Protestierende im Sudan fordern die Untersuchung der Gewalt gegen Demonstranten.

Brot oder Gerechtigkeit?

Der Langzeit­herrscher ist gestürzt – Sudans Ex-Diktator Omar al-Bashir lächelt aus einem Käfig seinen Anhängern zu. Doch die Militärs und Islamisten haben das Land herunter­gewirtschaftet. Und die Generäle bleiben an der Macht beteiligt. Es stellt sich die Frage: Kann es Frieden und wirtschaftliche Entwicklung geben, ohne dass jene, die für die Menschen­rechts­verletzungen verantwortlich sind, zur Rechenschaft gezogen werden? Oder kürzer: Wie viel Pragmatismus hält eine Revolution aus?

Von Amir Ali, Monika Bolliger (Text) und Salih Basheer (Bilder), 07.12.2019

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Die Nilstrasse führt das Ufer des weiten Stroms entlang aus dem Zentrum von Khartum. Unter alten, grossen Ficus-Bäumen geht es vorbei an Ministerien und am Palast der Republik, am National­museum und am Fünfstern­hotel Corinthia, auch «Ghadhafis Ei» genannt, weil der runde Bau einst von einem libyschen Staats­fonds finanziert wurde.

Die Zeit des Regens hat begonnen, und vorne an der Landspitze, wo der Blaue und der Weisse Nil zusammen­kommen, stehen die Bäume des Sunut-Waldes im Wasser. Wo dazwischen etwas Land übrig ist, sitzen Menschen auf Plastik­stühlen und trinken, was die Teefrauen auf ihren Holzkohle­kochern zubereiten. Der Strassen­rand ist hier auch Naherholungsgebiet.

Bei der Landspitze führt eine Brücke über den Strom. Auf der anderen Seite liegt Omdurman, das nicht nur eine eigene Stadt ist, sondern mit gegen 3 Millionen Einwohnern auch die grösste des Landes. Die Infra­struktur von Khartum ist schon in einem erbärmlichen Zustand, und in Omdurman sind die Strassen noch holpriger, die Gebäude noch niedriger, die Viertel noch ärmer. Omdurman ist vor allem eine Arbeiter­stadt. Lässt man das Zentrum hinter sich, findet man sich neben Esels­karren und knatternden Motor­rikschas auf unbefestigten Strassen wieder, die an staubfarbenen einstöckigen Häusern vorbei hinausführen, dorthin, wo die Stadt schliesslich in das ländliche Nilafrika übergeht.

In Omdurman sind die Strassen noch holpriger, die Viertel noch ärmer als in Khartum: Strassenszene vor einem Restaurant im alten Markt.

Auf dem Markt von Omdurman herrschen an diesem Montag­morgen bereits etwa dreissig Grad und reger Betrieb. Männer lassen sich bei Freiluft­coiffeuren Haare und Bart schneiden. Bei der Teefrau, die sich gegenüber mit einem kleinen Kocher und ein paar Plastik­stühlen eingerichtet hat, finden die Leute wie an jeder Ecke der Stadt einen Ort, um sich preisgünstig die Zeit zu vertreiben, mit Freunden zu plaudern, sich auszuruhen.

Reise in die arabische Welt

Diese Serie entstand aus drei Recherche­reisen, zu denen die Republik-Reporter Amir Ali und Monika Bolliger Ende August aufbrachen. Sie reisten vom Libanon nach Ägypten, in den Sudan und in den Irak und sind der Frage nachgegangen: Was haben die Menschen in der arabischen Welt heute für Perspektiven, bald neun Jahre nach dem Arabischen Frühling? Zur Übersicht mit allen Episoden.

Hier treffen wir Abbas Musa, einen gemütlichen, etwas behäbigen Mann Mitte vierzig mit einem ausladenden Schnurr­bart. Eigentlich ist er ausgebildeter Buchhalter, doch weil er keinen Job findet, arbeitet er in einem kleinen Gemischtwaren­laden. Was er dort verdient, reicht kaum zum Überleben: 100 bis 200 sudanesische Pfund pro Tag, das sind 2 bis 4 Franken.

Er habe seinen Bauernhof verkaufen müssen, weil er nicht mehr über die Runden gekommen sei, erzählt er. «Wir lebten unter einem repressiven Regime, und es fehlte an allem: Strom, Benzin, Brot, medizinische Versorgung.» Er hoffe, dass die Situation jetzt besser werde.

