«Unsere Hoffnung ist nicht riesig, aber sie ist da, und das ist neu»: Najat studiert jetzt Gesundheitspolitik statt Genderstudies.

Die Revolution ist weiblich

Die Frauen im Sudan litten am stärksten unter der islamistischen Ideologie des Autokraten Omar al-Bashir. Vergewaltigungen waren die letzte Waffe seines verzweifelten Regimes. Bis die Frauen nichts mehr zu verlieren hatten und dem Aufstand gegen die repressive Herrschaft ihr Gesicht gaben. Jetzt erleben sie eine Zeit der Freiheiten. Und müssen doch weiterkämpfen – um ihren verdienten Anteil an der Macht und gegen die wachsenden reaktionären Kräfte im Land.

Von Amir Ali, Monika Bolliger (Text) und Salih Basheer (Bilder), 06.12.2019

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Im Park vor dem National­museum von Khartum stehen vor einer Bühne Reihen roter Plastik­stühle, auf die sich nach und nach Menschen setzen, während sich der Tag dem Abend zuneigt. Die untergehende Sonne taucht das von Bäumen und Wiesen umgebene rötliche Gebäude in ein warmes Licht. Drinnen schlendern Frauen, Männer und Kinder durch eine kleine Sonder­ausstellung über Sudans antike Königinnen, genannt Kandaka. Einige der schönsten Fundstücke – prachtvolle Schmuck­stücke aus bunten Steinen oder Gold – sind nur auf Fotos abgebildet, die Originale befinden sich in europäischen Museen, wie darunter vermerkt ist.

Kandaka, nach dem Titel, den alle nubischen Königinnen trugen: Sie ist bei der sudanesischen Revolution in diesem Frühjahr, wo Frauen eine Schlüssel­rolle spielten, zu neuem Leben erwacht. Kandaka wurde zum Synonym für eine starke Frau oder Protest­führerin. Ein Bild wurde zur Ikone und ging um die Welt: das Foto von Alaa Salah, weiss gekleidet, mit goldenen Ohrringen und erhobenem Zeigefinger, wie sie beinahe wie eine Prophetin auf einem Autodach steht und zur Menge spricht. Jetzt hängt ein Gemälde von diesem Bild an der Aussen­wand des Museums, und der Kandaka ist auch das heutige Festival gewidmet. Auf der Bühne versammelt sich eine Gruppe von Frauen und beginnt zu singen.

Reise in die arabische Welt

Diese Serie entstand aus drei Recherche­reisen, zu denen die Republik-Reporter Amir Ali und Monika Bolliger Ende August aufbrachen. Sie reisten vom Libanon nach Ägypten, in den Sudan und in den Irak und sind der Frage nachgegangen: Was haben die Menschen in der arabischen Welt heute für Perspektiven, bald neun Jahre nach dem Arabischen Frühling? Zur Übersicht mit allen Episoden.

Im April dieses Jahres hatte die Armee den langjährigen sudanesischen Autokraten Omar al-Bashir nach monate­langen Protesten gestürzt. Im Publikum sitzen Iman und Nuseiba, die eben ihr Studium in Archäologie abgeschlossen haben. Ob sie auch bei den Protesten waren? «Natürlich! Alle waren dabei», sagen die beiden nicht ohne Stolz.

«Zum ersten Mal in meinem Leben liebe ich mein Land», sagt Nuseiba. Sie freut sich über das Festival, viele Sudanesen wüssten nichts über ihr antikes Kulturerbe, und sie wünscht sich, dass sich das ändert. Das bisherige Regime propagierte eine arabisch-islamische Identität für den Sudan und ignorierte das vielfältige afrikanische Erbe des Landes. Und angesichts einer serbelnden Wirtschaft, verbreiteter Armut und einer zerfallenden Infra­struktur waren die Leute in den vergangenen Jahren ohnehin schlicht mit dem täglichen Überleben beschäftigt.

«Wir sind im Regime geboren worden, und es war immer schwierig. Als Kinder arbeiteten wir in den Ferien, um über die Runden zu kommen. Es ging immer weiter abwärts. Am Ende waren wir an einem Punkt, wo das Risiko zu demonstrieren weniger schlimm war, als weiterzumachen wie bisher», sagt Nuseiba.

