«Lefatse la basadi», 2020.

Ansichten aus Afrika

Nicht perfekt, aber schön

Der weisse Blick hat schwarze Menschen über Jahrhunderte hinweg in weissen Vorstellungen gefangen gehalten. Die Selbstporträts und Collagen von Puleng Mongale sind eine Antwort darauf.

Von Flurina Rothenberger (Text) und Puleng Mongale (Bilder), 11.04.2020

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In ihrer Jugend schrieb Puleng Mongale Gedichte, später verdiente sie ihren Lebensunterhalt als Texterin in der Werbebranche. Vor etwas über einem Jahr gab sie diesen Beruf auf und stellte rückblickend fest, dass diese Tätigkeit ihre persönliche Beziehung zum Schreiben getrübt hat. In Pulengs aktuellen Fotocollagen erkennt man ihre Liebe zur Poesie und ihre Gabe zu erzählen. Im Medium Bild hat die Künstlerin ihr neues kreatives Ventil gefunden: «Ich gestalte, um eine Verbindung mit der Vergangenheit herzustellen. Oder um mit Unruhe und Angst umzugehen. Ich bin dankbar für die Gabe, meine Gedanken, Gefühle und Ängste kreativ ausdrücken zu können und zu wissen, dass ich Augenblicke über meine Zeit hinaus festhalten kann.»

Die Collage ist mehr als ein Stilmittel in Pulengs künstlerischer Arbeit. Sie nutzt diese Technik, um Fragmente der Wirklichkeit aus Vergangenheit und Gegenwart miteinander zu verweben. Was dabei entsteht, nährt sich aus den individuellen Erfahrungen der Frauen in Pulengs Familie und öffnet auch eine Tür zum kollektiven Gedächtnis der südafrikanischen Gesellschaft, wo das Erbe von Kolonialismus und Apartheid immer noch wirkt. Vor diesem Hintergrund liest sich Pulengs Werk auch als eine Ode an die afrikanischen Urgrossmütter und ihre Töchter, die sich von schmerzhaften Erfahrungen nicht beherrschen lassen. Die auch in heraus­fordernden Strukturen für Freude und kostbares Leben sorgen.

Der weisse Blick hat schwarze Menschen über Jahrhunderte hinweg in weissen Vorstellungen gefangen gehalten. Puleng Mongales Arbeit wird von ihrer Vorstellungs­kraft als Afrikanerin angetrieben. Sie versucht nicht, uns Vertrautheit zu schenken, auch erlaubt sie uns nicht, den Schmerz anderer zu lindern. Was Puleng bietet, ist eine sorgfältig komponierte Einladung zum Zuhören und Nachdenken.

«It Gets Better», 2019.
«Holokile», 2020.
«Own World», 2020.
«Living to Remember», 2020.

Womit beschäftigst du dich in deiner aktuellen Arbeit?
In meinem früheren Projekt «Intimate Strangers» schnitt ich vier Themen an: die Arbeiter­klasse, die Bindung zu den Vorfahren, die Brüderschaft und mit Black Pride den Akt des Überlebens und des Widerstands. In meiner aktuellen Arbeit setze ich mich zusätzlich mit den Themen Individualität und Depression auseinander. Die Komplexität meiner Ästhetik hat sich entwickelt. Ich fotografiere nun selber, und die Technik der Collage erlaubt es mir, vielschichtiger zu erzählen. Gegenwärtig benutze ich meinen eigenen Körper als rhetorisches Werkzeug in meiner künstlerischen Praxis, das macht einen persönlicheren, direkteren Zugang möglich.