«Es fehlte an allem, Strom, Benzin, Brot, medizinische Versorgung»: Abbas Musa, eigentlich Buch­halter, arbeitet in einem Gemischt­warenladen.

Ein anderer Teetrinker, um die dreissig, erzählt davon, wie er versucht hat abzuhauen. Europa war sein Ziel, geschafft hat er es bis nach Libyen. «Als ich das Boot gesehen habe, mit dem sie uns auf das Meer schicken wollten, war mir sofort klar, dass ich das nicht machen würde.» Einer seiner Freunde sei ertrunken, andere in Libyen festgehalten und misshandelt worden. Er schlug sich durch und schaffte es zurück in den Sudan. Jetzt arbeitet er als Gelegenheits­klempner in Omdurman. «Es geht schon irgendwie», sagt er auf die Frage, ob er davon leben könne.

Revolution der Bürgerinitiativen

Die Wirtschaft des Sudan schrumpft, die Inflation galoppiert, die Staats­verschuldung liegt bei 165 Prozent des Brutto­inland­produkts. Das Land brauche in den nächsten zwei Jahren 8 Milliarden Dollar Hilfsgelder aus dem Ausland, sagte der neue Premier­minister Abdalla Hamdok kurz nach seinem Amtsantritt.

An die Spar­massnahmen, die üblicher­weise Bedingung sind für solche internationalen Kredite, wird sich im Sudan derzeit allerdings kaum jemand wagen. Denn zu Beginn der Proteste, im Dezember 2018, waren es die steigenden Preise für Brot und Benzin, welche die Menschen auf die Strasse trieben. «Was Bashir zu Fall brachte, ist die Kürzung der Brot­subventionen», meint der sudanesische Arzt und politische Kommentator Magdi al-Gizouli, der in Deutschland lebt. «Der Aufstand an sich kann als Krise des Subventions­systems gedeutet werden.»

Derzeit gibt es fast keine Produktion im Sudan – bis auf ein paar wenige profitable Sektoren wie die Goldminen und ein wenig Immobilien, wie Gizouli bemerkt. Die Menschen in den Städten, der Mittelstand im Allgemeinen, überleben dank Über­weisungen von Geldern von Angehörigen im Ausland. Die Armen schlagen sich im Tagelohn durch oder bauen auf dem Land an, was sie selbst zum Leben brauchen. Weil es im Sudan kaum Arbeit gibt, investieren Familien seit langem in die Bildung ihrer Söhne und Töchter und schicken sie dann ins Ausland. «Der Sudan lebt heute praktisch vollständig von Unter­stützung aus Saudi­arabien und den Emiraten. Das geht nicht ewig. Es braucht eine neue Formel zur Rettung der Wirtschaft», sagt Gizouli.

Zwei Begegnungen im Sudan

Mohammed al-Mounir

Kampfsportschule-Gründer

Die Wut der Strasse traf auf Organisations­strukturen, die über die vergangenen Jahre gewachsen waren. Schon in den Monaten und Jahren vor der Revolution waren mehr und mehr Bürger­initiativen entstanden, welche die Lücken füllten, die der marode Staat hinterlassen hatte, zum Beispiel, um Opfern von Überschwemmungen zu helfen. «Die Revolution ist eine Revolution der Initiativen für Dienst­leistungen», sagte der langjährige Bürger­rechtler Shamseddine Doualbeit. Er empfängt uns im Büro seiner Nichtregierungs­organisation «al-Fikr al-Dimoqrati», was als demokratisches Denken oder Gedanken­gut übersetzt werden kann. Gerade sind junge Aktivisten bei ihm zu Besuch. Sie suchen Doualbeits Unter­stützung für ihr neustes Projekt: eine Daten­bank mit 4500 Videos, die Übergriffe während der Revolution dokumentieren.

Vor sechs Jahren hat Doualbeit begonnen, Lese­gruppen zu gründen, die sich vor allem mit einer Frage befassen: «Was können wir für unser Land tun?» Mittler­weile gibt es laut Doualbeit im ganzen Land 800 solcher Gruppen, die sich mit politischen und gesellschaftlichen Ideen auseinandersetzen.

