Ist ja nur ein Test: Probeliegen im Sarg. B&F Wien_Museum

Bretter, die das Ende bedeuten

Wie wunderbar der hinter­fotzige Wiener Schmäh sogar über den Tod triumphiert, zeigt sich jeden ersten Samstag im Oktober – bis ein Uhr nachts im Bestattungs­museum und an Führungen auf dem Zentral­friedhof.

Von Karin Cerny, 02.10.2019

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Herbst in Wien. Es wird schon dunkel, vielleicht zieht Nebel auf. Die Pforten des Zentral­friedhofs bleiben länger als sonst geöffnet. Vor einem schmuck­losen Betonbau, der selbst wie eine Grabes­gruft aussieht, hat sich eine kleine Schlange gebildet. Im kühlen Keller stehen drei Särge zur Verfügung, in die man sich probe­weise legen darf. Selfies sind gestattet. In einem weiteren Raum können Kinder Särge bunt bemalen. Eine Bläser­gruppe gibt «Hits der Trauer­musik» zum Besten, und ein Pathologe erzählt von seinem Arbeitsalltag.

Jeden ersten Samstag im Oktober (dieses Jahr am 5. Oktober) macht Wien seinem Ruf als morbide Metropole alle Ehre: 2455 Schau­lustige kamen im Vorjahr anlässlich der «Langen Nacht der Museen» in den Zentral­friedhof, wo seit 2014 das Wiener Bestattungs­museum untergebracht ist. Besuchen kann man das Museum natürlich das ganze Jahr über, aber Probe liegen in einem Sarg, das darf man nur an diesem einen Tag.

Wo Fuchs und Hase Walzer tanzen

Bis ein Uhr nachts gibt es ausserdem Führungen in der Dunkelheit an den Gräbern vorbei. Dort, wo die Promis liegen – Popstar Falco etwa sieht wie eine Fleder­maus aus, seine Silhouette wurde auf eine Glasplatte in Form einer zerbrochenen CD gedruckt. Udo Jürgens hat doch tatsächlich ein protziges Klavier aus Marmor mit seiner Unter­schrift als Grabstein. Und der berühmte bildende Künstler Franz West liess sein eigenes Kunstwerk aufstellen: eine rosa Wurst, die so gar nichts Pietät­volles ausstrahlt.

Es ist wurst, was aus uns wird: der Grabstein des Künstlers Franz West. Arnulf Hettrich/Imago

Hier triumphiert der hinter­fotzige Wiener Schmäh sogar über den Tod. Es stimmt eben, was der Lieder­macher Wolfgang Ambros in seinem Gassen­hauer «Es lebe der Zentral­friedhof» behauptet: «Am Zentral­friedhof is’ Stimmung, wia’s sei Lebtoch no net wor, / weu olle Tot’n feiern heite seine erscht’n hundert Johr.» Und der Wiener Poet André Heller hat diesen Ort einmal ein «Aphrodisiakum für Nekrophile» genannt.

Einst war der Zentral­friedhof die grösste Beerdigungs­stätte Europas (mittler­weile beansprucht der Hamburger Friedhof Ohlsdorf diesen Superlativ für sich). Ungefähr drei Millionen Tote liegen hier, täglich finden zwischen 20 und 25 Beerdigungen statt. Die Fläche beträgt 2,4 Quadrat­kilometer. «Halb so gross wie Zürich, aber doppelt so lustig», lautet ein Bonmot über den Zentral­friedhof, das den abgründigen Humor der Wiener aufblitzen lässt. Mit ein wenig Glück sieht man Füchse, Hasen, Dachse, Igel und Rehe zwischen den Gräbern von Franz Schubert, Ludwig van Beethoven, Arthur Schnitzler oder dem Walzer­könig Johann Strauss. Eulen und Turm­falken leben hier, viele von ihnen allerdings vorzugs­weise auf dem Areal des alten Jüdischen Friedhofs, der wild bewachsen und ruhiger ist.

