Der Einfluss der Schweiz aufs Klima

Es bleibt kaum noch Zeit, die Erderwärmung zu stoppen. Was Sie individuell tun können – und wir im Kollektiv. Teil 1 von 2: die Analyse.

Von Ivo Nicholas Scherrer, 06.03.2020

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Wer zögert, hat sich entschieden.

Denn die angebrochene Dekade wird wegweisend sein, ob sich der Klima­wandel bändigen lässt oder nicht. Zeit haben wir keine mehr zu verlieren. Die Erwartungen sind entsprechend hoch: an die Politik, an sich selbst. Nur: Was kann man konkret tun? Persönlich sowie als Land?

Der Massstab für alle Massnahmen der Klima­politik ist nur einer: ihre Wirkung – in Tonnen Treibhaus­gas, die damit reduziert werden.

Die Frage ist: Wo also finden wir den grössten Hebel?

Klima versus Klimaanlage

Zunächst ein paar schlechte Nachrichten.

Wollen wir das 2-Grad-Ziel erreichen, bleibt uns ein Kohlenstoffbudget von rund einer Billion Tonnen CO2. Gemessen am heutigen Ausstoss bleiben damit rund 25 Jahre. Wollen wir das 1,5-Grad-Ziel erreichen, bleiben etwas mehr als 7 Jahre. Dafür müssten wir die Treibhausgas­emissionen massiv verringern. Und mittel­fristig gegen null bringen.

Doch der weltweite Trend geht in die andere Richtung. Die Emissionen sind seit Unter­zeichnung des Pariser Klima­abkommens 2015 nicht geschrumpft. Sie haben sich nicht einmal stabilisiert. Sie sind weiter gewachsen.

Das liegt nicht zuletzt an etwas Erfreulichem: dem wachsenden Wohl­stand in vielen Teilen der Welt. Wie brutal schwierig es ist, dabei den Ausstoss von Treibhaus­gasen unter Kontrolle zu bringen, zeigt nur ein einziges Gerät: die Klimaanlage.

Die Internationale Energieagentur (IEA) schätzt, dass sich die Anzahl von Klima­anlagen bis 2050 von knapp 2 Milliarden auf fast 6 Milliarden verdreifachen wird. Die Hälfte davon wird Mitte des Jahrhunderts in China, Indien und Indonesien stehen. Der jährliche Strom­bedarf aller Geräte wird sich dabei im optimistischsten Szenario verdoppeln – aber nur, falls man überall State-of-the-Art-Anlagen installiert.

Realistischer ist: Der Bedarf wird sich verdreifachen, auf geschätzte 6000 Terawatt­stunden pro Jahr. Zum Vergleich: Die Schweiz verbraucht pro Jahr rund 60 Terawatt­stunden Strom. Also gerade mal 1 Prozent dessen, was in naher Zukunft die Klima­anlagen der Welt schlucken werden. Und solange die Strom­versorgung in den Schwellen­ländern grössten­teils fossil ist, werden die Klimaanlagen deutliche Emissionen verursachen.

Das finstere Fazit: Der Höhepunkt des weltweiten Treibhausgas­ausstosses ist noch nicht einmal erreicht.

Das komplexeste Problem aller Zeiten

Wieso ist es so verflixt kompliziert, den Klima­wandel in den Griff zu bekommen?

Drei Gründe:

  1. Die menschliche Gesellschaft verursacht den Klima­wandel kollektiv. 8 Milliarden Menschen verbrauchen Dinge und nutzen Dienst­leistungen, die in global getakteten Wertschöpfungs­ketten produziert werden – mittels Tausender Technologien, betrieben von Millionen verschiedenen Unternehmen. Treibhausgase entstehen dabei fast überall – bei der Herstellung, beim Transport, beim Verbrauch.

  2. Die Vergangenheit verfolgt uns auch in Zukunft. Für das globale Treibhaus sorgen nicht nur die aktuellen, sondern auch die vergangenen Emissionen. Allein zwischen 1990 und 2010 hat die Menschheit fast eine Billion Tonnen in die Atmosphäre geblasen. Selbst wenn wir es schaffen, den Ausstoss gegen null zu bringen, bleibt das Erbe der Jahrzehnte zuvor in der Luft. Und wir können es nicht zurück­nehmen. Zumindest nicht mit den heute verfügbaren Technologien.

  3. Von der globalen Politik können wir realistischer­weise nichts Hilfreiches erwarten.

Das Pariser Abkommen war zwar ein diplomatisches Meisterstück – doch der Erfolg hatte seinen Preis. Denn das Abkommen gelang nur durch einen Kompromiss: indem die teilnehmenden Staaten ihre Klimaziele selbst bestimmen konnten. Kein Wunder, sind diese viel zu wenig ambitioniert.

Addiert man alle Ziele, kommt man auf Emissionen, welche die Erde bis Ende des Jahrhunderts mit hoher Wahrscheinlichkeit um rund 3 Grad Celsius erwärmen werden. Zudem sind die USA offiziell und Brasilien so gut wie ausgestiegen. Und auch China und Japan setzen wieder mehr auf Kohle.

Dieses Scheitern ist für keinen Ökonomen eine Überraschung. Denn das Weltklima ist ein klassisches öffentliches Gut – und damit ein Lehrbuch­beispiel für das Trittbrett­fahrer-Problem: Alle profitieren, wenn das Klima stabilisiert wird, egal, ob sie dazu beigetragen haben oder nicht. Zusätzlich werden die Helfer bestraft. Den Ländern, die für das Klima hohe Investitionen tätigen oder harte Regulierungen einführen, drohen höhere Produktions­kosten. Sie riskieren damit die Abwanderung ihrer Industrie.