Der Sudanesische Berufsverband (SPA), ein Zusammen­schluss aus Gewerkschaften von Ärzten, Anwälten und Lehrern, trug zur Mobilisierung von Protesten bei. Auf lokaler Ebene traten die sogenannten Nachbarschafts­komitees in Aktion. Sie operierten einerseits offen als Wohlfahrts­organisationen. Daneben führten sie geheime Strukturen für die politische Arbeit. «Ich habe nicht einmal meinem eigenen Bruder davon erzählt», sagt Nibras aus Omdurman, die wegen der Teilnahme an den Protesten ihren Bürojob verlor. In den Quartieren kennt jeder jeden, und diese persönlichen Beziehungen waren zentral, um sich zu organisieren. Und auch während der Proteste spielte die Solidarität, öffneten die Leute ihre Häuser, wenn die Demonstrantinnen vor den Sicherheits­kräften fliehen mussten oder Wasser brauchten.

«Oder es kommt zum offenen Bürgerkrieg»

Moezz Abdel Wahab war einer der Haupt­koordinatoren der Nachbarschafts­komitees. Jetzt, an diesem Morgen im September, beginnt der erste Tag seines neuen alten Lebens. Seine Firma, ein kleines Kommunikations­unternehmen, hatte er während der vergangenen zehn Monate geschlossen, die Angestellten freigestellt. Doch nun, da der Übergangs­prozess eingeleitet ist, kehrt Moezz Abdel Wahab zu seinem Broterwerb zurück. Seine Nachfolgerin bei den Nachbarschafts­komitees ist eine 21-jährige Aktivistin. «Wir wollen die Jungen und die Frauen stärken», sagt Abdel Wahab. Es herrsche eine starke Atmosphäre der Teilhabe und des Aktivismus. «Die Regierung muss diese Stimmung aufrecht­erhalten», fordert er.

Moezz Abdel Wahab, der zu den alten Hasen gehört, befürwortet die Teilung der Macht mit den Militärs. Entweder man schaffe es, diese Phase für den Übergang zu einer demokratischen Ordnung zu nutzen. «Oder es kommt zum offenen Bürger­krieg», ist Abdel Wahab überzeugt. Doch er weiss, dass nicht alle seinen Pragmatismus teilen. Dass man den Deal mit den alten Macht­habern auch kritischer sehen kann. Denn so geeint die Protest­bewegung gegen das alte Regime und die Allein­herrschaft der Generäle war, so unterschiedlich sind nun die Inter­pretationen der Übergangszeit.

«Ich habe nicht einmal meinem Bruder davon erzählt»: Nibras engagierte sich heimlich in den Nachbarschaftskomitees.
«Wir werden nicht zulassen, dass sie die alte Struktur erhalten. Wir werden nicht aufhören»: Aktivistin Nina.

Nibras zum Beispiel, die Aktivistin aus Omdurman, sagt: «Wir haben den Wechsel des Systems ganz allgemein gefordert, nicht bloss den Wechsel des Kopfes», bringt sie eine unter der Jugend weit verbreitete Enttäuschung zum Ausdruck. Ihre Freundin Nina erklärt: «Wir haben viele Opfer gebracht, um eine echte Veränderung zu erreichen. Wir werden nicht zulassen, dass sie die alte Struktur erhalten. Wir werden nicht aufhören.»

Der altgediente Bürger­rechtler Shamseddine Doualbeit meint, die Jugend sei natur­gemäss etwas ungeduldig. Doch keine Revolution habe von Anfang an all ihre Ziele erreicht. «Was in dreissig Jahren zerstört wurde, kann nicht in fünfzehn Tagen wieder aufgebaut werden.»

Der Diktator lächelt im Käfig

Kann es Gerechtigkeit geben, solange die Generäle und Teile des alten Regimes noch an der Macht beteiligt sind? Kann es Frieden, Stabilität und wirtschaftliche Entwicklung geben, ohne dass jene, die für die grössten Menschen­rechts­verletzungen verantwortlich sind, zur Rechenschaft gezogen werden?

«Es gab einen Genozid in Darfur. Kinder­soldaten, die aus Trainings­camps fliehen wollten, wurden getötet. Während der Revolution wurden Demonstranten erschossen und Demonstrantinnen vergewaltigt. All das muss ans Licht gebracht werden», sagt Zuhal al-Amin. Sie ist Professorin für Verfassungs- und Völker­recht in Khartum.

