Medikamente wie zum Beispiel Oxynorm (weiss) und Targin (blau) mit dem Wirkstoff Oxycodon.

Schmerz, Sucht und Profit

Die Opioidkrise in den USA, das Pharma­imperium der Familie Sackler und deren Verbindungen in die Schweiz. Wie gefährlich ist das Schmerz­mittel Oxycodon?

Eine Recherche von Nina Fargahi und Christof Moser (Text), Douglas Mandry (Bilder) und Flurina Rothenberger (Porträts), 30.10.2019

«Dieses Schmerz­mittel», sagt Kurt Gerber, «ist wie eine Droge. Ich bin fast nicht davon losgekommen.» Der 74-jährige Berner hat im April nach einer Rücken­operation Oxycodon erhalten – und rutschte in die Abhängigkeit.

Bereits nach 14 Tagen ist er süchtig. Merkt, dass er das Medikament braucht, weil es ihm sonst schlecht geht: zittrige Beine, Schweiss­ausbrüche, schlaflose Nächte. «Ich war wie ein Drögeler, der immer wieder nachlegen musste.»

Auch die 33-jährige Nadia Bösiger aus dem Tessin schluckte nach einem Bandscheiben­vorfall Oxycodon. Verschrieben worden ist ihr das Mittel zweimal: einmal vom Hausarzt, einmal vom Spezialisten. Und der eine wusste nicht vom anderen. «Innerhalb von zwei Wochen musste ich die dreifache Dosis einnehmen», sagt die Mutter einer 11-jährigen Tochter. Sie kam wieder davon los. Und warnt: «Dieses Schmerz­mittel macht schnell süchtig. Ich würde das nicht wieder nehmen.»

Suchtkrank statt gesund. Und das mit Arztrezept.

Wie gefährlich ist Oxycodon?

«Ich war wie ein Drögeler, der immer wieder nachlegen musste»: Kurt Gerber wurde innert 14 Tagen von Oxycodon abhängig.

Zur Recherche

Das Schmerzmittel Oxycodon gilt in den USA als mitverantwortlich für die grösste Opioidkrise, die das Land je gesehen hat. Hundert­tausende sind an Überdosen gestorben. Sammel­klagen gegen die Hersteller von Arznei­mitteln mit diesem Wirkstoff laufen. In der Schweiz nimmt der Verbrauch der Substanz zu. Eine Recherche der Republik mit der «Rundschau» von SRF.

I. Der Wirkstoff

Oxycodon (C18H21NO4) ist ein schmerz­stillender, psychoaktiver Wirkstoff aus der Gruppe der Opioide: Arzneimittel, die aus Opium gewonnen oder synthetisch hergestellt werden.

In Medikamenten ist Oxycodon als Oxycodon­hydrochlorid enthalten: ein weisses, geruchloses und kristallines Pulver mit einem salzigen und bitteren Geschmack, das in Wasser leicht löslich ist.

OxyContin® heisst das Schmerz­mittel der Mundipharma Medical Company, einer Schwester­firma des US-Konzerns Purdue Pharma, das den Wirkstoff Oxycodon enthält: ein Opiat, im Labor nachgebaut, ein Schmerz­mittel, das den Wirkstoff zeitverzögert abgibt. Eines von 13 Oxy­codon-haltigen Medikamenten auf dem Schweizer Markt.

Und das Medikament von Rücken­patient Kurt Gerber. Morgens und abends je eine Pille. Weisse Packung, schwarzer Schriftzug auf Türkis.

Pharmacode 2994588, 5 g, 30 St., CHF 19.30
Pharmacode 2994594, 5 g, 60 St., CHF 35.90

«Oxycodon wirkt ähnlich wie Heroin, macht ähnlich abhängig, ist aber in der Schweiz legal erhältlich», sagt Dr. Martin Sailer, seit 2017 Belegarzt im Berner Salem-Spital. «Und das ist ein grosses Problem.»

Sailer spricht ruhig, mit wachem Blick.

«Medikamente mit Oxycodon sind gefährlich.»

Herr Dr. Sailer, Zahlen von Swissmedic und Santésuisse zeigen: Medikamente mit Oxycodon werden in der Schweiz immer häufiger verschrieben.
Ich finde es erschreckend, dass die Oxycodon-Zahlen in der Schweiz steigen, obwohl Studien vor den Risiken warnen und zeigen, dass Oxycodon ein sehr hohes Abhängigkeits­potenzial hat. Wir können ins Ausland schauen und von den USA lernen, denn dort ist die Situation eskaliert.

Behörden und Pharma-Experten sagen, die Situation in der Schweiz sei nicht vergleichbar mit den USA – in der Schweiz seien die Reglemente für Werbung und Verschreibung strenger.
Das Medikament ist gefährlich. Ob in den USA oder in der Schweiz. Wenn es jemand nimmt, will er es weiterhin nehmen. Es ist so, dass die USA nicht mit der Schweiz verglichen werden können – das Grund­problem bleibt aber gleich: Oxycodon ist ein Schmerz­mittel mit hohen Risiken.

II. Der Arzt

Aufstrebender Neurochirurg, steile Karriere. Vater von vier Kindern, pendelt jeden Tag von Basel nach Bern. Engagierter Arzt, beliebt bei seinen Patienten («nimmt sich Zeit», sagt einer, «nimmt mich ernst» ein anderer).

«Pharmakritisch» sei er, sagt Sailer über sich selbst.

«Wenn Swissmedic nicht reagiert, riskieren die Verantwortlichen schon in kurzer Zeit Kritik aus Politik und Bevölkerung. Die wissenschaftliche Datenlage über das hohe Abhängigkeits­risiko von Oxycodon ist eindeutig.»

Der Berner Neurochirurg fordert Swissmedic, zuständig für die Zulassung von Medikamenten, «dringend» zum Handeln auf. «Die Arzneimittel­behörde sollte eine Oxycodon-Kommission auf die Beine stellen», sagt Sailer. «Und zwar sofort, nicht erst, wenn wir Hundert­tausende von Abhängigen haben.»

