Es ist nicht vorbei

Ihre grössten Vernichtungs­anstalten haben die National­sozialisten im besetzten Polen errichtet – weit weg von der eigenen Bevölkerung. Wer sich dort mit den Ereignissen von damals auseinandersetzt, landet mitten in der Gegenwart.

Von Brigitte Hürlimann (Text) und Ina Niehoff (Bilder), 28.09.2019

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Infrastruktur zur Massenvernichtung: Blick aus dem Hotel Imperiale in Auschwitz auf die alten Gleise, die zum KZ Auschwitz I führten.

Warum tun wir uns das an? Es wäre so viel angenehmer, das alles nicht zu wissen, oder wenigstens nicht so genau. Die Fotografien nicht zu sehen, die Schilderungen, Biografien und Analysen nicht zu lesen, sich den Dokumentar­filmen, all den Zeugnissen der Überlebenden nicht auszusetzen. Und schon gar nicht die Orte der Vernichtung aufzusuchen.

Warum also?

Weil es weitergeht. Weil es nicht fertig ist. Kein Ausreisser ist, kein zivilisatorischer Ausrutscher, kein isoliertes Phänomen, das Jahrzehnte zurückliegt, kein Werk von ein paar irregeleiteten, extremistischen Spinnern. Sonst könnten wir uns ja zurück­lehnen und sagen: Das war schlimm und muss aufgearbeitet werden. Aber es ist vorbei.

Ist es nicht. Also lassen wir uns darauf ein. Und begeben uns damit auf unsicheren Grund. Die Erfahrung wird unser Leben verändern, danach wird nichts mehr so sein, wie es vorher war. Ein Stichwort genügt, und man ist wieder dort. Man passiert einen Stachel­draht, läuft an Baracken oder Container­siedlungen vorbei, man hört abschätzige Worte über Fremde, Arme, über Menschen mit anderen Religionen, Auffassungen, anderen Kleidern, einer anderen Hautfarbe oder einer anderen Lebens­weise – und die Bilder steigen wieder hoch.

Ein Fenster ist geöffnet worden, das sich nicht mehr schliessen lässt.

Zu den Bildern

Die Bilder der Fotografin Ina Niehoff zu diesem Artikel entstanden im Herbst 2018 im Auftrag des «Zeit Magazins». Sie spiegeln eine zentrale Aussage von Niehoff über ihren Aufenthalt in Auschwitz wider, die beklemmende Atmosphäre in den ehemaligen Vernichtungs­lagern, aber auch ihr unangenehmes Gefühl angesichts des Verhaltens einiger Besucher. «Alle Wege wirken unendlich lang», sagt sie.

Das Böse schleicht sich in kleinen Schritten heran: zielstrebig, konsequent, überaus konform und unauffällig. Die Helfers­helfer machen willig mit. Man befolgt ja nur Anweisungen, hält sich an die Gesetze, übernimmt die Kategorien und das Vokabular jener, die an der Macht sitzen. Das sagten damals auch die Nazis, zumindest jene, die sich vor Gericht verantworten mussten. Andere, die nicht direkt mitmachten, haben geschwiegen, weggeschaut und später gesagt, man habe es nicht gewusst. Oder nicht so genau gewusst.

Hat sich daran etwas geändert? Die schweigende Masse, das Desinteresse, die Gleich­gültigkeit, das Wegschauen?

Tausende ertrinken im Meer. Es sind nicht Menschen, es sind bloss Migranten. Kategorien und Definitionen werden gebildet, die ausgrenzen und Abstand schaffen. Es ist ein erster Schritt, der alles möglich macht. Neue Lager entstehen, weit weg von uns. Wir möchten nicht genau wissen, wie es dort aussieht. Wir meiden die unter­irdischen Bunker, in denen Flüchtlinge hausen. Und wehren uns gleichzeitig gegen neue Asylzentren mitten in der Stadt, mitten im Dorf. Wir wollen diese Leute nicht unter uns haben. Wir kennen sie nicht, aber sie sind uns suspekt. Sie gehören nicht zu uns.

Deshalb die Reise nach Polen. Dort, im besetzten Gebiet – und nicht etwa in Deutschland, vor den Augen der eigenen Bevölkerung –, haben die Nazis ihre grössten Vernichtungs­anstalten errichtet. Sie haben Millionen von Menschen aus ganz Europa heran­gekarrt, eine ausgeklügelte, teuflisch moderne, wie geschmiert funktionierende Bürokratie und Logistik eingesetzt, um den Massen­mord zuerst minutiös zu planen und dann durchzuführen.

