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Es liegt ein Gefühl der Hoffnung in der Luft, ohne dass man wüsste, worauf genau: Diskussion an der blockierten Ringstrasse in Beirut, Oktober 2019. Peter van Agtmael/Magnum Photos/Keystone

Der zweite Frühling

Der zweite Frühling

Algerien und der Sudan, jetzt auch der Irak und der Libanon: In der arabischen Welt finden historische Aufstände statt. Die Hoffnung ist zurück, berührende Momente der Solidarität spielen sich ab, gesellschaftliche Grenzen werden überwunden. Doch wie lange wird das halten? Was haben die Menschen aus den Revolutionen von 2011 gelernt? Eine Reise vom Libanon in den Irak, in den Sudan und nach Ägypten – der Prolog.

Von Monika Bolliger, 29.11.2019

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«Hast du auch Schals?», fragt die junge Frau vom Rücksitz des Motor­rads in aufgekratzter Stimmung den Verkäufer und streckt ihre Hand nach der libanesischen Flagge aus, die sie soeben erworben hat. Schals dienen als Schutz gegen Tränen­gas, und der Verkäufer macht gerade das Geschäft seines Lebens. Die Flaggen in seinem Laden, der an einer Haupt­strasse Richtung Stadt­zentrum liegt, sind ein Verkaufs­schlager. Der Menschen­strom ins Zentrum reisst nicht ab.

Sie kommen an jenem Freitag Mitte Oktober aus allen Stadt­teilen, zu Fuss und auf Motor­rädern. Autos haben keine Chance, die Strassen sind mit brennenden Auto­reifen und Müll­tonnen blockiert. Fremde lachen einander komplizen­haft zu, es liegt eine Heiterkeit in der Luft, ein Gefühl der Hoffnung, ohne dass man wüsste, worauf genau.

«Das Volk will den Fall des Regimes!»

In der Nacht zuvor haben Randalierer Spuren hinterlassen: Die Fenster­front einer Bank­filiale ist zerschlagen, wie auch die Scheiben von Reklame­tafeln, die für Konsum­güter werben, die sich niemand mehr leisten kann. Das sonst so ausgestorbene Stadt­zentrum erwacht zu neuem Leben. Die Menschen erobern die Stadt zurück und füllen Downtown Beirut, wo es kaum öffentlichen Raum gibt, dafür teure Geschäfte. Im Bürger­krieg war das Niemands­land: Hier verlief einst die Trennlinie zwischen Ost- und Westbeirut, zwischen den vorwiegend christlichen und den muslimischen Vierteln. Später verwandelten Investoren die zerschossenen Ruinen des historischen Souks in eine sterile Einkaufs­strasse mit teuren Modelabels.

Protestlieder singen, «Revolution» skandieren, gemeinsam lachen und diskutieren: Demonstrationszug auf dem Märtyrerplatz (alle Bilder stammen aus Beirut im Oktober 2019). Peter van Agtmael/Magnum Photos/Keystone

Jetzt versammeln sich auf dem Märtyrer­platz im Herzen der libanesischen Hauptstadt Abertausende Menschen aus verschiedensten Stadt­teilen und gesellschaftlichen Schichten. Sie singen Lieder, skandieren «Revolution, Revolution!» oder einen eingängigen Reim, mit dem sie die Mutter von Aussen­minister Gebran Bassil beschimpfen.

Und auch jener Schlacht­ruf des Arabischen Frühlings ist zu hören, den 2011 Demonstranten von Tunesien über Ägypten bis Syrien und in den Jemen im Chor wiederholten: «Das Volk will den Fall des Regimes!»

«الشعب يريد إسقاط النظام!»

Die Geburt der Gemeinschaft

Der Libanon ist das vierte arabische Land, das dieses Jahr einen Volks­aufstand erlebt. Im Sudan und in Algerien haben Massen­proteste bereits zum Sturz des Staats­oberhauptes und zur Einleitung eines Übergangs­prozesses geführt. In Ägypten flackerte der Geist des Wider­stands gegen Autokratie und Korruption im Herbst kurz auf, trotz heftiger Repression. Im Irak gehen die Menschen seit Anfang Oktober auf die Strasse. Und nun also im Libanon.

