Mein Vater, der Gangster – Teil 1

Das Tattoo zeigt das Segel­schiff, mit dem die Familie von Dung (2. v. l.) aus Vietnam geflüchtet ist. Privatarchiv

Die andere Familie

Wer war ihr Vater? Was für ein Leben hatte er? Und wer hat ihn erschossen? Die Basler Tochter eines vietnamesischen Gangsters macht sich in Kalifornien auf eine Spurensuche, die zum Trip wird in eine nie aufgearbeitete Vergangenheit. Teil 1 der Serie «Mein Vater, der Gangster».

Von Renato Beck, 25.12.2019

Zur Serie «Mein Vater, der Gangster»

Auftragsmorde, Erpressung, illegales Glücks­spiel und bewaffnete Raubüberfälle: In den 1980er-Jahren betreibt eine vietnamesische Gang in Kalifornien ihre brutalen Geschäfte. Zu den Draht­ziehern gehören die beiden Brüder Dung und Hung, die 1979 als boat people ihre Heimat verliessen und als Flüchtlinge in den USA gelandet sind. Am 16. September 1990 wird Dung erschossen, bald darauf auch Hung. 30 Jahre später will Dungs Tochter Yen, die mit ihrer Familie in Basel lebt, herausfinden, wer ihr Vater war. Und wer ihn getötet hat.

Die Personen in dieser Geschichte sind alle echt, einige der Namen wurden aber aus Gründen des Persönlichkeits­schutzes verändert.

1. Holiday Inn Express & Suites, Santa Ana, Juli 2019

«Warum schaust du mich so an? Ich kann mich nicht erinnern, warum glaubst du mir das nicht? Hör auf. Diesen bescheuerten Hunde­blick kannst du sofort abstellen. Hör auf, so zu schauen, hör jetzt auf! Ich weiss es nicht!»

«Versuch dich zu erinnern, Yen. Wann wurde dir bewusst, dass du einen Vater hast?»

«Du bist ein Idiot.»

Yen springt von der Couch auf. Sie geht ins Schlaf­zimmer, steht am Fenster. Sie schaut ins County hinaus, auf die bis zum Horizont reichende, monotone Siedlungs­landschaft, auf die verschwenderisch breiten Strassen und den von der kalifornischen Sonne blass gekochten Himmel. Nach einer Weile legt sich Yen ins Bett und schliesst die Augen.

Das Holiday Inn Express & Suites liegt an der First Street von Santa Ana. 8,7 Kilometer reicht die Strasse westwärts, bis sie an der Stadt­grenze von Westminster unter dem Namen Bolsa Avenue kerzen­gerade weiterführt, um erst kurz vor der Pazifik­küste von Long Beach zum Ende zu kommen. Ungefähr in der Hälfte ihrer Länge kreuzt die First Street die Brookhurst Street, die 14 Kilometer nach Norden reicht und 14 Kilometer nach Süden. Die First Street doppelt den Westminster Boulevard, der noch länger ist, sowie eine Reihe weiterer massloser Strassen. Gemeinsam bilden sie ein grenzenlos erscheinendes Schach­brett im Umland von Los Angeles, dem man den Namen Orange County gegeben hat.

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1 San Marino: Treffen mit Amy und Olivia, der Mutter von Dung Duongs zweitem Kind 2 Chino Hills, der Wohnort des Ex-Polizisten und Gang-Experten Al Valdez 3 Little Saigon 4 Holiday Inn, das Hotel von Yen Duong und Renato Beck 5 Melrose-Abbey-Friedhof, wo Dung begraben ist und ein bislang ungeklärter Mordanschlag geschah 6 Anchor Street, der Wohnort von Oma Duong


Früher gab es hier tatsächlich Orangen­plantagen, die vom einen Horizont zum anderen reichten. Es gab riesige Erdbeer­felder und Walnuss­wälder, bevor ab den 1950er-Jahren Beton über die fruchtbare Erde gekippt wurde, um den Boden zu bereiten für die vielen Menschen, die ins Vorland von Los Angeles strömten.

Nach einem Leben voller Ungewissheiten sucht sie in diesen Beton­feldern Antworten: Sie, das ist Yen Duong, 34 Jahre alt, Journalistin, Mutter von drei kleinen Kindern, Wohnort Basel, aufgewachsen im Baselbiet. Mutter Linh wohnhaft in Liestal. Vater Dung unter der Erde, begraben in Anaheim, Orange County.