Die Juden Europas sollten vernichtet werden, und mit ihnen auch die Sinti und Roma, die politischen Gegnerinnen, Behinderte, Prostituierte, Schwule und Lesben, Straftäter, Zeugen Jehovas – einfach alle, die den Macht­habern nicht passten, aus irgendeinem Grund. Zwölf bis dreizehn Millionen Menschen sind in den Konzentrations­lagern der Nazis ermordet worden: Frauen, Männer, Greise, Kinder, Babys. Mindestens sechs Millionen der Opfer waren Juden.

Vorbereitung in Fribourg

Wir reisen nicht unvorbereitet nach Polen. Wir, das sind ein gutes Dutzend Rechts­studierende der Universität Fribourg; junge Leute aus der ganzen Schweiz, angehende Juristinnen, Rechts­anwälte, Richterinnen, Strafverfolger, Chef­beamtinnen. Sie machen beim Seminar «Polen und die Shoa» mit. Das bedeutet: Vorbereitung, Vorträge und eine Reise vor Ort, auf der sie von zwei Assistentinnen, zwei Anwälten, einer Journalistin und Marcel Alexander Niggli begleitet werden. Niggli, der das Seminar leitet, ist Professor für Strafrecht und Rechts­philosophie. Die Veranstaltung ist fordernd und anspruchsvoll. Die Literatur­liste umfasst gegen 100 Werke und wird ständig verlängert, die Diskussionen dauern bis in die Nacht hinein, und die Filme, die uns der Professor zumutet, rauben einem den Schlaf.

Marcel Niggli fährt zum wiederholten Mal nach Polen. Er sagt, es werde jedes Mal schlimmer: «Ich hatte Angst, mich daran zu gewöhnen. Doch das Gegenteil ist passiert.»

Warum tut er sich das an? Sich und den jungen Leuten, die das hiesige Recht studieren sollten, Prüfungen absolvieren, ihre berufliche Karriere vorantreiben? «Wir müssen lernen, Verantwortung zu übernehmen», sagt Niggli in den ersten Minuten des ersten Treffens. «Wer Recht ausübt, trägt Verantwortung. Wir bewegen uns in Siebenmeilen­stiefeln in Richtung Auschwitz. Die Mechanismen, die zur Shoah geführt haben, bestehen weiter. Es werden Kategorien gebildet. Es wird ausgesondert. Die Menschen­rechte gelten nicht für alle – oder nicht im gleichen Masse. Auch uns wird man später einmal die Frage stellen: Was habt ihr gewusst?»

Erste Station: Lublin

Ankunft in Lublin. Die meisten von uns sind mit dem Flugzeug via Warschau angereist, einige wenige mit dem Zug – eine lange, umständliche Reise. Lublin liegt im Osten Polens, es ist die neuntgrösste Stadt im Land, sie zählt rund 350’000 Einwohner und fünf Universitäten. Im 16. und 17. Jahrhundert war sie das Zentrum der jüdischen Kultur Polens: ein Zeichen der liberalen Grundhaltung von damals. Es gab Zeiten, da machten die Juden fast 60 Prozent der Bevölkerung von Lublin aus. Heute sind es noch ein paar Dutzend. «Das ist das Schreckliche am National­sozialismus», sagt Professor Niggli. «Es ist ihm gelungen, das jüdische Leben in weiten Teilen Europas unsichtbar zu machen. Und es scheint niemanden gross zu stören.»

Flanieren in der Altstadt von Lublin, grosszügige, autofreie Boulevards und heraus­geputzte Plätze, die an Paris erinnern, herrschaftliche Häuser, Bars, Restaurants, Nachtleben, guter Wein, Wodka und deftige Kost. Ganz allmählich gibt es wieder jüdische Restaurants in der Innenstadt: nicht zuletzt wegen des KZ-Tourismus.