Nicht nur in Beirut, auch in anderen libanesischen Städten flammen die Proteste auf – Tripoli, Nabatiya, Tyrus, Sidon. An einem Sonntag im Oktober sind laut Schätzungen über eine Million Menschen auf der Strasse, ein Viertel der gesamten Bevölkerung.

Zum Motto der Proteste wird der Slogan «Kullon yani kullon!».

«كلن يعني كلن!»

«Mit allen sind alle gemeint!»

Die Demonstrationen richten sich gegen die ganze politische Elite. Viele Libanesen haben begriffen: An der Korruption, der fehlenden Infra­struktur, der astronomischen Staats­verschuldung, der Wirtschafts­misere, der hohen Arbeits­losigkeit und an den explodierenden Lebens­haltungs­kosten sind alle mitschuldig – alle Parteien, alle Religions­gruppen und alle Schichten.

Politiker haben ihre Anhängerinnen lange gegeneinander ausgespielt. Christen gegen Muslime, Schiiten gegen Sunniten, Maroniten gegen Drusen. Jetzt machen die Leute das einfach nicht mehr mit. Sunniten in Tripoli skandieren Sprech­chöre in Solidarität mit den Schiiten von Nabatiya. In Tyrus zerreissen schiitische Demonstranten Poster des schiitischen Anführers Nabih Berri und rufen «Diebe, Diebe!». Schwarz verschleierte, fromm aussehende Schiitinnen beschimpfen Berris Frau Randa mit einem Reim, der unter die Gürtel­linie geht. Beirut schaut auf die zweitgrösste libanesische Stadt Tripoli, die lange den Ruf einer Salafisten-Hochburg hatte, und reibt sich die Augen: Zehntausende haben sich dort mit libanesischen Flaggen versammelt, singen die National­hymne und tanzen zu Technobeats.

Von Extremisten keine Spur.

Die Menschen lassen sich von den Machthabenden nicht mehr austricksen, weder im Libanon, noch im Irak, noch in Algerien oder im Sudan. Peter van Agtmael/Magnum Photos/Keystone

Es ist ein berührender Moment der Einheit und gesellschaftlichen Solidarität im Libanon. Gesellschaftliche Barrieren fallen, die Menschen bewegen sich aus ihren engen Zirkeln von zankenden Parteien, Religions­gruppen und Klassen heraus, kommen zusammen und überwinden unsichtbare Linien, die nach dem Bürger­krieg nie ganz verschwunden sind.

Das architektonisch aussergewöhnliche eiförmige Kino­gebäude direkt am Märtyrer­platz in Beirut, das im Bürger­krieg beschädigt und danach von den Behörden dem Zerfall überlassen worden war, ist jetzt ein Treffpunkt für politische Diskussionen. Der Platz vor dem egg, wie das Gebäude genannt wird, ist sauberer denn je. Jeden Morgen sammeln Aktivistinnen den Müll ein. Ein Phänomen, das auch bei anderen arabischen Volks­aufständen zu beobachten war: Sobald die Leute an die Gemeinschaft glauben, entwickeln sie ein Verantwortungs­bewusstsein und nehmen aufeinander Rücksicht.

Doch wie lange wird das halten?

Lehren aus Vergangenem

Wie bei allen Aufständen beginnen auch hier im Libanon die Versuche, die Menschen zu spalten, gegeneinander aufzubringen. Demonstranten mit Schläger­trupps einzuschüchtern, mit Schein­kompromissen zu besänftigen.

Noch lassen sich die Leute nicht austricksen, weder im Libanon, noch im Irak, noch in Algerien oder im Sudan. Es sind vier arabisch­sprachige Länder, auf die 2011 der Funke des Arabischen Frühlings nicht übergesprungen war. Doch sie erwecken den Eindruck, als hätten sie aus den Erfahrungen von damals gelernt.

Die Provokation von Gewalt, das Schüren religiöser Konflikte oder das blosse Entfernen des Kopfes eines Regimes – all das waren Faktoren, mit denen die Regimes 2011 ihren Machterhalt sicherten.

