Unvorstellbar? Dann schaut doch auf die Realität!
Nach dem Attentat von Halle wird wieder über Antisemitismus debattiert. Doch die Rhetorik ist so wohlfeil wie wirklichkeitsblind.
Von Paula-Irene Villa, 22.10.2019
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In meinem ganzen Leben habe ich mich in Deutschland nicht als so jüdisch erlebt wie in den letzten Tagen. Es sind die Tage nach dem antisemitischen Terroranschlag von Halle.
Unmittelbar nach der Tat war ich rundum deprimiert, wütend und angewidert von den öffentlichen Reaktionen. Neben wenigen Ausnahmen: geheuchelte Empörung, abwehrende Rhetorik.
«Mir unvorstellbar», liess sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zitieren. Da war sie wieder, wie seit Jahrzehnten, die vielleicht gut gemeinte, aber eben auf ganz andere Weise bezeichnende Distanzbehauptung: Antisemitismus? Bei uns? Unvorstellbar! Das kann nicht sein.
Die Überraschung ist wohlfeil. Sie will das Richtige, nämlich Antisemitismus aus dem Eigenen, dem Wir verbannen. Und verkennt dabei das Tatsächliche. Dass nämlich Antisemitismus, in all seinen Erscheinungsformen, auch den gewaltsamen und mörderischen, nicht 1945 aufgehört hat, Teil der deutschen Gesellschaft zu sein.
Es herrscht eine politische Externalisierungsmanie: ein geradezu reflexhafter Zwang, etwas auf Abstand zu halten. Doch damit lügt man sich in die eigene Tasche. Und schliesst, erneut, jüdische Menschen aus.
Diese nämlich, wir, wissen es besser.
Im Schnitt fünf antisemitische Attacken am Tag
Wir wissen von der Sorge, gar Angst, mit sichtbarem Davidstern an der Halskette, mit Kippa auf die Strasse zu gehen. Wir erleben sie, die Pöbeleien und schrägen Sprüche. Wir nehmen sie wahr, die antisemitischen Schmierereien auf Fassaden und Hörsaalstühlen, an den Klotüren angesagter Grossstadt-Clubs, an den Klotüren der Autobahnraststätten in Hintertupfingen. Wir kennen den Polizeischutz und die eigene Security an den meisten Synagogen und Gemeindezentren. Die Rauchbomben auf jüdische Kindergärten, das antisemitische Mobbing in Schulen, die Anschläge auf jüdische Restaurants. Die Liste ist verlängerbar und bekannt.
Das deutsche Bundeskriminalamt hat Zahlen vorgelegt: Durchschnittlich fünf antisemitische Attacken gibt es pro Tag in Deutschland. Der Grossteil der Täter ist deutsch, mit ganz überwiegend rechtsextremer Gesinnung.
Wer also überrascht ist, muss das wollen. Diese Überraschung sagt unmissverständlich: Ihr, eure Wahrnehmung, eure Erfahrungen und euer Alltag, das ist nicht Teil von uns.
So weit das Problem mit dem Wohlmeinenden. Im schlechteren Fall aber reiten rassistische Ideologen opportunistisch die Empörungswelle. Sie versuchen, aus dem Entsetzen über antisemitische Handlungen menschenverachtenden Profit zu schlagen. Neben den erwartbaren zynischen Kommentaren aus eindeutig rechten, rassistischen, antisemitischen oder muslimfeindlichen Foren stehen die Relativierungen und Ablenkungsdebatten auch in grossen Blättern.
Der Chef des Springer-Konzerns, Mathias Döpfner, schrieb unter dem vielversprechenden Titel «Nie wieder ‹nie wieder›» einen längeren Beitrag zum Attentat in Halle, in dem er es fertigbrachte, vom eigentlichen Anschlag und vom Antisemitismus schlicht nicht weiter zu sprechen.
Stattdessen: Bashing der Political Correctness, Medienschelte, wie sie auch die AfD betreibt, Pauschalkritik an der Migrations- und Asylpolitik der Bundesregierung.
Schäbig, ja. Aber ein Einzelfall?
Eine unangenehme Wahrheit darf nicht unter den Tisch fallen, selbst wenn manche sie als Ablenkung vom Eigenen missbrauchen: Antisemitismus hat viele Formen und ist in vielen Milieus beheimatet. Er ist kein Alleinstellungsmerkmal Deutschlands. Es gibt ihn in Argentinien, in der Türkei, selbst im sympathischen – und für viele jüdische Menschen, auch für mich als Sehnsuchtsort imaginierten – Kanada. Es gibt ihn als Teil muslimischer Lebenswelten, und man fand ihn seit Luther auch unter Protestanten. Es gibt ihn überall, den Antisemitismus. Aber er ist je spezifisch in seinen Formen. Deshalb müssen wir schon genau hinschauen.
