Auf der Suche nach dem Code: Wie kommen wir aus dem Escape-Room raus? Solmaz Khorsand

Einmal Flüchtling spielen

Im Wien können Besucher einer neuen Freizeit­beschäftigung nachgehen. In einem Kunstparcours dürfen sie sich einfühlen, wie es ist, zu fliehen und vor allem: in Europa anzukommen. Inklusive Escape-Room. Ist das hilfreich oder blosser Zynismus?

Von Solmaz Khorsand, 12.12.2019

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Gebannt schaut Ahmed auf seinen Bildschirm. Gleich wird es passieren. Ahmed wartet auf den Mann, der durch den schmalen, dunklen Gang hetzt. Als dieser endlich die Ecke mit dem Bewegungs­melder erreicht, ertönt lautes Hunde­gebell. Er schreckt zurück. Ahmed lacht, als er die zittrige Figur auf dem Schirm sieht. Das war die Reaktion, die er sich erhofft hatte. «Wie der sich erschreckt hat!» Ahmed strahlt. Sein Kollege Ara grinst schadenfroh. Mission erfüllt. Europäer aus seiner Komfort­zone geholt. Dafür hat er gezahlt. Das hat er bekommen. Check.

Herumstolpern im Kunstraum

Ahmed und Ara arbeiten für das Kunst­projekt «Escape!» im Wiener Museums­quartier. Während es draussen schon dunkel ist und sich die ersten Menschen­trauben um die Punsch­stände im Haupthof bilden, haben sich Ahmed und Ara an diesem Freitag­abend auf dem Dachboden des Museums­komplexes hinter drei Computer­bildschirmen verschanzt.

Ara, bärige Statur, entspannt, Ahmed, dünn und unter Strom. Über Video­kameras verfolgen sie, was sich in den Räumen hinter ihnen so abspielt. Hilflos irren da Männer und Frauen umher. Sie drücken Knöpfe in der Hoffnung, dass sich Türen öffnen, zwängen sich in der Dunkelheit durch Dachschrägen und warten genervt in Sackgassen auf ein Zeichen, dass sie weiterstolpern können. Gelegentlich wenden sie sich an Ahmed und Ara. Über ein Walkie-Talkie geben die ihnen kryptische Hinweise, wie sie sich aus ihrer misslichen Lage befreien können.

Es ist ein surreales Spiel, ein Rollen­spiel, wenn man so will. Vorne beim Eingang sitzen sie, die zwei Spiel­leiter, junge Männer, geflohen vor vier Jahren aus dem Irak und Syrien. Hinter der weissen Tür quälen sich die anderen, die Österreicher.

Zum Spass.

Das Walkie-Talkie immer bereit: Der Ablauf ist unter Kontrolle. eSeL.at/Lorenz Seidler

Sie wollen wissen, wie es sich anfühlt, so als Flüchtling. Am eigenen Leib. Auf 300 Quadrat­metern wagen sie in Wiens hippster Gegend zwischen Glühwein und Eisstock­schiessen die Trocken­übung. Früher hat ein bisschen Fantasie gereicht, um sich in jemand anderen hinein­zuversetzen. Heute, in Zeiten von Fake News und Claas-Relotius-Märchen, müssen härtere Geschütze aktiviert werden, um das limbische System zu kitzeln. Auch Empathie braucht dieser Tage die fachgerechte Initial­zündung.

Im Museums­quartier ist die nun zu haben. Für 26 Euro kann man eine Stunde lang hinein­schnuppern in das, was Männer wie Ara und Ahmed hinter sich haben. In verschiedenen Stationen bekommt man einen Einblick in ihre Odyssee, inklusive Escape-Room, Lastwagen­patina und mechanischen Hundegekläffs.

Garderobe ablegen geht nicht

Für 19 Uhr hat Daniela einen Slot für ihre Familie gebucht. Aus der Presse hat sie von der Ausstellung gehört. Beeindruckend klang das. Als Geografie­lehrerin hat sie ein paar Kinder in der Klasse, die selbst geflohen sind. Das alles hautnah jetzt selbst mitzuerleben, reizt sie.

Pünktlich steht Daniela beim Eingang. Papa Hans, Mama Agnes und Schwester Sonja treffen ein paar Minuten später in dicken Daunen­jacken ein. Sie sind müde. Ihr Arbeitstag war lang. Ein bisschen Entspannung tut jetzt gut. Seit Tagen freuen sie sich auf den gemeinsamen Familien­abend. Zuerst Flüchtling spielen und später essen gehen. So ist das Programm.