Es gibt ein Bild von ihr mit ihm, 1986 muss das gewesen sein. Im Hintergrund hängt ein Poster an der Wand, «San Francisco» steht drauf. Vorn, auf einer Couch, sitzt Yen auf den Knien ihrer Mutter, sie ist vielleicht ein Jahr alt. Yen trägt lachs­farbene Strümpfe und ein weisses Rüschen­kleid, wie man es seinen Kindern zu Hochzeits­feiern anzieht. Ihr Vater sitzt daneben in einer eindringlichen Pose. Weisse Slipper und ein Foulard mit Zebra­muster um den Hals. Die Beine übereinander­geschlagen, den Blick bedrohlich gesenkt, die Arme um sie geschlungen, deutlich machend, zu wem Mutter und Tochter gehören.

Yen als Baby mit Mutter Linh und Vater Dung. Das Foto wurde in Frenkendorf aufgenommen. Privatarchiv

Er war gekommen, um sie zu holen. Ist ein paar Wochen geblieben in der Block­wohnung in Frenkendorf und hat versucht, die Mutter davon zu überzeugen, ihm Yen mitzugeben. Sie könne doch nicht in Armut aufwachsen, hat er gesagt.

Verschwinde endlich, hat die Mutter geantwortet.

2. Restaurant Ono, Basel, Herbst 2012

Wir hatten getrunken, wollten uns näher­kommen, konnten noch nicht. Wir sprachen über unser Leben, darüber, wie wir gross geworden sind. Sie rief die Szenen ab, die ihre Erinnerung hergibt, wenn sie an ihre Kindheit zurückdenkt. Und erzählte, wie sie als Fünfjährige in den Laden geschickt wurde, um ein Päckchen Muratti Box zu holen. Wie die Mutter lange Schichten in der Fabrik arbeitete, um sie beide durchzubringen. Wie sie als Teenager nachts aus dem Fenster kletterte, um ihre Freunde zu treffen, weil bei ihr alles ein bisschen strenger war als bei den anderen. Wie Onkel und Tante und Grossmutter auf sie aufpassten, sie quasi im Familien­verbund grossgezogen wurde, als die Mutter krank wurde.

Als ich sie nach ihrem Vater fragte, suchte sie auf ihrem Handy einen Link. Er führte zu einem Zeitungs­artikel in der «Los Angeles Times» vom 21. März 1992. «Cemetery Slaying Victims Were in Gang, Police Say», lautete der Titel. Opfer der Friedhofs­morde waren in einer Gang, sagt die Polizei. «Das ist meine andere Familie», sagte Yen.

Ich las den Artikel: «Die zwei Männer, die diese Woche auf dem Friedhof Melrose Abbey in Anaheim erschossen wurden, konnten als Mitglieder einer mafiaähnlichen Gang identifiziert werden. Sie zollten ihren verstorbenen Anführern Respekt, als sie von anderen Gang­mitgliedern in einen Hinterhalt gelockt wurden.»

Die Opfer, zwei gebürtige Vietnamesen aus San Francisco, gehörten zu einer Gang namens Hung Pho. Anfang der 1980er-Jahre war sie in Orange County entstanden, von wo aus sie ihr Territorium in einer blutigen Expansion laufend erweiterte. Zum Höhepunkt der Gang Anfang der 1990er-Jahre reichte ihr Gebiet bis hinauf nach San Francisco. Ihr Einkommen erzielten die Gangster mit Erpressung, illegalem Glücks­spiel, bewaffneten Raub­überfällen und Wucher­krediten.

Dan Foley, auf asiatische Gangs spezialisierter Sergeant des San Francisco Police Department, wird im Artikel mit folgenden Worten zitiert: «Die Leute sprechen über die Mafia. Diese Typen sind genauso brutal und kalkulierend, wenn nicht sogar weitaus schlimmer.»

«Mein Vater», sagte mir Yen in dieser Nacht, «war die Nummer zwei von Hung Pho.»

Wir sassen in einer Bar, sie trank Weisswein mit Mineral­wasser, und ich fühlte mich vereinnahmt von ihr und ihrer Geschichte. Zur Welt kam Yen am 3. März 1985 im Kantons­spital Liestal. Hineingeboren in eine vietnamesische Flüchtlings­familie, die eben erst dem Chaos der Flucht entstiegen war. Aufgewachsen ist sie ohne Vater und ohne Geld.

