«Der Totalitarismus hat keinen Sinn für Humor»

Salman Rushdie über Trumps Amerika, seine persönlichen Erfahrungen mit Rassismus, die Kraft der Comedy und die besondere Bedeutung von Namen.

Ein Interview von Daniel Graf (Text) und Maurice Haas (Bilder), 19.11.2019

«Wenn die Welt verrückt spielt, wenn sie surreal wird, dann muss sich der Roman entscheiden, wie surreal er sein muss, um diese Welt einzufangen»: Salman Rushdie, am 14. November 2019 in Zürich.

Herr Rushdie, wir müssen dringend eine Frage klären: Heisst es «WRASH-die» oder «RUSCH-die»?
«RUSCH-die». Immer schon «RUSCH-die».

Es scheint da viel Verwirrung zu geben, deshalb frag ich. Selbst Ihr Freund Bono von U2 sagt «WRASH-die».
Ich weiss. Aber er ist halt Ire.

Ihr Roman beginnt ebenfalls mit einer Anmerkung zur Aussprache, zur Frage, wie man nun «Quichotte» richtig ausspricht. Und am Ende dieser Anmerkung heisst es: Macht es, wie ihr wollt, jedem seine eigene Aussprache «des universellen Don».
Ja, genau. Ich selbst benutze absichtlich die französische Aussprache. Der Grund, warum der Held im Roman dieses Pseudonym wählt, ist weniger wegen Cervantes als vielmehr wegen der Oper von Massenet. Ich fand es lustig, dass er, der eine Imitation ist, sich nach einer Imitation benennen sollte.

Die Namen all ihrer Hauptcharaktere bestehen aus Wortspielen.
Keiner der Namen ist ein gewöhnlicher. Sondern ein Pseudonym, ein Alias oder dergleichen.

Zur Person

Salman Rushdie wurde am 19. Juni 1947 in Bombay, dem heutigen Mumbai, geboren und kam als Jugendlicher nach England. Er machte an der University of Cambridge den Master in Geschichte und startete mit dem Roman «Grimus» 1975 seine Karriere als Schrift­steller. Mit dem Roman «Mitternachts­kinder» (1981) gelang ihm der internationale Durchbruch. 1988 erschien «Die satanischen Verse», die zu einem der meistdiskutierten literarischen Werke der Gegenwart wurden. Irans Oberhaupt Ayatollah Khomeini rief am 14. Februar 1989 mit einer Fatwa zur Ermordung Rushdies auf. Die Fatwa wurde bis heute nicht offiziell aufgehoben, allerdings verzichtet Rushdie seit einiger Zeit auf Leibwächter. Er hat zahlreiche Romane, Essays und Kurzgeschichten veröffentlicht und ist vielfach preisgekrönt, unter anderem wurde ihm 1981 der Booker Prize verliehen. Vergangene Woche erhielt er gemeinsam mit der Schweizer Regisseurin Barbara Miller den «Swiss Freethinker Award».

Sie haben eine Schwäche für Namensspiele.
O ja. Für mich gehört die Namens­gebung zum Wichtigsten. Das liegt, glaube ich, zum Teil daran, dass ich aus Indien komme. Gibt man dort einem Kind einen Namen, denkt man sehr intensiv über die Bedeutung des Namens nach. Im Westen hat das nicht so sehr mit der Wort­bedeutung zu tun, es geht vielmehr um den Klang oder um die Frage, ob der Name Teil der Familien­tradition ist. Aber wenn du jemanden Claire nennst, denkst du nicht daran, dass es «Licht» bedeutet. Du denkst: schöner Name. In Indien hingegen überlegst du, was der Name bedeutet, welche Konnotationen er hat, und dieser Vorstellung folge ich auch bei der Benennung meiner Figuren.

Welche Bedeutungen sind im Namen Salman Rushdie enthalten?
Nun, «Salman» heisst «friedlich». Ha! (lacht) Und Rushdie ist ein Familien­name, den mein Vater sich ausgesucht hat. In gewisser Weise genau wie die Figuren in meinem Buch sich ihre Namen selbst wählen.

