Helvetia ruft durcheinander

Ab heute tagt es, das weiblichste Parlament aller Zeiten. Doch die Kampagne zur «Frauenwahl» wurde vor allem von links angetrieben. Sehen sich die neu gewählten bürgerlichen Politikerinnen auch als Teil der «lila Welle»? Und wofür wollen sie sich in Bern einsetzen?

Eine Reportage von Daria Wild (Text) und Salvatore Vinci (Bilder), 02.12.2019

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Gleichstellung ist in ihrer Welt längst hergestellt: Monika Rüegger-Hurschler.

Es ist kurz vor 10 Uhr, und im Engelberger­tal ist der Kampf zwischen Nebel und Sonne noch nicht entschieden. Es ist grau. Nur ein einsamer Skifahrer im Zug und die nahenden weissen Berge erinnern daran, dass oben in Engelberg, 1000 Meter über Meer, eingeschlossen zwischen Bergmassiven, vielleicht schon Winter ist.

Doch im Dorf liegt noch kein Schnee, es ist mild. Hier, in der 4000-Seelen-Gemeinde, wohnt und politisiert Monika Rüegger-Hurschler, neu gewählte SVP-Nationalrätin, vierfache Mutter, Familienfrau, die erste Frau überhaupt, die von den Obwaldnern nach Bern geschickt wird – und erst die zweite Vertretung der SVP. Vor wenigen Tagen wurden beide, SVP und Rüegger, in Alpnach gefeiert. Zwanzig Jahre alt wurde die Kantonal­partei, Christoph Blocher und Albert Rösti gaben ihr Stelldichein, die «Obwaldner Zeitung» druckte einen gefälligen Bericht, ein Bild zeigte Rüegger und die Parteigrössen in strahlender Eintracht. Als «historisch» wurde ihre Wahl vielerorts bezeichnet: SVP statt CVP und vor allem: Frau statt Mann, und das im konservativen Innerschweizer Kanton.

Was hält Rüegger selber davon?

Sie sieht aus, als hätte sie nicht einen Wahlkampf, sondern Ferien hinter sich. Aber vielleicht ist es auch einfach die gesunde Bergluft. Strahlend steht sie am Bahnhof Engelberg, führt dann durch die winzige, pflastersteinerne Dorfstrasse, grüsst hie und da Passantinnen, spricht über den Bauernhof ihrer Familie, Hurschler, «ein Engelberger Urgeschlecht». Und obwohl sie mit ihren vier Söhnen zehn Jahre weg gewesen sei, in Thalwil am Zürichsee, wegen des Jobs ihres Mannes, sei sie immer hier verwurzelt, immer hier zu Hause gewesen.

Der Abt huscht vorbei, und Rüegger bleibt am Ende der Dorfstrasse stehen, zur Linken das Dorfmuseum, das älteste Haus in Engelberg, geschnitzte Familienwappen, darunter Hurschler, prangen an der hölzernen Fassade. Geradeaus das Hotel Hoheneck, hier treffen sich Touristinnen und Einheimische, quasi das halbe Dorf, sagt Rüegger, sehr erheitert.

Überhaupt ist Rüegger sehr heiter, im Ton immer freundlich, auch wenn sie sich enerviert, die Sprache unmittelbar, angenehm ungeschliffen. Regelmässig fällt ein «uhuärä», ein wichtiges Obwaldner Wort.

Und über den Einführungs­tag im Bundeshaus sagt sie: «Ich wusste gar nicht, wie ich aus dieser Hütte wieder rausfinde!»