Dr. med. Dr. phil. Martin Sailer empfängt Patienten in seiner Praxis in Bern, beste Innenstadt­lage. Auffallend viel Kunst an den Wänden, Chagall zum Beispiel; Lindor-Kugeln im Wartezimmer.

Sailer ist Spezialist für Rücken­medizin und Wirbelsäulen­chirurgie. 200 Patienten operiert er jedes Jahr: Diskus­hernien, Bandscheiben­vorfälle. Als Belegarzt an den besten Adressen der Hauptstadt – Salem-Spital, Klinik Permanence, Klinik Beau-Site: den Privat­spitälern der Hirslanden-Gruppe.

In den letzten zwei Jahren sei ihm aufgefallen, dass viele Patienten zu ihm kämen und Oxycodon verlangten: «Das hat mich stutzig gemacht.»

Herr Dr. Sailer, was ist das Problem von Oxycodon?
Oxycodon ist ein starkes Schmerz­mittel, das schnell abhängig machen kann. Auf der einen Seite führt Oxycodon zu einer schnellen und starken Schmerz­linderung. Auf der anderen Seite zu schneller und starker Abhängigkeit.

Wie ernst ist die Lage?
Ich würde die Situation als sehr kritisch bezeichnen, weil immer mehr Schweizer von Oxycodon abhängig werden. Die Patienten wollen den Wirkstoff in noch höheren Dosen. Bis es fast lebens­gefährlich wird.

Wie kommen Sie auf immer mehr Abhängige?
Ich bin seit 1998 Arzt. Und ich führe einen zunehmenden Kampf gegen die Oxycodon-Abhängigkeit.

«Oxycodon ist der Zwillings­bruder von Heroin. Die Substanz löst ein High aus, eine Art Euphorie»: Dr. Martin Sailer fordert die Schweizer Behörden zu schnellst­möglichem Handeln auf.

Wie äussert sich das konkret?
In meine Sprechstunde sind in den letzten sechs Jahren deutlich mehr Patienten als zuvor gekommen, die Medikamente mit diesem Wirkstoff einnehmen. Und die pro Tag eingenommene Dosis hat in den letzten drei Jahren zugenommen. Neu habe ich auch Patienten, die von anderen Ärzten oder von mir in einen stationären Entzug geschickt werden. Sie kommen einfach nicht von Oxycodon los, wenn sie einmal damit angefangen haben. Oft auch dann nicht, wenn zum Beispiel das Rücken­problem gelöst ist.

Warum nicht?
Oxycodon ist der Zwillings­bruder von Heroin. Die Substanz löst ein High aus, eine Art Euphorie. Sie wirkt auf das Belohnungs­zentrum im Gehirn. Deshalb treten sofort starke Entzugs­symptome auf, wenn man sie absetzen möchte.

Viele Patienten sind froh um starke Schmerzmittel.
Bei chronischen starken Schmerzen ist Oxycodon möglicher­weise sinnvoll, es kann die Lebens­qualität eines Patienten steigern. Nach einer schweren Operation kann man Oxycodon kurzfristig einsetzen. In der Schweiz wird Oxycodon zu häufig und zu schnell für leichte Schmerzen eingesetzt.

Wie sehen das Ihre Kolleginnen?
Im Salem-Spital haben wir einen guten Austausch und hinterfragen die Medikamente. Wir achten darauf, Oxycodon in kleinen Dosen abzugeben und es nach wenigen Tagen abzusetzen. Nach einer schweren Operation verabreichen wir Oxycodon nur am ersten und am zweiten Tag. Ausserdem geben wir den Patienten keine Oxycodon-Packungen mehr mit nach Hause. Doch viele Patienten verlangen explizit nach Oxycodon.

Wie gehen Sie damit um?
Es ist nicht immer einfach, Nein zu sagen.

III. Die Nebenwirkungen

Oxycodon ist mitverantwortlich für den grössten Schmerzmittel­skandal in der US-Geschichte. Nie zuvor hat es mehr Drogentote gegeben als in den letzten Jahren: Gemäss der Seuchen­schutz­behörde, den Centers for Disease Control and Prevention, starben im Jahr 2017 70’200 Menschen an Überdosen.

47’700 davon an Opioiden wie Oxycodon. 130 jeden Tag. 1,7 Millionen Menschen sind davon abhängig.

54 Prozent der 400’000 Todesfälle, die seit 1999 durch Opioide verursacht wurden, sind auf verschreibungs­pflichtige Medikamente zurückzuführen.

Schmerzmittel wie OxyContin®.

In den USA wird der Wirkstoff Oxycodon im Jahr 1996 zugelassen. Im gleichen Jahr kommt das Medikament OxyContin® vom Hersteller Purdue Pharma auf den Markt. Auf 35 Milliarden Dollar wird der Gewinn der Firma seit 1996 bis heute mit dem Schmerz­mittel geschätzt. Aktuell 3 Milliarden Dollar – pro Jahr.

An der Party zur Markt­einführung ergriff ein leitender Manager der Firma das Wort und schwärmte vor versammelter Verkaufs­abteilung: «Ein Schnee­sturm von Rezepten wird folgen, der die Konkurrenz begraben wird. Der Schnee­sturm von Rezepten wird so tief, dicht und weiss sein.»

Das Schmerzmittel wird wie ein Wunder­mittel beworben.

In einem PR-Video von 1998 für Ärzte wirbt Purdue Pharma mit Aussagen glücklicher Patienten für ihr Medikament.

«Ich blicke jetzt wieder in die Zukunft wie ein 25-, 30-jähriger junger Mann», sagt ein Mann Mitte 50. «Seit ich dieses Medikament einnehme, habe ich nicht einen Tag bei der Arbeit gefehlt», sagt eine jüngere Frau.

Dies ist ein Youtube-Video. Wenn Sie das Video abspielen, kann Youtube Sie tracken.
OxyContin patients, then and now

14 Jahre später, 2012, recherchierte der «Milwaukee Journal Sentinel», was aus diesen zwei Patienten und drei weiteren in diesem PR-Video geworden ist: Drei wurden abhängig, zwei sind daran gestorben. Und zwei sind bis zu diesem Zeitpunkt immer noch begeistert vom Schmerz­medikament.