Es geschah das Unglaubliche

Und das Risiko dabei, auf die Strasse zu gehen, war gross: Über 240 Demonstranten verloren ihr Leben bei den Protesten, die nicht aufhörten, nachdem die Militär­führung Staatschef Bashir abgesetzt hatte. Die Demonstranten forderten eine zivile Regierung. Bei der Auflösung des Protest­lagers vor dem Haupt­quartier der Armee in Khartum am 3. Juni töteten Sicherheits­kräfte an einem einzigen Tag mindestens 128 Menschen, die friedlich demonstriert hatten. Über tausend wurden verhaftet. Unter den Toten waren auch Frauen, im Museum hängen jetzt ihre Bilder am Eingang zur Sonderausstellung.

Das Risiko dabei, auf die Strasse zu gehen, war gross: Eine Wandzeichnung in Khartum stellt die Rapid Support Forces als berittene Teufel dar.

Viele der Menschen, mit denen wir in diesen verhältnis­mässig ruhigen Tagen im September sprechen, verweisen auf das ägyptische Szenario von 2011. Im nördlichen Nachbar­land hatte die Armee damals den Kopf des Regimes entfernt, blieb aber im Hintergrund weiter an der Macht. Diese Erfahrung habe man nicht wiederholen wollen. Selbst nach dem Massaker vom 3. Juni mobilisierten die sudanesischen Revolutionäre erneut die Massen, trotz Internet­blockade. Sie gingen von Tür zu Tür, verteilten Flyer, verschickten SMS, sprayten den Aufruf zum Protest auf die Mauern der Stadt.

Und es geschah, woran viele nicht mehr geglaubt hatten: Am 30. Juni gingen die Massen erneut auf die Strasse. Mindestens Zehntausende waren es laut Medien­berichten, Teilnehmende sprechen von Millionen.

Damit hatten die Militärs nicht gerechnet.

Daraufhin kam es zu Verhandlungen, vermittelt von Äthiopien und der Afrikanischen Union. Westliche Diplomaten drängten alle Seiten zu einem Kompromiss. Und dieser kam zustande: Eine zivile Übergangs­regierung lenkt für die nächsten drei Jahre die Geschicke des Landes, zusammen mit dem Souveränen Rat, der an die Stelle des Präsidenten­amtes getreten ist und je zur Hälfte aus Zivilisten und Militärs besteht. In dieser Zeit soll ein demokratischer Wandel eingeleitet werden.

«Ich weiss genau, was sie vorhaben»

Die Revolutionäre reagierten gespalten. Die einen feierten das Abkommen als Erfolg gegenüber den Militärs und sehen es als bittere Realität, dass man mit ihnen verhandeln muss.

Die anderen lehnen den Kompromiss ab, weil sie fürchten, dass die Generäle auf Zeit spielen und nur vorüber­gehend kooperieren.

Zur zweiten Gruppe gehört die junge Menschen­rechtlerin Doaa: «Die Militärs haben mit dem Abkommen gekriegt, was sie wollten: Legitimität und Anerkennung. Ihr Wirtschafts­imperium bleibt unantastbar», sagt sie. Damit könne die Regierung kaum etwas für die Bevölkerung tun, die von der Wirtschafts­krise im Land erdrückt wird. «Ich weiss genau, was sie vorhaben. Sie holen Vertreter der Revolution in die Regierung, Intellektuelle, Harvard-Absolventen und so weiter, nur um sie zu verheizen. Dann werden die Menschen ungeduldig, wenn sich wirtschaftlich nichts verbessert, und die Militärs können einschreiten.»

Zwei Begegnungen im Sudan

Mohammed al-Mounir

Kampfsportschule-Gründer

Doaa trifft sich mit Freundinnen und Freunden in einem Café in Khartum. Mit dabei ist auch Ahmed, der seit wenigen Tagen für das Büro des Premier­ministers der Übergangs­regierung, Abdalla Hamdok, arbeitet. Ahmed trägt erst seit vier Tagen einen Anzug. Es fühle sich komisch an, lacht er, etwas verlegen. Er trage normalerweise T-Shirt und Shorts. Seine Freunde machen Witze über seinen Aufzug. Premier Hamdok und seine Äusserungen werden diskutiert, kritisiert, auseinander­genommen. Die Erwartungen an den Chef der Übergangs­regierung, die zwei Tage zuvor vereidigt wurde, sind hoch.

«Hamdok ist reformistisch, nicht revolutionär», sagt Doaa. «Er ist gut, aber schwach. Der ganze Apparat um ihn, das ist alles das alte System.» Ahmed lächelt. «Ich bin trotzdem optimistisch.» Warum? Er zuckt mit den Schultern. «Weil die Dinge unberechenbar sind. Wir sind jetzt bis an diesen Punkt gekommen, und wir wissen nicht, was als Nächstes passiert. Wir sollten beitragen, was wir können.»