Übergangs­justiz sei ein zentrales Thema, die Verbrechen des alten Regimes müssten benannt und anerkannt werden. «Wenn das geschehen ist, können wir einen Versöhnungs­prozess beginnen. Denn wir wollen nach vorne schauen.» Ende September hat der neue Minister­präsident eine Kommission gebildet, die das Massaker vom 3. Juni untersuchen soll, als Sicherheits­kräfte das Sit-in vor dem Armee­haupt­quartier auflösten und mindestens 128 Protestierende töteten.

Und immerhin ist ein Gerichts­verfahren im Gange: gegen den gestürzten Diktator Omar al-Bashir. Während unseres Aufenthalts im September besuchen wir das Gericht.

Omar al-Bashir, ganz in Weiss gekleidet, wird von drei Uniformierten in den schwarzen Käfig in der rechten Ecke des Saals geführt, und sofort erheben sich seine Anhänger von ihren Sitzen. Mit lauten «Allahu akbar»-Rufen begrüssen sie den Mann, der das Land dreissig Jahre lang autoritär regierte. Und dem jetzt hier in diesem düsteren, improvisierten Gerichts­saal der Prozess gemacht wird.

Bashir lächelt aufgestellt, blickt durch das Metall­geflecht in die Sitzreihen, winkt, ehe er Platz nimmt. Der Präsident ist nicht mehr Präsident, aber für die rund sechzig Männer und Frauen auf der rechten Seite des Saals ist er Anführer, Held und Opfer zugleich. Es sind Angehörige seiner Familie, dazu sein Team von Anwälten, das gleich mehrere Sitzreihen füllt. Sein Haupt­anwalt ist der ehemalige Parlaments­präsident. Er und Bashirs Bruder stecken noch kurz die Köpfe zusammen, bevor schliesslich der Richter erscheint. Er thront in seiner schwarzen Robe unten im Saal auf einer Bühne, davor steht eine schmale Kanzel mit Mikrofonen, von denen sich Kabel die Stufen hinauf bis zu den sechs TV-Kameras ziehen.

Al-Jazeera ist hier, und im Staats­fernsehen wird der Prozess live übertragen. Das Volk soll sehen, dass sich etwas ändert. Ein Ex-Diktator im Käfig – ist das mehr als ein starkes Symbol?

Omar al-Bashir ist vom Internationalen Straf­gerichts­hof zur Verhaftung ausgeschrieben. Hier aber geht es nicht um die 300’000 Toten in Darfur, für die Bashir verantwortlich sein soll. Es geht weder um Verbrechen gegen die Menschlichkeit noch um Kriegs­verbrechen.

Hier geht es um Geld, genauer gesagt um 25 Millionen Dollar, die Bashir aus Saudiarabien erhalten hat. Bargeld, in Säcken per Diplomaten­flugzeug ins Land gebracht. Geld­geschenke unter anderem vom saudischen Kronprinzen Muhammad bin Salman, die Bashir frei und ausserhalb des Staats­budgets verwenden konnte.

Statt um die Aufarbeitung der Gewalt­herrschaft geht es also um Korruption. Um Details wie etwa die Frage, ob die Säcke mit dem saudischen Geld in den Wohn- oder in den Amts­räumen des Präsidenten­palastes landeten. Und wofür sie verwendet wurden.

Eine Revolution ist kein klarer Schnitt

Spricht man Aktivistinnen und Vertreter der Zivil­gesellschaft in Khartum auf den Bashir-Prozess an, zeigen sie sich skeptisch. Viele sprechen von einer Farce.

Im Gerichtssaal, wo Omar al-Bashir in seinem Käfig vor sich hinlächelt, wird klar, wie weit der Weg ist. Bashir war der Kopf der Herrschafts­clique aus Militärs und Islamisten, sein Sturz läutete eine neue Zeit­rechnung im Sudan ein. Doch eine Revolution bedeutet noch keinen klaren Schnitt.