«‹I got my life back› – Schmerz­patienten erzählen ihre Geschichte»; Ärzte, die in die Kameras sagen: «All unsere Befürchtungen waren unbegründet – nehmt die Pillen!» – die Marketing­schlacht für Oxycodon ist beispiellos.

OxyContin® wird zum umsatz­stärksten Medikament der Welt.

«Aggressive Vermarktung sowie ein gesteigerter Hunger von Patienten und Ärzten auf die Behandlung von Schmerzen führten zu einer Krise, die ausser Kontrolle geriet», schreibt das «New York Magazine» zu einem sehens­werten Video, das die PR-Praktiken und das Zusammen­spiel mit Ärzten beleuchtet.

Dies ist ein Youtube-Video. Wenn Sie das Video abspielen, kann Youtube Sie tracken.
How Marketing — and Medicine — Spurred the Opioid Crisis

Im August 2017 ruft US-Präsident Trump den nationalen Notstand aus.

Im gleichen Jahr wird in den USA 191 Millionen Mal Oxycodon verschrieben.

«Pharmakonzerne, Grosshändler, Ärzte und Apotheker verketteten sich zu einer Art Pillen­kartell, das den labilen Staat mit Tabletten vollpumpte. 9 Millionen Pillen wurden binnen zweier Jahre an eine Apotheke in Kermit im Bundesstaat West Virginia geliefert, ein Kaff mit 392 Einwohnern»: So berichteten Republik-Reporterinnen Anfang 2018 aus dem Krisengebiet.

Entsprechend zynisch klingt es, wenn sich Purdue Pharma dafür rühmt, diesen Frühling ein Medikament gegen eine Opioid-Überdosis auf den Markt gebracht zu haben. Das neue Medikament Nalmefene sei «eine sinnvolle Lösung zur Bewältigung der Opioidkrise», steht auf der Firmen-Website.

Purdue Pharma wies in Gerichts­verfahren die Vorwürfe zurück, als Hersteller zur Opioidkrise beigetragen zu haben.

Aktuell kostet die Opioidkrise die USA 78,5 Milliarden US-Dollar. Pro Jahr.

Laut dem jüngsten Bericht des National Institute on Drug Abuse, erschienen im Juli 2019, sanken die Todesfälle aufgrund von Opioid-Überdosen zwischen 2017 und 2018 um 5 Prozent – der erste Rückgang seit den 1990er-Jahren.

Herr Dr. Sailer, gibt es Alternativen zu Oxycodon bei starken Schmerzen?
Es gibt andere Morphine, die genauso gut schmerz­lindernd sind, die aber das Belohnungs­system im Gehirn nicht mit einer rasch anflutenden Spitzendosis aktivieren. Sie machen deshalb nicht so stark abhängig wie Oxycodon. Und auch die Entzugs­symptome sind weniger stark.

IV. Die Zahlen

Der Verbrauch von Oxycodon ist in der Schweiz deutlich gestiegen.

Apotheken und Arztpraxen geben laut Pharmasuisse heute dreimal so viel Oxycodon ab wie noch vor zehn Jahren.

Oxycodon ist rezept­pflichtig, auf dem Schwarzmarkt aber leicht erhältlich. Daten, wie viele Menschen in der Schweiz davon abhängig sind, gibt es nicht.

Der Wirkstoff wurde am 24. Juni 1999 auf dem Schweizer Markt eingeführt.

In den letzten fünf Jahren, zwischen 2013 und 2018, hat sich der Umsatz mit Oxycodon in der Schweiz verdoppelt. Besonders gut laufen Kombi­präparate wie Targin, weil sie wegen eines Zusatz­stoffes leichter verträglich sind. Der Umsatz mit reinen Oxycodon-Präparaten ging dagegen leicht zurück.

Verdoppelter Umsatz

Umsatzentwicklung in Prozent in der Schweiz seit 2013

20132014201520162017201825-17960100 %
Alle Medikamente
Oxycodon-Kombinationsprodukte
Oxycodon-Monoprodukte

Quelle: Santésuisse. Abgabe durch Ärzte, Apotheken und Spitäler (ambulant).

Laut Kassenverband Santésuisse wurden in der Schweiz im Jahr 2018 Oxycodon-haltige Medikamente im Wert von 41 Millionen Franken über die obligatorische Krankenpflege­versicherung abgerechnet.

Seit 2013 sind die Kosten dafür um 35 Prozent gestiegen.

Allein zwischen 2011 und 2018 lieferten die Pharma­firmen 78 Prozent mehr Medikamente mit diesem Wirkstoff an Spitäler, Apotheken und Hausärzte.

Steigender Bedarf

Oxycodon-Lieferungen an den Detailhandel in Kilogramm

201120180200400 kg

Quelle: Swissmedic.

Gemäss Schätzungen entwickeln circa 10 bis 15 Prozent der Patienten, die etwa wegen chronischer Schmerzen Opioide erhalten, eine Sucht. Das entspricht ziemlich genau der Suchtrate von Alkohol.

In der Schweiz ist der Konsum von Arznei­mitteln basierend auf Opioiden zwischen 1985 und 2015 um das 23-Fache gestiegen.

Durchschnittlicher Verbrauch pro Kopf im Jahr 2015: 400 Milligramm. Platz sieben auf der Weltrangliste, über dem EU-Schnitt. Das fanden Forscher der Universität Lausanne 2018 in einer Studie mit Daten des International Narcotics Control Board heraus. 1985 waren es gerade mal 18 Milligramm pro Einwohner.

Es sei unmöglich zu bestimmen, sagen die Autoren, welcher Anteil am gestiegenen Opioid-Konsum zur Schmerz­linderung und welcher zum Missbrauch eingenommen werde. Die Forscher empfehlen daher, vorsichtig zu sein bei der Verschreibung von Opioiden gegen chronische Schmerzen.

Wie viele Patientinnen in der Schweiz Opioide schlucken, weiss weder Santésuisse noch Swissmedic. Und noch weniger, wie viele davon Oxycodon.

