Klassischer Stil statt Protz: Besprechungszimmer am Hauptsitz der Bank Pictet in Genf. Gaetan Bally/Keystone

Die bessere Bank

Wer sich fragt, ob Banking in der Schweiz eine Zukunft hat, sollte das Genfer Geldhaus Pictet studieren. Deren «Wölfe der Finanzwelt» waren zu gerissen, um sich durch so etwas wie eine globale Finanzkrise ausbremsen zu lassen.

Von Myret Zaki, 14.02.2020

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Kennen Sie Pictet? Wahrscheinlich kaum. Zumindest nicht, wenn Sie in der Deutsch­schweiz leben und nur ab und zu den Wirtschafts­teil durchblättern. Den dominieren seit Jahren Skandale: Beschattung bei der Credit Suisse, die üppigen Saläre der UBS oder die krummen Management­deals bei Raiffeisen. Aus Genf, dem zweiten grossen Schweizer Finanz­standort, wird selten berichtet.

Ein Versäumnis. Denn dort ist weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit eine Bank zur drittgrössten der Schweiz aufgestiegen: die Pictet-Gruppe. Sie verwaltet 576 Milliarden Franken. Das ist zwar weniger, als die Riesen UBS und Credit Suisse betreuen – aber 150 Milliarden Franken mehr als die viertgrösste Vermögensverwalterin der Schweiz, Julius Bär.

Pictet wächst kontinuierlich. 25 Milliarden Franken an neuen Kunden­geldern kamen vergangenes Jahr hinzu. Mehr noch: Während viele Banken 2019 im grossen Stil Jobs strichen, stellte die Genfer Bank rund 370 Mitarbeitende neu ein. Sie beschäftigt heute nach eigenen Angaben gut 4500 Leute: fast anderthalbmal so viele wie 2012 und zehnmal so viele wie vor 30 Jahren.

Hire – not fire

Anzahl Mitarbeitende bei Pictet

2012201420172019025005000 Angestellte

Quelle: Pictet

Auch während der Finanzkrise geriet die Bank nicht in die roten Zahlen. Gleichzeitig hat sie es geschafft, viele Finanzplatz-Skandale der letzten Jahre zu umschiffen. Selbstverständlich verwaltete auch Pictet unversteuerte Vermögen aus Frankreich und Deutschland. Im Steuerstreit mit den USA ist gegen sie gar ein Verfahren hängig.

Doch sie hat es bislang geschafft, ihre Altlasten diskret zu bereinigen. Auch von Ränke­spielen in der Teppich­etage und plötzlichen Chef-Absetzungen wie jüngst bei der Credit Suisse hört man bei Pictet nie. Stattdessen kommt aus Genf die regelmässige Meldung: Gewinne, Wachstum, Jahr für Jahr.

Was macht diese Bank besser als andere?

1. Der Stil

Pictet ist eines der ältesten Institute der Schweiz – eine Familien­dynastie in der achten Generation. Die Ursprünge der Gründer­familie lassen sich bis 1344 in der Pfarrei des französischen Dorfes Neydens zurückverfolgen. Die Familie brachte Notare, Pfarrer, Offiziere und Professoren hervor, bevor sie 1805 ihre Bank gründete. Bis heute respektieren die Genfer das Haus Pictet, die Nummer eins am lokalen Finanz­platz. Auch kritische Beobachter zollen der Bank Respekt: für ihren Stil – und ihre geschickte Imagepflege.

Viele Jahrzehnte lang residierte die Privatbank in der Genfer Altstadt, in einem Gebäude voller Wand­teppiche, Porzellan­tassen und Gravuren aus dem 18. Jahr­hundert. 2005 verlegte sie ihren Sitz vom alten Zentrum in die Acacias, ein unglamouröses Vorstadt­quartier. Statt Antiquitäten findet man hier einen modernen Design­palast aus Marmor und Glas mit Platz für 2000 Mitarbeitende. Wer hineinwill, muss durch eine Sicherheits­schranke, ähnlich wie am Zoll.