Hier finden alle ihre Ruhe: Rehe auf dem Zentralfriedhof. Franz Perc/Chromorange/Keystone

Gegründet wurde das kleine, aber gut ausgestattete Museum 1967. Damals war es noch im 4. Bezirk untergebracht. 2014 zog es um. Der neue Standort passt viel besser: Beim zweiten Tor des Zentral­friedhofs befand sich ursprünglich eine Leichen­halle für «Infektiöse». An der Kasse bekommt man erzählt, wie angenehm kühl es hier im Sommer sei. «Der beste Arbeits­platz der Welt», meint ein Verkäufer schmunzelnd. Das Museum liegt auf Grabes­höhe. Man ist tief unter der Erde. Fast wie lebendig begraben.

Tote und Scheintote

Darum geht es auch im Museum: Im 18. und 19. Jahr­hundert machte sich eine regelrechte Hysterie breit. Die Menschen fürchteten, im Sarg aufzuwachen. Der National­dramatiker Johann Nestroy war regelrecht paranoid, was seinen Tod betraf. Gewohnt spitz formulierte er: «Die Toten­beschau heisst so viel wie gar nichts, und die medizinische Wissenschaft ist leider noch in einem Stadium, dass die Doktoren, selbst wenn sie einen umgebracht haben, nicht einmal gewiss wissen, ob man tot ist.»

Ein sogenanntes Herzstich­messer, das im Museum ausgestellt ist, gehörte deshalb in jeden Arztkoffer. Es kam aber nur auf testamentarische Verfügung hin zum Einsatz. Die Prozedur wurde bis ins 20. Jahr­hundert angewandt: Der Literat und Arzt Arthur Schnitzler (1862–1931) beispiels­weise sicherte sich per Testament ab, dass bei ihm ein Herzstich gemacht würde.

Neben vielen Kutschen und Särgen – Pracht­exemplare, aber auch der «josephinische Sarg», eine Sparversion mit Boden­klappe – ist ein Rettungs­wecker ausgestellt, der ebenfalls vor dem Scheintod bewahren sollte. Eine Schnur verband den Wecker mit dem Handgelenk des in der Leichen­kammer aufgebahrten Toten. Bewegte sich dieser noch, dann läutete der Wecker. Das tat er aber auch, wenn die Toten­starre nachliess.

Interessant sind die sogenannten «Betrachtungs­särglein»: kleine Schachteln mit einem «Tödlein», einem Gerippe aus Wachs, Holz oder Elfenbein, die man als Memento mori in der Tasche trug. Man konnte darin aber auch Schmuck, Schnupf­tabak oder Erspartes aufbewahren. Der Tod hat in Wien eben auch sehr praktische Seiten.

Der Tod, das muss ein Wiener sein

Im Bestattungs­museum gibt es eine Art Jukebox, in der jene Lieder aufgelistet sind, die bei Beerdigungen am häufigsten gespielt werden. Platz 1: «Time to Say Goodbye», Platz 2: «Ave Maria» (von Bach), Platz 3: «Ave Maria» (von Schubert). Allerdings ist diese Hitparade nicht mehr aktuell, längst rückte der österreichische Volksmusik-Rocker Andreas Gabalier mit «Amoi seg’ ma uns wieder» an die Spitze («amoi» heisst «einmal».)

Lieder, die den Tod beschwören, gehören in Wien fest zum Heurigen­repertoire, wo weinselig das Leben gefeiert wird. Das Wesen des Wiener­liedes sei sehr berechenbar, meinte der Dichter und Musiker Ernst Molden kürzlich in einem Interview. Der Inhalt der Songs bleibe immer gleich: «Es gibt einen Ort, da ist es schön, da darf man besoffen und glücklich sein. In der zweiten Strophe heisst es dann oft, dass es früher noch viel schöner gewesen sei. In der dritten geht es schliesslich um den Wunsch, an diesem Ort begraben zu werden.» Saufen, jammern und dann nostalgisch werden: So lässt sich die Wiener Todes­klimax im Lied zusammenfassen.