Sechs Zeugen werden an diesem Vormittag angehört. Einer von ihnen ist ein Offizier in Uniform. Er gibt zu Protokoll, als Bürochef des Verteidigungs­ministers knapp 5 Millionen Franken in bar aus dem Präsidenten­palast erhalten zu haben. Diese «Spende» für die Armee, wie sich der Offizier ausdrückt, sei für den Bau eines Spitals verwendet worden, das im Besitz von Leuten aus Bashirs engstem Umfeld ist. In den offiziellen Bilanzen der Regierung taucht das Geld nicht auf, wie der Offizier einräumt.

Heute leitet er das Büro des Sterne­generals Abdel Fattah Burhan, des Vorsitzenden des Souveränen Rates, der in der Übergangs­regierung stellvertretend für das Präsidenten­amt steht.

Vom alten zum neuen Sudan ist es ein fliessender Übergang. Jene Kräfte, die für eine wahre Aufarbeitung der dreissig Jahre unter Bashir zur Rechenschaft gezogen werden müssten, haben ihre Macht nun immerhin mit den Zivilisten geteilt. Doch sie kontrollieren die Sicherheits­kräfte und das Kapital im Land. Neben Burhan ist vor allem eine Figur ins Rampen­licht gerückt: Mohammed Hamdan Daglo, auch unter dem Spitz­namen Hemeti bekannt. Er ist Stell­vertreter Burhans und Anführer einer para­militärischen Einheit namens Rapid Support Forces, die sich einerseits gegen Bashir wandten, andererseits am Massaker bei der gewaltsamen Auflösung des Protest­lagers am 3. Juni beteiligt waren. Daglos Leute operierten vorher in Darfur als Teil der «Janjaweed» genannten Paramilitärs, welche für die Rekrutierung von Kinder­soldaten und für Vergewaltigungen berüchtigt sind.

«Die Militärs können nicht gewaltsam von der Macht entfernt werden. Und sogar wenn es möglich wäre, würde es mehr Schaden anrichten als Gutes bringen», sagt El Siddiq el Hilo. Er ist Anfang dreissig und arbeitet als Arzt in der Kinder­chirurgie. Hilo kommt mit frisch gestutztem Bart zum Interview, die Konturen sorgfältig ausrasiert, er trägt eine dunkelblaue Galabija und ein dazu passendes Käppchen. Hilo stammt aus einer Familie, die einst den Premier­minister stellte, der dann 1989 von Bashir weggeputscht wurde.

«Als die Revolution losging, waren wir alle Anfänger»: El Siddiq el Hilo ist Arzt.

Hilo aber gibt sich nicht als Politiker, im Gegenteil: «Als die Revolution losging, waren wir alle Anfänger», sagt er. «Wir interessierten uns vorher nicht für Politik.» Während des Sit-ins vor dem Haupt­quartier der Streit­kräfte betrieb er mit Kollegen eine Klinik in einem Zelt. Nach dem Massaker vom 3. Juni seien die meisten wütend gewesen. «Viele sagten, wir können nicht mehr mit den Militärs zusammen­arbeiten. Aber sie sind nun mal an der Macht», sagt Hilo. Es ist ein Dilemma, das viele teilen, die dieses Jahr monatelang gegen Bashir und danach gegen den Militärrat demonstriert haben.

Als das Sit-in beendet war, kehrte El Siddiq el Hilo zu seiner Arbeit als Kinder­arzt zurück. Die Politik überlässt er jenen Vertretern der Bürger­gesellschaft, die sich jetzt die Macht mit den Generälen teilen. Die Allianz für Freiheit und Wandel, eine Dach­organisation zivil­gesellschaftlicher Gruppen, stellt die Hälfte der Mitglieder des Souveränen Rates. «Wir müssen ihnen vertrauen und ihnen helfen, das Land neu aufzubauen.»

Während El Siddiq erzählt, gesellt sich sein Freund Omar zu uns an den Tisch. Auch er ist Arzt, auch er arbeitete im Feld­lazarett am Sit-in mit. Und für ihn ist klar, dass das Brot vor der Gerechtigkeit kommt: «Die Leute haben ein kurzes Gedächtnis. Wenn die zivile Regierung nicht liefert und vor allem erst einmal die wirtschaftliche Lage verbessert, dann rufen sie wieder nach der Armee, so wie 1989, als Bashir an die Macht kam.» Der gestürzte Diktator habe lange die Unterstützung breiter Teile der Bevölkerung genossen, sagt Omar. Als das Land mit der Abspaltung des Südens im Jahr 2011 auf einen Schlag seine Öleinnahmen verlor und die Wirtschaft in die Krise geriet, habe sich das geändert.