Die Demonstranten geben sich jetzt nicht mehr mit dem Rücktritt eines Staats­oberhauptes oder Regierungs­chefs zufrieden, sondern fordern einen System­wechsel. Es gibt starken Wider­stand gegen Spaltungs­versuche. Im Irak und im Libanon richten sich die Demonstrationen dezidiert gegen ein politisches System, das Religions­gruppen gegeneinander ausspielt. Im Sudan wehrten sich die Demonstranten trotz brutaler Repression standhaft dagegen, Gewalt anzuwenden. Sudanesische Aktivistinnen erzählten in Gesprächen, dass das Regime während der Proteste im Frühling sogar mit Waffen beladene Fahrzeuge habe offen herumstehen lassen – weil sich die Repression gegen einen gewaltsamen Aufstand besser legitimieren liesse.

Aber niemand hat zu Waffen gegriffen. Selbst nach der blutigen Auflösung des Protest­lagers vor dem Haupt­quartier der Armee in Khartum am 3. Juni dieses Jahres änderte sich das nicht. Einen Monat später gingen die Sudanesen erneut zu Tausenden auf die Strasse – friedlich und furchtlos.

Reise in die arabische Welt

Diese Serie entstand aus drei Recherche­reisen, zu denen die Republik-Reporter Amir Ali und Monika Bolliger Ende August aufbrachen. Sie reisten vom Libanon nach Ägypten, in den Sudan und in den Irak und sind der Frage nachgegangen: Was haben die Menschen in der arabischen Welt heute für Perspektiven, bald neun Jahre nach dem Arabischen Frühling? Zur Übersicht mit allen Episoden.

Als wir das Flugzeug nach Kairo bestiegen, waren die Umstürze im Sudan und in Algerien ein paar Monate alt. Wir fragten uns: Könnte das ein Zeichen dafür sein, dass es andernorts in der arabischen Welt auch passiert? Kaum ein arabisches Regime, so schien uns, bietet derzeit den Menschen echte Perspektiven. Und fast überall ging und geht es abwärts, wirtschaftlich und politisch.

Dass so bald darauf auch im Irak und im Libanon – und für kurze Zeit selbst in Ägypten – Proteste beginnen würden, konnte niemand voraussehen.

Wir rechneten damit, in eine Wüste des politischen Stillstands zu reisen. Und landeten mitten in einem Sandsturm, in dem sich die Ereignisse überstürzten.

Wohin geht die Reise?

«Der Sudan und Algerien machen mir Hoffnung», sagte uns der ägyptische Journalist und Oppositionelle Khaled Dawoud Ende August in Kairo, der ersten Destination unserer Reise. In Ägypten unterdrückt das wieder erstarkte Militär­regime acht Jahre nach der Revolution von 2011 jegliche abweichende Meinung mit eiserner Faust.

Einen Monat später sollte Dawoud, einer der letzten offenen Kritiker des Regimes im Land, auch Opfer dieser Repression werden. Er sprach damals von der Gefahr, verhaftet zu werden. «Ich bekomme SMS, in denen mir damit gedroht wird. Viele meiner Freunde sind bereits im Gefängnis. Es ist Furcht einflössend», sagte er uns. Diese Gefahr ist jetzt für ihn, wie für viele andere Dissidenten, Realität geworden.

Im Sudan, unserer zweiten Destination, hatte im April ein Volks­aufstand den langjährigen Autokraten Omar al-Bashir gestürzt und ein Abkommen zur Macht­teilung zwischen Militärs und Zivilisten für eine Übergangs­regierung erreicht. Hier herrschte Aufbruch­stimmung. «Wir wollten unser Leben lang auswandern. Jetzt wollen wir hierbleiben und uns engagieren»: Das war der Grund­tenor in vielen Gesprächen mit jungen Sudanesinnen und Sudanesen.

Zugleich waren aber auch viele enttäuscht über den Kompromiss mit den Militärs, die jetzt die Macht in einer Übergangs­regierung mit Zivilisten teilen.