Eine Hommage an die Vergangenheit aber bleibt. In der Eingangshalle steht ein roter Pic-Pic, einer jener berühmten Oldtimer, gebaut 1914 in den Werkstätten des Ingenieurs Lucien Pictet. Das Automobil erinnert daran, dass die Familie zwischen 1905 und 1921 auch Autos baute. Weltweit existieren noch wenige Exemplare: Eine Limousine und ein Cabriolet beispiels­weise stehen abwechselnd bei Pictet, drei besitzt die Fondation Gianadda in Martigny, eines steht im Luzerner Verkehrs­haus und eines in der Cité de l’automobile in Mulhouse.

Flott unterwegs: Das Siegerteam beim Autorennen Dornach–Gempen 1912 fährt einen Pic-Pic der Firma Piccard-Pictet & Cie. Jules Decrauzat/Photopress-Archiv/Keystone

Nicht nur für diesen nostalgischen Charme schätzt man die Pictets in Genf. Die Familie sorgt auch mit gross­zügigen Spenden und politischem Engagement dafür, dass die Stadt nicht vergisst, was sie ihr verdankt. Seit Jahrzehnten wirken Familien­mitglieder in der Genfer Liberalen Partei, der heutigen FDP. Sie unterstützen Organisationen wie die Ärzte ohne Grenzen, das Rote Kreuz, das Centre Social Protestant, das Foyer Handicap, die Caritas, aber auch das Grand Théâtre de Genève, das Orchestre de la Suisse Romande oder das Musée international de la Réforme. Pictet sponsert mit 100’000 Franken auch einen der renommiertesten – und am höchsten dotierten – Fotografie-Preise.

Über viele der wohltätigen Aktivitäten ist in den Medien nichts zu erfahren; man sorgt diskret dafür, dass jeder sie kennt. Protzerei und Angeberei gelten in der protestantischen Familie als Todsünde. «Wir zeigen unser Geld nicht», sagte Ivan Pictet, ab den 1990er-Jahren eine der prägenden Figuren der Dynastie, gegenüber einem der ersten Journalisten, der überhaupt ins Bankhaus gelassen wurde. Traf man ihn als Journalistin, war er immer die Ruhe selbst – mit makellosen Manieren. Selbst wenn das, was er sagte, eigentlich eine Kampf­ansage war.

«Wir müssen verstehen, dass wir uns jetzt in einer faktischen Kriegs­situation befinden und unseren einzigen wirklichen Konkurrenten, den Vereinigten Staaten und Gross­britannien, gegenüberstehen», sagte Ivan Pictet – Jahre bevor sich die amerikanischen Anklagen gegen Schweizer Banken wegen Beihilfe zu Steuer­delikten am Horizont abzeichneten. «Ihr Ziel scheint, den Ruf der Schweiz in der Vermögens­verwaltung durch einen Angriff auf das Bankgeheimnis zu zerstören.» Nach der Finanzkrise bezeichnete Pictet die Schweizer als «Chorknaben» und erinnerte daran, dass die Briten «alle Möglichkeiten von Trusts zu nutzen wissen» und dass die «grossen amerikanischen Vermögen praktisch keine Steuern zahlen».

«Wir zeigen unser Geld nicht»: Ivan Pictet am WEF in Davos 2009. Alessandro Della Bella/Keystone

Als Zürcher Kollegen dasselbe sagten, lösten sie damit öffentliche Empörung über ihre Uneinsichtigkeit aus. Pictet liess man es durchgehen.

Unter anderem deshalb, weil die Bank ihren Ruf nicht schon zuvor ruiniert hatte. Während so manche Banker­kollegen in Zürich und Genf der Grössenwahn packte, bewahrte man bei Pictet die Nerven. Und überstand später nicht nur den Steuer­streit mit den USA, sondern auch die Subprime-Krise, welche die UBS fast umgebracht hätte und bei der Credit Suisse letztlich dazu führte, dass heute dort Grossaktionäre aus Saudiarabien und Katar den Takt angeben.