Das Parlament der neuen Frauen

Gerade einmal 6 von 46 Sitzen hatten Frauen im Ständerat bis anhin besetzt. Und 5 von diesen Ständerätinnen traten nicht mehr zur Wahl an. Der bereits knappe Frauenanteil, der seit 2003 in der kleinen Kammer alle 4 Jahre gesunken war, hätte also noch tiefer fallen können. Doch es ist anders gekommen: Mit 12 gewählten Ständerätinnen stieg der Frauenanteil auf 26 Prozent und ist damit so hoch wie noch nie. Mit den Kantonen Baselland (Maya Graf, Grüne), Wallis (Marianne Maret, CVP), Tessin (Marina Carobbio, SP), Uri (Heidi Z'graggen, CVP) und Freiburg (Johanna Gapany, FDP) schicken zudem fünf Kantone zum ersten Mal überhaupt eine Frau in den Ständerat. Auch im Nationalrat haben die Frauen stark zugelegt: 2015 wurden erst 64 Nationalrätinnen gewählt, dieses Jahr 84. Der Frauenanteil steigt damit von 32 auf 42 Prozent. Als mitverantwortlich für die Frauenwahl gilt neben dem Frauenstreiktag die überparteiliche Aktion «Helvetia ruft», die dafür sorgte, dass alle Parteien mehr Kandidatinnen aufstellten und viele von ihnen auf besseren Listenplätzen platzierten.

Zum Dossier: Wahlen 2019

Mit Zähnen und Klauen

Zum Gespräch lädt Rüegger in den Teeladen einer Freundin, und trotz Lockerheit geht es rasch um sehr viel. Die Grünen betrieben «Lifestyle-Politik» mit der Behauptung eines menschen­gemachten Klimawandels, die Zuwanderung sei verantwortlich für Stau und Zubetonierung, der champagner­trinkende Schnösel im Zürcher In-Lokal ein Linker, der die Sozialwerke ausbauen will, Afrika brauche Plastik für die Gesundheitsversorgung, weshalb ein Verbot in der Schweiz kontraproduktiv und innovationshemmend wäre, und die neue Schulreform schiebe einerseits die Verantwortung auf die Eltern ab und sei andererseits so weiblich orientiert geworden, dass die Buben untergingen. Manchmal wird einem ein bisschen schwindlig ob der Bögen, die die 51-Jährige schlägt, aber es besteht kein Zweifel daran, dass sie die Interessen der SVP in Bern mit Zähnen und Klauen verteidigen wird.

Weniger parolenhaft spricht Rüegger, wenn es um ihre Kernthemen geht: um den Zustand der Obwaldner Bergregion, um die Engelberger Wirtschaft und um den Rückgang der CVP. Dann wirkt die Obwaldnerin zwar genauso energisch, aber fassbarer. Sie sagt dann Dinge wie: «Die Menschen hier sind darauf angewiesen, dass sie um 7 Uhr in ein Auto steigen und zu einer Baustelle fahren können.» Oder: «Ich habe selber erlebt, wie sensibel Unternehmen hier auf Veränderungen oder Abgaben reagieren. Ist am Lopper zwei Jahre Stau, überlegen die sich sofort, den Standort aufzugeben. Und auf diese Steuerzahler sind wir angewiesen.»

Früher sei Obwalden eine Steuerhölle gewesen, ein armer Kanton, und sie wolle sich in Bern dafür einsetzen, dass auch Geld in Bergregionen zurückfliesse, nicht nur in die Städte.

In der Lokalpolitik hat die bisherige Kantonsrätin durchaus auch mal über die Parteistränge geschlagen; in Engelberg liess sie die Gebühren für den Mittagstisch senken. Was nach einem linken Anliegen klingt, ist allerdings knallhart wirtschaftsliberal begründet. «Firmen hier oben sind darauf angewiesen, dass die Leute mittags arbeiten können.»

Gleichstellung, Frauenförderung? Unnötig

Für die SVP ist Rüegger ein Gewinn; die Partei sägt in Obwalden gemächlich weiter am Thron der CVP. Und für die Frauen?

Es vergeht mehr als eine Stunde, bevor diese Frage auf den Tisch kommt, und als sie daliegt, schmunzelt Rüegger freundlich, aber auch etwas gelangweilt. «Wissen Sie, nach der Wahl standen hier drei Fernseh­stationen in Engelberg und stellten mir diese Frage. Und ich dachte, ui, jetzt muss ich denen etwas dazu sagen. Dabei war das in den neun Jahren, in denen ich politisiere, einfach nie ein Thema.»

Sie habe erst im Wahlkampf gemerkt, dass es vielen ein Anliegen sei, «mal von einer Frau vertreten zu werden». Das mache sie gern.