Warum fotografierst du dich selbst?
Als ich mir eine Kamera kaufte, war das nicht mein ursprünglicher Gedanke. Ich wollte den Alltag um mich herum dokumentieren, aber komischer­weise tat ich mich schwer damit, andere zu fotografieren. Die meiste Zeit beschlich mich das unangenehme Gefühl, aufdringlich zu wirken – das allein reichte, um die Kamera auf mich selbst zu richten. Die ersten Selbst­porträts nahm ich in der Garage und im Garten meiner Mutter auf, und ich verliebte mich unmittelbar in diesen Arbeits­prozess. Ich hatte meine Berufung gefunden. Ich konnte in meinem eigenen Tempo ausprobieren und lernen und zudem mit wenigen Mitteln viel gestalten. Ich brauchte nur mich selbst – das war alles. Dies zu erkennen, als schwarze Künstlerin mit beschränktem Zugang zu Ressourcen, war beruhigend und ermutigend.

Welche Aspekte des südafrikanischen Kontextes sollte man kennen, wenn man sich deine Arbeit anschaut?
Als schwarze Menschen kämpfen wir weiter darum, nicht als einzelne Geschichte wahrgenommen zu werden, als Opfer von Kolonialisten und den Traumata einer rassistischen Politik. Auch heute noch versucht ein grosser Teil der Welt, blackness einzuordnen, was ich für einen feigen Versuch halte, schwarze Menschen «zu verstehen». Es ist mir wichtig, dass man das politische und sozioökonomische Klima in Südafrika versteht, aber es bestimmt uns nicht. Wir sind alle Individuen, die aus einzigartigen Erfahrungen bestehen. Wir als schwarze Südafrikaner sind kein einzelner Erzählstrang.

«Lord Lift Us Up Where We Belong», 2019.

Inwiefern sind deine Bilder durch die Lebens­erfahrungen der Frauen in deiner Familie inspiriert?
Mich stört, wie wenig der Alltag der Frauen in meiner Familie dokumentiert wird und wurde. Das einzige visuelle Zeugnis von meiner Urgrossmutter, nach der ich benannt bin, sind drei verblassende Fotografien. Ich habe den unerschütterlichen Wunsch, zu erfahren und zu verstehen, was für ein Mensch sie war. Was mir bleibt, ist das Gedächtnis meiner Mutter. Sie war erst 6 Jahre alt, als meine Urgrossmutter von uns weiterging, aber sie erinnert sich immer noch lebhaft an sie. Meine Mutter ist eine unglaubliche Erzählerin, was ich über meine Familien­geschichte weiss, weiss ich von ihr. Von der Armut, die unsere Familie früher heimsuchte, über meine Urgrossmutter, die den Verstand verlor, bevor sie starb, bis hin zur Shebeen, einer Township-Bar, die meine Grossmutter betrieb, um meine Mutter zur Schule schicken zu können. Meine Mutter und ich sind tief verbunden durch diese Erinnerungen. Sie enthalten grossen Schmerz, aber auch vieles, worüber wir lachen können, oft, bis uns die Tränen kommen. Als Künstlerin beziehe ich viel aus diesem Andenken und lasse mich dann von meiner Intuition und Vorstellungs­kraft leiten. Das Bedürfnis nach einer spirituellen Verbindung mit den Vorfahren, die weiter­gegangen sind, zeigt sich in meiner Kunst. Hier beginnt ein grosser Teil von dem, was ich bin und wo ich hingehöre. Dies sind Geschichten, die ich meinem Sohn weitergeben möchte.

Die Art, wie Collagen sich in Schichten entwickeln und materialisieren, erinnert mich daran, wie die Seele speichert, was uns passiert. Worauf achtest du beim Aufbau einer Erzählung?
Als schwarze Südafrikanerin hoffe ich, dass meine Bilder unsere Lebens­erfahrungen so spiegeln, wie sie sind: komplex und vielschichtig. Unser Leben wurde durch ungerecht­fertigten Schmerz zutiefst beeinträchtigt, aber sie enthalten auch viel Schönes. Wir haben eine Identität als Kollektiv und als Individuen, die über unser Trauma hinausgeht. Wenn ich eine Collage zusammenstelle, wähle ich die Objekte, die Kleidung, die Texturen und die Töne intuitiv aus. Meistens weiss ich noch nicht genau, wo es hinführt, ich lasse mich vom Entstehungs­prozess leiten. Bestimmte Arbeiten folgen einem hierarchischen Aufbau. Zum Beispiel, wenn ich im Entstehungs­prozess die Ängste anerkenne, die mich manchmal schwächen. Dann baue ich die Komposition so auf, dass mich diese nicht definieren und ich mich über den ganzen Lärm erhebe.