2. Die Zurückhaltung

Einer der grossen Trends der Nullerjahre war die Spekulation an der Börse. Konkret: der Aktien­handel im Auftrag von Grosskunden. Anders als die Deutsch­schweizer Grossbanken jedoch hielt sich Pictet aus dem Brokerage-Geschäft stets heraus. Sie verzichtete ab 2008 auch auf das angelsächsisch inspirierte Investment­banking, also den Handel mit Wertpapieren und die Beratung bei Börsen­gängen, Fusionen und Übernahmen. Dieses volatile Geschäft ist unberechenbar und teuer, mit seinen stratosphärischen Boni und den talentierten, aber kapriziösen Händlern, die zu Stars gehypt wurden.

Zwar erreichten auch bei Pictet die individuellen Boni vor der Finanzkrise mehrere Millionen Dollar pro Jahr. Die Partner – der exklusive Zirkel von Führungs­personen, die sich in die Bank eingekauft haben – verdienen im Vergleich zu anderen Privat­banken sogar mehr Geld. Ihre jährlichen Gewinn­beteiligungen liegen im achtstelligen Bereich – die «Bilanz» spricht von 25 bis 35 Millionen Franken. Doch in ihrem Geschäfts­modell blieb Pictet stets zurückhaltend: kein übermässiges Engagement in Hedgefonds, im Gegensatz zu anderen Privat­banken wie Julius Bär (GAM), UBP und Edmond de Rothschild; keine Expansion in den Rohstoff­handel wie BNP Paribas, Hinduja Bank oder die Genfer Kantonalbank.

All diese Entscheide waren nicht so einfach, wie sie im Nachhinein scheinen. Denselben Weg wie die UBS oder die Credit Suisse zu gehen, wäre verlockend gewesen: Von 2003 bis 2007 flossen Ströme von Geld in Kredit­verbriefungen, Wertpapier­emissionen, den Aktien- und Anleihen­handel, strukturierte Produkte, in Absolute-Return-Fonds, alternatives Management und Unternehmens­beteiligungen. Die Bilanzen der Grossbanken explodierten damals förmlich, ihre Handels­räume in New York und Connecticut wurden zum Nerven­zentrum der Finanzwelt.

Später fielen sie wieder schmerzlich in sich zusammen.

Ein Boom von kurzer Dauer

Bilanzsumme der Schweizer Banken

Grossbanken
restliche Banken
20002006201220181521 Mrd.1704 Mrd.0100020003000 Mrd. Franken

Quelle: SNB

Die Zurückhaltung kam Pictet später zugute. Alle diese Geschäfte erwiesen sich als sehr risikoreich und produzierten ab 2008 Verluste. Die Subprime-Krise in den USA brockte der UBS Verluste über 50 Milliarden Dollar ein und dezimierte die Hedgefonds-Anteile von UBP und Edmond de Rothschild.

Fidelity, einer der grössten Vermögens­verwalter der Welt, schloss seine Türen in Genf, und die meisten Tochter­gesellschaften ausländischer Banken wurden aufgekauft. Strategische 180-Grad-Wenden wurden im Private Banking die Regel: Citigroup und Merrill Lynch, zwei Ableger amerikanischer Grossbanken, verloren in der Schweiz fast ihr ganzes Geschäft.

Glück und Belohnung für Pictet: Sie war eine der ersten Adressen, an die sich die Kunden in der Krise wandten. Dieser Zustrom von Geld hält bis heute an.