Mit «Bella ciao» durch die Schlaglöcher

Die Gruppe zieht weiter, wir fahren im Auto durch die Strassen von Khartum, das an vielen Stellen wie ein vernachlässigter, armer Vorort oder manchmal geradezu dörflich aussieht.

Viele Strassen sind nicht geteert, sodass wir bisweilen riesige Schlag­löcher umfahren müssen. Die Häuser sind herunter­gekommen, die geringe Anzahl mehrheitlich einfacher Läden, Cafés und Restaurants im Herzen der Stadt verweist auf die desolate Wirtschafts­lage: Es gibt kaum Produktion im Land, und die Leute können sich sehr, sehr wenig leisten.

In auffallendem Kontrast dazu steht das riesige, von Mauern und Zäunen abgesicherte Haupt­quartier der Armee: moderne Gebäude in glänzendem Zustand, umgeben von einem weitläufigen Gelände mit Garten­anlagen. Laut Schätzungen frisst die Armee rund 70 Prozent der staatlichen Ausgaben. Kriege im inzwischen abgespaltenen Südsudan, in Darfur oder in Südkordofan dienten der Armee als Recht­fertigung. Für das Volk blieb immer weniger, und das war einer der Auslöser des Aufstandes.

Das Bild von Alaa Salah, die fast wie eine Prophetin auf einem Autodach steht und zur Menge spricht, wurde zur Ikone. Monika Bolliger

Im Auto hören wir Lieder der sudanesischen Revolution. Doaa und ihre Freundin Nisrin singen mit, gehen mit. Zwischen dem sudanesischen Repertoire erklingen plötzlich bekannte Töne: «Bella ciao», das alte Partisanen­lied. Einen Moment lang wird die Euphorie fassbar, welche die Demonstranten zeitweise ergriffen haben muss: das mächtige Gefühl, Teil einer riesigen Bewegung von Menschen zu sein, die zusammen­gehören, zusammen­halten, sich gemeinsam gegen Unrecht und Erniedrigung auflehnen und gemeinsam unbesiegbar scheinen.

Die neue Freiheit

Wir gehen in ein Café, wo man Wasser­pfeife rauchen kann. Vor allem die Frauen interessiert das, denn vorher war das für sie verboten. Das islamistische Regime von Bashir hatte das Verhalten der Frauen in der Öffentlichkeit massiv eingeschränkt. Zu den vage formulierten Gesetzen zur «Wahrung der öffentlichen Moral» gehörte etwa der Kopftuch­zwang für Musliminnen. Oder eben Wasser­pfeife zu rauchen.

«2016 wurden wir hier rausgeworfen, weil die Polizei dem Besitzer des Lokals gedroht hatte, der es zuvor zuliess, dass wir Shisha rauchten. Jetzt sind wir zum ersten Mal wieder hier, und ich rauche eine Shisha, und erst noch in dieser Kleidung. Surreal!», sagt Nisrin, die heute ohne Kopftuch unterwegs ist, nicht einmal mit einem Foulard um die Schultern, das sie früher für alle Fälle immer dabeihatte.

Die Geheimdienstler und Polizisten, die früher die Leute behelligten, Bürgerinnen zum Kopftuch­tragen aufforderten und Bürger bespitzelten, sind verschwunden, ihre Präsenz ist nicht mehr spürbar. Sudanesinnen geben Journalisten mit Notizbuch und Kamera auf offener Strasse und in Cafés Auskunft, äussern ihre Meinung ohne Furcht. Das war so noch vor kurzem nicht möglich.

Die Frauen litten zweifach unter dem Regime Bashir: Einerseits waren sie wie alle von der politischen Repression betroffen. Andererseits wurden sie auch Opfer einer langen Reihe von Diskriminierungen, welche mit der Identität des Regimes zu tun hatten. Die Herrschaft der Islamisten hat ein misogynes System etabliert und institutionalisiert.

Das Regime Bashir propagierte eine arabisch-islamische Identität, obwohl der Sudan mit seiner Lage zwischen dem Nahen Osten und Afrika eine enorme kulturelle Vielfalt mit über hundert Sprachen aufweist. Die Frauen bezahlten den höchsten Preis für die Ideologie der Islamisten: «Es ging darum zu zeigen, dass die Ideologie erfolgreich war, und dies kann man durch nichts besser sichtbar machen als durch die Kleider der Frauen. Die ganze Würde des Volkes hängt dann an der Würde der Frau», erklärt Hadia Hasaballah, Frauen­rechtlerin und Professorin für Psychologie an der Ahfad-Universität.