Zweite Station: Majdanek

Fahrt mit dem Linienbus Nr. 158 an den südlichen Rand der Stadt, nach Majdanek. Eine gute Viertel­stunde dauert die Reise, dann kommen wir an einer Neubau­siedlung vorbei, die an eine unverbaute Wiesen­fläche grenzt. Es ist ein komisches Gelände, das so gar nicht in die Umgebung passt, leicht abschüssig, mit ein paar Holz­baracken am Rand, dahinter Stachel­draht. Wir sind beim ehemaligen Arbeits- und Vernichtungs­lager Majdanek angekommen, der Bus hält beim Haupt­eingang, von den Einheimischen steigt hier niemand aus. Anders als die meisten anderen Lager wurde dieses KZ in Stadtnähe errichtet. Und heute rückt die Stadt immer noch näher heran.

Besucher vor einem Wachturm …
… und Stacheldrahtzaun in Auschwitz–Birkenau.
In polnischer und englischer Sprache: Eingang zur Gedenkstätte.
Symmetrie des Todes: Lager Auschwitz–Birkenau.

Direkt hinter den ehemaligen Gas­kammern und Häftlings­unterkünften werden Schreber­gärten bewirtschaftet. Die Balkone der neuen Wohnblöcke sind auf die Holz­baracken ausgerichtet. Seniorinnen mit Einkaufs­taschen überqueren das KZ-Gelände, während wir uns von einer polnischen Geschichts­studentin den Lager­alltag schildern lassen. Einige von uns tragen Sonnen­brillen, nicht nur der Sonne wegen. Anders ist das, was wir sehen und hören, kaum auszuhalten. Die unmittelbare Konfrontation ist brutal.

Wie viele Hundert­tausende von Menschen sind hier gestorben? Verhungert, in die Gas­kammern geschickt worden, gefoltert, gelyncht, an Seuchen, Krankheiten und an Erschöpfung krepiert? Mit der «Aktion Reinhardt», mutmasslich ab Sommer 1942, begann die Umsetzung der systematischen Ermordung aller Juden, Sinti und Roma in den besetzten polnischen Gebieten, durchgeführt in den Vernichtungs­lagern. Bei der «Aktion Erntefest», im November 1943, wurden im KZ Majdanek Zehntausende jüdische Häftlinge innerhalb von ein bis zwei Tagen erschossen, in Zehner­gruppen, eine Gruppe nach der anderen. Die Ausrottung sollte speditiv und konsequent zu Ende geführt werden.

Menschen aus fünfzig verschiedenen Nationen hätten hier gelebt, erzählt uns die angehende Historikerin, die durchs Lager führt: «In der Baracke Nr. 38 wohnten die weiblichen Aufseher. Sie waren genauso grausam wie die Männer.» Die Nahrung war karg, nicht viel mehr als 700 Kalorien pro Tag, und das bei schwerster körperlicher Arbeit – für jene, die nicht sofort in die Gas­kammern geführt wurden und dort qualvoll starben. Es gab kein fliessendes Wasser, bis zu 800 Menschen wurden in eine Holzbaracke gepfercht, sie lebten unter extremsten Bedingungen, getrennt von ihren Lands­leuten, damit ja keine Freundschaft, keine Solidarität entstand.

In der KZ-Ausstellung wird ein Über­lebender zitiert: «Es gibt keine Worte, um zu schildern, was sich hier abgespielt hat.»

«Any questions?», fragt unser Guide. Wir schweigen. Das Sprechen ist uns vergangen. Mit gesenkten Köpfen trotten wir durchs Gelände. Zum Monument hoch, wo die Asche der Ermordeten beigesetzt wurde. Was man halt noch gefunden hat. Die Asche von Hundert­tausenden von Menschen. Wir gehen einen Weg entlang, der aus jüdischen Grabsteinen gepflastert wurde, um die Gefangenen noch mehr zu demütigen, endgültig zu demoralisieren.

Auf der Busfahrt zurück ins Stadt­zentrum erzählt uns die Geschichts­studentin, dass die Orts­ansässigen das Lager­gelände nicht besuchten. Ihre Landsleute ärgerten sich darüber, sagt sie, wenn von einem polnischen KZ die Rede sei. Das sei nicht korrekt. Ihr Land sei von den Nazis besetzt gewesen. «General­gouvernement» haben sie Polen genannt. Wir fahren an einem Shopping­center vorbei. An der Fassade erinnert eine kleine Plakette daran, dass hier das erste Lubliner Arbeits­lager stand.

Am Abend essen wir in der Altstadt, in einem dieser neuen jüdischen Restaurants. Ein schönes Lokal, mit auserlesenen Spezialitäten und herzlicher Bewirtung. Marcel Niggli legt Wert auf solche Gegen­sätze. Er will, dass wir das aushalten, er führt uns an unsere Grenzen, er nimmt die emotionale Achterbahn­fahrt in Kauf. Auf dieser Reise, an diesem Seminar gibt es keine Schonung.

