der Vorteil des Buches ist, dass man das Gefühl hat, bei einer Cocktail­party mit Hindu­nationalisten dabei zu sein, die freimütig über lang totgeschwiegene Geheimnisse sprechen. «Es ist so», sagte Ayyub. «Jeder hat die Wahrheit gehört – aber man kann sich nicht sicher sein. Mit meinem Buch erfährt man es direkt von der Quelle.»

Unter jenen, die Ayyub damals mit ihrer Tarnidentität «beschwindelt» hatte, war auch Ashok Narayan, der während der Ausschreitungen Innen­minister von Gujarat gewesen war. Laut Ayyub hatte Narayan gesagt, dass Modi beschlossen hatte, den Hindunationalisten zu erlauben, die Leichen der Opfer durch die Strassen zu tragen, die bei den Auseinander­setzungen in Godhra 2002 und dem folgenden Brand im Zug ums Leben gekommen waren. Narayan sagte weiter, er habe Modi gewarnt, «die Dinge werden aus dem Ruder laufen», ohne Erfolg. Als er sich widersetzt habe, habe ihn Modi übergangen. «Als die Leichen nach Ahmedabad gebracht wurden, eskalierte die ganze Situation – aber er hat die Entscheidung getroffen», sagte er Ayyub.

Narayan fügte hinzu, dass die VHP, der religiöse Flügel der radikalen Hindu­organisation RSS, auf gross angelegte Angriffe auf die muslimische Gemeinschaft vorbereitet war und nur nach einem Vorwand gesucht habe. «Es war alles von der VHP geplant, es war grauenhaft», sagte Narayan und fügte hinzu, dass Modi von Anfang an eingeweiht war. «Er wusste alles.»

G. C. Raigar, ein hoher Polizei­funktionär, erzählte Ayyub, der ursprüngliche Plan sei gewesen, den Hindus begrenzte Rache für den Angriff auf den Zug in Godhra zu erlauben. Aber die Gewalt habe sich so schnell ausgebreitet, dass Modis Regierung sie nicht mehr habe stoppen können: «Sie wollten keine Gewalt gegen die Aufständischen anwenden, deshalb gerieten die Dinge ausser Kontrolle.»

Raigar war auch einer von jenen, die Rana Ayyub sagten, die Entscheidung, Vergeltungs­massnahmen gegen Muslime zuzulassen, sei ausserhalb der normalen Befehls­kette weitergegeben worden – von Funktionären aus Modis Umfeld an Polizei­beamte, von denen man annahm, dass sie religiöse Feindseligkeiten hegten. «Sie sagten es Leuten, denen sie in der Vergangenheit einen Gefallen getan hatten», sagte Raigar über die Funktionäre. «Sie wussten, wer ihnen helfen würde.»

Einige der Funktionäre sprachen auffallend beiläufig über die Morde, als hätten die Muslime es verdient, ermordet zu werden. «Es gab Unruhen 1985, 1987, 1989, 1992, und meistens bekamen die Hindus eins aufs Dach, und die Muslime hatten die Oberhand», sagte P. C. Pande, der frühere Polizei­präsident von Ahmedabad. «Deshalb musste es diesmal, 2002, passieren. Es war die Vergeltung der Hindus.»

Pande führte Ayyub durch seine Überlegungen: «Hier haben wir eine Gruppe Muslime, die einen Zug in Brand setzt – was ist deine Antwort?» – «Man schlägt zurück?», fragte sie. «Ja, man schlägt zurück», sagte Pande. «Das ist die Chance, es ihnen heimzuzahlen … Warum sollte es jemanden kümmern?»

Gespräche wie dieses, schrieb Rana Ayyub, überzeugten sie davon, dass die Ausschreitungen stattgefunden hatten, weil die Leute an der Macht es so gewollt hatten: «Es war, als würden die fehlenden Teile eines Puzzles nach und nach auftauchen.»