Wobei auch «Rushdie» eine Referenz ist, eine Anspielung auf einen Gelehrten.
Auf den grossen Philosophen Ibn Ruschd. Deshalb heisst es auch «RUSCH-die», nicht «WRASCH-die», eben weil es sich von dem arabischen Namen ableitet. Also auch in meiner Familie spielt die Selbst­benennung eine Rolle, seit der Generation meines Vaters. Mich interessiert das alles sehr, also wie Menschen sich selbst Namen geben. Wir leben ja heute in einer Zeit, in der sich fast jeder einen Namen erfindet. Die Leute auf Instagram oder Snapchat oder Twitter oder wo auch immer benutzen eher selten ihren exakten Klarnamen. Sondern sie variieren ihn, und dieses manipulierte Ich erlaubt ihnen, eine etwas andere Person zu sein. Wir leben also im Zeitalter des Alias. Da schien es mir folgerichtig, dass all diese Figuren Namen haben sollten, die mir gewisser­massen halfen, ihren Charakter zu enthüllen. Im zweiten Erzähl­strang heissen die Figuren Bruder und Schwester und Tochter und Sohn …

Ohne Artikel.
Ja, einfach als Eigenname. Der Grund dafür ist, dass ich signalisieren wollte: Das Wichtigste in diesem Erzähl­strang sind die familiären Beziehungen. In diesem Teil des Romans geht es darum, was es heisst, ein Bruder, eine Schwester, eine Tochter, ein Sohn zu sein. Und ich dachte, ihnen diesen Namen zu geben, wäre eine Methode, die Aufmerksamkeit des Lesers auf diesen Aspekt hinzulenken.

Wo wir von Familie sprechen – eine Zeile in dem Buch lautet: «Dein Sohn, dein Grossinquisitor.» Ist die Familie der härteste Gerichtshof?
O ja! Deine Kinder beobachten dich aus grösserer Nähe als irgend­jemand sonst. Sie schauen auf jede einzelne deiner Gesten. Sie horchen auf diese bestimmten Nuancen in deiner Stimme, sie bemerken, wenn du mal ein Glas Wein mehr hattest – und sie mögen das nicht! (lacht) Also ja, einerseits brauchen deine Kinder eine Menge von dir, aber andererseits sind sie deine Richter. Und ich wollte das im Roman haben, den Moment, wenn der Sohn über den Vater Gericht hält. Vor allem wenn man ins Teenager­alter kommt und glaubt, man wisse jetzt alles, dann fängt man an, sich zum Richter aufzuschwingen.

Manchmal haben Experimente mit Namen aber nichts mit Wortspiel zu tun, sondern mit Überleben. Nachdem die Fatwa gegen Sie erlassen worden war, brauchten Sie aus Sicherheits­gründen einen Decknamen. Und Sie haben sich für den Namen «Joseph Anton» entschieden, eine Reverenz an Joseph Conrad und Anton Tschechow. Warum diese beiden?
Zunächst einmal dachte ich, dieser Name klinge plausibel. Wenn man Schriftsteller­namen kombiniert, kommt ja nicht immer etwas dabei heraus, was ein echter Name sein könnte. Ausserdem waren beides Autoren, die ich sehr bewundere. Dann dachte ich, Conrad schrieb sehr gut über eine geheime Welt, über Geheim­agenten, all das, und mir war klar, dass ich von nun an von Geheim­agenten umgeben sein würde. Und Tschechow ist, vor allem in seinen Stücken, «Drei Schwestern» und den anderen, ein grossartiger Autor der Isolation und der Einsamkeit.

Was auch Ihr Schicksal war in diesen Jahren?
Ich fühlte mich diesen Figuren sehr nahe. Und interessanter­weise gibt es auch in meinem aktuellen Buch einen Geheim­agenten, mindestens einen. Und es gibt darin viel Einsamkeit. Ich begann über Amerika und das seltsame Paradox nachzudenken, dass wir einerseits diese Kultur erfunden haben, in der es mehr Arten gibt, miteinander zu kommunizieren, als jemals zuvor, mehr Platt­formen, wie es so schön heisst, um in Kontakt zu kommen, als sie irgend­jemand bis dato hatte. Das Paradoxe ist nun, dass wir möglicher­weise eine Kultur geschaffen haben, in der wir einsamer und isolierter sind denn je. Weil wir in dieser elektronischen Welt stecken bleiben und den Kontakt mit der echten Welt verlieren. Mich beschäftigte, wie seltsam das ist, dass das Zeitalter der Kommunikation zum Zeitalter der Entfremdung wird. Quichotte ist ein einsamer Mann ohne feste Adresse, er lebt in Hotel­zimmern, war nie verheiratet, hat keine Kinder ... nur einen Fernseher.