«Vergewaltigungen waren die letzte Waffe dieses verzweifelten Regimes»: Hadia Hasaballah, Professorin für Psychologie an der Ahfad-Universität.

Die Liste von frauen­feindlichen Gesetzen im Sudan ist lang. So konnten Frauen vor der Revolution mit Peitschen­hieben bestraft werden, wenn sie Hosen trugen. Im Moment geschieht das nicht mehr, und Ende November verkündete Übergangs­premier Hamdok die Aufhebung des Gesetzes zur «Wahrung der öffentlichen Moral» – ein erster konkreter Erfolg der Revolution.

Doch weitere Gesetze sind nicht vom Tisch. Frauen dürfen keine Kredite aufnehmen. Um zu reisen, brauchen sie die Erlaubnis eines männlichen Vormunds. Sie können nur einen höheren Abschluss machen, wenn die Familie es zulässt. Genital­verstümmelung und die Verheiratung von minder­jährigen Mädchen werden nicht geahndet.

Gezielt gegen Frauen

Samah Jamous erscheint in Hosen zum Interview, ein leichter Schal bedeckt locker ihr Haar. Wir treffen sie zusammen mit Nibras und Nina bei einer Teefrau in Omdurman, der an Khartum grenzenden Stadt, die noch ärmer und vernachlässigter wirkt. Alle drei sind unter dreissig, alle drei waren aktiv bei der Organisation von Protesten. Sie sind die einzigen Frauen, die an diesem Abend mit uns unter dem Baum neben einer stark befahrenen Strasse sitzen und den mit Ingwer gewürzten Kaffee trinken, den die Teefrau auf ihrem Holzkohle­kocher zubereitet.

«Ein Grund, warum wir Frauen bei der Revolution eine prominente Rolle spielten, ist der, dass wir am meisten unter den gegenwärtigen Zuständen litten. Wir rebellierten gegen alles, auch gegen die Tradition. Frauen wurden für alles bestraft – ausser die Töchter und Frauen der Minister. Für die galten andere Regeln», sagt Samah.

Die 29-jährige Zahnärztin engagierte sich wie auch ihre beiden Freundinnen bei den sogenannten Nachbarschafts­komitees, Zusammen­schlüssen junger Männer und Frauen, welche Proteste auf Quartier­ebene organisierten. Nibras fügt an: «Wir Frauen waren der Motor der Revolution. Wir mobilisierten, wir pflegten Verletzte, wir versorgten Demonstranten. Wir wechselten nach Protesten das Kopftuch, um nicht erkannt zu werden. In unseren Hand­taschen hatten wir immer Hefe oder Essig dabei, um die Wirkung von Tränengas abzuschwächen, und andere nützliche Dinge.»

«Wir Frauen waren der Motor der Revolution»: Samah Jamous, Zahnärztin.

Eine Anekdote zeigt, wie auch in den sozialen Netzwerken das Private dem Politischen wich. Die drei jungen Frauen erzählen von einer Facebook-Gruppe mit einer halben Million Mitglieder – alles Frauen. Ursprünglich luden die Frauen dort Bilder von Männern hoch, um heraus­zufinden, ob diese heimlich andere Verlobte oder Freundinnen hatten. Als die Demonstrationen grösser wurden, begannen die Nutzerinnen Bilder und Videos von Polizisten und Soldaten zu teilen, die Gewalt gegen Demonstrierende angewendet hatten. Manchmal wurden ihre Namen und Adressen bekannt, und der Druck auf die Sicherheits­leute stieg.

Als viele männliche Anführer der Protest­bewegung im Gefängnis sassen, übernahmen Frauen die Organisation der Proteste. Junge Frauen nahmen oft gegen den Willen ihrer Familien am Sit-in teil, übernachteten dort, obwohl die Sicherheits­kräfte gezielt gegen Frauen vorgingen, wie eine Recherche des Senders CNN zeigte: «Zerbrecht die Mädchen. Damit zerbrecht ihr alle», hatte die Führung der Sicherheits­kräfte ihre Mitglieder angewiesen.

In der Haft drohte Frauen die Vergewaltigung. Bei der Auflösung des Protest­lagers vergewaltigten Kämpfer der paramilitärischen Rapid Support Forces, die für Kriegs­verbrechen in Darfur berüchtigt sind, sowohl Frauen als auch Männer. «Vergewaltigungen waren die letzte Waffe dieses verzweifelten Regimes. Für uns war es keine Überraschung, sie haben das schon in Darfur und an anderen Orten gemacht», sagt die Psychologie-Professorin Hadia Hasaballah.