V. Die Packungsbeilage

OxyContin® und Co. unterstehen in der Schweiz dem Bundes­gesetz über die Betäubungs­mittel. Und damit der Kontrolle des Schweizerischen Heilmittel­instituts Swissmedic.

Die Arzneimittel­behörde ist verantwortlich dafür, ob ein Medikament in der Schweiz zugelassen wird oder nicht. Und was auf dem Beipack­zettel steht.

Gibt es ein Problem mit Oxycodon? – Swissmedic sieht keinen Handlungs­bedarf. «Es gibt aus den Meldungen zu unerwünschten Arzneimittel­wirkungen aus der Schweiz im Moment keine neuen Sicherheitssignale.»

Safety signal – ein Begriff aus der Arzneimittel­sicherheit, der sogenannten Pharmakovigilanz: Damit wird die Wirkung von Medikamenten laufend und systematisch überwacht. Als safety signal wird ein kritischer Bericht bezeichnet über Beobachtungen im Zusammen­hang mit einem Medikament.

Safety signals markieren Neben­wirkungen, die bei Medikamenten auf dem Beipack­zettel aufgeführt werden müssen.

Swissmedic habe Zugriff auf alle Daten weltweit zu safety signals, bei Oxycodon gebe es keinen «neuen Anlass», die Indikationen schärfer zu formulieren, sagt Swissmedic-Sprecher Lukas Jaggi. «Es ist Aufgabe des behandelnden Arztes, Opioide mit Bedacht einzusetzen und Patienten über die Risiken zu informieren.»

Auf dem Beipackzettel von OxyContin® steht: «Eine längerfristige Einnahme kann zu körperlicher Abhängigkeit führen.» Und: «Die Entwicklung einer psychischen Abhängigkeit ist möglich.» Somit liegt für Swissmedic die Verantwortung beim verschreibenden Arzt, der seine Patienten darauf hinweisen muss – Stichwort: «ärztliche Sorgfaltspflicht».

Seit 2014 hat Swissmedic 10 neue Oxycodon-Schmerzmittel zugelassen. Und in diesem Jahr die Zulassung für 9 Produkte verlängert.

«Für mich ist unverständlich, warum Swissmedic immer neue Firmen zulässt, die Oxycodon als Generikum vertreiben und weiter­verbreiten», sagt der Kritiker und Arzt Martin Sailer. «Es geht um die Grundsatz­frage, ob Oxycodon überhaupt noch für einen Menschen mit Schmerzen sinnvoll ist.»

Herr Dr. Sailer, Swissmedic sagt, ihnen lägen keine safety signals vor.
Wenn die bei Swissmedic erklären, sie hätten keine Sicherheits­signale erhalten, dann schliesst dies ein Problem keinesfalls aus. Das heisst nur, dass die Arzneimittel­behörde davon noch nichts weiss.

Swissmedic scannt alles, aus der Schweiz liegt nichts vor.
Die Arzneimittel­behörde sieht nur, was ihr auch angezeigt wird. Die vielen Beobachtungen aus dem Alltag entgehen ihr. Die Frage ist doch: Wie erfährt Swissmedic, wenn eine Abhängigkeits­epidemie droht? Wie realisiert sie, dass es immer mehr Abhängige gibt, wenn sie nicht bei Therapeuten nachfragt?

Melden Ärzte ihre Beobachtungen nicht?
Das Problem ist, dass niemand Zeit dazu hat. Im Spital arbeiten Ärzte 60 Stunden pro Woche und haben schlicht keine Zeit, nach Mustern zu suchen bei Problemen mit Medikamenten, diese zu analysieren und einen Bericht nach allen Regeln zu verfassen und an Swissmedic zu schicken. Und die Hausärzte arbeiten noch mehr und haben diese Zeit noch weniger.

VI. Die Klagen

2600 Klagen gegen die Pharma­industrie wegen der Opioidkrise sind in den USA zugelassen. Allein gegen Purdue Pharma laufen mehr als 1000 Gerichts­verfahren wegen irreführender Vermarktung von OxyContin®. Bei anderen Herstellern von Opioiden wie Johnson & Johnson sind es Hunderte.

Die klagenden Krankenhäuser, Städte, Gemeinden und Bundes­staaten hoffen auf hohe Entschädigungs­summen, um die Krise in den Griff zu bekommen. Laut den Klägern sollen sich die Folgekosten der Epidemie auf 453 Milliarden Dollar im kommenden Jahrzehnt summieren.

Ende August dieses Jahres fällt ein Grundsatzurteil.

Ein Gericht in Oklahoma verurteilt den Konsumgüter­hersteller Johnson & Johnson zu einer Geldstrafe von 572 Millionen Dollar.

Das Gericht hält die Mitschuld des Konzerns und seiner Pharma­tochter Janssen an der Opioidkrise für erwiesen.

Der Bundesstaat Oklahoma hatte in der Klage 17 Milliarden Dollar gefordert.

Das Urteil begründet das Gericht mit dem erfüllten Tatbestand der «Gefährdung der öffentlichen Gesundheit». Diese Begründung erinnert an die Grundsatz­urteile gegen die Tabak­industrie in den 1990er-Jahren.

206 Milliarden Dollar zahlten damals die Tabakfirmen an die Bundesstaaten.

Mitte Oktober sollte im Bundesstaat Ohio eine Mustersammel­klage gegen Pharmafirmen und Grosshändler beginnen, die über 2300 Klagen bündelte. Der Prozess sollte auf einen Deal hinauslaufen: 22 Milliarden Dollar in bar sowie Arzneimittel im Wert von 28 Milliarden Dollar zur Beilegung von Klagen, gemäss denen die Branche die Opioid­krise angeheizt habe.

Die Gerichtsverhandlung platzte. Um Mitternacht vor dem ersten Prozesstag riefen die Firmen­anwälte den zuständigen Richter an und teilten ihm mit, man habe sich auf einen Vergleich und die Zahlung von 260 Millionen Dollar geeinigt. Damit konnte verhindert werden, dass vor Gericht Dokumente über illegale Geschäfts­praktiken veröffentlicht wurden. «Der Vergleich soll dazu beitragen, dass die Firmen ihre Praktiken ändern und eine solche Krise der öffentlichen Gesundheit nie wieder auftritt», sagte der Generalstaatsanwalt.