Yen lernte Deutsch und arbeitete sich durch die Schule. Sie war eine junge Frau mit vielen Fragen und wenigen Antworten. Vielleicht wollte sie deswegen Journalistin werden. Sie fand eine KV-Lehrstelle beim Werbe­vermittler Publicitas, der später pleiteging, und geriet so erstmals in die Nähe ihres Traumberufs. Sie bat um ein Redaktions­praktikum, erhielt es und fand nach der Lehre eine Anstellung im Journalismus. Yen kam bei einer der Gratis­zeitungen unter, die damals überall aufgingen und jungen Leuten eine Chance gaben, die bei einem etablierten Medium kaum aufgenommen worden wären. Schliesslich lernten wir uns bei der «Tageswoche» kennen, wo Yen Polit­journalistin war. Wir verliebten uns ineinander und haben heute drei gemeinsame Kinder.

Sie erzählte nie viel von sich, aber wenn sie es tat, hörte ich gerne zu. Wobei oft ein Geheimnis zurückblieb, ein Rätsel, das ich nicht auflösen konnte. Wie jenes, weshalb sie von den Widrigkeiten ihres Lebens so unbeeindruckt blieb.

3. Yens Leben im Zeitraffer

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Linh besuchte ihre Jugendliebe Dung in den USA, heiratete ihn und gebar eine Tochter ... Privatarchiv

4. New Gold Medal Restaurant, 8th Street, Oakland, Juni 2019

In chinesischen Aquarien werden im Wesentlichen drei Sorten Fische gehalten. Die am weitesten verbreiteten sind Goldfische. Aufgrund ihrer Färbung gelten sie als Boten nahenden Reichtums. Sie kosten nur ein paar Dollar das Stück, weshalb sie oft in grosser Zahl anzutreffen sind.

Verfügt der Aquarien­besitzer über mehr Ressourcen oder will er grössere Reichtümer anziehen, verzichtet er auf Goldfische. Dann schafft er sich wahrscheinlich einen luohan an, auch flowerhorn genannt. Eine heran­gezüchtete, tumorartige Beule am Kopf macht den Fisch unverkennbar. Der luohan ist ein einträgliches Geschäft: Besonders verunstaltete und auffällig kolorierte Exemplare wechseln für Tausende Dollar den Besitzer. Wie sein günstiger güldener Gefährte soll auch er seinem Eigentümer Wohlstand bescheren.

Womit wir beim dritten und schillerndsten chinesischen Aquarien­bewohner angelangt sind: dem arowana. In der chinesischen Mystik wird dem Raubfisch eine göttliche Abstammung nachgesagt, weil er mit seinen grossen Schuppen, seinem zapfenartigen Körper und seinem keilförmigen Maul an einen Drachen erinnern soll. Chinesen bezahlen ein Vermögen für ausser­gewöhnliche Exemplare des bis zu einem Meter langen Fisches. Sie halten ihn in Gruppen, um ihre wirtschaftliche Potenz zu betonen, obwohl der aggressive arowana am liebsten für sich bleibt.

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San Francisco

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San Francisco

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1 New Gold Medal Restaurant, der Tatort, wo Dung am 16. September 1990 erschossen wurde 2 Daly City, Wohnort von Evelyn, der zweiten Frau von Hung, dem Bruder von Dung


In Oakland, im New Gold Medal Restaurant, mitten in Chinatown, schwimmen im Aquarium drei arowana, ein luohan und eine Reihe unbedeutender Fische herum. In der Summe eine solide Besetzung für ein ernst zu nehmendes chinesisches Restaurant an einem Ort, an dem die relevanten Messgrössen Status und Wohlstand sind. Und an dem im Kampf darum entsetzliche Dinge geschehen sind.

Es ist der Ort, an dem Yens Vater am 16. September 1990 erschossen wurde.

Wir sitzen uns gegenüber, vor uns Wan-Tan-Suppe. Yen stochert lustlos darin herum. Sie zeigt auf die Bildschirme, die Aufnahmen der Überwachungs­kameras vom oberen Stock zeigen. «Ich glaube, er wurde oben getötet.» Yen fragt den Besitzer, ob er sich erinnern könne. Neues Management, sagt er. Eine Schiesserei? Nie gehört. Es ist Mittagszeit, das Lokal füllt sich mit Angestellten der nahen Geschäfte. Engagierte Gespräche auf Kantonesisch an den Neben­tischen. Wir sitzen schweigend am Tisch, und Tränen laufen über Yens Wangen.

