«Die seriösen Kitas schreien geradezu nach unangekündigten Besuchen»

Welche Verantwortung tragen die Behörden für die Misere bei Globegarden? Estelle Thomet vom Kita-Branchen­verband ist «schockiert» über die Aussagen des Zürcher Stadtrats Raphael Golta – und fordert strengere Kontrollen.

Ein Interview von Philipp Albrecht und Andrea Arežina, 20.12.2019

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Frau Thomet, «Jetzt ist vorbei mit Zurück­haltung» haben Sie uns gestern früh geschrieben, nachdem Sie das Interview mit Zürichs Sozial­vorsteher Raphael Golta gelesen hatten. Was meinen Sie damit?
Als Sie mit Ihren Recherchen über Globegarden auf uns zugekommen sind, haben wir uns noch sehr zurück­haltend geäussert. Erstens, weil Globegarden nicht Mitglied unseres Verbands ist, und zweitens, weil wir weiterhin von mutmasslichen Vorwürfen ausgehen müssen. Wenn nun aber die staatliche Seite, in diesem Fall verkörpert von Raphael Golta, sich so äussert, müssen wir unsere Haltung kundtun.

Was hat Sie an Herrn Goltas Aussagen besonders gestört?
Diese Grundhaltung, dass die Eltern in der Verantwortung stehen sollen, wenn es um strukturelle Themen in den Kitas geht. Das hat uns sehr schockiert.

Warum?
Klar, es gibt gesetzliche Rahmen­bedingungen, die durchaus strenger sein dürften. Gerade wenn es um den Betreuungs­schlüssel und die Qualifikation des Personals geht. Aber es gibt schon heute minimale Standards, die von der Aufsichts­behörde durchgesetzt werden müssen. Was bringen sonst Bewilligungen, wenn diese letztlich keinen Wert haben? Herr Golta aber sagt: Das können wir nicht überprüfen. Wir als Verband können es nicht akzeptieren, dass sich der Staat so aus der Verantwortung zieht.

Was verstehen Sie genau unter Minimalstandards?
Vor allem die strukturellen Themen: Hat es genug Personal, ist es die richtige Ausbildung, haben die Kinder genügend Platz? Hier kommt ja die Krippen­aufsicht ins Spiel, und hier hat die Aufsicht klare rechtliche Grundlagen für eine Über­prüfung. Sie muss sicherstellen, dass diese Minimal­standards erfüllt sind.

«Wer Kinder vor der Aufsicht versteckt, betrügt die Behörden. Wenn das stimmt, ist es ein Skandal.»
Estelle Thomet

Herr Golta machte sich lustig über unsere Recherche und witzelte darüber, was die Kinder zu essen bekommen. Es klang so, als würde sich der Artikel in Details verlieren. Sehen Sie das auch so?
Sie haben im Text viele unterschiedliche Ebenen beleuchtet. Darunter sind auch solche mit straf­rechtlicher Relevanz. Ich glaube nicht, dass man sich hier in Details verloren hat. Wer Kinder vor der Aufsicht versteckt, betrügt die Behörden. Wenn das stimmt, ist es ein Skandal.

Wie bewerten Sie grundsätzlich die Reaktion des Sozial­vorstehers auf unsere Recherchen?
Ich war irritiert und befremdet, dass er in dieser Diskussion plötzlich beginnt, über Spaghetti carbonara und vegane Wienerli zu sprechen. Das ist eine Desavouierung der ganzen Branche, und das können wir nicht akzeptieren. Nach dem Republik-Artikel, der solche Missstände aufgezeigt hat, erwarte ich vom Sozial­vorsteher, dass er das ernst nimmt und zusammen mit den Krippen­anbietern und den Eltern Verantwortung für die Qualität übernimmt. Letztlich sind alle Beteiligten in der Pflicht, denn es geht um das Wohl und die gute Entwicklung von Kindern. Da nützt es nichts, Verantwortlichkeiten hin- und herzuschieben.

Ist das Thema Essen in der Kita aus Ihrer Sicht nicht relevant?
Doch, sehr sogar. Wir lesen aus Herrn Goltas Antworten, dass das Thema Essen nicht aufsichts­relevant sei. Aber wenn ein Kind zu wenig zu essen bekommt, ist das sehr wohl aufsichts­relevant. Die entsprechende Verordnung besagt, das Kindes­wohl darf nicht gefährdet sein. Wenn ein Kind nicht satt ist, sind seine Grund­bedürfnisse nicht befriedigt. Diese Befriedigung der Grund­bedürfnisse ist aber eine Voraussetzung, um eine positive Entwicklung zu ermöglichen.

Wussten Sie vor unserer Recherche, dass Globegarden Probleme hat?
Die Firma hat viele Kitas, darum kennt man sie gut in der Branche. Und darum spricht man auch viel über sie.

Haben Sie die Vorwürfe in unserem Artikel überrascht?
Diese Vorwürfe sind dermassen schockierend, dass wir selbst­verständlich erstaunt sind.