Mehrere Funktionäre sagten auch, dass Shah nicht vor Gericht verhandelte Tötungen angeordnet hatte – einschliesslich der des angeblichen Attentäters Sohrabuddin Sheikh und des Zeugen von dessen Ermordung. Die Gespräche über Shah verstärkten Ayyubs Überzeugung, dass noch viele andere Verdächtige auf ähnliche Weise eliminiert worden waren. «Es war klar, dass die Treffen nur die Spitze des Eisbergs waren», schrieb sie.

Der Gegenschlag

Zunächst waren die Reaktionen auf Ayyubs Buch verhalten. Es gab einen Empfang in Delhi, zu dem die meisten wichtigen politischen Autoren und Verleger des Landes kamen – doch am nächsten Tag konnte Ayyub kein Wort darüber in den Zeitungen finden. Die Zeitungen liessen sich Zeit mit den Besprechungen des Buches. Aber es verkaufte sich von allein, vor allem über Amazon, dank Ayyubs Ruf als Journalistin. Die Veröffentlichung einer Ausgabe auf Hindi machte es 2017 einer grossen Leserschaft zugänglich.

Am Nordeingang der Jama-Masjid-Moschee.
Muslime vor dem Abendgebet, es beginnt kurz nach Sonnenuntergang.

Bis heute, sagt Ayyub, ist «Gujarat Files» 600’000 Mal verkauft und in 13 Sprachen übersetzt worden. Ayyub ist eingeladen worden, vor den Vereinten Nationen und bei Journalisten­konferenzen auf der ganzen Welt Vorträge zu halten. «Das Fesselnde am Buch ist, zu erfahren, dass sie die Haupt­akteure sind», sagte Hartosh Singh Bal, Politikchef des Magazins «Caravan». «Sie sprechen in unbedachten Momenten, und sie bestätigen und fügen etwas zu dem Wissen hinzu, das wir bisher aus allen anderen Quellen haben, aber noch nie direkt aus dem inneren Kreis. Und plötzlich stellen wir einen Redner mitten in ein Zimmer mit den Leuten, die alles wissen.»

Der vielleicht wichtigste Aspekt, der «Gujarat Files» zu einer Sensation machte, war das Klima, in dem es erschien. 2016, zwei Jahre nach Beginn von Modis erster Amtszeit, war er mitten in einer Kampagne, um alle Stimmen zum Schweigen zu bringen, die die neue Ordnung infrage stellten.

Im April 2018 sass Ayyub mit einer Freundin in einem Restaurant in Delhi, als ein Informant sie auf ein Video aufmerksam machte, das in von BJP-Anhängern gepflegten Chatgruppen kursierte. Er schickte ihr den Clip und sie drückte auf Play. Auf dem Bildschirm erschien ein pornografisches Filmchen, das vorgab, Ayyub bei verschiedenen Geschlechts­akten zu zeigen. «Ich brach in Tränen aus und übergab mich», sagte sie.

Der Clip verbreitete sich rasend schnell, von Whatsapp über Facebook zu Twitter, wurde weitergepostet und unzählige Male geteilt. Ayyub wurde von wütenden Nachrichten überschwemmt, oft mit dem Video im Anhang. «Hallo Schlampe», schrieb etwa ein Mann namens Himanshu Verma in einer persönlichen Nachricht auf Facebook. «Bitte blas mir auch einen.»

Das Video war der primitivste Schlag einer Medien­kampagne, die kurz nach der Veröffentlichung von Rana Ayyubs Buch begann. Ein Tweet mit einem gefälschten Zitat von ihr, in dem sie um Nachsicht für Muslime bittet, die Kinder vergewaltigen, verbreitete sich im Netz. Andere gefälschte Tweets folgten, darunter einer, in dem sie ihren Hass auf Indien zum Ausdruck bringt. Als Antwort schrieb ihr jemand namens Vijay Singh Chauhan: «Lass dich bloss nie blicken, sonst zeigen wir der ganzen Welt, was wir mit Huren wie dir machen. Pack deine Koffer und geh zurück nach Pakistan.»