Und seine Imagination.
Ja, und er stellt sich vor, verliebt zu sein und Vater zu sein. Einsame Menschen machen das, sie erfinden sich ein Leben. Und mich hat interessiert: Was, wenn er sich ein bestimmtes Leben ausmalt und dann genau dieses Leben lebt? Es ist also ein Buch über Einsamkeit. Und es ist eine Art Spionage­roman, der aus meinen Erfahrungen und meinem Leben gegriffen ist, in dem ich etliche Spione kannte. Ich habe oft zu Freunden gesagt, ich müsste mal einen Spionage­roman schreiben. Denn wie viele Romanciers haben so viel Erfahrung mit dieser geheimen Welt wie ich? Ich meine, ich war mehrmals in diesem James-Bond-Gebäude über der Themse, ich habe mindestens zwei Direktoren des MI6 kennen gelernt, ausserdem amerikanische Geheimdienst­chefs und Leute aus Europa. Ich habe also all diese Informationen und wollte sie in einem Buch verarbeiten.

Es ist aber auch ein Roman über Trumps Amerika. Ihr Quichotte macht seine Quest durch Trumpland. Warum einen Roman über den Trumpismus schreiben, wenn Trump sowieso schon die Agenda dominiert?
Sie wissen, dass das Wort Trump kein einziges Mal in dem Buch vorkommt?

Ja, genau wie schon in «The Golden House», Ihrem Vorgängerbuch.
Sie haben schon recht, es gibt ohnehin zu viel Tamtam um Trump. Was mich mehr interessiert als Trump, ist, über Amerika zu schreiben. Die Entwicklungen in Amerika, die zu ihm führten, existierten schon vor ihm, und wenn er morgen verschwindet, werden sie immer noch da sein. Amerika ist interessanter als Trump. Dieses riesige Land mit all seinen Unter­schieden, das gegenwärtig so gebeutelt und sehr gespalten ist: Das ist eine interessante Romanfigur!

Und Donald Trump wäre das nicht?
Trump ist keine Figur. Trump ist eine Karikatur. Und sicher, er hat die Situation verschlimmert, das stimmt, aber sie war schon vorher da. Die Art und Weise, wie wieder mit der Kategorie race politisiert wird, ist ausgesprochen alarmierend. Das hängt meiner Meinung nach stärker mit der Obama-Präsidentschaft zusammen als mit der von Trump. Es hat damit zu tun, wie ein Teil des weissen Amerika darauf reagierte, von einem «Schwarzen» regiert zu werden. Das erschien ihnen unnatürlich. Und ich muss ehrlich sagen, ich habe in meinem Leben als Schrift­steller nicht sehr explizit über Rassismus geschrieben. Es gibt einen Passus in den «Satanischen Versen», der davon handelt; da werden «Rassen­unruhen» in London beschrieben. Aber die meiste Zeit habe ich das Thema unangetastet gelassen.

Hier nicht.
Hier dachte ich, wenn ich wirklich ein Buch über diese Gegenwart schreiben sollte und meine beiden Haupt­figuren zwei Männer mit dunkler Hautfarbe sind, die durch Mittel­amerika reisen, dann hiesse es wirklich zu kneifen, wenn ich so tun würde, als würde ihnen nie Feind­seligkeit begegnen. Zwar wollte ich nicht, dass das Buch ausschliesslich davon handelt, aber mir war klar, wenn die beiden diese Reise machen, dann ist die Konfrontation mit rassistischer Feind­seligkeit Teil dieser Reise, mal in Form gehässiger Wörter, mal in Form körperlicher Gefahr. Manche dieser Szenen sind direkt der Wirklichkeit entnommen.

Zum Beispiel?
Zum Beispiel gibt es eine Szene in Kansas, wo ein Verrückter in einer Bar um sich schiesst, wobei ein Mann stirbt und einer überlebt – das hat sich wirklich so zugetragen. Im Roman heisst die Stadt «Beautiful», während der Ort in Wirklichkeit Olathe heisst, was in der Sprache der Native Americans «wunderschön» bedeutet. Ich erinnere mich, dass es mich sehr bewegt hat, die Witwe des Verstorbenen, eine Inderin, im Fernsehen sprechen zu hören. Sie erzählte in sehr gewählten Worten, dass sie seit dreissig Jahren hier gelebt, sich zugehörig und als Amerikaner gefühlt hatten, bis zu diesem Vorfall. Und dann sagte sie: «Jetzt frage ich mich, gibt es hier einen Platz für uns?» Dieser Satz hat sich mir eingebrannt, und er hat auch Eingang in den Roman gefunden. Denn genau das ist die grosse Frage, die der Rassismus den Menschen ins Gesicht schleudert.

Wie oft haben Sie sich selbst diese Frage gestellt?
Nicht so häufig in Amerika, mehr in England. Als ich zum ersten Mal nach England kam im Alter von nicht einmal vierzehn, ging ich aufs Internat. Und dort habe ich sehr schlimme Erfahrungen mit Rassismus gemacht – nicht seitens der Lehrer, sondern von anderen Jungen. Wir hatten diese kleinen Studier­zimmer, und mehr als einmal fand ich, als ich in mein Zimmer kam, rassistische Sprüche an der Tafel. Und mehr als einmal sah ich, dass jemand in mein Zimmer eingedrungen war, um meine Arbeiten für den Unterricht zu zerreissen.