Wachsende Depots

Verwaltete Vermögen bei Pictet

2009201420190300600 Milliarden Franken

Quelle: Pictet

3. Der Alleingang

Trotzdem steckte Pictet in einer schwierigen Position. Sie hatte eine unglückliche mittlere Grösse: gefangen zwischen grossen Banken mit ihrem Investment­banking und kleinen Finanz­boutiquen, die ein fast intimes Vertrauens­verhältnis zu ihren Kunden pflegen.

Und wieder entschied sich Pictet gegen die eigentlich naheliegende Lösung: sich mit einem anderen Institut zusammenzutun.

Sie liess sich nie aufkaufen und fusionierte nie mit einer anderen Bank, so wie es die SBG und der Bankverein getan hatten (1997) oder später Lombard Odier und Darier Hentsch taten (2002). Als Genfer Wirtschafts­journalistin erfuhr man immer wieder von Übernahme­offerten und Angeboten an Pictet – alle blieben unerwidert. Man wollte wachsen, aber langsam und aus eigener Kraft. Nicht so wie die Zürcher Bank Julius Bär, deren Mitarbeiterzahl sich durch eine grosse Übernahme 2013 auf einen Schlag veranderthalbfachte – und wo in der Folge zahlreiche Angestellte entlassen wurden. Auch in Genf.

Als Diplomat Gesandter am Wiener Kongress 1815, der nach der Niederlage Napoleons eine Neuordnung Europas schuf: Das Denkmal für Charles Pictet de Rochemont auf der Promenade de la Treille in Genf. Sabine Senn/Pictet Group

Kein schlechter Entscheid. Nicht nur aus strategischer Sicht, sondern auch wegen der für Pictet so wichtigen Image­pflege und Unternehmens­kultur. Immer wieder tragen Mitarbeitende anderer Banken, die mit einer Fusion unzufrieden sind, Interna nach draussen – ihre Geschichten sind ein unerschöpflicher Nährboden für die Wirtschafts­presse. Pictet ist für Finanz­journalisten jedoch eine fast uneinnehmbare Festung geblieben: Nur wenige Ex-Mitarbeitende wollen sich jeweils äussern. Die Rahmen­bedingungen sind relativ stabil, die interne Kultur ist stark und homogen geblieben.

Das hat durchaus auch Nachteile. Die wenigen Mitarbeitenden, die reden, berichten von einer starren Atmosphäre, mit schwer erreichbaren Partnern und einer Kultur der Geheim­haltung. Lange Zeit blieb die Kleider­ordnung strenger als anderswo: Anzug und Krawatte für Männer, Kostüm für Frauen. Erst 2019 liess sich der abtretende geschäfts­führende Partner Nicolas Pictet dazu hinreissen, Teilzeitarbeit und andere neuen Moden im Institut zuzulassen. Doch dieser Konservatismus hat Pictet auch zu einer der vertraulichsten Banken auf dem Markt gemacht. Sie bleibt weitgehend fern vom Medienrummel.

Stattdessen konzentrierte sie sich auf ihre Stärken: die solide Vermögens­verwaltung in Genf und in Wachstums­märkten wie Asien, wo wohlhabende Familien Sympathien für die lange Tradition bei Pictet hegen. Ausserdem baute Pictet frühzeitig ein Geschäft auf, das den wohl schwierigsten Einbruch der jüngeren Geschichte kompensieren sollte: das Ende des Bank­geheimnisses in Europa.

4. Die Neuausrichtung

2005, noch während der euphorischen Jahre, trat zwischen der Schweiz und der EU das Zins­besteuerungs­abkommen in Kraft. Die EU verlangte fortan, dass die rund 1000 Milliarden Euro in der Schweiz deponierten europäischen Vermögens­werte versteuert würden. Zunächst konnte dies vertraulich geschehen – also unter Wahrung des Bankgeheimnisses.

Auch das sollte sich bald ändern. Die USA forderten die Schweizer Banken rigoros auf, Listen amerikanischer Kunden auszuhändigen. Ab 2016 wurde dann der automatische Informations­austausch international obligatorisch.