Denn nach Halle wurde zum Teil auch dort vereinfacht, wo man – unbedingt zu Recht – auf die AfD, die «Rechten», schaute. Auch die toxische «Versager»-Männlichkeit des Täters, sein ausdrücklicher Antifeminismus – das muss doch ebenfalls gesehen und verstanden werden. Und zwar in der ganz und gar nicht zufälligen Verbindung mit verschwörungsideologischem Antisemitismus und dem Hass auf Muslime, mit den Fantasien von echter Männlichkeit und «eigentlichen» Geschlechterordnungen, wie sie in rechten Weltbildern gang und gäbe sind. Nicht zufällig hat der Täter auf einen Döner-Laden geschossen und dabei einen jungen Mann ermordet.
Das Problembewusstsein für den Antisemitismus muss mit einem Problembewusstsein für Frauenhass und antimuslimischen Rassismus einhergehen.
Oder, noch weiter und historisch noch richtiger: Der Hass auf alle Gruppen und Menschen, die angeblich das homogene «Eigene» bedrohen, ist fester Bestandteil der Geschichte moderner Nationalstaaten. «Ausländer», Flüchtlinge, Feministinnen, Homosexuelle, Juden – der Täter von Halle hatte, im Einklang mit Ideologien des Reinheitsgebots von Nation und Volk, diese «Feinde» im Visier. Auch das wissen viele von «uns» schon lange.
Was bedeutet das alles nun?
Zum einen, dass es einerseits sehr einfach ist: Antisemitismus ist Antisemitismus, der menschenverachtende Hass auf Juden im Kleinen wie im Grossen. Zum anderen: Dieser Antisemitismus nimmt unterschiedliche Gestalten an, er verbindet sich je nach Kontext mit verschiedenen Elementen. Das gilt es anzuerkennen, zu verstehen, zu analysieren. Nicht abzuwehren oder auszulagern.
Die ungenutzte Chance des Bundespräsidenten
Wenn das Attentat von Halle «uns allen» gilt, wie es seitens der Politik zuletzt immer hiess, dann ist das so richtig wie ungenau. Denn ja, es war Terror gegen den Rechtsstaat, gegen die Menschenwürde, gegen den Respekt und die Achtung voreinander. Aber nein, die antisemitisch-antifeministische und rassistische Absicht richtet sich eben nicht gegen alle, sondern gegen jüdische Menschen, gegen Feministinnen, gegen Migranten. Gegen jene, die nicht einer bestimmten Vorstellung von «deutsch» oder «Volk» entsprechen.
Diese Zusammenhänge können oder wollen sich offenbar viele nicht so recht vorstellen. Und das befremdet, ja entfremdet mich.
Am Abend des 10. Oktober, einen Tag nach dem Attentat, feierte das Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerk sein 10-jähriges Bestehen. Es fördert jüdische Studierende und Promovierende. Ich bin dort Vertrauensdozentin und war im Jüdischen Museum beim Festakt. Befremdend und entfremdend war die Dankbarkeit der beim Festakt anwesenden jüdischen Gemeinden, Funktionäre, Intellektuellen, Studierenden. Präsident Steinmeier war dort, er hat lange gesprochen. Er hat nichts Falsches gesagt, sondern die offizielle Rhetorik wiederholt. Er sei wütend und traurig: «Ich bin die dumpfe Verachtung leid, die kaum verhohlene Bereitschaft zu Gewalt, das offene Schüren von Hass gegen Minderheiten, gegen Andersdenkende, gegen demokratische Institutionen in unserem Land.»
Aber er hat nicht eine Spur von Nachdenklichkeit gezeigt, etwa über sein «Erstaunen» nur einen Tag zuvor. Er hat die Chance nicht genutzt, «uns» als Teil seiner Welt wieder einzuholen oder darüber nachzudenken, wie sehr er sich zunächst vertan hat. Und alle haben dankbar diese Lippenbekenntnisse beklatscht. Schrecklich.
Ich frage mich: Warum sind nicht viel mehr Jüdinnen und Juden in diesem Land wütend, sichtbar und hörbar? Warum immer wieder Dankbarkeit, Demut, Hoffen auf Duldung? «Warum nicht zurückschlagen?», fragte jüngst Linda Rachel Sabiers.
Anders als verschiedene jüdische Autorinnen und Autoren, etwa Dmitrij Kapitelman, habe ich kaum direkte, persönliche Anteilnahme erfahren. Ich weiss immer noch nicht, wie ich das finde: Will ich als Jüdin adressiert werden? Warum, warum nicht? Wie würde das gehen, in Deutschland Teil des Ganzen und dabei «ohne Angst verschieden» zu sein, wie Theodor W. Adorno so genial formulierte?
Das sind schwierige Fragen, und sie sind nicht unmittelbar lösbar. Ich glaube aber, solange dieses Land und seine Politik nicht sehen, dass und inwiefern der Antisemitismus zugleich spezifisch und allgemein ist und wie sehr er Teil von uns allen in Deutschland ist, so lange werde ich meinen Davidstern nun wieder sichtbar tragen.
Paula-Irene Villa ist Professorin für Allgemeine Soziologie und Gender Studies an der LMU München. Sie forscht und lehrt zu Biopolitik, soziologischer Theorie, Care, Popkultur und Gender in politischen Konstellationen. Sie ist unter anderem seit 2013 im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Für die Republik schrieb sie zuletzt, zusammen mit Andrea Geier, über linke Identitätspolitik als Feindbild.