Monika Rüegger-Hurschler: «Frauen müssen nicht links sein, weil sie Frauen sind.»

Dabei ist Gleichstellung in Rüeggers Welt längst hergestellt, Frauen­förderung unnötig. Für die überparteiliche Kampagne «Helvetia ruft», die Frauen für ein politisches Amt motivieren und mentorieren wollte, sah Rüegger keinen Grund, sie habe sich «schlicht nicht angesprochen gefühlt».

Sie selber habe sich stets wohl gefühlt in beruflichen, privaten und politischen Männer­domänen. In ihrem Kanton erwirkte Rüegger auf Anfang 2017 die Abschaffung der Gleichstellungs­stelle, Verdikt: unzeitgemäss. «Wenn meine Söhne mal Frauen haben, hoffe ich, dass es ganz klar ist, dass Teilzeit­arbeit für beide eine Option ist», sagt sie, «und dass die Kinder fremd oder von uns Eltern betreut werden können.»

Gleichstellung als Selbstverständlichkeit – es sind wohlklingende Aussagen, die es in sich haben. Wer Rüegger zuhört, könnte den Eindruck bekommen, dass nichts mehr zu tun sei. Noch bestehende Ungleichheiten redet sie zwar nicht weg, nur sieht sie sie entweder als naturgegeben an («Zielstrebigkeit ist das Naturell der Männer, eher mal Nein sagen das Naturell der Frauen») oder nennt simple Lösungen:

Lohnungleichheit? Eigenverantwortung.
Vereinbarung von Beruf und Familie? Eigenverantwortung.
Gewalt an Frauen? Kulturell bedingt.
Opferschutzmassnahmen? Wichtig, aber Pflästerlipolitik.
Feminismus? «Ein alter Trip.»

Sie verstehe die Klagen einfach nicht, sagt Rüegger, «wir haben doch die besten Voraussetzungen, moderne, selbstbewusste Frauen zu sein».

Ihr selber seien als Frau nie Steine in den Weg gelegt worden, wohl aber als SVP-Politikerin. Sie vergesse nie ihren ersten Tag im Kantonsrat, an dem sie zu spüren bekommen habe, dass sie als SVPlerin unbeliebt sei. «Ich habe offenbar nicht ins Schema gepasst.» Aber deshalb seien SVP-Frauen wohl so selbstbewusst: weil sie viele Anfeindungen erleben müssten von Frauen anderer Parteien.

Und Rüeggers eigenes Schema? Auf die Frage, ob sie sich als Vorbild sehe, als erste Frau Obwaldens in die nationale Politik zu ziehen, zögert Rüegger, die sonst rasch und gern auch ausschweifend antwortet, zum ersten Mal.

«Vielleicht bin ich in gewisser Weise ein Vorbild, ja. Vielleicht realisieren Frauen, jetzt wo ich gewählt bin, dass sie nicht links sein müssen, weil sie Frauen sind. Dass sie konsequent bürgerliche Werte vertreten können. Dass sie mit Stolz hinstehen und sagen können, sie seien Hausfrauen und Mütter. Das würde ich mir wünschen. Denn diese bürgerlichen Frauen erledigen einen Wahnsinnsjob.»

Ein winziges, bürgerliches Matriarchat

Von Engelberg nach St. Gallen ziehen ein paar Stunden und die halbe, neblige, Schweiz an einem vorbei, Luzern, Zug, Zürich, Winterthur. Und in St. Gallen, 80’000 Einwohner, 700 Meter über Meer, zwischen zwei sanften Molasse­hügeln gelegen, eilt so etwas wie Rüegger-Hurschlers Antithese unter den bürgerlichen Frauen die hölzerne Treppe eines Hauses empor, einen Steinwurf vom Bahnhof entfernt. Es ist Feierabend­zeit, das Licht ist warm, und der Altbau riecht nach Yoga-Studio. Zwischen schiefen Wänden und schiefen Parkett­böden befindet sich eine Kanzlei, die nicht nach Anwälten aussieht.