Können Sie sich vorstellen, dass die Stadt Zürich nichts von den Problemen bei Globegarden gewusst hatte?
Wenn die Aufsicht so funktioniert, dass es nur angemeldete Kontrollen sind, weiss man auch weniger. Herr Golta sagte im Interview, Globegarden falle nicht besonders auf und würde im Mittelfeld rangieren. Dies, nachdem die mutmasslichen Missstände von der Republik öffentlich gemacht worden waren. Damit implizierte er ja, dass es bei einem Grossteil der Kitas in Zürich so aussehe. Hier möchte ich vehement widersprechen. Das ist für die ganze Branche ein Affront, den wir so nicht akzeptieren. Das ist nicht der Standard in den anderen 300 Kitas in der Stadt. Wirklich nicht.

Wir haben in den letzten zwei Tagen viele Rück­meldungen bekommen. Einzelne Leser haben uns geschrieben, dass es nicht nur bei Globegarden so schlimm sei.
Wir wissen, dass es in der Kita-Branche mit Sicherheit nicht überall so läuft, wie es im Artikel über Globegarden dargelegt wurde. Ein Problem ist sicher, gutes und qualifiziertes Personal zu rekrutieren. Aber das heisst nicht, dass bei Rekrutierungs­engpässen einfach mit unqualifiziertem Personal gearbeitet wird. In einer Schule unterrichtet auch nicht ein Praktikant Mathematik.

Kann es sein, dass die Kita-Branche zu schnell gewachsen ist, weil man nur darauf fokussierte, genug Betreuungs­plätze zu schaffen? Ist das Globegarden-Problem vielleicht aus dieser Entwicklung heraus entstanden?
Globegarden hat einen bewussten Entscheid gefällt. Die Firma hat trotz der schwierigen personellen Situation auf dem Markt entschieden, jeden zweiten Monat eine neue Kita zu eröffnen. Das bringt auch eine entsprechende Verantwortung mit sich. Aber letztlich ist das Thema übergeordneter: Lange war der Fokus auf den Ausbau des Angebotes ausgelegt, weil die Nachfrage nicht gedeckt werden konnte – was teilweise auch heute noch der Fall ist. Aber es braucht ganz dringend auch den Fokus auf die bestehenden Institutionen und auf die Qualität der Angebote.

Könnten die Zustände, wie wir sie in unserem Artikel beschrieben haben, verhindert werden, wenn die Krippen­aufsicht mehr Personal und Kompetenzen hätte?
Es müssen gar nicht unbedingt mehr Leute sein, sie müssten einfach ihre Arbeit anders machen. Und zwar in Form von unangekündigten Präsenz­kontrollen wie beispiels­weise in der Stadt Luzern und in fast allen Westschweizer Kantonen. Mindestens einmal pro Jahr. Es gibt kein wirksameres Mittel.

Die Branche verlangt also selber, dass man sie stärker kontrolliert?
Die seriösen und guten Kitas schreien geradezu nach unangekündigten Besuchen.

Eine Möglichkeit wäre, dass man das QualiKita-Label als Standard für die ganze Stadt einführt. Der Sozial­vorsteher fand aber, solche Labels seien umstritten.
Das ist erstaunlich, insbesondere weil Herr Golta ja die Eltern in die Pflicht nehmen will. Denn dieses Label ist eine externe Beurteilung, die auch den Eltern eine Orientierungs- und Entscheidungs­grundlage gibt.

Was muss die Politik jetzt tun, um solche Zustände zu verhindern?
Es stehen Forderungen im Raum, die vielen Vorschriften an Krippen abzuschwächen. Wenn es um bauliche Massnahmen geht, kann man darüber diskutieren. Nicht aber, wenn man die Anzahl Betreuungs­personen im Verhältnis zu den Kindern in Krippen verkleinern will. Im neuen Kinder- und Jugendhilfe­gesetz, das bald in Kraft tritt, wurde aber gerade dieser Betreuungs­schlüssel bereits massiv gelockert. Das ist nicht in unserem Sinn, und das darf nicht geschehen. Den Papier­krieg zu minimieren aber schon.

Die Sache mit den Subventionen ist sehr unübersichtlich. Staat und Gemeinden subventionieren, der Kanton setzt die Richt­linien. Ginge das nicht einfacher?
Das stimmt, und hier sind wir mit Herrn Golta einig. Die Sache ist sehr vielschichtig, und eine Stadt, in diesem Fall Zürich, kann nicht alles selber in die Hände nehmen. Eine Forderung in Zürich ist, dass man die Subventionierung auch auf Kantons­ebene ansetzt und an klare Qualitäts­kriterien koppelt. Das würde die Sache sicher vereinfachen.

Zur Person

Estelle Thomet (37) ist seit 2018 Regional­leiterin von Kibesuisse Zürich. Bevor sie zum Kita-Verband wechselte, arbeitete sie als Juristin bei den SBB. Thomet ist verheiratet, Mutter von zwei Kindern und lebt in der Stadt Zürich.

Sie haben in diesem Beitrag viele Worte gelesen, aber die wichtigsten drei fehlten. Seit je beruht jede funktionierende Gemeinschaft auf diesen drei Worten. Liebende sagen sie zueinander. Gute Politiker sagen sie ihren Wählern, gute Priester ihrer Gemeinde, gute Eltern ihrem Kind. Sie lauten: Fürchte dich nicht! – Wir von der Republik glauben, dass auch im Journalismus gilt, was Franklin D. Roosevelt einst zur Politik sagte: «Wir haben nichts zu fürchten als die Furcht selbst.»


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