«Bitte alles mit reinnehmen», sagt Ahmed zur Einführung, als Schwester Sonja beginnt, den Zipp ihrer Jacke zu öffnen. «Ah ja, wir sind ja Flüchtlinge», murmelt die Sozial­arbeiterin. Und Flüchtlinge können ihre Garderobe nicht ablegen, bevor es «losgeht».

Gut eingepackt öffnet Papa Hans die Tür zur ersten Station, zum Escape-Room. Geübt scannen die vier mit dem Blick die Einrichtung. Schon drei Mal waren sie in solchen Räumen. Meistens mussten sie, um ihn wieder zu verlassen, irgendeinen Mord aufklären. Konzentriert mustern sie die Pritsche mit der kratzigen Wolldecke, das Schach­brett mit der seltsamen Anweisung, die Koffer und den Fernseher auf der Kommode. Sie sind auf der Suche nach Hinweisen. «Ich brauch meine Brille», klagt Mutter Agnes. «Ich hab überhaupt keinen Plan», stöhnt Schwester Sonja. «Wir brauchen irgendeinen ersten Hinweis», beruhigt Papa Hans.

Mit Shakespeare auf der Flucht: Zitate aus «Der Sturm» helfen, um den Code des Escape-Rooms zu entschlüsseln. eSeL.at/Lorenz Seidler

An der Tür ist ein elektronischer Türöffner mit Eingabe­feld angebracht. Hier müssen sie den richtigen Code eintippen, um den Raum zu verlassen. Sonja beginnt an der Video­kamera vor dem Fernseher zu hantieren. Ein kurzer Film wird abgespielt. Zu sehen ist eine junge Frau, die von Uniformierten durch genau diesen Raum gezerrt wird. Die Männer treten ihr in den Bauch, sie blutet, ihr Gesicht schaut schmerz­verzerrt in die Kamera. «Na serwas», murmelt Daniela in ihrem Wiener Dialekt. Der Inhalt scheint sie kurzzeitig mitzunehmen. Der Rest ihrer Familie wirkt abwesend.

Sie versuchen, der Kamera­perspektive zu folgen, herauszulesen, ob der Weg, den man die blutige Frau am Boden entlang­geschleift hat, eine Spur sein soll für die richtige Zahlen­kombination des Codes. Ausgeblendet ist die Brutalität. Nur das Rätsel zählt. Nachdem schon eine halbe Stunde vergangen ist, stutzt Papa Hans plötzlich. «Was ist das für ein Lärm die ganze Zeit?», will er wissen. «Papa, wir sind ja auf der Flucht, das sollen die Bomben sein», klärt Daniela auf. Papa Hans schaut weiter auf das Schach­brett. Seine Priorität ist klar: Er will den Code knacken. Der Rest ist sekundär.

Österreichs Flüchtlingspassion

In Österreich haben Flüchtlings­spiele fast schon Tradition. Im Juni 2018 hat der damalige Innen­minister Herbert Kickl gemeinsam mit dem damaligen Verteidigungs­minister Mario Kunasek, beide FPÖ, zum besonderen Spektakel geladen. 500 Polizisten und 220 Soldaten sollten im steirischen Spielfeld, einer Gemeinde an der slowenisch-österreichischen Grenze, vorführen, wie sie sich anstellen würden, wenn Hunderte «Fremde» die Grenze «stürmten». Die Rolle der Flüchtlinge übernahmen damals Polizei­schüler. Mit ausgestreckter Faust spielten sie eine «aufgebrachte» Menge, die es unter Kontrolle zu bringen galt. Binnen einer Stunde hatten die Beamten «die brenzlige Lage» vor Medien und Ehren­gästen deeskaliert. Method-Acting im Schnelldurchlauf.

Bei der «Grenzschutz­übung» stand das Trauma, wie es Kickl nannte, der eigenen Leute im Mittel­punkt. Im Museums­quartier ist es das Trauma der anderen.

Nicht lachen, Papa!