Der Sudan steht vor vielen schwierigen Heraus­forderungen. Wie bringt man die Militärs dazu, die Macht abzugeben, wenn ihnen danach die Verurteilung wegen Kriegs­verbrechen und Menschen­rechts­verletzungen droht? Wie bringt man die Militärs dazu, echte Wirtschafts­reformen zuzulassen, wenn sie einen Grossteil der Wirtschaft kontrollieren und davon profitieren?

Im Irak, in unserer dritten Destination, hatten die Leute nach dem Ende mehrerer Zyklen von Kriegen endlich etwas zu atmen begonnen.

Doch die selbst im regionalen Vergleich gewaltige Korruption liess ihnen nicht sehr viel Luft dafür: Es fehlt an grund­legendsten staatlichen Dienst­leistungen und vor allem an Arbeits­plätzen in einem Land, das dank seiner Ölvorkommen eigentlich reich wäre.

Hier begannen die Proteste, als wir vor Ort waren.

Und sie sind seither trotz brutalster Repression nur grösser geworden.

Es sind hier vor allem Angehörige der schiitischen Mehrheit, die sich gegen ein schiitisch dominiertes Establishment erheben. Auch gefährliche geopolitische Verstrickungen – der Iran betrachtet den Irak als wichtiges Einfluss­gebiet – schüchtern die Demonstranten nicht ein. Die Volks­bewegung hat eine Breite, einen Patriotismus und ein bürgerliches Engagement erreicht, wie es der Irak seit Jahrzehnten nicht gesehen hat.

Der Moment des Bankrotts

Und dann begann es im Libanon. Wer dachte, die gescheiterten Aufstände des Arabischen Frühlings würden die Leute künftig davon abhalten, Brot, Würde und Gerechtigkeit einzufordern, wird gerade eines Besseren belehrt.

Weder die Bürgerkriege in Syrien, im Jemen und in Libyen noch die grausame Repression des ägyptischen Militär­regimes scheinen als abschreckende Beispiele zu funktionieren. «Es gab nichts mehr zu verlieren für uns» – das war ein Satz, den wir im Sudan wie im Irak oft hörten.

Es ist dieser Moment, wo ein politisches System bankrott ist: wenn es den Leuten keine Perspektiven mehr bietet, wenn sich in der Bevölkerung die Sicht durchsetzt, dass man nichts mehr zu verlieren hat – gepaart mit der Hoffnung, dass man gemeinsam für etwas Besseres kämpfen kann.

Die arabischen Regimes sind bankrott. Zwar ist es ihnen – mit Ausnahme Tunesiens, wo der demokratische Übergangs­prozess leise fortschreitet – weitgehend gelungen, die Aufstände von 2011 zu ersticken oder sie in Bürger­kriegen aufzureiben, oft mit Hilfe aus dem Ausland. Aber Syrien ist heute zerrissen, der Staat schwach und von Warlords und Milizen unterwandert. Syriens Präsident Bashar al-Assad hat sich durch brutale Repression sowie mit russischer und iranischer Unterstützung gegen den Aufstand behauptet, welcher von geopolitischen Rivalen Unterstützung erhalten hatte.

In Ägypten ist die Armee stärker denn je, nachdem sie die erste demokratisch gewählte Regierung der Muslim­brüder in einem anfangs populären Putsch von der Macht entfernt hat. Jetzt verschwinden selbst moderateste Kritiker der Regierung im Gefängnis. Auch hier hat das Militär­regime kräftige Unterstützung aus Saudi­arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten bekommen. Und Europa drückt beide Augen zu, solange keine Menschen von Ägypten aus das Mittel­meer überqueren. Der ägyptische Präsident Abdel Fattah al-Sisi ist unfähig zu echten Reformen, weil er ständig die Armee zufrieden­stellen muss, die sich immer mehr Teile der Wirtschaft einverleibt.

Das sind die Modelle, welche die Regierungen der Region und ihre Verbündeten den Menschen zu bieten haben: von Milizen und Warlords unterwanderte, zerfallende Staaten oder Polizei­staaten mit unersättlichen Sicherheits­apparaten – oder eine Kombination davon.

Ein neuer Glaube

Ein Gespräch in Beirut wenige Tage vor Beginn der libanesischen Proteste hatte beinahe prophetischen Charakter.