Gab es auch jemanden, der Ihnen beisprang?
Ja, natürlich, es sind nie alle so.

Hat jemand gegen diesen offenkundigen Rassismus protestiert?
Nein, die Grundregel in Internaten ist, dass du schweigst. Du rennst nicht zum Headmaster oder sonst wem, denn du willst keine Petze sein. So was wurde also nie offiziell. Aber als ich mit achtzehn von der Schule ging, schrieb ich einen Text, der wohl mein erster Roman geworden wäre, aber meine Eltern kamen darin überein, dass das Manuskript verloren gegangen ist. Ich glaube, es war ein Text über mein letztes Schuljahr, und wie ich mich erinnere, enthielt er sehr lebhafte Szenen darüber, wie rassistische Ressentiments sich äussern. Und der Junge, der das englische Internat verliess, war in gewisser Hinsicht ein anderer geworden. Ich kam zwar aus einer politisch konservativen Familie, das englische Internat ist per se ausgesprochen konservativ, und auch ich war damals konservativer als heute. Aber ich wusste nun alles über Rassismus. Alles.

Was bedeutet es fürs satirische Schreiben, dass die heutige Realität manchmal selbst wie Satire oder Parodie erscheint?
Diese Frage bekomme ich gerade häufig gestellt. Hat die Realität die Vorstellungs­kraft überholt? Ich verstehe die Frage. Und ich erinnere mich an den Besuch meines Freundes Ian McEwan in New York, bei dem wir zueinander sagten: Wenn einer von uns vor ein paar Jahren unserem Verleger einen Plot vorgeschlagen hätte mit Dingen, die sich nun in letzter Zeit in der Realität abgespielt haben, wäre die Antwort gewesen: Wir brauchen etwas Plausibleres. Und tatsächlich ist das Unwahrscheinliche und Unglaubwürdige Alltags­realität geworden.

Womit Ian McEwan und Sie literarisch sehr unterschiedlich umgehen.
Ja, wir sind unterschiedliche Autoren! Aber meine Position ist: Wenn die Welt verrückt spielt, wenn sie surreal wird, dann muss sich der Roman entscheiden, wie surreal er sein muss, um diese Welt einzufangen. Stendhal sagt, der Roman sei ein Spiegel, der sich eine Landstrasse entlang­bewege. Aber was passiert, wenn das, was der Spiegel sieht, verrückt ist? Was für einen Spiegel braucht man dann, um diese Verrücktheit zu reflektieren? Vielleicht einen Zerrspiegel.

Welches sind Ihre Verzerrungsmittel?
Ich glaube, der Grund, warum Comedy, Satire, Surrealismus in einer Zeit wie der heutigen funktionieren, ist dieser: Wenn man es ordentlich macht, schürft Comedy tiefer als der Realismus. Sie zielt schärfer auf den springenden Punkt. Und ich war nicht nur heute, sondern auch zu Zeiten George W. Bushs den Late-Night-Comedians immer sehr dankbar: Jon Stewart, Stephen Colbert, Trevor Noah und Samantha Bee. Denn die Schärfe ihrer Comedy transportiert mehr Wahrheit als die Tages­zeitung am Morgen. Der andere Grund aber ist: Die Mächtigen hassen es, wenn über sie gelacht wird. Sie hassen es wirklich. Der Totalitarismus hat keinen Sinn für Humor. Deshalb ist über sie zu lachen eine sehr gute Sache.

Würden Sie sagen, die Comedians haben Ihre Arbeit mehr beeinflusst als Ihre Schriftstellerkollegen?
Ja und nein. Klar, ich schaue sie alle, und mich interessiert sehr, wie Comedians ihre Arbeit tun. Aber es geschieht auch gerade etwas in der amerikanischen Literatur, und zwar unter Autorinnen und Autoren, die viel jünger sind als ich und die ich wirklich bewundere. Da sind mindestens zwei Tendenzen. Zunächst einmal gibt es in allen Text­gattungen ausgesprochen talentierte Autoren aus der Black Community.