Indiens Journalistinnen sind oft besonders üblen Formen der Beschimpfung ausgesetzt. Die Drohungen, die Ayyub erhielt, waren fast identisch mit jenen, die man Gauri Lankesh schickte, einer Journalistin und Publizistin aus dem südlichen Bundesstaat Karnataka. Wie Ayyub hatte Lankesh offensiv über hinduistischen Nationalismus und Gewalt gegen Frauen und Menschen niedrigerer Kasten berichtet. Sie hatte ausserdem Ayyubs Buch auf Kannada veröffentlicht, der häufigsten Sprache im Bundesstaat. «Wir waren wie Schwestern», sagte Ayyub zu mir. Im September 2017, nachdem Lankesh eine lange Reihe von Online-Angriffen erdulden musste, wurde sie vor ihrem Haus von zwei Männern erschossen, die danach auf einem Motorrad flohen.

Trauer um Gauri Lankesh: Die Journalistin wurde im September 2017 erschossen. Burhaan Kinu/Hindustan Times/Getty Images

Die Journalistin Neha Dixit, die bahnbrechende Berichte über Modis Partei BJP geschrieben hat, sagte mir, dass sie ständig Todes­drohungen und sexuelle Beleidigungen erhält: «Jeden Tag bekomme ich 300 Benachrichti­gungen, mit Penisbildern und Diskussionen darüber, wie sie mich mit einem Stahlrohr vergewaltigen wollen oder mit einem dornigen Rosenbusch oder so etwas.» Für Dixit und andere Opfer solcher Kampagnen ist es besonders ärgerlich, dass die Beschimpfungen offenbar von prominenten Verbündeten von Premier­minister Narendra Modi gutgeheissen werden.

Rana Ayyub zeigte mir einen Tweet von Vaibhav Aggarwal, einem Medien­schaffenden, der oft im Namen von BJP spricht. Er bezog sich auf das pornografische Video, der Text dazu: «Du willst im Regen tanzen, ganz nass werden und dann keine Lungen­entzündung bekommen» – eine Andeutung, dass sie alle Beschimpfungen verdiene, die sie erhielt. Im Juni wurde das gefälschte Zitat von Ayyub über die Vergewaltigung von Kindern von einem bekannten BJP-Mitglied geteilt. Das Zitat, das ursprünglich auf Englisch war, wurde auf Hindi übersetzt und auf einer Facebook-Seite für die sogenannte Armee von Yogi Adityanath geteilt – eine Gruppe von Bewunderern des BJP-Minister­präsidenten im Bundesstaat Uttar Pradesh.

Pratik Sinha, ein früherer Software­ingenieur und Gründer von «Alt News», die Desinformation im Internet aufdeckt, beschrieb eine geschickte Aktion in den sozialen Medien, die der BJP nützte: 2017 veröffentlichte eine BJP-freundliche Website namens Hindutva.info das Video einer grausamen Messer­stecherei, das anschliessend in den sozialen Medien weitergereicht wurde – als «Beweis» dafür, dass Muslime im Bundesstaat Kerala Hindus töteten. Der RSS-Apparatschik Puneet Sharma, dem Modi auf Twitter folgt, bewarb das Video und sagte, es sollte den Hindus «das Blut kochen» lassen. Als «Alt News» das Video zu seinem Ursprung zurückverfolgte, stellte sich heraus, dass es einen Bandenmord in Mexiko zeigte.

Sinha glaubt, dass einige der aggressivsten Posts in den sozialen Medien von einer inoffiziellen «IT-Zelle» stammten, besetzt und finanziert durch BJP-Anhänger. Er sagte mir, dass Leute, die der BJP nahestehen, Webseiten mit Inhalt füllen, die Modi-freundliche Propaganda fördern und seine Feinde angreifen. «Sie sind organisiert und schnell», sagte er.

«Sie haben damit vor langer Zeit begonnen, in Gujarat.»

Zum Autor

Dexter Filkins ist Journalist bei «The New Yorker» und Autor von «The Forever War» («Der ewige Krieg»). Das Buch über die Auseinandersetzungen der USA mit islamischen Fundamentalisten erhielt 2008 den National Book Critics Circle Award. Dieser Beitrag erschien am 9. Dezember 2019 im «New Yorker» unter dem Titel «Blut und Boden in Narendra Modis Indien».

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