Wer war ihr Vater?

Was für ein Leben hat er geführt?

Wer hat ihn erschossen?

In Kalifornien spürt Yen die schmerzende Lücke in ihrem Leben. Und den Drang, diese endlich zu schliessen.

5. «Los Angeles Times», «Orange County Register», «Oakland Tribune» (1987–1992)

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Von ihrer Familiengeschichte kannte Yen Duong lange nur Zeitungs­berichte wie diese: «Leiche von mutmasslichem Gangchef gefunden.»

6. Anchor Street, Anaheim, Juli 2019

Am Haus ihrer Oma sind Überwachungs­kameras auf den Eingang gerichtet. Eine Schild­kröte hebt den Kopf aus einem grünen, sumpfigen Tümpel im Vorgarten. Yen drückt auf die Klingel, nichts regt sich.

Yen ist nervös. Vor unserer Reise hatte sie ihre Oma angerufen. Oma schrie sie auf Vietnamesisch an: «13 Jahre hast du dich nicht gemeldet! Was willst du jetzt? Hast du ein Haus? Wie viel verdienst du?», dann legte sie auf.

Yen drückt nochmals die Klingel, wir warten, und schliesslich klicken die Schlösser an der Tür. Durch einen Spalt schaut eine alte Frau. Sie erkennt Yen, geht langsam auf sie zu. Yen schreit vor Freude und fällt ihr um den Hals. Sie umarmen sich und stolpern fast tanzend ins Haus.

Jeden Tag besuchen wir Omas Haus, weil Yen alles von ihr wissen will, was sie ihr entlocken kann. Die Grossmutter erzählt viel, doch mit jedem Tag ein bisschen weniger. Als wir zu den schwierigen Fragen gelangen, verstummt sie.

Ein Wiedersehen nach vielen Jahren: Oma Duong. Renato Beck

Wir sitzen auf einer weissen Leder­couch in der Küche des Hauses. Oma hat die Beine übereinander­geschlagen. 91 Jahre ist sie alt, sie trägt einfache, aber sorgfältig ausgewählte Kleidung. Wenn die Tage stimmen, ist sie aufmerksam und liebevoll, dann verströmt sie eine geheimnis­volle, stille Kraft. Sie füllt das entleerte Haus mit ihrer Präsenz und drängt die Geister der Toten zurück in die dunklen Ecken. An schlechten Tagen scheint sie mit den Dämonen der Vergangenheit zu ringen.

Yen: Ich möchte sehr viel Fragen stellen, darf ich?
Oma: (lachend) Ja.

Was hast du in Vietnam gemacht?
Ich war Schmuck­verkäuferin und habe mit Dollars gehandelt. Ich komme aus einer sehr reichen Familie, und diese war sehr bekannt in Haiphong.

Hat dir das Leben dort gefallen?
Das Leben in Vietnam war okay, aber nicht so gut wie in Amerika. Dein Grossvater war auch Verkäufer in Vietnam, ich glaube, er hat Heilkräuter verkauft. Wir haben uns in Haiphong kennengelernt und geheiratet.

Wie war es, so viele Kinder zu haben – sechs Jungen, ein Mädchen? Waren sie brav, wild?
(atmet hörbar aus) Das Leben mit sieben Kindern war sehr anstrengend. Ich war immer müde. Viele Jungs zu haben, macht müde. Die haben nie geholfen.

Dann hättest du halt sagen müssen, dass sie helfen sollen.
Ach, weisst du, ich musste einfach funktionieren und Mutter sein. Es hätte eh nichts gebracht, die wären auf der anderen Seite weggerannt, wenn ich auf dieser Seite etwas sage.

Yens Grossmutter schwärmt vom Leben in Kalifornien, dass dort alles vorhanden ist, im Überfluss und auf Abruf: «Ich musste in Amerika nicht arbeiten, nie.»

Im Haus ist nur die Pumpe des Aquariums zu hören. Ein einsamer rötlich violett gefärbter luohan mit ausgeprägter Beule auf der Stirn schwimmt seine leere kleine Welt ab. Er folgt jeder Bewegung der Besucher. Tritt man nahe ans Glas heran, schlägt er seine Beule dagegen, als wolle er den Besucher davon abhalten, näherzukommen.