Hier arbeitet Susanne Vincenz-Stauffacher, 52 Jahre alt, neu gewählte FDP-Nationalrätin, in Abtwil zu Hause, Mutter zweier Töchter. Die Kanzlei teilt sie mit einer Freundin aus Studien­zeiten, «die erste bürgerliche Frauenkanzlei», die ältere Tochter arbeitet ebenfalls hier. Ein winziges, bürgerliches Matriarchat.

Sich politisch und sozial zu engagieren, hat sie zu Hause gelernt: Susanne Vincenz-Stauffacher.

Vincenz kommt gerade vom Sitzungstag im St. Galler Kantonsrat, und so viel wird schnell klar, die Anwältin mit markanter Brille ist eine politische Überzeugungs­täterin – von jeher engagiert, politisch und sozial. «Das hab ich von zu Hause», sagt sie: Frauenrechte und Gleichstellungs­anliegen sind seit je Teil ihres Engagements. Vincenz ist Ombudsfrau, Präsidentin der Stiftung Opferhilfe, ehemals Präsidentin der Frauenzentrale, mit 25 machte sie sich selbstständig, und wenn sie etwas betonen will, klopft sie gern mal mit der Faust auf den Tisch.

Lieber Autos als Puppen

Vincenz wird bereits früher eingeschult, «weil ich nicht mit Puppen spielte, sondern immer in der Autoecke sein wollte», rast durch Schule, Studium und Anwaltsprüfung, macht sich mit 25 selbstständig und wird mit 28 Mutter. «Das hat mich politisiert. Ich realisierte, dass es nicht selbstverständlich war, dass ich wieder arbeiten konnte, Kitas gab es keine, und wenn die grosse Tochter jeweils vom Kindergarten nach Hause kam, musste die Kleine hin.» Vincenz tritt der FDP bei, «weil ich eine gesunde Volkswirtschaft als Basis sehe».

Doch Gleichstellungs­anliegen begleiten sie weiter, beruflich als Scheidungs­anwältin (vor sieben Jahren erstreitet sie zum ersten Mal das Sorgerecht für einen Mann, «da war das noch revolutionär»), privat als Mutter, «die Vereinbarkeit immer lebte».

Im Frühling 2019, als sie für den Ständerat kandidiert, werden Vincenz’ Wahl­plakate mit dem Wort «Hure» beschmiert, die Partei macht aus «Hure» «huere guet», und als ein zweites Mal gesprayt wird, erstattet Vincenz Anzeige. «Das war widerlich, das war klar sexistisch gegen mich als Frau gerichtet», sagt sie an diesem Abend in St. Gallen, ohne eine Miene zu verziehen.

Beleidigungen kämen aber nicht nur von Männerseite. «Als ich für den Kantonsrat kandidierte, unterhielt ich mich während einer Standaktion mit einer Frau. Plötzlich sah sie sich meinen Flyer an und sagte: Was, Sie haben Kinder? Ich antwortete stolz: Ja. Und die Frau sagte: Dann schämen Sie sich, dass Sie hier stehen.» Solche Diskussionen gäbe es noch immer.

Die Sache mit der Eigenverantwortung

Aber natürlich betont auch Vincenz, man ahnt es: die Eigen­verantwortung, das Zauberwort der Liberalen. «Mein bürgerliches Herz sagt: Man muss sich anstrengen. Aber ich bin mir sehr bewusst, dass ich eine privilegierte Geschichte habe. Ich konnte selbstständig arbeiten, hatte meine Mutter als Unterstützung, hätte das Geld gehabt, jemanden anzustellen. Das können nicht alle, aus physischen oder psychischen Gründen. Und Eigen­verantwortung wird dann zu einem zynischen Begriff, wenn jemand am Boden liegt und man sagt: Steh auf!»

Eigen­verantwortung plus nennt Vincenz diese Haltung oder auch: eine Balance zwischen Schutz und Entfaltung finden.

In Vincenz vereinen und widersprechen sich bürgerliche und feministische Anliegen: Aufwertung der Freiwilligen­arbeit, Schutz von Arbeit­nehmerinnen im Niedriglohn­segment, aber auch liberale, flexible Arbeits­modelle. Elternzeit, aber auch Rücksicht auf KMU. Frauenförderung, aber lieber Vorbilder statt Quoten – «wobei ich auch sehe, dass Frauen, die in Kader­positionen sind, nicht unbedingt die Frauen sind, die andere Frauen fördern». Und eigentlich, in erster Linie – und damit will sie nach Bern: Europafrage, Altersvorsorge, CO2-Abgabe.