Dazu kommt, dass sich eine Menge Staaten von Russland bis Saudi­arabien vor allem über staatliche Öl- und Gas­unternehmen finanzieren – teils über direkten Unternehmens­besitz, teils via Steuereinnahmen. Solange sich mit fossilen Brennstoffen Geld machen lässt, ist kaum ein Konzern und kaum eine Regierung bereit, auf Einkommen zu verzichten. Schon gar nicht, wenn die Konkurrenz nicht mitzieht.

Denkt man an massive Energie­subventionen, fallen einem vor allem erneuerbare Energien wie Solar- oder Windenergie ein. Doch der Eindruck täuscht. Tatsache ist: Fossile Energien werden noch heute mit weit höheren Summen subventioniert: von einigen Staaten, um den Treibstoff, von anderen, um die Exporte billig zu halten. Die OECD und die IEA beziffern diese Subventionen auf 340 Milliarden Dollar pro Jahr, der IWF sogar auf fast 5000 Milliarden (er berechnet dabei nicht nur die expliziten Subventionen an die Produzenten ein, sondern auch die impliziten Subventionen an die Konsumenten). Allein für die Unter­stützung der längst defizitären Kohle­industrie geben die G-20-Länder pro Jahr fast 65 Milliarden Dollar aus.

Kurz: In einem geopolitischen Klima, das von Misstrauen geprägt ist, zählt das reale Klima wenig.

Bei sich selbst beginnen und andere motivieren

Doch wie sieht es im persönlichen Bereich aus? Was kann man tun? Was soll man lassen?

Intuitiv scheint es logisch, bei sich selbst anzufangen, mit gutem Vorbild voran­zugehen, vor der eigenen Haustür zu kehren – schon deshalb, weil wir bei unserem Verhalten am direktesten ansetzen können. In fast allen Fällen kann ich frei entscheiden, ob ich ein Flugzeug besteige, Fleisch esse, den Zug oder das Auto nehme.

Was Sie dabei an Einsparungen erreichen können, finden Sie heraus, wenn Sie das Klimagame der Republik spielen.

Hier ein kleiner Spoiler:

Als Durchschnitts­schweizerin können Sie mit Verhaltens­änderungen Ihren jährlichen Ausstoss von knapp 12 bis 14 Tonnen CO2 gut auf 6 bis 7 Tonnen halbieren. Das unter der Bedingung, folgende Dinge zu tun (oder zu lassen):

  • eine umwelt­bewusstere Ernährung (vor allem der teilweise oder komplette Verzicht auf Fleisch);

  • freiwilliges Flugverbot (vor allem für Überseeflüge);

  • Verzicht auf ein Auto (oder zumindest der Ankauf eines Elektroautos);

  • die Überredung des eigenen Vermieters, die fossile Heizung durch eine Wärmepumpe zu ersetzen.

Das Problem dabei: Die Proportionen sind ernüchternd – 7 Tonnen weniger bei weit mehr als 1’000’000’000’000 (einer Billion) Tonnen Treibhaus­gasen in der Atmosphäre. Der direkte Effekt auch der härtesten persönlichen Anstrengungen ist nahe bei null.

Der persönliche Verzicht verändert nur dann etwas, wenn er systemische Wirkung hat: wenn ich es schaffe, andere dazu zu ermutigen, sich klima­freundlicher zu verhalten. Oder wenn ich dazu beitrage, dass Unter­nehmen klima­freundlicher produzieren, als sie es heute tun. Doch sogar wenn man sämtliche privaten Emissionen aller Bewohnerinnen der Schweiz auf null senken würde, würden damit nur rund 110 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr eingespart – gerade mal 0,2 Prozent der jährlichen globalen Treibhausgasemissionen.

Im globalen Massstab verpufft nicht nur auch der konsequenteste Einsatz von Privat­personen. Sogar auch der von kleineren Ländern, solange der Rest der Welt nicht mitzieht.

In diesem Punkt unterscheidet sich der Klima­wandel fundamental von anderen Umwelt­problemen – etwa der Verschmutzung von Luft oder Gewässern. Lokal kann eine relativ kleine Gruppe entschlossener Leute den Unterschied machen: erst durch Protest, dann bei der Ausarbeitung von schärferen Umwelt­standards und zum Schluss bei der Durchsetzung. Übertretungen können lokal entdeckt, bekannt gemacht und gebüsst werden.

Doch bei einem globalen Problem wie dem Klima­wandel funktioniert das nicht.

Damit bleibt die Frage «Was tun?» für einen Kleinstaat wie die Schweiz vorerst offen. Oder doch nicht?

Zum zweiten Teil – und zur Debatte

Lesen Sie hier den Vorschlag, was die Schweiz trotzdem konkret tun kann – mit einer neuen Klima­politik. Und hier geht es zur Debatte.

Zum Autor

Ivo Nicholas Scherrer ist selbst­ständiger Ökonom und Innovations­analyst. Zu klima­ökonomischen Fragen hat er unter anderem für Swiss Economics, die OECD, die ETH und die 2 Degrees Investing Initiative gearbeitet. Er ist Mitgründer der Thinktanks foraus – Forum Aussenpolitik (Schweiz) und Argo (Frankreich) sowie der politischen Bewegung Operation Libero.

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