Nach einer Stunde hat es die Familie aus dem Escape-Room geschafft. Nun kommt das schummrige Labyrinth mit den beleuchteten Glas­kästen. Da ein Paar abgetragene Schuhe, dort ein Feder­kiel, ein Feuerzeug, alles persönliche Gegen­stände von Leuten, die Ehsan, Abdullah und Nour heissen, allesamt Geflüchtete. Stumm liest Mama Agnes die Erklärungen auf den Tafeln. «Schon berührend», sagt sie. Während sie noch jedes Stück einzeln studiert, prescht der Rest der Familie ungeduldig in den nächsten Raum, in die «Amtsstube». Dort erwartet sie hinter einem Glasfenster und einem Akten­stapel am Tisch eine lebens­grosse Wachs­puppe. Mit einem Hundekopf.

Papa Hans strahlt. Das Bild kennt er aus der Zeitung. Und die Kulisse aus seinem Leben. Mit der österreichischen Bürokratie ist er vertraut. «Gemäss Paragraph 6 Durchführungs­verordnung sind die bei der Antrag­stellung erforderlichen Urkunden und Nachweise jeweils im Original und in Kopie vorzulegen», liest er das Schild an der Eingangstür vor. «Hat ja jeder mit, der 7000 Kilometer übers Wasser hinter sich hat», schnauzt er, «unfassbar.» Dann zückt er sein Smart­phone. «Machst du bitte ein Foto von uns und dem Herrn Grantl.» Die Familie nimmt Position ein. «Papa, darfst nicht lachen», weist ihn Daniela zurecht, «das ist nicht lustig.» Papas Mund­winkel gehen wie angeordnet nach unten.

Herzlich willkommen! Der Herr Grantl empfängt in der Amtsstube. eSeL.at/Lorenz Seidler

Flucht ist nicht lustig. Im Ernstfall. Auf einem kunstvoll arrangierten Dach­boden mit Notausgängen kann sie aber durchaus unterhaltsam sein. Und beliebt. Bis zu zehn Mal am Tag ist die rund einstündige Flüchtlings­tour gebucht. Freunde schenken einander den Parcours zum Geburtstag, Gewerkschafts­chefinnen schicken ihre Mitarbeiter zum Teamwork in den Escape-Room, Familien nutzen die Bomben­schwadronen-Atmosphäre zum Bonding.

Europäer spielen Flucht zum Zeitvertreib. Zynisch klingt das. «Die Welt ist zynisch», sagt Deborah Sengl. Die Künstlerin sitzt in einem Café nebenan. Sie hat die Ausstellung konzipiert. 2015 hatte sie die Idee, als Leute aus ihrem Bekannten­kreis anfingen, abfällig über die Geflüchteten zu sprechen. 90’000 Asyl­anträge wurden in dem Jahr in Österreich gestellt. Es war unbegreiflich für Sengl, wie wenig Mitgefühl für die Betroffenen zutage kam und wie schnell Individuen auf eine einzige bedrohliche Masse reduziert wurden.

«Mir geht es nicht darum, dass man sich nach einer Stunde quasi zum Geflüchteten wandelt, sondern dass man sich überlegt und nachempfinden kann, wer sein Gegenüber ist», sagt Sengl. Sie vermeidet das Wort «Spiel» in diesem Zusammen­hang. Der Escape-Room ist in erster Linie ein Köder. Oder wie man heute sagt: ein nieder­schwelliges Angebot. «Leider braucht es solche Mittel, damit du dich mit etwas auseinander­setzt und aus deiner Bubble kommst», sagt Sengl. Sie weiss, dass ohnehin vor allem Leute die Ausstellung besuchen, die dem Thema gegenüber wohlwollend eingestellt sind. Dennoch hofft sie, den einen oder anderen mit dem Escape-Room zu erwischen, der sich kaum mit Europas am heftigsten geführter Debatte beschäftigt hat.

Schau, wie sie dich anschauen!

Die Heckklappe fährt hinunter. Papa Hans, Mama Agnes, Schwester Sonja und Daniela stehen im Container­raum. Auch von dem «Highlight» der Ausstellung haben sie in der Zeitung gelesen, und wie sehr es die Besucherinnen an die Tragödie von Parndorf erinnerte, als 71 Leichen in einem luftdicht verschlossenen Laderaum eines Kühl­lastwagens gefunden wurden. Die Opfer waren Männer, Frauen und Kinder aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und dem Iran. Ungeduldig schaut Papa Hans auf das rote Licht. Wenn es grün ist, dürfen sie weiter. Draussen bellen Hunde. Irgendwo kracht ein Funkgerät. Männer­stimmen sind zu hören.