Das Aquarium steht in einem grossen, düsteren Raum, der gleich an die Eingangstür anschliesst, ein Atrium, an das die weiteren Räume angeschlossen sind. Die Jalousien sind runtergelassen, eine spiral­förmige Glühbirne, die von der Decke hängt, verströmt anämisches Licht. In einer Ecke stehen gestapelte Stühle, daneben befinden sich ein abgedecktes Klavier und ein zugesperrter Kamin. In einer anderen Ecke steht der Ahnen­schrein der Familie. Glimmende Räucher­stäbchen stecken in kleinen Keramiken, frische Mangos und Blumen sind als Mitgaben rund um eine Bilderwand drapiert. Auf einem Bild ist Yens Vater zu sehen, weitere zeigen zwei ihrer Onkel sowie die Schwieger­tante, alle mehr oder weniger grausam aus dem Leben geschieden.

Ein Ort, an dem die Toten weiterleben – mal als gute Geister, mal als Dämonen der Vergangenheit. Renato Beck

Auch Yens Urgrossvater ist auf einem Bild zu sehen. Es muss kurz nach der Jahrhundert­wende aufgenommen worden sein. Er trägt eine Robe, die ihn als wohlhabenden Vertreter der Qing-Dynastie, der letzten chinesischen Kaiser­familie, ausweist. Sein Sohn, Yens Grossvater, setzte sich während des Chinesischen Bürger­krieges ins nördliche Vietnam ab, wo bereits eine bedeutende chinesische Minderheit lebte. Die Familie liess sich in der Hafenstadt Haiphong nieder, über die grosse Teile des vietnamesischen Aussen­handels abgewickelt wurden. Dort lernte er Yens Oma kennen, die einer reichen vietnamesischen Händler­familie entstammte.

Der Wohlstand der Familie wuchs, bis auch in Vietnam die Kommunisten die Herrschaft errangen. Als nach dem Vietnam­krieg die Spannungen zwischen Vietnam und China zunahmen, bekamen das die chinesischen Vietnamesen als Erste zu spüren. Sie wurden enteignet, in Umerziehungs­lager gesteckt, ihre Geschäfts­tätigkeit stark eingeschränkt. Yens Oma wurde zu einer langen Gefängnis­strafe verurteilt, weil sie beim Verkauf von Gold­schmuck erwischt worden war.

Stimmt es, dass du früher in Vietnam im Gefängnis warst?
Ja, weil ich Gold an Chinesen und Touristen verkauft habe, schickte mich die Polizei acht Jahre ins Gefängnis. Ein Jahr wurde mir erlassen, am Schluss sass ich sieben ab. Zwei Wochen nachdem ich das Gefängnis verlassen durfte, nahmen wir als Familie das Boot nach Hongkong. Im vietnamesischen Gefängnis war es hart: Das Essen war grauenhaft. Reis gab es nur im Gemisch mit anderen Getreide­körnern, das Gemüse schmeckte noch nach Kacke, weil sie es mit Insassen-Kacke düngten. Wenn ich nur schon daran denke, habe ich Angst. Es gab so wenig zu essen, dass man damit dealte. Mir ging es aber nicht so schlecht wie anderen Insassen im Gefängnis, weil meine Söhne Hung und Cuong schauten, dass ich einiger­massen gut von den Gefängnis­wärtern behandelt wurde. Zudem war mein Gefängnis nicht das gleiche wie das, in dem Mörder oder andere Kriminelle landeten. Das ist nochmals übler. Ja, acht Jahre bekam ich. Es war schrecklich.

Als Yens Oma aus der Haft kam, erwarb die Familie ein einfaches Segel­schiff, um Haiphong auf dem Seeweg zu verlassen. Die freien Plätze verkauften sie an andere Flüchtlinge. Vor ihnen hatten schon viele andere das Land verlassen. Und als Vietnams Küste im Dunkel der Nacht verschwand, da kriegten sie es mit der Angst zu tun. Sie kannten die Erzählungen von Piraten­überfällen, von verschleppten und vergewaltigten Flüchtlingen. Von Booten, die im Monsun verschwanden, und solchen, die ihre Passagiere auf der nächst­besten Insel absetzten. 1,5 Millionen Flüchtlinge verliessen als boat people Vietnam seit dem Ende des Vietnam­krieges 1975 in Richtung Thailand, Malaysia, Indonesien und Hongkong. Rund 400’000, sagen mittlere Schätzungen, starben auf der Überfahrt.

