Die Bühnen der Revolution

Die Kirchen waren ein wichtiger Treiber der friedlichen Revolution, die vor 30 Jahren zum Mauerfall führte. Aber eine Hauptrolle spielten auch die Theater. Besonders in Berlin.

Von Tobi Müller, 04.11.2019

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Berlin Alexanderplatz, 4. November 1989: Eine Demonstration für Presse- und Meinungsfreiheit in der DDR, organisiert von Theaterleuten. Rolf Zöllner/Imago

Die grösste Demonstration der DDR fand kurz vor Laden­schluss des Sozialismus statt. Am 4. November 1989 strömten Hundert­tausende auf den Alexander­platz in Berlin, die Schätzungen gehen auseinander. Es reden Politiker, aber auch der Schrift­steller und Stücke­schreiber Heiner Müller, der schon am Vormittag zu viel Wodka getrunken hatte und statt einer Rede einen Aufruf der freien Gewerkschaften verlas.

Auch viele Schauspieler waren zu hören, etwa der damals sehr junge Jan Josef Liefers oder Ulrich Mühe. Die Demo ist auch deswegen für Ostdeutsche so wichtig, weil sie die Hoffnung auf den sogenannten «Dritten Weg» formulierte, die Hoffnung auf einen reformierten Sozialismus, wie er etwa der Schrift­stellerin Christa Wolf vorschwebte.

Was die meisten nicht wissen: Die Demo wurde von Berlins Theatern angeschoben. Der Lastwagen kam aus der Volksbühne, ein paar hundert Meter vom Alex entfernt, wo auch die erste Versammlung abgehalten wurde.

Die zweite fand im Deutschen Theater statt, am 15. Oktober 1989. Gregor Gysi bekniete dort die Theater­schaffenden, die Demonstration offiziell anzumelden. Gysi, der junge Anwalt, war die Verbindung zur Macht, das wussten alle im Raum. Der ehemalige Archivar des Deutschen Theaters, Hans Rübesame, spielte mir vor 10 Jahren eine Tonaufnahme der Versammlung vor. Der Schauspieler Thomas Neumann sagt mit hörbarem Grinsen: «Ich stimme dem Antrag zu, die Demonstration zu beantragen.»

Beim deutschen Revolutionär muss alles seine Ordnung haben. Man hört aber auch die stets doppelte Sprache, die weiss, dass jemand mithört – man spricht für das Publikum und für den Spitzel zugleich. Viele Inszenierungen des DDR-Theaters spielten geschickt mit dieser schizoiden Spannung. Die Inszenierung vom 4. November schliesslich sollte einen wichtigen Beitrag dazu leisten, den Staat zu stürzen.

Die Älteren, erst recht ausserhalb Deutschlands, haben andere Bilder im Kopf vom Herbst 1989: Leipzig, Lichter, Kerzen, Kirchen. Die Montags­demonstrationen, die den Anstoss zur friedlichen Revolution gaben, gingen von den Gottes­häusern aus, die Bürger­rechtlerinnen kamen vom Gebet.

In Berlin blieb es auf den Strassen sehr lange ruhig. Verdächtig ruhig. Direkt vor der Nase des Zentral­komitees der Sozialistischen Einheits­partei und der Stasi, des strafenden Überwachungs­apparates der Diktatur, bedurfte es anderer Strategien des Widerstands. Die Bühne war geeigneter als die Kanzel. Manche Theater spielten in den letzten Jahren der DDR eine politische Rolle, der manche bis heute nachtrauern.

Zum einen ist da viel Nostalgie im Spiel. Denn manchmal, so hat es der Ost-Schauspieler Milan Peschel beobachtet, reichte bereits das Wort «Mauer» auf der Bühne, dazu ein Augen­rollen des Schau­spielers, und schon durften sich die Theater­schaffenden und ihr Publikum gemeinsam kritisch fühlen. Das Sprechen in kaum verschlüsselten Bildern, die jeder versteht, die aber dennoch die Zensur passieren, funktioniert wie ein Ventil, das etwas Luft rauslässt. Theater als Karneval des Pseudo­kritischen: Möchte man das wirklich wiederhaben?

Zum andern waren die Theater tatsächlich Teil einer etwas offeneren Öffentlichkeit im Überwachungs­staat. Am Berliner Maxim-Gorki-Theater inszenierte Thomas Langhoff die Müdigkeit im Arbeiter- und Bauernstaat schon früh. Zuerst mit Tschechows «Drei Schwestern» (1979), und noch viel intensiver mit einer modernisierten Überschreibung der «Drei Schwestern», dem Stück «Die Übergangs­gesellschaft» von Volker Braun, das im März 1988 DDR-Premiere hatte. Der Einakter endet damit, dass der Schauplatz abbrennt. Er lässt keine Entwicklung mehr zu – keine Zukunft, nicht in diesem Land.

Vor 10 Jahren habe ich mit dem 2012 verstorbenen Thomas Langhoff über diese so bedeutsame Inszenierung gesprochen. Jahrelanger Streit mit den Zensoren ging der «Übergangs­gesellschaft» voraus. Zuletzt habe er mit der Ausreise gedroht, sagte Langhoff, der zwar als DDR-Regieexport im Westen inszenieren durfte, aber in Ostberlin wohnte und arbeitete.

Thomas Langhoff wies auf die Publikums­gespräche nach der «Übergangs­gesellschaft» hin, bei denen sich die Leute am Ende immer offener trauten, Kritik zu üben. «Ich habe mal einen Mann bei einem Gespräch öffentlich darauf hingewiesen, ob er sich im Klaren sei, dass hier mitgehört werde», sagte Langhoff. Und der Mann antwortete: «Deshalb sage ich es ja.»

Das «Neue Deutschland» (ND), das Sprachrohr der SED, hatte es zu dem Zeitpunkt bereits aufgegeben, ideologisch motivierte Total­verrisse von Theater­inszenierungen zu veröffentlichen. Denn sie zeitigten zunehmend die gegenteilige Wirkung; die Volksbühne musste nach einer vernichtenden Kritik im ND die Feuerwehr rufen, weil der Publikums­andrang nicht mehr zu bewältigen war.

Die Theater versuchten auch in anderen Städten, Öffentlichkeit abseits der Partei­organe herzustellen, zum Beispiel in Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz. Oder in Dresden, wo die Truppe um den Regisseur Wolfgang Engel die Losung prägte: «Wir treten aus unseren Rollen heraus», und wo die Schauspieler nach den Vorstellungen ein Diskussions­forum schufen. Dass darunter auch informelle Mitarbeiter der Stasi waren, gehört zu den vielen Widersprüchen der Geschichte.

An einer Pressekonferenz zu zwei Theaterprojekten, die nun am 4. November an die Demo vor 30 Jahren erinnern, fallen selbst Theater­schaffende auf das nachträgliche wärmende Gefühl herein, alle hätten damals am selben Strick gezogen. Egal, ob Politiker oder Künstler, alle hätten dasselbe gewollt, sagt ein jüngerer Regisseur über den 4. November.

Er meint den «Dritten Weg», den Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Man kann auf Youtube sehen, wie genau jene, die dafür plädiert haben, ausgepfiffen wurden. Die Theater blieben unmittelbar danach alle halb leer.

Zum Autor

Tobi Müller ist Kulturjournalist und Autor in Berlin. Er schreibt über Pop- und Theater­themen. Für die Republik hat Tobi Müller zuletzt über das Schauspielreformhaus Zürich geschrieben.

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