Nach ein paar Minuten geht das grüne Licht an. Es ist Zeit für die letzte Station: den Wartesaal. Papa Hans zieht eine Nummer. C 84. Die Tafel zeigt 0 an. Er stöhnt. Er setzt sich auf einen der drei Klapp­stühle. Ihm gegenüber ist ein künstliches Fenster, von dem Leute immer wieder in den Warteraum hineinsehen. Es ist ein Video, das abgespielt wird. Passanten gehen vorbei, schauen den Wartenden direkt ins Gesicht, einige mitleidig, die anderen kritisch, manche gar feindselig. Einige machen Fotos. «Schau, wie sie dich anschauen, wäh!», sagt Daniela und dreht sich angewidert weg. Schwester Sonja bleibt fasziniert vor dem Fenster stehen. «Boah, ist das schiach! Schau, wie der dich mit seinen Augen verfolgt! So fühlt sich das also an!»

Ist es so? Fühlt es sich so an? Hat es mit der Realität zu tun? Im Eingang hinter den Computern schütteln sie nur lächelnd den Kopf. «Es kann gar nicht realistisch sein», sagt Ara, «oder willst du die Leute da drinnen erfrieren und verhungern lassen oder in ein Schlauch­boot setzen?» Er lacht. Vor vier Jahren ist der 30-Jährige aus Syrien nach Österreich gekommen. Jetzt studiert er hier Land­wirtschaft. Sein Kollege Ahmed lächelt nervös. Der Jusstudent beschwichtigt: «Die Ausstellung ist schon ein guter Einblick.» Aber eben nur ein Einblick. Ein Start.

Dann muss er rein, die Gäste aus dem letzten Raum holen. Mit ihnen das Erlebte reflektieren. Ahmed gratuliert der Familie zu ihrer Leistung. Papa Hans brummt. Die Hinweise im ersten Raum waren nicht eindeutig genug. Das hat sie Zeit gekostet. Tochter Sonja beschwert sich über die technischen Schwierigkeiten, Lichter, die zu spät angingen, Türen, die zeitverzögert öffneten. «Und wie ist es Ihnen sonst ergangen?», will Ahmed wissen. Die Familie wird mit einem Mal einsilbig. Berührend wars, beklemmend, sehr gut, bringen sie einzeln hervor. Man sei vertraut mit der Thematik, durch die Arbeit mit Geflüchteten, durch die Berichte in den Medien, unfassbar sei das Unverständnis ihnen gegenüber. Papa Hans schaut auf seine Uhr.

Wie es wirklich war

Ahmed beginnt zu erzählen. Er will die Familie teilhaben lassen an seiner Erfahrung, erzählen, wie es wirklich war zu fliehen, die Angst, das Begafft­werden, wenn man das Schlimmste überstanden zu meinen glaubte. Er will ihnen am Ende ihrer Tour noch einmal das echte Highlight geben: einen Flüchtling, aus Fleisch und Blut, die letzte Dosis für den verstopften Empathie­ausstoss. Höflich genervt hört ihm die Familie zu. Niemand will wissen, was es mit den Hunden auf sich hat? Ob einer der Gegenstände da drinnen von Ahmed ist? Wie es sein kann, dass einer, der vor vier Jahren erst nach Österreich kam, so gut Deutsch beherrscht, dass er gar ein Jusstudium angefangen hat?

Nichts. Die Zeit drängt. Der Magen knurrt. Sie haben eine Reservierung beim Chinesen ein paar Strassen weiter. Ahmed merkt die Ungeduld. «Ich bin sehr dankbar, in Österreich zu sein», setzt er zum Abschluss an. Papa Hans grätscht in die Atempause. «Okay», sagt er rasch. «Welcome!», und visiert den Ausgang an. Ahmed lächelt und macht ihm den Weg frei. «Schön, dass Sie hier sind», sagt ihm Daniela noch zum Abschied. Die Tour ist zu Ende. Dieser Teil des Familien­abends abgehakt. Der Tisch wartet.

Zum Kunstprojekt

Die Intervention Escape! im Museumsquartier kann noch bis Ende 2020 besucht werden. 1 Euro vom Karten­verkauf geht an den zivil­gesellschaftlichen Verein «Fremde werden Freunde», der an der Konzeption der Ausstellung mitgearbeitet hat.

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