VII. Die Zweitmeinungen

Wie gefährlich ist Oxycodon, Frau Dr. Wertli?

Dr. Maria Wertli, Leitende Ärztin am Berner Inselspital, redet zunächst von Sucht­persönlichkeiten. Davon, wie wichtig es sei, «dass die Ärztinnen und Ärzte mit den Patienten Ziele definieren und sie begleiten». Und dann sagt sie: «Es wäre falsch, wenn man lediglich ein einzelnes Präparat verteufeln würde. Alle opiathaltigen Präparate sind gleich gut oder gleich schlecht.»

Das Inselspital erhielt 2017 rund 40’500 Franken von Mundipharma, Hersteller von OxyContin® und Schwester­firma von Purdue. Das Inselspital Bern gehört damit zu den Top-Empfängern von Mundipharma-Geldern.

Dass Oxycodon auf den Medikamenten­listen stehe, sei nicht nur gute Lobbyarbeit, sagt die Chefärztin: «Wenn das Medikament nicht gut wäre, würde man es nicht auf die Medikamenten­listen nehmen.»

Bei den Nachfragen von Republik und «Rundschau» zum Oxycodon-Verbrauch in Spitälern sprechen sich die Kommunikations­stellen der verschiedenen Kliniken untereinander ab und wollen zunächst keine Auskunft geben. Der Kommunikations­chef des Universitäts­spitals Basel schreibt: «Habt ihr diese Anfrage ebenfalls erhalten?» Der Kommunikations­chef der Insel-Gruppe antwortet: «Wir geben keine Mengen­angaben bekannt.» Nach einigem Hin und Her legen die Spitäler die Zahlen offen.

Oxycodon in Kliniken

Verbrauch an Schweizer Universitäts­spitälern in Kilogramm

20112013201620180,6 Basel0,4 Zürich1,5 Bern0,00,81,5 kg

Quelle: Angaben Spitäler.

Stephan Krähenbühl ist Chefarzt des Universitäts­spitals Basel, Professor für Pharmakologie an der Universität Basel – und präsidiert die Arzneimittel­kommission, die entscheidet, welche Medikamente im Spital zugelassen sind. Ausserdem berät er Swissmedic als Präsident des Human Medicines Expert Committee, eines Experten­gremiums zur Medikamenten­zulassung.

Wie gefährlich ist Oxycodon, Herr Dr. Krähenbühl?

Nicht die Medikamente an sich seien problematisch, sagt Krähenbühl, sondern der Umgang damit: «Die Patienten müssen darüber aufgeklärt werden, wie das Medikament wirkt und dass es ein hohes Abhängigkeits­potenzial hat.» Zudem müssten Patienten begleitet werden, die das Medikament absetzen.

Krähenbühl hat von 2011 bis 2017 von Mundipharma Geld erhalten, um eine Studie über Targin durchzuführen – ein Kombi­präparat von Mundipharma, das Oxycodon enthält.

Dies sei kein Interessen­konflikt, sagt Krähenbühl. Targin sei bereits auf der Medikamenten­liste gewesen. Viele Patienten hätten Nieren­beschwerden gehabt: «Die Targin-Studie kam von uns aus, wir sind auf Mundipharma zugegangen.» Man müsse der Firma anrechnen, dass sie solche Studien finanziere und man solche Daten habe. «Die Industrie ist nicht einfach böse.»

Auch Krähenbühls Stellvertreter als Chefarzt am Universitäts­spital Basel erhielt 2017 rund 18’000 Franken von Mundipharma. «Ich habe pro Woche einen Pharma­vertreter, der kommt. Sie wollen mit ihren Arznei­mitteln auf die Liste kommen. Aber ich mache keine Versprechen», sagt Krähenbühl.

«Ich kann mich schon abgrenzen. Es gibt interessante Projekte. Unsere Studien schliessen eine Wissens­lücke; wenn wir sie nicht gemacht hätten, dann hätten wir wichtige Erkenntnisse nicht.»

Zuwendungen an medizinische Fachkreise

Von Mundipharma bezahlte Leistungen in Franken

201820170766’394961’676
Forschung und Entwicklung (klinische Studien)
Honorare (Beratung, Vorträge)
Kongress-/Tagungsgebühren
Reise-/Übernachtungsspesen
Spenden

Quelle: Mundipharma, Pharmagelder.ch.

Und wieso unterstützt die Firma keine Studien, die den Entzug von Oxycodon untersuchen? «Das ist vielleicht nicht ganz im Interesse der Firma. Im Interesse der Patienten wäre es allemal. Auch Ärzte könnten solche Studien initiieren», sagt Dr. Stephan Krähenbühl.

Er selber verschreibe selten Oxycodon. Kann er es mit gutem Gewissen tun? «Ja, das kann ich. Ich muss meine Verantwortung wahrnehmen. Es gibt keine Alternative. Alle Opioide sind gefährlich, es geht um den Umgang damit.»

VIII. Die Familie

Zurück in die Praxis von Dr. Sailer. Spitalgasse in Bern. Und zu den Chagall-Bildern, die dort hängen.

Sie sind die kleine Ironie dieser Geschichte. 2017 hat die Familie Sackler im Kunstmuseum Basel eine Chagall-Ausstellung mitfinanziert. Die Sacklers sind die Erfinder des Oxycodon-Geschäfts und besitzen die Firmen Purdue Pharma und Mundipharma.

Geschätztes Vermögen laut Forbes: 14 Milliarden US-Dollar, hauptsächlich aus dem Verkauf des verschreibungs­pflichtigen Schmerz­mittels OxyContin® «the richest newcomer to Forbes 2015 list of America’s Richest Families».

Das Milliarden­vermögen teilen sich etwa 20 Familien­mitglieder. Einige davon haben sich von der Firma distanziert.

