Binswanger

Vom Nazi-General zum Management-Guru

Ein neues französisches Geschichts­buch rekonstruiert die Biografie eines SS-Intellektuellen. Es zeigt, wie nahe sich Nazi-Ideologie und moderne Unternehmens­führung in vielerlei Hinsicht sind.

Von Daniel Binswanger, 18.01.2020

Unabhängiger Journalismus kostet. Die Republik ist werbefrei und wird finanziert von ihren Leserinnen. Trotzdem können Sie diesen Beitrag lesen.

Wenn Sie weiterhin unabhängigen Journalismus wie diesen lesen wollen, handeln Sie jetzt: Kommen Sie an Bord!

Treten wir ein in eine neue Epoche der Geschichts­politik? Die Erinnerung, die Deutung und die Aufarbeitung der Vergangenheit waren immer hart umkämpft und hochpolitisch, ganz besonders die Bewältigung der Menschheits­verbrechen des 20. Jahrhunderts. Nach dem Ende des Kalten Krieges, in den 90er-Jahren, kam eine erste Welle der Neubeurteilung der Geschichte des Zweiten Weltkrieges, die Schweiz hat damit ihre Erfahrungen gemacht. Doch heute, mit dem Vormarsch des Rechts­populismus in der Bundes­republik, bekommt die Erinnerungs­politik eine neue, ganz andere Brisanz.

Nicht nur erreichen uns fast täglich Berichte über rassistische und rechtsradikale Übergriffe aus Deutschland. In der deutschen Öffentlichkeit scheint sich ein gewisser Revisionismus der NS-Vergangenheit immer komplexfreier manifestieren zu können. Warum ist auch 75 Jahre nach ihrem Ende das toxische Erbe der NS-Herrschaft von derartiger politischer Macht?

In Frankreich ist letzte Woche «Libres d’obéir» (Frei zu gehorchen) erschienen, ein Essay des Historikers Johann Chapoutot, der bereits hohe Wellen schlägt und zur Beantwortung dieser Frage ein paar wichtige Elemente beisteuert. Chapoutot ist Professor an der Sorbonne und mit mehreren Buch­publikationen über die Nazi-Zeit hervorgetreten. Heute dürfte er der wichtigste französische Experte für die ideologischen Grund­lagen der NS-Herrschaft sein.

«Frei zu gehorchen» ist ein schlanker Band und beschränkt sich im Wesentlichen darauf, die intellektuelle Biografie eines einzigen NS-Funktions­trägers darzustellen – allerdings eine Biografie, die es in sich hat. Es handelt sich um die Karriere von Reinhard Höhn, einem 1904 geborenen Staats- und Verwaltungs­rechtler, der unter den Nazis eine steile Karriere machte und als Mitglied des sogenannten «Sicherheits­dienstes», einer Art Elite­organisation innerhalb der SS, bis in den Generals­rang aufstieg. Höhn war einer der wichtigen Nazi-Intellektuellen. Von 1939 bis 1945 amtierte er als Direktor des Instituts für Staats­forschung an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin, von 1941 bis 1944 war er Herausgeber der Zeitschrift «Reich – Volksordnung – Lebensraum», des geopolitischen Grundlagen­organs der SS.

Wie bemerkenswert auch immer eine solche Karriere erscheinen mag, viel verblüffender ist das zweite Leben des Reinhard Höhn: Nach dem Krieg taucht er mit gefälschten Papieren für ein paar Jahre ab und schlägt sich als Natur­heilpraktiker durch, doch bereits ab 1950 kann er wieder unter seinem richtigen Namen auftreten. 1953 wird der Verwaltungs­jurist zum Direktor der Deutschen Volkswirtschaftlichen Gesellschaft, eines von der Industrie finanzierten Thinktanks, in den ihn ein Netzwerk ehemaliger SS-Kader kooptiert hat. 1956 schliesslich übernimmt er die Leitung der frisch gegründeten «Akademie für Führungs­kräfte» in Bad Harzburg.

Die Akademie, die nach dem Vorbild der Harvard Business School konzipiert ist, wird zur bedeutendsten deutschen Kader­bildungsstätte der 50er- und 60er-Jahre. Das von Höhn geschaffene sogenannte «Harzburger Modell» entwickelt sich zum wichtigsten deutschen Management­system der Wirtschafts­wunderjahre.