Dritte Station: Warschau

Zugfahrt nach Warschau, Hauptstadt von Polen, und eine Stadt, die 1945 ihr Jahr null erlebte, nach der fast vollständigen Zerstörung durch die Besatzer. Heute schiessen Hochhäuser in den Himmel, historische Bausubstanz gibt es praktisch keine mehr; was alt wirkt, ist meist in Beton gegossen. Fünfspurige Strassen durchschneiden die Quartiere.

Nur der Jüdische Friedhof hat Krieg und Besatzung überstanden, wie ein Wunder. Er wurde 1806 angelegt und gehört zu den grössten jüdischen Friedhöfen Europas. Er ist Oase und Mahnmal zugleich, ein Ort der Vergänglichkeit und Beständigkeit. Alte Bäume, Unterholz, laubbedeckte Weglein, Massen­gräber für die Ermordeten aus dem Warschauer Ghetto und zerfallene Grabsteine mit den Namen jener, die das Glück hatten, die Shoah nicht mehr erleben zu müssen.

Marcel Niggli spricht konsequent von der Shoah und nicht vom Holocaust. Vereinfacht gesagt bedeutet Shoah die endgültige Katastrophe, Holocaust eine vollständige, rituelle Verbrennung. Der Begriff des Holocaust hat mit der gleichnamigen vierteiligen US-amerikanischen Fernseh­serie weltweite Verbreitung gefunden, sie wurde 1978 erstmals ausgestrahlt. Ein Jahr später lief sie in Deutschland und Österreich. Nicht wenige realisierten erst jetzt, was zwischen 1933 und 1945 in Europa passiert ist.

Die unmittelbare Konfrontation ist brutal: Eine der Gaskammern in Auschwitz.

Wir gehen die ehemalige Ghetto­mauer entlang, und auch hier: nichts sichtbar von damals. Die Besatzer trieben die jüdischen Bewohner Warschaus ins ehemalige jüdische Quartier und sperrten sie ein hinter einer drei Meter hohen, achtzehn Kilometer langen Mauer. Rund 450’000 Menschen lebten zeitweise im Ghetto; in einem drei Quadrat­kilometer grossen Gefängnis. Zehn bis elf Leute mussten sich ein Zimmer teilen, es gab zu wenige Nahrungs­mittel und kaum Medikamente. Leichen lagen auf den Strassen, jeden Monat starben Tausende an Seuchen und Unter­ernährung, sogenannte «Judenräte» hatten im Auftrag der Nazis die Selbst­verwaltung zu übernehmen – und Listen zusammen­zustellen für den Abtransport in die Vernichtungslager.

Im April 1943 kam es zum Aufstand im Ghetto. Er dauerte weniger als einen Monat. Danach lag das Quartier in Schutt und Asche. Die schlecht bewaffneten Widerstands­kämpfer hatten keine Chance, und sie konnten auf keine Unter­stützung der übrigen Warschauer zählen, die sich im August 1944 ebenfalls gegen die Besatzer erhoben – und ihrerseits keinen Support von den Alliierten bekamen. Dieser zweite Aufstand war von der polnischen Exil­regierung in London aus organisiert und von der Heimat­armee ausgeführt worden. Drei Monate lang gelang es ihnen, Wider­stand zu leisten, zusammen mit der Zivil­bevölkerung. Dann war Warschau zertrümmert.

Der Jurist und SS-Offizier Heinz Reinefarth hatte den Auftrag übernommen, den Aufstand nieder­zuschlagen, für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Es sollten keine Gefangene gemacht werden. Reinefarth erfüllte den Auftrag gewissenhaft. Der «Schlächter von Warschau» geriet nach dem Krieg vorüber­gehend in amerikanische Gefangenschaft, wurde aber nie nach Polen ausgeliefert, musste sich nie vor einem Gericht verantworten. 1951 wurde er zum Bürger­meister in Westerland auf Sylt gewählt, er blieb es bis 1961, ab 1958 sass er zusätzlich im Landtag von Schleswig-Holstein.