Zurück in die zweite Reihe

Die Präsenz der Frauen wurde während der Revolution im Sudan und in internationalen Medien gefeiert – doch bei der Aushandlung des Abkommens mit den Militärs wie auch bei der Bildung der Übergangs­regierung waren Frauen enttäuschend schlecht vertreten.

«Alle fanden es toll, dass wir der Revolution unser Gesicht verliehen, aber dann, als es um Macht ging, wollten sie uns nicht gleich behandeln», konstatiert die Feministin Samrin Abuidris.

Sie ist Mitbegründerin einer Bewegung namens Hamlet 50 («Kampagne 50»), die eine Beteiligung der Frauen von 50 Prozent in der Regierung fordert – und auch im Parlament, das allerdings immer noch gebildet werden muss. «Unsere Initiative begann spontan, via soziale Medien, wir begannen Kandidatinnen zu suchen, um zu zeigen, dass es qualifizierte Frauen gibt für Minister­posten. Wir veröffentlichten ihre CV. Manche sprechen von fairem Wettbewerb, aber der Wettbewerb ist nicht fair bei den gegenwärtigen Macht­verhältnissen», sagt die 22-jährige Studentin Tebyan, die sich ebenfalls bei Hamlet 50 engagiert.

Wir treffen sie zusammen mit ihrer Freundin Najat im Café Ozone, einem beliebten Treffpunkt der urbanen Mittel­schicht. Im Schatten von Bäumen versprühen Ventilatoren kühlendes Wasser; Kellnerinnen und Kellner servieren Club-Sandwiches, Cappuccinos, Fajitas, Wasserpfeifen.

«Bei der Revolution habe ich einen anderen Sudan erlebt»: Tebyan, Studentin.

Najat hat nach der Revolution ihr Studien­fach gewechselt. «Ich ging einst zur Uni und studierte Genderstudies, weil es der einzige Rahmen war, wo man sich mit Frauen­rechten befassen konnte. Jetzt geht es um unsere Gesellschaft, ich lerne mehr über sudanesische Frauen aus anderen Kontexten. Früher hatten wir keine Hoffnung. Jetzt gibt es Leute, die etwas tun. Es gibt mehr Verantwortungs­gefühl in der Bürger­gesellschaft. Gleichzeitig gibt es eine starke reaktionäre Kraft. Unsere Hoffnung ist nicht riesig, aber sie ist da, und das ist neu. Wir erwarten nicht, dass wir 50 Prozent Frauen im Parlament erreichen, es ist ein langer Prozess. Auch in vielen fortschrittlichen europäischen Ländern haben sie das noch nicht erreicht.»

Statt Genderstudies studiert sie jetzt Gesundheits­politik, weil sie sich aktiv für die Gesellschaft einsetzen will: «Früher wollten wir nur das Studium abschliessen und das Land verlassen. Jetzt wollen wir abschliessen, um uns zu engagieren.» Ihr Interesse am Feminismus hat sie unterdessen in die Praxis verlegt: «Hamlet 50 ist ein Anfang, aber wir müssen uns weiter entwickeln. Es braucht eine feministische Agenda.» Und Tebyan fügt an: «Das Regime von Bashir war misogyn, und so auch die Gesellschafts­ordnung unter Bashir. Bei der Revolution habe ich einen anderen Sudan erlebt. Wir wollen das Erreichte nicht wieder aufgeben.»

Diese Reportage wurde aus dem Rechercheetat der Project R Genossenschaft realisiert.

Zum Podiumsgespräch

Am Samstag, 7. Dezember moderiert Autorin Monika Bolliger ein Podiums­gespräch über die Revolution im Sudan. Alle Informationen über die Veranstaltung im Zürcher Kosmos finden Sie hier.

Zu den Autorinnen

Die Arabistin Monika Bolliger arbeitet als Analystin und Forscherin in Beirut und Zürich. Zuvor war sie als Nahost­korrespondentin der NZZ in Jerusalem, Kairo und Beirut tätig. Amir Ali, der ebenfalls fliessend Arabisch spricht, war fünf Jahre Co-Leiter des Strassen­magazins «Surprise». Seit diesem Sommer ist er als freier Journalist tätig, der Schwer­punkt seines Interesses gilt den Ländern im Nahen Osten.

Zum Fotografen

Salih Basheer ist ein sudanesischer Fotograf und Geschichtenerzähler mit Fokus auf sozialen Themen. Seine Arbeit entwickelte sich mehr und mehr Richtung Langzeit­dokumentation. Salih berichtete über die Revolutionen im Sudan und die Proteste in Khartum. Er lebt seit 2013 in Kairo.

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