In einem herunter­gekommenen Büroblock im südlichen Beiruter Vorort Haret Hreik hat die Redaktion von Ali al-Amins Zeitschrift «Janoubia» ihren Sitz. Über eine Seiten­treppe, bei deren Aufgang man sich leicht bücken muss, gelangt man in den ersten Stock, wo sich die Büros der Redaktion befinden – drei kleine, bescheiden eingerichtete Räume.

Dass es Hoffnung gibt, zeigen die Menschen gerade dadurch, dass sie unter Lebensgefahr für eine bessere Zukunft auf die Strasse gehen: Blockade der Ringstrasse. Peter van Agtmael/Magnum Photos/Keystone

Das Viertel Haret Hreik gilt als Hochburg der Hizbollah, der schiitischen Partei und Miliz, die sich einst aus dem bewaffneten Wider­stand gegen Israel formierte, mit dem Iran verbündet ist und in Syrien auf der Seite von Präsident Assad kämpft. Heute ist die Hizbollah die stärkste Partei des Libanon. Ali al-Amin, ein Kritiker der «Partei Gottes», hat sich hier mit seiner Redaktion gewisser­massen in der Höhle des Löwen eingerichtet.

Seine Haltung hat ihn unlängst zum Opfer einer Diffamierungs­kampagne gemacht. Das schüchtert ihn nicht ein. Dass sein Vater ein angesehener schiitischer Religions­gelehrter war, gibt ihm Rückhalt, wie er selber sagt.

«Die jetzige Situation ist nicht nachhaltig», sagt Ali al-Amin. Der Journalist ist ein Gegner des konfessionellen Proporz­systems, das im Libanon die politische Macht nach Quoten für Religions­gruppen aufteilt: Parteien vertreten verschiedene Religions­gruppen statt politische Programme. Somit kann es sein, dass ein konservativer christlicher Abgeordneter eine progressive, feministische Christin vertritt, nur weil er Christ ist.

Das System beflügelt die Korruption, weil sich die Parteien einfach den Kuchen aufteilen, statt sich einen politischen Wettbewerb zu liefern. Es zementiert auch die Gräben zwischen den Religions­gruppen. Die Parteien suchen Unterstützung bei ausländischen Verbündeten, im Falle der Schiiten ist das aktuell der Iran, bei den Sunniten Saudi­arabien, Katar oder die Türkei.

All das ist nicht gut für den nationalen Zusammen­halt und paralysiert die Politik. Amin beklagt weiter, dass die Dominanz der Hizbollah die Meinungs­vielfalt innerhalb der schiitischen Gemeinde des Libanon ersticke. Die «Partei Gottes» fordere von den Schiiten, als geeinter Block aufzutreten und schüchtere Abweichler ein, alles im Namen des Wider­standes gegen Israel.

«Im Arabischen Frühling sahen wir eine Chance, aus unserem Gefängnis auszubrechen, aber leider geschah das Gegenteil», sagt Ali al-Amin.

«Trotzdem bin ich überzeugt, dass die Realität, in der wir leben, die Ausnahme ist und nicht die Regel. Die Geschichte kann erst nach einer längeren Zeit­spanne beurteilt werden. Was als Chaos erscheint, wird am Ende auf einen Weg führen. Momentan ist das stärkste Element der repressiven Regimes die Angst, aber niemand kann das Rad zehn Jahre zurückdrehen. Gesellschaften streben nach Stabilität, nach guten Lösungen und Wegen, um ihr Schicksal in die Hand zu nehmen. Daran glaube ich.»

Sollten die Proteste scheitern, wird trotzdem etwas hängen bleiben: Es wird eine Generation verändern. Peter van Agtmael/Magnum Photos/Keystone

Wenige Tage nach dem Gespräch beginnen im Libanon die Demonstrationen.

Die Hizbollah versucht prompt, die Protestierenden mit Schläger­trupps einzuschüchtern, und suggeriert, die Demonstrationen würden von ausländischen Akteuren instrumentalisiert. Aus Teheran klingt es ähnlich: Irans oberster Anführer Ayatollah Ali Khamenei behauptete, Israel und die USA würden die Proteste im Irak und im Libanon anheizen.