Nach unruhigen Tagen auf hoher See erreichten Yens Oma, ihr Mann und die Kinder Hongkong, damals noch britische Kronkolonie und ersehntes Ziel vieler boat people. Sie wurden ins Flüchtlings­lager an der Argyle Street in Kowloon gebracht. Früher ein Kriegs­gefangenen­lager der Japaner, beherbergte das Camp nun Zehntausende vietnamesische Flüchtlinge, die alle darauf warteten, von einem Drittstaat aufgenommen zu werden. Die Behörden in Hongkong waren überfordert mit der hohen Zahl der Ankömmlinge. Die Flüchtlinge wurden mehr oder weniger sich selber überlassen; fehlende Sicherheit war ein drängendes Problem im Lager, Diebstähle, Raub und Schlimmeres an der Tages­ordnung. Weshalb viele Vietnamesen versuchten, ausserhalb der Zäune ihr Leben aufzubessern.

Es waren gefährliche, gewalttätige Zeiten, in denen jeder Geflohene fürchten musste, wenigstens um seine Existenz gebracht zu werden. Yens Vater, damals 14 Jahre alt, und seine Brüder lernten zum ersten Mal die Stärke der Gruppe kennen. Gemeinsam mit ebenfalls aus Haiphong geflüchteten Weggefährten schlossen sie sich zu einer Gemeinschaft zusammen. Als Zeichen der Verbrüderung liessen sie sich im Lager dasselbe grossflächige Tattoo auf die Brust stechen: Es zeigt das Segel­schiff, das sie aus Haiphong rausgebracht hatte.

Viele Jahre später sollte die Tätowierung den US-amerikanischen Senat beschäftigen und in Kalifornien zum Symbol werden für ungekannte Grausamkeit und Kaltblütigkeit.

Was hat Papi getan?
Er hat im Casino gearbeitet. (lacht) Er hatte viele Frauen, weil er so schön war. (bekommt glasige Augen, wird nachdenklich) Das war mühsam. Er hat auch im Disneyland gearbeitet, zwei, drei Jahre.

War Papi brav?
Ja. Aber er hatte viele männliche Freunde. (Sie wird wieder nachdenklich, schweigt.)

Was für Freunde?

Die Grossmutter schweigt lange. Dann beschwert sie sich über Yens Mutter. Dass sie so eifersüchtig gewesen sei und ihm viele Vorwürfe gemacht habe. Das Vietnamesisch, das aus ihrem Mund kommt, klingt nicht mehr wie gesungen, sondern hart und spöttisch. Die Muskeln in ihrem Gesicht sind angespannt, ihre Mimik erstarrt. Sind das die zwei Gesichter, von denen man sagt, dass alle in der Familie Duong sie haben?

Oma: «Dein Papi war ein paar Wochen in der Schweiz. Sie haben viel gestritten. Die Zeit in der Schweiz war sehr schwierig für ihn. Er hat sich am Telefon oft beklagt über den Aufenthalt.»

Du bist auch in die Schweiz gekommen und hast uns besucht. Wieso?
Ich war in der Schweiz, weil dein Vater und deine Mutter abgemacht hatten, dass du nach Amerika kommst. Deshalb hat dein Vater ein Flugticket für mich gekauft, damit ich dich abholen kann. Aber deine Mutter wollte dann doch nicht. Dein Vater war enttäuscht, dass du nicht rüberkommst. Er hat dich vermisst, wollte dich bei sich haben. Du bist ja auch sein Blut.

«Mein Vater, der Gangster» – wie es weitergeht

Auf der Flucht aus Vietnam werden Yen Duongs Eltern ein Liebespaar. Doch schon bald werden sie getrennt: Vater Dung, damals 16, landet in Kalifornien, Mutter Linh, damals 15, in Frenkendorf, Baselland. Kaum wird Yen geboren, muss ihr Vater das erste Mal ins Gefängnis. Und lernt dort neue Freunde kennen.

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Mein Vater, der Gangster

Sie lesen: Teil 1

Die andere Familie

Teil 3

Die Leiche im Porsche

Teil 4

Bis keiner mehr da war

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