«Rise», 2020.
«With Love, from Joburg», 2019.
«Guided», 2019.
«Mosotho/The Women in Me», 2019.
«Encounters With the Departed», 2020.

Du arbeitest digital, kannst du uns mehr über deinen Arbeits­prozess erzählen?
Ich verwende Material aus dem Internet und aus meinem eigenen Bildarchiv. Das mag ich besonders an der Collage, ich kann dieselben Bilder zehnmal nutzen. Ich habe die Kamera erst 2019 selber in die Hand genommen und bin Autodidaktin. Daher sind meine technischen Fähigkeiten im Umgang mit der Kamera und der Bearbeitungs­software wie Photoshop recht begrenzt. In meiner Praxis steht mir das nicht im Weg, ich gestalte trotzdem. Ich lerne meine Werkzeuge besser zu beherrschen, weil es mir hilft, effektiver zu kommunizieren. Aber abgesehen davon habe ich die Idee der Perfektion aufgegeben, sie hat mir nie gedient. Als ich jünger war, setzte ich mich bei allem, was ich tat, unter Druck. Die Angst, nicht zu brillieren, hielt mich davon ab, es überhaupt zu versuchen. Seitdem habe ich gelernt, dass die Dinge nicht perfekt sein müssen, um schön zu sein.

Welche Bildelemente sind dir besonders wichtig?
Für die meisten schwarzen Familien ist die Kleidung ein Teil des Erbes, eine Verbindung mit den Vorfahren. Wenn ein Mitglied meiner Familie stirbt, wird dessen Kleidung mit Aloe-Wasser besprüht und dann draussen auf den Rasen gelegt, damit wir alle ein Stück aussuchen können. Deshalb bedeutet mir Kleidung viel. Sie ist eine stoffliche Erinnerung, die auch mich überdauert, wenn ich sie gut pflege. Meine Familie ist stolz darauf, auch den alten Dingen Sorge zu tragen. Auch wenn sie nicht viel Geld wert sind – die Möglichkeit, ihren Erhalt zu pflegen, macht sie wertvoll. Ich benutze oft Seshweshwe, ein alltägliches Kleidungs­stück für Sotho-Frauen. Sie geben mir immer ein Gefühl von Zuhause. Allgemein mag ich weibliche Stücke, Blusen, Kleider, Schürzen und Doeks, eine Art südafrikanisches Kopftuch. Mich inspiriert die schwarze Frau, wie ich ihr täglich begegne. Ihre unbemühte Schönheit taucht da auf, wo man sie nicht erwartet.

Zur Fotografin

Puleng Mongale, geboren 1991 in Soweto, studierte Englisch und Kommunikations­wissenschaft, sie ist zudem Absolventin der Umuzi Academy in Johannesburg, wo sie sich zur Texterin ausbilden liess. Nach ein paar Jahren in der Werbe­branche begann sie 2019 zu fotografieren und konzentriert sich seither auf ihre Kunst­projekte. Sie lebt mit ihrem Sohn und ihrem Partner in Johannesburg. Folgen Sie ihr auf Instagram.

Zu dieser Bildkolumne

Warum sollen wir gerade jetzt nach Afrika blicken? Falsche Frage, sagt Flurina Rothenberger. Die richtige laute: Warum erst jetzt? In ihrer wöchentlichen Kolumne «Ansichten aus Afrika» stellt Flurina Rothenberger junge Fotografie aus Afrika vor. Hier finden Sie den Podcast «Aus der Redaktion» zu dieser Kolumne.

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