Die Brüder Mortimer, Raymond und Arthur Sackler – alles Ärzte – kauften 1952 die damals als Purdue Frederick bekannte Pharmafirma. Arthur arbeitete in der Werbung und entwarf Kampagnen für Blockbuster-Medikamente wie Valium. 1997 wurde er posthum in die Medical Advertising Hall of Fame aufgenommen, wo er laut Zitat «die Arzneimittel­werbung mitgestaltete, wie wir sie heute kennen».

Mortimer und Raymond Sackler führten die Firma bis zu ihrem Tod im Privatbesitz – und vererbten sie an ihre Kinder. Der Vorstand wurde lange hauptsächlich von Sackler-Erben kontrolliert, bis sich im letzten Jahr Rechts­fragen häuften. Derzeit sind keine Familien­mitglieder im Vorstand.

Raymonds Sohn Richard, 74, der heute in Florida lebt, war leitender Manager bei Purdue, als OxyContin® 1996 auf den Markt kam, und wurde später CEO des Unternehmens. Er ist der Manager, der vom «Schneesturm» schwärmte.

In Gerichtsakten wird eine Mail von Richard Sackler von 1999 zitiert: «Sie werden nicht glauben, wie engagiert ich bin, OxyContin zu einem grossen Erfolg zu machen. Es ist fast so, dass ich dem mein Leben gewidmet habe.»

Auch Mortimers drei Kinder Mortimer D. A. Sackler, Kathe Sackler und Ilene Sackler Lefcourt waren Manager und Vorstände bei Purdue Pharma.

Die vierte Generation, Richards Sohn David und seine Frau Joss, beide in den Dreissigern, äussert sich frustriert über die Anfeindungen gegen die Familie. Kürzlich schrieb Rocksängerin Courtney Love auf Instagram an Joss Sackler: «Your. People. Killed. My. People.» David Sackler heulte sich öffentlich bei «Vanity Fair» aus.

IX. Das Geschäft

Die Purdue-Schwesterfirma Mundipharma mit einem Sitz in Basel ist auf den Bahamas registriert und macht einen geschätzten weltweiten Umsatz von umgerechnet mehr als einer Milliarde Franken.

Tätig in 30 Ländern Europas, 120 weltweit. Von Raymond und Mortimer Sackler 1967 in Frankfurt am Main gegründet.

Die Firma ist verschwiegen. «Mundipharma kommuniziert keine Umsatz- und Gewinn­zahlen», sagt Medien­sprecher Athos Del Ponte auf Anfrage.

In den USA unterhielt die Familie Sackler laut Gerichts­akten enge Verbindungen zu akademischen und medizinischen Einrichtungen. Und zur Food and Drug Administration (FDA), der US-Zulassungsbehörde.

Auch in der Schweiz steckt die Firma viel Geld in die Gesundheits­industrie. Zwischen 2016 und 2018 waren es laut der Website Pharmagelder.ch insgesamt rund 3,6 Millionen Franken. Zu den grössten Empfängern gehören das Genfer Universitäts­spital und die Berner Insel.

Jedes Jahr zahlen Pharmafirmen in der Schweiz deutlich über 100 Millionen Franken an Ärzte, Organisationen und Spitäler. 2017 waren es 162 Millionen Franken. Mit diesem Geld laden die Firmen Ärzte an Kongresse ein, bezahlen Berater­honorare, Vortrags­honorare, kommen für Reisen, Übernachtungen oder Essen auf. Manche Gelder fliessen als Spenden an Spitäler und Vereine oder als Sponsoring an Apotheken. Forschungs­gelder, etwa für klinische Studien zu neuen Wirkstoffen, machen 36 Prozent aus – der grösste Posten.

In den USA sagte 2018 die Whistleblowerin Carol Panara öffentlich aus, wie das Geschäft von Purdue Pharma mit OxyContin® angekurbelt und Ärzte dazu gebracht wurden, möglichst oft und möglichst viel des Schmerz­mittels zu verschreiben: zum Beispiel mit bis zu 2000 Dollar Honorar für Vorträge.

«Die Ärzte wussten, wie hoch die Honorare von Purdue Pharma waren. Und so passierte es immer wieder, dass sie mir sagten: ‹Wenn ihr Redner braucht, ich bin interessiert.› Wir hatten die Anweisung zu sagen: ‹Redner müssen Ärzte sein, die viel Erfahrung mit unseren Produkten haben.› Das war eine legale Art zu sagen: ‹Verschreibt mehr, dann kann ich euch vielleicht helfen.›»

2007 wurden erstmals Top-Manager von Purdue Pharma wegen der Opioidkrise zu einer Strafe von 635 Millionen Dollar verurteilt. Im Februar 2019 erhob der Bundesstaat Massachusetts erstmals Anklage gegen die Sacklers selbst. «Die Familie hat über den Konzern und ein illegales Netzwerk Ärzten und Patienten den lukrativen Bestseller OxyContin® aufgenötigt, obwohl sie wussten, wie gefährlich das war», steht in der 275-seitigen Anklageschrift.

Die schwersten Vorwürfe richten sich gegen Patriarch Richard Sackler, Purdue-Präsident von 1999 bis 2003, als die Oxycodon-Krise Fahrt aufnahm.

«Wir müssen auf die eindreschen, die es missbrauchen», schrieb er 2001 in einer internen E-Mail über Suchtkranke. «Sie sind die Täter.» Im selben Jahr beklagte ein Bundes­staat 59 Tote durch Opioid-Überdosen, und «Dr. Richard», wie er genannt wurde, lästerte: «Nicht so schlimm, es hätte viel schlimmer sein können.»

Nachdem im März 2019 auch der Bundesstaat New York Anklage gegen die Sacklers erhoben hatte, entliess Purdue Pharma zunächst das ganze Opioid-Team und kündigte an, die Forschung auf neue Medikamente zu konzentrieren.

Am 11. September berichtete der «Guardian», dass die Familie Sackler eine vorläufige Einigung für einen Vergleich mit den Klägern erzielt habe.

NBC News meldete, die geplante Einigung sehe vor, dass die Sacklers die Firma Purdue Pharma aufgeben und in eine gemeinnützige Stiftung umwandeln, die Medikamente im Wert von 4 Milliarden Dollar an betroffene Regionen spendet. Medikamente, von denen einige dazu verwendet werden, Menschen vor Überdosierungen zu bewahren.