An wen denken Sie?
Jesmyn Ward zum Beispiel, die noch vor ihrem 30. Geburtstag zweimal den National Book Award gewann. Ta-Nehisi Coates, ein brillanter Sachbuch­autor, der jetzt einen offenbar grossartigen Roman geschrieben hat (ich habe ihn noch nicht gelesen). Die diesjährige «U. S. Poet Laureate», Joy Harjo, ist die erste indigene Frau mit diesem Titel. Zuvor hatten ihn zwei schwarze Frauen inne, Tracy K. Smith und Natasha Trethewey. Im Bereich des Memoirs tut sich sehr viel. Dieses Jahr gab es ein grossartiges Buch von Mitchell Jackson mit dem Titel «Survival Math» und eine heraus­ragende Gedicht­sammlung von Reginald Dwayne Betts namens «Felon». Die andere grosse Entwicklung ist eine neue Art von Migrations­literatur. Der amerikanische Roman war immer schon beeinflusst durch die Immigration von Juden aus Osteuropa und von italienischer Immigration aus Südeuropa. Nun gibt es grossartige Texte von überall. Da ist Chimamanda Adichie aus Nigeria, Jhumpa Lahiri aus Südasien, Ocean Vuong aus Vietnam. Es ist unglaublich, nicht nur diese neuen Geschichten, sondern auch ihre neue Art des Erzählens zu erleben. Und da dachte ich: me too. Auch ich bin Teil der Einwanderer­literatur. Auch ich kam von anderswo und habe allerhand Zeug in meinem Koffer. Und vielleicht ist es Zeit auszupacken.

Grosser Sprung: Gibt es irgendwelche Schweizer Autoren, die Sie inspiriert haben?
Oh, also … ich erzähle Ihnen was. Vor langer Zeit, als ich mit dem Gedanken spielte, Schauspieler zu werden ... (überlegt)

Fiese Frage, ich weiss ...
... da hab ich in einem Friedrich Dürrenmatt mitgespielt. Ich erinnere mich, ich war Schau­spieler bei einer Produktion an der Universität, und zwar von seinem Stück «Die Physiker». Das habe ich wirklich gemocht, es ist ein fantastisches Stück. Eine der besten Sachen, bei denen ich je mitgespielt habe. Also Dürrenmatt zum Beispiel.

Ihr Kommentar zur Debatte um Peter Handke?
Glücklicherweise habe ich meinen Kommentar schon vor zwanzig Jahren geschrieben.

Damals schlugen Sie vor, ihn mit dem Preis als «Internationaler Trottel des Jahres» auszuzeichnen.
O ja, genau.

Welchen Preis würden Sie ihm heute geben?
Ich persönlich würde ihm überhaupt keinen Preis für irgendwas geben. Als ich damals diesen Artikel schrieb, der in mehreren Blättern erschien, war das relativ bald nach seinen verschiedenen Stellung­nahmen (zu den Jugoslawien-Kriegen der 1990er und zum Kosovo-Konflikt; Anm. d. Red). Mich hat sehr schockiert, was er sagte, und so geht es mir damit bis heute. Eigentlich denke ich eher: Es geht nicht so sehr um Peter Handke, aber es lässt den Nobelpreis sehr schlecht dastehen. Wenn du gerade erst einen schrecklichen Sexskandal hinter dir hast und das Erste, was du tust, ist, jemandem den Preis zu geben, der einen Genozid leugnet, dann sieht das nicht gut aus. Ich denke, es schadet dem Nobelpreis.

Vor zwei Jahren hatten Sie einen Cameo-Auftritt in Larry Davids Comedy­show «Curb your Enthusiasm». Darin ging es um Ihr Leben zur Zeit der Fatwa. Ist es der letzte Schritt, um mit etwas abzuschliessen, wenn man sogar über den Horror lachen kann?
Ganz ehrlich, für mich habe ich das Thema schon vor langer Zeit hinter mir gelassen. Aber als Larry David mich fragte, ob ich das machen wolle, war mein erster Gedanke: Ich weiss nicht, ob das etwas zum Lachen ist, und ich weiss nicht, ob ich damit etwas zu tun haben will. Dann dachte ich länger nach, und offensichtlich hat es eine Zeit in meinem Leben gegeben, in der das überhaupt nicht lustig gewesen wäre. Aber an den Punkt gekommen zu sein, an dem man Witze darüber machen kann, das schien mir eine Art, sich frei von all dem zu machen. Also sagte ich ja, ich bin dabei. Und ich habe es genossen, das zu machen. Es war grossartig.

In einer früheren Version schrieben wir im Zusammenhang mit dem Shooting in Kansas fälschlicherweise von einer «Native American» statt von einer «Inderin».

Zum Buch

Salman Rushdie: «Quichotte». Roman. Aus dem Englischen von Sabine Herting. Verlag C. Bertelsmann, München 2019. 464 Seiten, ca. 37 Franken. Der Verlag bietet eine Leseprobe.

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