Wie geht das zusammen? In St. Gallen traten die FDP-Frauen mit einer eigenen Liste an und wurden parteiintern dafür kritisiert. «Das machen doch nur die Linken», habe es geheissen. Vincenz selber kandidierte auf der «normalen» Liste, spricht über die Frauenliste aber mit Begeisterung. Die Frauen in der FDP seien sichtbarer geworden und würden jetzt auch eher für den Kantonsrat kandidieren. Auch über den erhöhten Frauenanteil in Bern freut sie sich, «sehr sogar». «Ich kann mir gut vorstellen, dass sich da etwas ändert, dass wir anders diskutieren oder andere Debatten führen.» Sie müsse nur lernen, nicht streng sein zu Frauen, die keine Frauenanliegen vertreten. «Da urteile ich sicher härter als bei Männern, weil ich denke, wir müssen doch am gleichen Strick ziehen.»

Susanne Vincenz-Stauffacher: «Mein bürgerliches Herz sagt: Man muss sich anstrengen. Aber ich bin mir sehr bewusst, dass ich eine privilegierte Geschichte habe.»

Dann muss Vincenz wieder arbeiten, es ist kurz vor 19 Uhr, eine Einreiche­frist muss eingehalten werden.

Politisiert wegen einer Diskriminierungs­erfahrung

Definieren Rüegger und Vincenz in etwa das Spektrum, auf dem sich die neu gewählten bürgerlichen Frauen positionieren?

Vielleicht. Da wären zwar noch die Vertreterinnen der CVP, beispielsweise Andrea Gmür, neu gewählte Luzerner Ständerätin. Der 55-Jährigen ist Gleichstellung ein zentrales Anliegen, Gmür war Botschafterin der CVP für «Helvetia ruft». Wie bei Vincenz gründet die Politisierung auf einer Diskriminierungs­erfahrung: Gmür fand als junge Frau bei einem Ferienjob in einer Fabrik heraus, dass ein junger Mann für die gleiche Arbeit mehr Lohn erhielt, wehrte sich und erreichte eine Anpassung des Gehalts. Am Telefon sagt Gmür: «Die Wahl bedeutet für alle Frauen, unabhängig davon, ob sie bürgerlich sind oder nicht, eine grosse Freude.»

Oder Marianne Binder-Keller, neu gewählte Aargauer CVP-Nationalrätin. Binder, noch mitten im Ständeratswahlkampf, sagt im Gespräch, sie rekrutiere schon seit 16 Jahren Frauen für die Politik und sie merke: «Die Lust der Frauen an Politik ist Tatsache geworden.» Binder scheint dermassen optimistisch, was Frauen in der Politik anbelangt, dass sie keine Quote im Parlament will, weil: «Jede Frauen­quote ist schliesslich auch eine Männer­quote und somit ein Bumerang.» Doch als sich kürzlich eine junge Ratskollegin der SVP salopp über Gleichstellungs­bemühungen lustig gemacht habe, habe sie sich geärgert. «Die Selbst­verständlichkeit, mit welcher sie ihre Rechte geniesst, verdankt sie den grossen Verdiensten der Frauen­bewegung der letzten Jahrzehnte und Jahrhunderte.» Und überhaupt gebe es noch viel zu tun – «die Frauenordination in der katholischen Kirche beispielsweise ist überfällig».

«Ein Mann stellt sich diese Frage nicht mal»

Anruf in Ebnat-Kappel, 5000 Einwohner im sankt-gallischen Toggenburg. Hier lebt und arbeitet Esther Friedli, die baldige Nationalrats­kollegin von Vincenz und Parteikollegin von Rüegger. Friedli ist eine der vier neu gewählten SVP-National­rätinnen. Ihr Hauptanliegen: die ländliche Bevölkerung in Bern zu vertreten. Und weil diese eher auf Autos angewiesen sei, ist Friedli die CO2-Abgabe ein Dorn im Auge. Gleichstellungs­anliegen: Nebensache. Friedli ist im Referendums­komitee gegen den Vaterschafts­urlaub, da argumentiert die SVPlerin konsequent gewerbefreundlich. «Weitere Lohnabzüge können für das Gewerbe zum Problem werden», sagt sie. Und auch bei Friedli fallen die Schlagworte Eigen­verantwortung und Pflästerli­politik. «Mit zwei Wochen Papi-Urlaub ist es ja nicht getan.»