Bis ins Jahr 2000 – das Todesjahr von Höhn – durchlaufen 600’000 Führungs­kräfte die Fortbildungs­kurse der Akademie, von BMW über Opel, Bayer, Aldi bis Thyssen und Krupp entsenden unzählige deutsche Konzerne ihre Kader nach Bad Harzburg. Unter den Kunden vertreten sind auch viele Verwaltungs­behörden – auch die Bundeswehr ist früh dabei. Höhns «Führungs­brevier der Wirtschaft» gilt als immer wieder aufgelegtes Standardhandbuch.

Erst Anfang der 70er-Jahre wird seine Vorgeschichte in der deutschen Presse zum Thema, und der damalige Verteidigungs­minister Helmut Schmidt beschliesst, die Zusammen­arbeit zwischen der Truppe und Bad Harzburg zu beenden.

Ein SS-General, der zu den wichtigen Nazi-Ideologen zählte und sich als national­sozialistischer Theoretiker der «Menschen­führung» hervorgetan hatte, war die unangefochtene Management-Autorität des deutschen Wirtschafts­wunders.

Warum ist es wichtig, diese Biografie zu rekonstruieren? Ein offensichtlicher Grund liegt darin, dass sie ein atemberaubendes Exempel darstellt für die Oberflächlichkeit der Entnazifizierung. Gerade den ehemaligen Kadern des Sicherheits­dienstes gelang es erstaunlich häufig, ihre Laufbahn in der Bundes­republik mehr oder weniger unbescholten fortzusetzen.

Noch wichtiger ist die Frage nach den ideologischen Kontinuitäten: War der karriere­bewusste Höhn ganz einfach ein Opportunist der Extraklasse, der sich nach dem Untergang des Hitlerreichs fugen- und bedenkenlos vom fanatischen Nazi-Ideologen zum wirtschafts­liberalen Unternehmens­berater gewandelt hat? Oder war eine solche Verwandlung in mancherlei Hinsicht vielleicht gar nicht nötig?

Chapoutots Essay stellt die Entwicklung von Höhns ideologischem Profil ins Zentrum seiner Analyse. Und kommt zu einer Reihe verblüffender Ergebnisse:

1. Ein zentraler Konvergenzpunkt zwischen der Weltsicht des SS-Theoretikers und den Lehren des späteren Betriebs­wirtschaftlers ist der Anti-Etatismus. Es mag kontraintuitiv wirken, dass der totalitäre Nazi-Staat auf einer antietatistischen Ideologie beruhte – aber genau dies ist der Fall. 1938 schreibt Höhn: «Der Staat ist nicht die oberste politische Instanz. Er beschränkt sich vielmehr auf das Ausführen von Aufträgen, die ihm von der Führung im Dienst der Volks­gemeinschaft erteilt werden.» Der oberste Referenz­punkt für die Nazi-Ideologie ist die Volks­gemeinschaft und die Rasse, die angeleitet wird vom Führer, der wiederum getragen wird von der Partei – und nicht vom Staat.

Der Staatsapparat ist in diesem Herrschafts­modell ein blosses Mittel zum Zweck, ein potenzieller Störenfried, der ständig in die Schranken gewiesen werden muss und durch seine trägen Institutionen und starren Strukturen die Volks­gemeinschaft zu unterminieren droht. Hinzu kommt, dass der Staatsgedanke – wie Höhn als Nazi-Staatsrechtler in zahlreichen historischen Schriften zu zeigen versucht – der lateinisch-römischen Kultur­tradition entspringt und vom Judentum für seine Zwecke missbraucht wird. Die «germanische Freiheit» hingegen muss sich des Staates zu erwehren wissen. «Die Nazis», fasst Chapoutot zusammen, «erweisen sich als überzeugte Anti-Etatisten.» Der wirtschaftsliberale Anti-Etatismus, zu dessen Vorkämpfer Höhn in der Nachkriegs­zeit wird, hat hier einen direkten Anknüpfungs­punkt.

2. In der Praxis war der autoritäre NS-Staat dennoch erdrückend stark, aber es wurden strukturelle Vorkehrungen zu seiner Schwächung getroffen. Die Nazis errichteten ein «polykratisches Herrschafts­modell». Es wurden ständig miteinander rivalisierende Macht­institutionen geschaffen: sowohl die SS als auch die Wehrmacht; sowohl der Sicherheits­dienst als auch die Gestapo; sowohl die allmächtige Vierjahresplan-Behörde von Hermann Göring als auch das Reichs­wirtschafts­ministerium. Der Nazi-Staat war ein grosses Chaos der miteinander rivalisierenden, missions­gebundenen Verwaltungs­agenturen, welche die institutionalisierten Zuständigkeits­bereiche permanent unterliefen.