Das Ende des internationalen Bank­geheimnisses traf den Genfer Finanzplatz hart. Er verlor viele Offshore-Kunden, die Margen im Private Banking sanken. Zwar stand Ivan Pictet, damals Präsident des Finanz­platzes Genf, 2009 in der Nachrichtensendung «Téléjournal romand» an vorderster Front, um das Bank­geheimnis zu verteidigen. Doch privat hatten die Partner der Genfer Bank – die «alten Wölfe» der Finanzwelt – längst ihre Schlüsse gezogen.

Zwar nahm auch Pictet, wie viele andere Schweizer Banken, fliehende UBS-Kunden bei sich auf. Doch die Bank war zu gerissen, um im grossen Stil in die Falle zu tappen. Im Gegensatz zu vielen Privat­banken hat Pictet keine Geldstrafe aus dem US-Offshore-Geschäft bezahlt. Zumindest vorläufig: Die Bank sagt seit 2012, dass sie mit den US-Behörden kooperiert. Dass noch eine Busse kommt, wird mit jedem Jahr, das vergeht, unwahrscheinlicher.

Ivan Pictet prophezeite damals, das Ende des Bankgeheimnisses werde den Finanzsektor hierzulande halbieren. Das sollte sich nahezu bewahrheiten: Im Kanton Genf ist der Finanz­sektor von 25 Prozent des BIP auf heute 12 Prozent gesunken, auf nationaler Ebene von 14 auf 9 Prozent. Vor der Finanzkrise hatten in der Schweiz 327 Banken eine Lizenz. Heute sind es noch 248.

Pictet hat sich der Negativ­spirale entzogen, indem die Bank früh neben dem Private Banking auf ein anderes Geschäft gesetzt hat: aufs Asset Management, die Verwaltung von institutionellen Geldern, zum Beispiel von Pensions­kassen. Ihre frühen Investitionen in die Vermögens­verwaltung in London, aber auch in Luxemburg und Singapur erwiesen sich als Gewinn. Damit konnte die Bank den Zusammen­bruch des Offshore-Privat­bank­geschäfts aus Europa kompensieren. Im Gegensatz zur Rivalin Julius Bär, die nur private Vermögen verwaltet, kommt inzwischen die Hälfte der verwalteten Vermögen bei Pictet von institutionellen Kunden.

Diversifiziertes Geschäft

Verwaltete Vermögen nach Typ, in Franken

Institutionelle Kunden
Privatkunden
Übrige
PictetJulius Bär0 300 600 Mrd.

Daten per 31. Dezember 2018. Übrige = Investment Banking, externe Verwalter und andere Geschäfte. Quelle: Pictet, Julius Bär

Es ist dieses Geschäft mit den institutionellen Kunden, das in den vergangenen Jahren am stärksten wuchs. Und dem in der nächsten Zeit weiterhin das höchste Wachstum vorhergesagt wird.

5. Die Brüche

Selbstverständlich läuft auch bei Pictet nicht alles perfekt. Nachdem die Bank Wegelin in den USA 74 Millionen Dollar Strafe wegen Beihilfe zu Steuer­delikten zahlen musste, gab Pictet Ende 2013 ihren 200 Jahre alten Status als Kommandit­gesellschaft auf. Pictet wurde zur Aktien­gesellschaft. Seither ist im Fall einer zivil- oder verwaltungs­rechtlichen Auseinander­setzung die AG als juristische Person erste Ansprech­partnerin. Die Partner hafteten nicht mehr mit ihrem persönlichen Vermögen – etwas, mit dem man sich zuvor stets gerühmt hatte. Für die Öffentlichkeit war es ein Schock, für die Bank ein Traditions­bruch. Es sollte nicht der einzige bleiben.