Teheran sieht sich in beiden Ländern mit einem Volks­aufstand gegen Regierungen konfrontiert, in denen seine Bündnis­partner die stärkste Kraft sind. Für die Iraner ist das bedrohlich, stützen sie sich doch auf ein regionales Netzwerk von Verbündeten, vor allem schiitische Milizen, mit denen sie ihre Gegner in Schach halten können, ohne eine militärische Konfrontation im eigenen Land zu provozieren. Und jetzt gibt es auch im Iran selbst Proteste.

Niemand kann sagen, in welche Richtung sich die Dinge von hier aus entwickeln.

Eines ist klar: Einfach wird es nirgendwo. Aber sollten die Proteste scheitern und aufgerieben werden, wird trotzdem etwas hängen bleiben, es wird eine Generation verändern, so, wie es auch im Arabischen Frühling von 2011 geschehen ist.

In der arabischen Welt sind historische Umwälzungen im Gang, die nicht rückgängig gemacht werden können, auch wenn niemand weiss, wie sich all das langfristig auswirken wird.

In dieser Ungewissheit liegt sowohl eine tiefe Tragik als auch ein Funken Hoffnung. Nichts kann den Horror eines Bürger­krieges aufwiegen. Jede vergewaltigte Aktivistin ist eine zu viel. Die Hunderte erschossenen Demonstranten im Irak und im Sudan werden durch nichts wieder zum Leben erweckt.

Und doch: Dass es Hoffnung gibt, zeigen die Menschen gerade dadurch, dass sie unter Lebens­gefahr für eine bessere Zukunft auf die Strasse gehen, sich organisieren, sich solidarisieren, Initiativen entwickeln und sich trotz allen Droh­kulissen weigern aufzugeben.

Für einen Moment

Die folgende Reise in sechs Episoden nach Ägypten, in den Sudan und den Irak zeigen Moment­aufnahmen, kleine Fenster auf vielschichtige Länder, die sich rasant bewegen, die trotz aller Unterschiede wegen der gemeinsamen Sprache als Teil der «arabischen Welt» gelten.

Lassen sich somit die Protest­bewegungen in Algerien, im Sudan, im Irak und im Libanon in diesem Jahr als zweiter Arabischer Frühling verstehen?

Oder haben die Aufstände in jedem Land ihren eigenen Kontext?

Vermutlich ist an beiden Sichtweisen etwas dran. Jedes Land hat seine eigene Geschichte, doch überall leiden die Bevölkerungen unter mafiösen Regierungen, schlechter Grund­versorgung, wirtschaftlichem Niedergang und dem Fehlen eines Rechts­staates, der die Menschen­würde respektiert. Wobei dieses Phänomen des Protestes gegen eine prekäre Wirtschafts­lage und korrupte Eliten zunehmend global wird: siehe Südamerika. Im arabischen Raum findet man in der Sprache, in der Geschichte oder in den politischen Verstrickungen gemeinsame Referenzen.

Während der Proteste in Beirut sandten sich libanesische und sudanesische Feministinnen gegenseitig Solidaritäts­botschaften via Transparente, von denen sie Fotos auf sozialen Netzwerken veröffentlichten.

Libanesische Demonstranten griffen syrische Revolutions­lieder auf, Bagdad sang für Beirut, Beirut sang für Bagdad.

Die Grenzen sind nicht wirklich verschwunden. Aber für einen Moment scheint es, als hätten sie sich in Luft aufgelöst.

Zu den Autorinnen

Die Arabistin Monika Bolliger arbeitet als Analystin und Forscherin in Beirut und Zürich. Zuvor war sie als Nahost­korrespondentin der NZZ in Jerusalem, Kairo und Beirut tätig. Amir Ali, der ebenfalls fliessend Arabisch spricht, war fünf Jahre Co-Leiter des Strassen­magazins «Surprise». Seit diesem Sommer ist er als freier Journalist tätig, der Schwer­punkt seines Interesses gilt den Ländern im Nahen Osten.

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