Vierte Station: Treblinka

Die Sehens­würdigkeiten von Warschau, der Stadt an der Weichsel mit den gediegenen Ufer­promenaden, den Palästen und Kirchen, den pastell­farbenen Häusern: Wir haben kein Auge dafür. Wir sitzen im Bus und fahren nach Nordosten, in Richtung Weiss­russland. Nach einer Stunde Fahrt taucht ein Ortsschild auf: Treblinka. Ja, Treblinka ist auch ein Dorf. Wir fahren an ihm vorbei, in den Wald hinein.

Zunächst gab es ein Arbeits­lager, Treblinka 1 genannt, in der Nähe einer Kiesgrube. Das Kieswerk belieferte deutsche Betriebe. Die unter­ernährten, schlecht gekleideten Häftlinge wurden zu Schwerst­arbeit angetrieben, die viele nur ein paar Wochen lang überlebten. Unterhalb des Arbeits­lagers, etwa 1,4 Kilometer entfernt, errichteten die Nazis Treblinka 2: als Vernichtungs­lager und zweitgrösste Ermordungs­anlage unter national­sozialistischer Herrschaft. Die ersten Menschen­transporte trafen im Juli 1942 ein, Bewohner des Warschauer Ghettos. Die Anlage war noch nicht fertig, die Menschen mussten tagelang in den Waggons ausharren, ohne Wasser. Wer das überlebte, kam direkt in die Gaskammer, mit nur wenigen Ausnahmen.

Auch Janusz Korczak wurde nach Treblinka deportiert. Der Arzt und Kinder­pädagoge hatte sich im Warschauer Ghetto um 200 Waisen gekümmert. Eine Fotografie zeigt ihn und die Kinderschar auf dem Weg zum Sammel­platz, die Kinder in ihrem schönsten Gewand. Korczak hätte befreit werden können und entschied sich anders. Er wollte seine Schützlinge nicht allein lassen. Er ging mit ihnen in den Tod.

Die Lager Treblinka 1 und 2 wurden von den Nazis vollständig zerstört, bevor die russischen Befreier eintrafen, es ist nichts stehen geblieben. Die Spuren des Massen­mordes mussten verwischt werden. Wir gehen durch den Wald, die Idylle und die Stille sind schier unerträglich. Leere, nichts als Leere. «Hier», sagt unser Guide, «war die Rampe, hier stiegen die Menschen aus den Zugwaggons.»

Der österreichische Lager­kommandant Franz Stangl liess in Treblinka die Attrappe einer Bahnstation aufrichten, eine eigentliche Theater­kulisse. Die Ankommenden sahen ein Bahnhofs­gebäude mit Bahnhofs­uhr, einen Billett­schalter und Wegweiser. Stangl wollte jede Panik verhindern, die Menschen sollten getäuscht werden und Ruhe bewahren. Ein schlauch­förmiger Weg führte in die Gaskammer, die mit den Abgasen von Diesel­motoren betrieben wurde, nicht mit Zyklon B. Der Weg war mit Bäumen und Sträuchern versehen und führte zunächst in den Umkleide­raum. Die Menschen zogen sich aus und wurden angewiesen, sich die Nummern zu merken, damit sie ihre Kleider danach, nach dem Duschen, wiederfänden.

Hat sich heute etwas geändert? Die schweigende Masse, das Desinteresse, die Gleich­gültigkeit, das Wegschauen angesichts unerwünschter Menschen?

Es gab kein Danach. Bis zu 800’000 Menschen wurden in Treblinka 2 ermordet. Sie gingen nackt auf ihren letzten Weg. Heute ist ein schäbiges Plastik­band durch den Wald gezogen, von Baum zu Baum, es umsäumt den Platz, auf dem das Morden stattgefunden hat. Kein Stein des ehemaligen Vernichtungs­lagers steht hier noch, dafür ein Meer aus Steinen, das an die Opfer erinnert. Auf dem Plastik­band sind Namen aufgelistet: Debora Szer, Herman Libson, Rachela Goldberg, Frida Haftka, Adam Olar, Juliusz Zyser, Nena Hochman, und, und, und … Sie alle hatten ein Leben, hatten Träume und Hoffnungen, waren verliebt, verlobt, grad Eltern oder Grosseltern geworden, Geschäfts­leute, Handwerker, Studentinnen, Poeten.