2018 nahm Pictet Boris Collardi, den damaligen CEO von Julius Bär, als einen der sieben geschäftsführenden Partner der Bank auf. Auch das überraschte, nein, schockierte viele Branchen­kenner. Collardi gilt als Turbo-Banker, als Ehrgeizling, der schnelle Übernahmen liebt. Er war neun Jahre lang Solist an der Spitze einer grossen, SMI-gelisteten Gruppe, nachdem er zuvor an der Seite von Oswald Grübel in den oberen Rängen der Credit Suisse gearbeitet hatte. Ihm wird ein Hang zum Glamour nachgesagt und die Gewohnheit, ehemalige Kollegen abzuwerben und um sich zu scharen. All dies steht in krassem Gegensatz zur Kultur bei Pictet, der wohl konservativsten Bank der Schweiz. Konnte das jemals gut gehen?

Bringt der Turbo-Banker den Glamour in die Firma? Boris Collardi ist seit 2018 einer der geschäftsführenden Partner bei Pictet. Ennio Leanza/Keystone

Zweifel bestehen bis heute – auch innerhalb der Bank. «Boris Collardi hat nicht die DNA eines Privat­bankiers», sagt eine Quelle. «Es gibt Spannungen.» Dem Zürcher Banker wird zugeschrieben, dass die Geschäfts­strategie neuerdings darauf abziele, höhere Gebühren zu verlangen, um mit bisherigen Kunden mehr Geld zu verdienen. Andererseits zögere man nicht, in Asien neue Kunden mit Dumping­preisen anzuwerben. All dies sei nicht der Stil der Bank. Der langjährige Verantwortliche für die ultrareichen Kunden, Patrick Prinz, habe die Bank aus kulturellen Gründen verlassen, heisst es.

Doch es gibt eine andere Seite. Erstens bescheinigen interne Quellen Collardi eine besondere Hartnäckigkeit beim Bereinigen von Privat­konten, die noch nicht ausreichend dokumentiert sind. Er stelle Fragen an Manager und externe Vermögens­verwalter, «die in der Vergangenheit nicht gestellt wurden» und die einige verärgerten und dazu veranlassten, sich nach weniger wählerischen Depot­banken umzuschauen.

Zweitens spricht für Collardi das Wachstum, das Pictet bei allem Konservativismus und allem Stil immer stoisch verfolgte. «Wenn eine Bank über dieses Thema nachdenkt, steht Collardis Name ganz oben auf der Liste», gibt ein Veteran der Branche zu bedenken. Auch die Kritiker von Collardi erkennen im vertraulichen Gespräch dessen Fähigkeiten an. Die Bank muss in einem schwierigen Markt überleben, ist einem verstärkten Wettbewerb zwischen den globalen Finanz­zentren ausgesetzt und kommt wie alle Banken nicht darum herum, in Asien ein starkes Standbein aufzubauen.

So betrachtet, fällt die Aufnahme Collardis gar nicht so sehr aus dem Rahmen. In den 215 Jahren ihres Bestehens hat Pictet nämlich nie nur auf Tradition gesetzt, sondern immer auch auf einen Schuss Unter­nehmertum. Auch der erste Pictet war ein Outsider: Edouard Pictet trat 1841 in die Bank ein, die damals noch De Candolle, Turrettini & Cie hiess. Erst 1926 wurde der Firmen­name zu Pictet. Seither findet man im Leitungs­gremium stets beides: Vertreter der Familien und Neulinge von aussen, die nicht zum Serail der Familien Pictet, Demole oder De Saussure gehörten. Aktuell etwa Laurent Ramsey, der als Analyst einstieg und das Asset Management mit aufbaute, oder Rémy Best, ein ehemaliger McKinsey-Mann.

Aus der Ahnengalerie. Pictet Group

Rémy Best, der als diskret gilt, wurde Boris Collardi denn auch zur Seite gestellt. Für alle wichtigen Entscheide muss er sich mit ihm – und fünf anderen Teilhabern – arrangieren. Und: Es ist nach wie vor das gute alte Kriterium des Dienstalters, das Renaud de Planta vor einigen Monaten nach 22 Jahren zum Senior­partner von Pictet befördert hat, zum Primus inter Pares unter den sieben also. Er ersetzt damit Nicolas Pictet, der in den Ruhestand geht.