Höhn theoretisierte in den 30er-Jahren die Überlegenheit dieses Systems: Er lobt seine Flexibilität. 30 Jahre später wird er dann zum Apostel einer grossen Verwaltungs­reform, welche die wesentlichen Züge des späteren New Public Management vorwegnimmt, und macht sich wiederum für missions­gebundene, flexibilisierte Verwaltungs­strukturen stark – diesmal natürlich im Namen der überlegenen Effizienz der Privat­wirtschaft, welcher die Verwaltungen sich anpassen müssten. Ab 1969 werden in Bad Harzburg Sonder­seminare für Spitzen­beamte der Bundes- und Länder­verwaltungen angeboten, die sie in «moderne Management­methoden» einführen sollen.

3. Der Kern des Harzburger Führungs­modells ist die «Delegation von Verantwortung». Die Management­theorie beruht auf dem Grundsatz, dass die oberen Hierarchie­ebenen zwar die Ziele definieren, den Mitarbeitern aber möglichst viel Entscheidungs­autonomie zugestanden werden muss, wie sie diese Ziele erreichen wollen. Höhn leitet dieses moderne Prinzip der Eigen­verantwortung jedoch aus der deutschen Militär­tradition ab. In einer Studie über den preussischen Heeres­reformer Gerhard von Scharnhorst (1755–1813) stellt er dessen Prinzip der «Auftrags­taktik» ins Zentrum. Wiederum geht es darum, dass die Führung die Ziele fixiert, die Wahl der taktischen Mittel aber den Ausführenden überlassen wird. Auf dieser Freiheit gründen die «Elastizität» des Heeres, seine Leistungs­fähigkeit, der «fanatische Wille» seiner Soldaten, die zu Höchst­leistungen angespornt werden sollen – so wie heute der eigenverantwortliche Manager.

4. Zur Erhöhung der Leistungs­fähigkeit muss man sein Team glücklich machen. Das wissen moderne Betriebe mit ihren Tischfussball­tischen und Yogakursen. Genauso gut wussten das die Nazis. Der NS-Staat war zwar ein Terror­regime, das es auf die Vernichtung aller Gegner und aller «minderen» Vertreter des Menschen­geschlechts angelegt hatte, die nicht zur «Volks­gemeinschaft» gehörten. Aber wer zur Volks­gemeinschaft gehörte, musste gehätschelt werden – nicht weil man dem Individuum Fürsorge schulden würde, sondern weil seine Leistungs­fähigkeit im Dienste der Volks­gemeinschaft optimiert werden musste. Deshalb investierten die Nazis zum Beispiel viel Geld in die Organisation «Kraft durch Freude», die sich um Freizeit­gestaltung für den kleinen Mann kümmerte. «Um die Zustimmung des deutschen Volkes bemühten sich die Nazis mit extremster Aufmerksamkeit», schreibt Chapoutot. Motivations­training musste stattfinden auf der Ebene der ganzen Volksgemeinschaft.

Die Lektüre von «Frei zu gehorchen» ist hochgradig verstörend. Zu viele Kontinuitäten zwischen Vor- und Nachkriegszeit sind offensichtlich. Dabei geht es dem Autor explizit nicht darum, zu behaupten, heutige Management­prinzipien oder ein liberales Wirtschafts­verständnis seien im Kern nationalsozialistisch. Diese Schluss­folgerung wäre offensichtlich absurd: Weder der Antisemitismus, noch der Rassismus, noch der Kollektivismus der Volksgemeinschaft spielen im zweiten Leben des Reinhard Höhn eine manifeste Rolle. Der Punkt ist ein anderer: Die Anschluss­fähigkeit von Nazi-Menschen­führung und moderner Management­theorie geht weit. Die Schnitt­menge der Ideologeme ist verblüffend.

Höhn ist den Weg vom fanatischen Nazi zum modernen Wirtschafts­guru mit traumtänzerischer Leichtigkeit gegangen. Wie einfach ist dieser Weg in umgekehrter Richtung?

Illustration: Alex Solman

Wenn Sie weiterhin unabhängigen Journalismus wie diesen lesen wollen, handeln Sie jetzt: Kommen Sie an Bord!


seit 2018