Anders als ihre Parteikollegin Rüegger begrüsst Friedli die Kampagne «Helvetia ruft»: «Ich finde es wichtig, dass Frauen in die Politik gebracht werden, und ich bedauere, dass sich in der SVP noch zu wenige junge Frauen aktiv engagieren.» Sie wolle parteiintern Frauen fördern, junge Frauen ins Bundeshaus einladen beispielsweise. «Leider ist es oft noch so, dass Frauen es sich gar nicht zutrauen. Dann sage ich: Ein Mann stellt sich diese Frage nicht mal.»

Ein bisschen anders klingt es bei Martina Bircher, 35 Jahre alt, für die SVP in den Nationalrat gewählt im Kanton Aargau, national bekannt, weil sie vorgeschlagen hat, Grossfamilien ab drei Kindern die Sozialhilfe zu deckeln. Damit will sie sich auch in Bern einen Namen machen: Sozialhilfe, Asyl und Gesundheits­politik sind ihre Kernthemen.

Sieht sie sich auch als Vertreterin der Frauen? Bircher lacht. Das spiele heute keine Rolle mehr. Es gebe genug Instrumente, um Gleichstellung einzufordern. Bircher redet ohne Umschweife über Diskriminierungs­erfahrungen. «In der Schule hat ein Lehrer mal zu mir gesagt, ich würde ja eh Hausfrau und Mutter werden, ich solle deshalb in die Realschule. So was prägt. Ich habe das Gefühl, ich müsse mich umso mehr beweisen, als Frau, und gerade als junge Frau.»

Die «stillen Schafferinnen»

Die Gespräche mit den neu gewählten bürgerlichen Frauen zeigen, und das überrascht nicht, keine strahlende Eintracht. Kernthemen, Momente der Politisierung, das Interesse der Partei: All das bestimmt die Haltung der bürgerlichen Neuparlamentarierinnen zur «Frauenwahl» und zu Gleichstellungs­fragen. Und wer denkt, bürgerliche Frauen würden per se andere Themen auf das politische Parkett bringen als bürgerliche Männer, geht seinen eigenen Vorurteilen auf den Leim.

«Die Zeit» titelte nach dem Wahlsonntag irritierend altmodisch «Damenwahl!» und strich unter dem Titel «schön ruhig» Charakteristika erfolgreicher Parlamentarierinnen hervor: Stille Schafferinnen seien sie, zurückhaltend, bedacht. Etikett: die «Normalos».

Das Ungeschickte daran: Mit solchen Aussagen wird nicht nur auf wirkmächtige Normen hingewiesen, sie werden auch reproduziert.

Zumindest was das betrifft, sind sich die Frauen einig: Einem bestimmten Bild einer Politikerin glauben sie nicht entsprechen zu müssen. Man müsse aufpassen, dass man nicht in Klischees verfalle, sagt die Luzerner Ständerätin Andrea Gmür.

Und die Aargauer Nationalrätin Marianne Binder findet, sie würden schliesslich anderen Parteien angehören mit einem anderen Programm und – so lautet die allseits beliebte Parole – «Frausein ist kein Programm».

Sie haben in diesem Artikel viele Worte gelesen, aber die wichtigsten drei fehlten. Seit je beruht jede funktionierende Gemeinschaft auf diesen drei Worten. Liebende sagen sie zueinander. Gute Politiker sagen sie ihren Wählern, gute Priester ihrer Gemeinde, gute Eltern ihrem Kind. Sie lauten: Fürchte dich nicht! – Wir von der Republik glauben, dass auch im Journalismus gilt, was Franklin D. Roosevelt einst zur Politik sagte: «Wir haben nichts zu fürchten als die Furcht selbst.»

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