Alles ein grosses Missverständnis?

Ist die Machtteilung, auf die sich die Militärs und die zivil­gesellschaftlichen Kräfte geeinigt haben, der Anfang eines tief greifenden Wandels im Sudan? Oder ist sie die Garantie für die alten Eliten, dass sie nicht zur Verantwortung gezogen werden?

«Die meisten Leute verstehen nicht, was passiert ist», sagt der Wirtschafts­journalist Khaled Tigani, der in Khartum die Zeitung «Elaph» herausgibt. «Sie denken, es sei eine erfolgreiche Revolution gewesen.» Was aus seiner Sicht wirklich passierte: Der Westen sei vor allem an der Stabilität des Sudan interessiert. Die USA bräuchten das strategisch wichtig gelegene Land als Partner im Krieg gegen den Terrorismus, die EU bei der Bekämpfung der Migration. Als sich die Emirate und die Saudis voll hinter die Militärs stellten, hätten westliche Regierungen diese Stabilität in Gefahr gesehen.

«Ich gehe davon aus, dass die USA und die Europäer deshalb Druck machten, zugleich überzeugten sie lokale Kräfte davon, sich auf das Abkommen einzulassen», sagt Tigani. «Die Strasse versteht das jetzt falsch und erwartet einen revolutionären Umbruch. Alles spricht von einer Macht­übergabe an die Zivilisten, aber die Sicherheits­kräfte werden die Macht behalten.»

Was es jetzt brauche, sei der Übergang von der Revolution zum Staats­aufbau. «Wir brauchen nicht Gerechtigkeit als Erstes, sondern Institutionen, die für Gerechtigkeit sorgen», so Tigani. Das Problem: Ein Teil des alten Regimes ist noch da, der Militär­apparat, der Teile der Wirtschaft beherrscht. «Sie haben Firmen mit Privilegien, zahlen zum Beispiel keine Steuern. Nominell gilt bei uns die freie Markt­wirtschaft, aber in Wahrheit sind es die Sicherheits­apparate, welche weitgehend die Ressourcen kontrollieren. Sie werden alles daransetzen, um ihre Privilegien zu wahren.» Nicht nur die Frage der Gerechtigkeit berge deshalb Zündstoff, auch die so dringend nötigen wirtschaftlichen Reformen könnten zum Konflikt zwischen der zivilen Regierung und dem Militär­apparat führen.

Die Kräfte des Wandels stehen jetzt in der Verantwortung, und dies vielleicht mehr, als ihnen lieb sein kann. Können sie die Erwartungen erfüllen?

Vor dem Hauptquartier des Sudanesischen Berufs­verbandes, einer der dominierenden Organisationen im Gefüge der zivil­gesellschaftlichen Akteure der Revolution, hat sich eine kleine Demo gebildet. Die rund fünfzig jungen Männer stammen aus der Krisenregion Darfur und studieren in Khartum. Sie sind wütend, einige halten Plakate in die Luft, darauf stehen Slogans wie: «Das Massaker ist eure Blutung, die nicht weggehen wird».

Am Tag zuvor haben Sicherheits­kräfte in Darfur zwei junge Männer getötet, die Fussball spielten. «Sie denken, wir seien die Regierung», sagt Rashid Said Yaakub, der Sprecher des Berufs­verbands, bevor er sich in die Mitte des kleinen Protestes stellt. «Es ist gut, dass ihr hier zu uns gekommen seid», beginnt er seine Ansprache. «Die Polizisten und Soldaten bei euch in Darfur sind weit weg von den Ereignissen hier, sie haben noch nicht begriffen, dass ihr alter Staat weg ist. Wir werden eure Botschaft überbringen.»

«Sie denken, wir seien die Regierung»

Später in seinem Büro erzählt Yaakub, wie sich der Berufs­verband als Zusammen­schluss unabhängiger Berufs­vereinigungen auf leisen Sohlen in die sudanesische Politik schlich. Er tut dies in fliessendem Französisch, Yaakub lebte die vergangenen 27 Jahre in Frankreich im Exil. Er war einst Diplomat, wurde aber nach Bashirs Putsch entlassen. Fortan arbeitete er als Journalist, und schon bald musste er das Land verlassen. Er fungierte als Sprecher der Exil­opposition, und als der Diktator stürzte, kehrte er zurück.