Der Deal soll auch 3 Milliarden US-Dollar in bar von der Familie Sackler einschliessen.

Am 13. September enthüllte die «New York Times», dass die Familie Sackler Konten bei einer Schweizer Bank benutzte, um Gelder von der Firma in die eigene Tasche zu verschleiern. Gemäss der New Yorker Staats­anwaltschaft soll die Familie rund eine Milliarde Dollar in die Schweiz überwiesen haben.

Der Transfer sei im Rahmen von Ermittlungen gegen Purdue und Mitglieder der Familie Sackler aufgeflogen.

Rund 4 Milliarden Dollar, so schätzt die Staats­anwaltschaft in New York, hat die Sackler-Familie in den letzten 12 Jahren aus der Firma abgezogen.

Im Antrag der Staatsanwaltschaft zur Anklage ist von «Überflutung von US-Gemeinden mit verschreibungs­pflichtigen Schmerz­mitteln» die Rede. Und vom Versuch, «das riesige Vermögen auf Kosten vieler Menschen­leben» vor den Behörden zu verstecken. Die New Yorker General­staatsanwältin Letitia James teilte mit, dass die Milliarden­zahlung in die Schweiz blockiert wurde.

Die US-Justiz versucht, die komplexen Geldflüsse aus der Pharmafirma in Liegenschaften der Familie, Trusts, Offshore-Oasen und in die Schweiz zu verstehen. Und die Sacklers versuchen offenbar zu retten, was zu retten ist.

Am 16. September meldet Purdue Pharma Insolvenz an. Die Firma forderte die Behörden auf, alle Rechts­streitigkeiten gegen Familien­angehörige sowie das Unternehmen einzustellen.

Das Geschäft mit Oxycodon-haltigen Medikamenten läuft glänzend.

Im Konkurs­verfahren könnten die Gelder auf Schweizer Konten relevant werden. Das Bundesamt für Justiz teilt der Republik und der «Rundschau» mit, dass die US-Behörden bisher noch kein Rechtshilfe­gesuch gestellt haben.

Die «Washington Post» recherchierte, dass Mitglieder der Sackler-Familie fast gleichzeitig mit dem Insolvenz­antrag einen Deal abgeschlossen haben, der ihnen etwa 60 Millionen Dollar einbringt aus dem Verkauf von 17 Skigebieten im Nordosten und im Mittleren Westen der USA.

Trotz des vorläufigen Vergleichs bestreitet Purdue Pharma weiterhin jedes Fehlverhalten. Und trotz des Insolvenz­antrags haben New York und weitere Bundes­staaten angekündigt, die Sacklers weiter juristisch zu verfolgen.

X. Die Kunst

Die Familie Sackler ist für ihre Philanthropie bekannt. Eine Rolltreppe in der Tate Modern in London ist nach der Familie benannt (für 4 Millionen Pfund Spenden­gelder). Ein Zubau der Serpentine Gallery in den Londoner Kensington Gardens trägt den Zusatz Sackler (für 14,5 Millionen Pfund). Und ein Flügel des Metropolitan Museum of Art in New York (9,5 Millionen US-Dollar).

Mortimer Sackler, das Oberhaupt der Familie, starb 2010 in Gstaad. Dort unterstützen die Sacklers das bekannte Menuhin-Festival finanziell. Ihre Stiftung ist in Basel an der gleichen Adresse gemeldet wie Mundipharma.

Der Versuch, Theresa Sackler, Mortimers dritte Ehefrau, in Gstaad zum Kultur­sponsoring und zu den Geldflüssen in die Schweiz zu befragen, endet mit der Drohung eines Haus­angestellten, die Polizei zu rufen.

Bei den Recherchen der Republik und von der «Rundschau» kommt heraus, dass Aldo Kropf, Präsident des Menuhin-Festivals, Apotheker ist.

Und Swissmedic beraten hat.

Ein Zufall?

Er habe die Heilmittel­behörde als Experte für die gute Herstellungs­praxis bei Arznei­mitteln in kleinen Mengen beraten, sagt Kropf. Mit der Zulassung von Schmerz­mitteln habe dies nichts zu tun gehabt. Die Aufregung um die Familie Sackler kann er nicht verstehen. «Es spielt keine Rolle, wie viel Geld man von wem nimmt. Wir sind froh, dass wir Geld bekommen», sagt Kropf.

Wie viel spenden Sacklers für das Festival? «Dazu äussere ich mich nicht.»

Das Kunstmuseum Basel hingegen hat entschieden, nicht mehr mit der Sackler-Stiftung zusammen­zuarbeiten. 2011 sponserte die Stiftung eine Renoir-Ausstellung, im Jahr 2017 eine Chagall-Ausstellung. Direktor Josef Helfenstein sagt: «Das Thema Ethik muss wichtiger werden.» Man habe eine Arbeits­gruppe gebildet, um ethische Richtlinien zu erarbeiten, wenn es um die Annahme von Spenden gehe. Würde das Museum wieder Geld von der Stiftung annehmen? «Heute würden wir das sicher nicht mehr machen.»

Viele Institutionen, darunter Museen wie das Metropolitan Museum of Art und das Museum Guggenheim in New York und die britischen Tate-Museen, haben die Beziehungen zur Familie Sackler inzwischen gekappt. Der Louvre in Paris klebte im Juli die Tafel eines Museums­flügels ab, auf dem die Sacklers als Sponsoren aufgeführt waren.

Der Druck gegen Sackler-Gelder kommt nicht zuletzt von Künstlern selbst. Nan Goldin, Fotografin und Opioid-Überlebende, gründete die Aktivisten-Gruppe «Pain» und protestierte vor mehreren Museen dagegen, dass «die Sacklers ihr Blutgeld in die Hallen von Museen und Universitäten spülen».

