Blut und Boden – Auftakt

Blick über die Altstadt der indischen Hauptstadt Delhi, im Hintergrund die Silhouette der Jama-Masjid-Moschee.

Blut und Boden – der Aufstieg des indischen Hindu-Nationalismus

Brennende Moscheen, Pogrome gegen Muslime, radikal-hinduistische Gruppierungen, die den Staat unterwandern: Was ist los im «neuen Indien» von Premier Narendra Modi?

Von Dexter Filkins (Text), Sarah Fuhrmann (Übersetzung) und Helmut Wachter (Bilder), 23.04.2020

Zu Tausenden waren sie angereist. Aus aller Welt und aus allen Teilen Indiens kamen Laienprediger Anfang März nach Delhi. Hier, in der indischen Hauptstadt, versammelten sie sich im Hauptquartier der Tablighi Jamaat, einer islamischen Missionsbewegung mit weltweit 80 Millionen Mitgliedern. Als sie wieder abreisten, waren Hunderte der Prediger mit Corona infiziert.

Es war Indiens erster «Superspreader»-Vorfall: Fast ein Fünftel der 2500 bis dahin bekannten Corona-Infektionen in Indien waren auf die Versammlung zurückzuführen. Die Behörden versuchen, die Teilnehmer aufzuspüren. Und in Delhi wurde der Versammlungsort der Tablighi Jamaat versiegelt.

Ansteckungsgefahr: Mitglieder der islamischen Missionsbewegung Tablighi Jamaat stehen für Busse an, die sie in Quarantäne­einrichtungen bringen (31. März 2020). Biplov Bhuyan/Hindustan Times/Getty Images

Der Vorfall lieferte einen weiteren Vorwand, um die 200 Millionen Muslime im Land mit 1,3 Milliarden Menschen zu Sündenböcken zu machen. Hashtags wie #CoronaJihad oder #MuslimVirus verbreiteten sich auf Twitter wie ein Lauffeuer. Bereits einige Wochen zuvor war es in Delhi zu heftigen Strassenschlachten zwischen radikalen Hindus und Muslimen gekommen mit gegen 50 Toten. Beobachter sprachen im «Indian Express» von einer Pogromstimmung, die Muslime wurden durch die Strassen gejagt und getötet, eine Moschee ging in Flammen auf. Was ist los in Indien?

Zur Reportage

Die Journalistin Rana Ayyub hat als Muslimin von klein auf erlebt, wie sich die Situation für sie und ihre Familie in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Seit Narendra Modi 2002 im Bundesstaat Gujarat zum Chief Minister gewählt wurde, spätestens aber mit seiner Wahl zum Premierminister 2014, schreiben er und seine Regierung die Geschichte Indiens um: weg vom säkularen, offenen Staat von Jawaharlal Nehru und Mahatma Gandhi, hin zu einer hinduistischen Nation, in der vor nichts zurückgeschreckt wird, um die Vision des «neuen Indien» durchzusetzen. Rana Ayyub hat ihren Kollegen Dexter Filkins vom «New Yorker» mit auf eine erschütternde Reise durch die grösste Demokratie der Welt genommen, die Muslime zum Feindbild macht.

Serien-Übersicht

Teil 1: Die Blutspur der Hindus – Wie die hinduistisch-nationalistische Regierung 200 Millionen Muslime zu Feinden im eigenen Land macht.

Teil 2: Das wahre neue Indien – Eine Journalistin deckt auf, wie verstrickt der indische Staat in Gräueltaten an Muslimen ist.

Teil 3: «Heil, Mutter Indien» – Das paranoide Narrativ von Milliarden Menschen: von einer viel kleineren Minderheit schikaniert zu werden.

Zum Autor

Dexter Filkins ist Journalist bei «The New Yorker» und Autor von «The Forever War» («Der ewige Krieg»). Das Buch über die Auseinandersetzungen der USA mit islamischen Fundamentalisten erhielt 2008 den National Book Critics Circle Award. Dieser Beitrag erschien am 9. Dezember 2019 im «New Yorker» unter dem Titel «Blut und Boden in Narendra Modis Indien».

Blut und Boden

Sie lesen: Auftakt

Der Aufstieg des indischen Hindu-Na­tio­na­lis­mus

Teil 2

Das wahre neue Indien

Teil 3

«Heil, Mutter Indien»

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