«Wenn die Militärs die Möglichkeit sehen, die Macht wieder ganz an sich zu reissen, dann werden sie das tun»: Rashid Said Yaakub, Sprecher des Berufs­verbandes, der die Revolution prägte.

Jetzt sind der Berufsverband und seine Partner­organisationen der Allianz für Freiheit und Wandel an der Macht beteiligt, doch Yaakub lässt sich nicht täuschen: «Der Präsident ist weg, aber das alte Regime ist noch da, in der Verwaltung, überall. Die Militärs haben die Verfassungs­erklärung unter dem Druck der Strasse unterzeichnet. Wenn sie die Möglichkeit sehen, die Macht wieder ganz an sich zu reissen, dann werden sie das tun. Deshalb mobilisieren wir weiter, halten den Druck der Strasse aufrecht.»

Die Prioritäten der Regierung sind klar und transparent kommuniziert. Erstens: Ende der bewaffneten Konflikte im Land. Zweitens: Ahndung aller Kriegs­verbrechen und Menschen­rechts­verstösse. Drittens: Einrichten einer Übergangsdemokratie.

Herrscht erst einmal Frieden im Land, schwächt das die Position der Armee (die, zur Erinnerung, geschätzte 70 Prozent des Staats­haushalts auffrisst). Dazu laufen Gespräche mit den Rebellen­gruppen aus Darfur, Südkordofan und dem Blue Nile, vermittelt von Salva Kiir, dem Präsidenten des Südsudan, sowie dem äthiopischen Minister­präsidenten und Friedens­nobelpreis­träger Abiy Ahmed.

Die zweite Frage, jene nach der Gerechtigkeit, hängt eng damit zusammen. «Ohne Gerechtigkeit kein Friede», sagt Yaakub und fordert Rechenschaft für Kriegs­verbrecher und Menschen­rechts­verletzer. Das bedeutet, dass am Ende auch jene Generäle vor Gericht landen könnten, die jetzt im Souveränen Rat sitzen. «Sie wollten eine permanente Immunität für sich, was wir abgelehnt haben», sagt Yaakub über die Aushandlung des Übergangs­prozesses. Nun gilt: Das Parlament, das es noch nicht gibt, kann die Immunität von Funktionären aufheben. «Deshalb wollen die Militärs nicht, dass das Parlament gebildet wird.»

Die Teilung der Macht zwischen alten Militärs und neuen Zivilisten ist ein Kompromiss, der beiden Seiten Vorteile bietet.

Die Frage ist, wann der demokratische Übergang für die eine oder die andere Seite zum Nullsummen­spiel wird.

Draussen vor Yaakubs Bürofenster steigt der Lärmpegel. Bereits hat sich eine neue Gruppe vor dem Haupt­quartier zum Protest versammelt. «Wir haben jetzt drei Jahre vor uns, das ist eine lange Zeit», sagt er zum Abschied.

«Es wird nicht einfach.»

Diese Reportage wurde aus dem Rechercheetat der Project R Genossenschaft realisiert.

Zum Podiumsgespräch

Am Samstag, 7. Dezember, moderiert Autorin Monika Bolliger ein Podiums­gespräch über die Revolution im Sudan. Alle Informationen über die Veranstaltung im Zürcher Kosmos finden Sie hier.

Zu den Autorinnen

Die Arabistin Monika Bolliger arbeitet als Analystin und Forscherin in Beirut und Zürich. Zuvor war sie als Nahost­korrespondentin der NZZ in Jerusalem, Kairo und Beirut tätig. Amir Ali war fünf Jahre Co-Leiter des Strassen­magazins «Surprise». Seit diesem Sommer ist er als freier Journalist tätig, der Schwer­punkt seines Interesses gilt den Ländern im Nahen Osten.

Zum Fotografen

Salih Basheer ist ein sudanesischer Fotograf und Geschichtenerzähler mit Fokus auf sozialen Themen. Seine Arbeit entwickelte sich mehr und mehr Richtung Langzeit­dokumentation. Salih berichtete über die Revolutionen im Sudan und die Proteste in Khartum. Er lebt seit 2013 in Kairo.

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