Einer der berühmtesten Songs stammt von Georg Kreisler. Da geht es nicht nur darum, dass die Wiener einfach am besten wissen, wann sie abtreten müssen: «Der Tod, das muss ein Wiener sein, / genau wie die Liab a Französin. / Denn wer bringt dich pünktlich zur Himmelstür, / da hat nur a Wiener das Gspür dafür.» Sondern auch Gott scheint ein Wiener zu sein, er hat jedenfalls ein veritables Alkohol­problem. Der Himmel ist in dem Lied eine Art Heuriger, allzeit offen: «Dort droben auf der goldenen Himmel­bastei, / da sitzt unser Herrgott ganz munter / und trinkt a Glas Wein oder zwei oder drei / und schaut auf die Wiener­stadt runter.»

Das Morbide gehört zum Wiener­lied, auch in seiner modernen Version. Selbst ein jüngerer Interpret wie der gefeierte Voodoo Jürgens beweist eine nekrophile Ader mit seinem Hit «Heite grob ma Tote aus». Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass Sigmund Freud in Wien den Todes­trieb entdeckte. Die sprichwörtliche Wiener Gemütlichkeit kippt gern in eine abgrund­tiefe Traurigkeit – oft auch Aggression. Todes­sehnsucht, Wehmut und Lebensgier gehören zusammen. Mitunter hat man ohnehin das Gefühl, die Wiener glauben, wenn man lange genug Schmäh führt, dann überlistet man sogar den Tod – und er lässt einen weitertrinken.

Spielzeug für Gross und Klein

Man kann nicht früh genug beginnen, sich mit dem Sterben zu beschäftigen. Das Bestattungs­museum besitzt den schrägsten Museums­shop der Stadt, klein, aber originell. Verkaufshit sind die Metall-Zigaretten­hüllen, die unschöne Krebs­krankheits­bilder auf den Tschick-Packerln (wie man in Wien sagt) überdecken. «Rauchen sichert Arbeits­plätze», verkünden sie optimistisch. Wie schnell sie vergriffen waren, überraschte selbst das Museum. Mittler­weile wurden sie nachproduziert und sind wieder verfügbar. Ebenfalls angeboten werden Schlüssel­anhänger und USB-Sticks in Form eines Sargs. Und sogar für die Küche ist etwas dabei: «feinster Friedhofs­honig» und Totenkopf-Teigwaren.

Brandneu im Sortiment ist ein Beutel mit der Aufschrift «Ich turne bis zur Urne». Die Leih­bibliotheken der Stadt Wien haben sofort mit einem humor­vollen Facebook-Posting reagiert: «Vielleicht sollten wir Rucksäcke mit ‹Ich lese, bis ich verwese› bedrucken lassen.»

Man muss schon früh wissen, was auf einen zukommt: Krematoriumsofen aus Lego.Harald Lachner

Für Diskussionen sorgte jüngst ein neues Lego-Set für Kinder, bestehend aus Krematoriums­öfen, Leichen­wagen, einer Trauer­familie, einem Skelett nebst Grab­steinen und Friedhofs­mitarbeitern. Der Wiener Landesverband für Psychotherapie sieht in diesen Spielsachen einen pädagogischen Mehrwert. Kinder würden auf der Spielebene lernen, Gefühle wie Verlust und Trauer zu bewältigen. In Wien ist der Tod also sogar im Kinder­zimmer gern gesehen. In der langen Nacht der Museen freuen sich viele Kinder nicht nur darüber, dass sie so lange aufbleiben dürfen, sondern lieben es, dramatisch in den Särgen zu posieren. Fast wundert einen, dass Ikea in Wien keine Sargbetten anbietet. Sie würden sich auf jeden Fall gut verkaufen.

Zur Autorin

Karin Cerny lebt in Wien. Sie schreibt regelmässig über Theater, Literatur und Kultur­politik im Wochen­magazin «Profil» sowie Reise- und Mode­geschichten für «Rondo», die Beilage der Tages­zeitung «Der Standard». Für die Republik schrieb sie zuletzt über feministische Comics.

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