Im April dieses Jahres kam es an einer Presse­konferenz zur Eröffnung einer Soloschau der deutschen Künstlerin Hito Steyerl in der Londoner Serpentine Sackler Gallery zu einem Eklat, als Steyerl sagte, die Sacklers als Sponsoren zu haben wäre etwa so, als sei man «mit einem Serien­mörder verheiratet».

XI. Die Industrie

Herr Dr. Sailer, welche Rolle spielt die Pharmabranche, wenn es darum geht, ein bestimmtes Medikament auf dem Markt zu etablieren?
Pharmafirmen haben viele Möglichkeiten, Ärzte von ihren Produkten zu überzeugen. Vertreter von Pharmafirmen kommen mit Kugel­schreibern, Sandwiches und Kuchen vorbei oder laden zu Kongressen und Ausflügen ein. Sehr häufig ist die Übernahme von Reise- und Hotelkosten und Kongress­gebühren. Es gibt auch kostenlose Fachliteratur oder kostenlose Kurse und Seminare zur Verwendung eines Produkts.

Warum werden Sie nicht überzeugt?
Ich habe bewusst entschieden, mich von solchen Zuwendungen zu distanzieren. Das ist gar nicht so einfach, man muss sich immer wieder entziehen.

Was muss aus Ihrer Sicht passieren?
Es braucht in der Öffentlichkeit Diskussionen über Oxycodon, und wir müssen uns fragen, welche Medikamente gut für unsere Patienten sind und welche nicht. Für diese Diskussionen braucht es Vertreter aus allen Bereichen, und es braucht Fakten sowie unabhängige wissenschaftliche Studien, um zu verstehen, wie das Medikament wirklich wirkt.

Warum gibt es diese Studien nicht?
Hinter jeder Studie steht ein Interesse. Bei Medikamenten­studien haben entweder die Hersteller von Medikamenten oder die Patienten ein Interesse, ein Medikament genauer zu untersuchen. Und die Patienten­schutz­gruppen haben leider nur ungenügende Mittel, um eine grosse Studie zu finanzieren.

Doch es gebe durchaus bereits Untersuchungen, sagt Dr. Sailer, die hellhörig machen müssten. Er verweist auf die Studie «Das beispiellose Suchtpotenzial von Oxycodon: Ist es Zeit für ein Moratorium?». Drei US-Anästhesisten untersuchten zwischen 2013 und 2018, ob Oxycodon the most addictive opioid ist, das am meisten süchtig machende Opioid auf dem Medikamenten­markt. Fazit: «Oxycodon besitzt pharma­kologische Eigenschaften, die es unverhältnis­mässig anfällig für Missbrauch und Sucht machen.» Bei einer langfristigen Verschreibung würden «die Risiken den Nutzen überwiegen».

Was bedeutet das, Herr Dr. Sailer?
Das bedeutet, dass Pharma­experten das Abhängigkeits­potenzial als so gefährlich einschätzen, dass das Medikament eigentlich vom Markt genommen werden sollte. Die Frage ist doch: Wollen wir unsere Patienten wirklich in eine Abhängigkeit führen, wenn es Alternativen gibt?

Und wie beantworten Sie diese Frage?
Persönlich habe ich mich entschieden, Oxycodon nicht mehr für meine Rücken­patienten zu verwenden. Und Patienten, die es noch nehmen, auf ein anderes Medikament umzustellen. Alles andere kann ich nicht mit meinem Gewissen und auch nicht mit meinem hippokratischen Eid vereinbaren.

XII. Der Patient

Kurt Gerber war einst Spitzen­sportler, gewann als Judoka Wettkämpfe. Später führte er eine Kampfsport­schule und ein Sportgeschäft, stattete die Judo-National­mannschaft aus. Dann 2013: Bandscheiben­vorfall. Er muss am Rücken operiert werden.

Fünfeinhalb Stunden dauert die erste Operation. 10 Millimeter lang sind die Schrauben im Rücken. «Ich ertrage viel, aber diese Operation hat mich an meine Grenzen gebracht», sagt Gerber. «Nach der dritten Operation konnte ich nicht mehr laufen.»

Der frisch operierte Patient kommt in die Reha-Klinik. «Dort bekam ich Oxycodon. Es hiess, es gebe nichts anderes.» Gewarnt worden, wie gefährlich dieses Schmerz­mittel werden kann, sei er von den Ärzten nie, sagt Gerber: «Ich brauchte ja irgendwas, und dann vertraut man halt dem Arzt. Der normale Bürger kennt sich nicht aus und nimmt, was der Arzt ihm gibt.»

Die Schmerzen sind sofort weg, aber auch alle anderen Empfindungen. Als er nach 14 Tagen nach Hause kann, kommt er nicht mehr von dem Medikament los.

Er würde nie wieder im Leben Oxycodon nehmen, sagt Kurt Gerber heute. «Und jedem abraten, damit anzufangen.»

«An einem Freitag­morgen, es war der 14. Juni, beschloss ich: Jetzt ist fertig! Ich werde dieses Medikament nicht mehr nehmen. Das war brutal. Ich stand total neben mir. Ich war wie in einer anderen Welt, nicht mehr ich selbst.»

Erzählt er darüber, beginnt er zu zittern. Sagt, alles komme wieder hoch. Der Entzug sei «heavy» gewesen. Sommer, im abgedunkelten Zimmer. Hellwach, trotz Schlaf­mitteln. Manchmal sei er nächtelang durch die Wohnung getigert.

«Man weint, man schreit, man schlägt gegen die Wand»: So beschreibt der ehemalige Spitzen­sportler die Entzugs­erscheinungen.

«Das Schlimme war, dass die Familie das mitansehen musste. Ich versteckte mich unter der Bettdecke, weil ich mich schämte.»

Zwei Monate dauerte der kalte Entzug. Seit drei Monaten ist er clean.

Und als die Tortur überstanden war, fragte sich Kurt Gerber: Was habe ich da eigentlich genommen?

Zur Co-Autorin

Nina Fargahi, 35, ist Journalistin, sie hat für verschiedene Schweizer Medien geschrieben, unter anderem «Tages-Anzeiger», WOZ und NZZ. Seit 2017 ist sie Chefredaktorin des Medienmagazins «Edito».

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