Bei Pictet kann es per Definition keine Stars geben.

6. Die Zukunft

Nein, Sie müssen Pictet nicht zwingend kennen. Aber wenn Sie im Banking arbeiten oder sich zumindest fragen, ob dieses in der Schweiz überhaupt noch Zukunft hat, sollten Sie ihr Beispiel gut studieren. Ebenso, wenn Sie sich dafür interessieren, welche Mischung aus Tradition und Wagemut Unternehmen oder Institutionen allenfalls brauchen, um Jahrhunderte zu bestehen.

Nicht dass irgendjemand Pictet kopieren könnte. Der Genfer Finanz­platz ist einzigartig mit seinem Sinn für Diskretion, der sich darin zeigt, dass auf dem Klingel­schild oft nur die Initialen einer Bank standen. Beziehungen, die mit französischen und italienischen Kunden, Erbinnen, Beamten, Unter­nehmern, Prominenten und Politikerinnen über Jahrzehnte geschmiedet wurden, kann man nicht einfach so replizieren. Speziell nicht in Zürich, wo die Banken­kultur an der Bahnhof­strasse und am Parade­platz weitgehend «londonisiert» ist.

Doch nach der Krise des Bank­geheimnisses hat eine andere Ära begonnen. Eine, für die Pictet möglicher­weise besser gerüstet ist als andere. Nicht zuletzt deshalb, weil sich die Bank früher als viele andere darauf vorbereitet hat: Bereits 1986 sprach Claude de Saussure als Partner von einem massiven Zustrom institutioneller Kunden und sah die Bedeutung dieser Tätigkeit voraus, die inzwischen zu einer der beiden tragenden Säulen geworden ist.

In den nächsten Jahren stehen noch eine ganze Reihe weiterer Heraus­forderungen an, die auch Pictet stark fordern werden. Die Bank wird eine Synthese finden müssen zwischen den Kulturen von Genf, Zürich, London und Singapur – vielleicht ist es gerade das, wozu Collardi einen wertvollen Beitrag leistet. Pictet wird eine Antwort auf die verschiedenen Zwänge brauchen, denen eine moderne Schweizer Bank unterliegt. Im Private Banking müssen die Margen gesichert werden; im Asset Management müssen die modernsten Produkte zu möglichst kosten­günstigen Preisen angeboten werden, und eine neue Generation von Fintechs droht ganz grundsätzlich die traditionellen Domänen der Banken einzunehmen.

Doch Pictet ist offenbar optimistisch. Letzes Jahr kündigte die Bank den Bau eines 90-Meter-Turms an der Place de l’Etoile unweit des jetzigen Standorts an. 54’000 Quadrat­meter noch modernere Büroflächen werden entstehen. Und sie verkündete: Wir wollen bis Ende 2020 zu 100 Prozent raus aus fossilen Anlagen. Wieder einen Schritt früher als andere.

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Zur Autorin

Myret Zaki ist freie Journalistin mit Schwerpunkt Wirtschaft und Finanzen. Zuvor leitete sie unter anderem den Finanz­bereich der Tages­zeitung «Le Temps» und war Chefredaktorin der Zeitschrift «Bilan». Die Grundlagen der Aktien­analyse hat sie als Junior-Analystin in einer Genfer Privatbank gelernt. Für das investigative Buch «UBS am Rande des Abgrunds» erhielt sie 2008 den Schweizer Journalisten­preis. Zwischen 2010 und 2016 verfasste sie Bücher über das Ende des Bankgeheimnisses, das Ende des Dollar-Reserve-Status und den Aufstieg des Schattenbankensystems.

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