Samuel Willenberg gehörte zu den wenigen Überlebenden von Treblinka. Ihm gelang die Flucht, und er emigrierte nach dem Krieg nach Israel, wo er fortan Skulpturen herstellte: Szenen und Menschen aus der Vernichtungs­maschinerie. Als Häftling hatte er die Kleider der Ermordeten sortieren müssen. Dabei fand er die Röcke seiner Schwestern, derart ineinander verschlungen, als würden sich die Kleidungs­stücke umarmen.

Wir gehen den Weg von Treblinka 2 zum Arbeits­lager hoch, zu Treblinka 1. Im Wald stehen Tafeln mit Namen und Geschichten. Wer sie lesen will, muss durchs Unter­holz steigen. Am Ende des Wegs gelangen wir zum Exekutions­platz. Er ist heute ein Feld aus Kreuzen.

Lagerkommandant Franz Stangl gelang nach dem Krieg die Flucht nach Brasilien, zusammen mit seiner Ehefrau und den drei Töchtern. 1967 wurde er verhaftet und zurück nach Deutschland gebracht. Das Landgericht Düsseldorf verurteilte ihn 1970 zu einer lebens­langen Freiheits­strafe wegen gemeinschaftlichen Mordes an mindestens 400’000 Menschen. In der Haft stellte er sich den Fragen der britischen Journalistin Gitta Sereny. In diesen Gesprächen betont Stangl, er habe als Lager­kommandant nur seine Pflicht erfüllt, gewissenhaft gehandelt. Er habe die Insassen nicht als Menschen wahrgenommen: «They were cargo.»

Stangl, sagt Marcel Niggli, sei ein liebender Ehemann, Vater und ein tiefgläubiger Katholik gewesen. Wir sitzen im fenster­losen Konferenz­raum eines Warschauer Billig­hotels, wir sind müde und fassungslos. Und diskutieren trotzdem weiter. Manchmal versagt uns die Stimme. Der Professor betont, bei den meisten, die an der Vernichtung mitgewirkt hätten, habe es sich um unauffällige, nette Menschen gehandelt, Menschen wie du und ich. Keine Sadisten, keine Psycho­pathen, sondern willfährige, dienst­eifrige Frauen und Männer. Kleine Rädchen in einer perfekt geschmierten, modernen Maschinerie, die einfach mitmachten, von einem weit entfernten Bürotisch aus oder in den Lagern selbst.

Konrad Morgen war Untersuchungs­richter, er hat in den KZ die Korruption unter den SS-Leuten bekämpft. Der ambitionierte Nazi-Jurist war streng und ging auch gegen Kommandanten vor, die geraubte Ware in die eigenen Taschen steckten: Zahngold beispielsweise. Gegen den Massen­mord hingegen hat Konrad Morgen nichts unternommen. Das war nicht sein Auftrag. Der Genozid geschah nach dem Willen des Regimes, er war regelkonform.

Der polnische Soziologe Zygmunt Bauman schreibt: «Wer die Macht hat, hat das Recht

Es waren Bünzli, sagt Niggli, die mit den ersten Gas­lastwagen in der Gegend herum­fuhren, über ihre Familien plauderten, während hinten im Wagen die Menschen schrien und starben. In den Einsatz­gruppen, die in den besetzten Gebieten der Wehrmacht folgten, die Juden, Intellektuelle und andere Missliebige aufspürten und ermordeten, machten Lehrer, Pfarrer, Juristen und Professoren mit.

Das grösste Massaker begingen die Einsatz­gruppen im September 1941. In der Schlucht von Babyn Jar, am Rande von Kiew, ermordeten sie innert zweier Tage fast 34’000 Juden, die sich zuvor in der Stadt versammeln mussten: Männer, Frauen, Kinder. Man hatte ihnen die Deportation in Aussicht gestellt. In langen Kolonnen und mit ihrem Gepäck in der Hand gingen sie durch die Stadt, bis an den Rand der Schlucht. Das war das Ende ihrer Reise.

Fünfte Station: Krakau

Die Altstadt von Krakau ist ein Touristen­magnet. So viel an historischer Bausubstanz, Renaissance, Gotik und Barock, Kultur­hauptstadt Europas im Jahr 2000 mit dem grössten mittel­alterlichen Marktplatz, mit Kutschen, Garten­restaurants, Grillständen, Zara und Nespresso. Heute leben eine Million Menschen in Krakau, die Stadt zählt 24 Universitäten und 200’000 Studierende, aber nur noch rund 200 Juden.

Steven Spielberg berichtet in seinem 1993 ausgestrahlten Spielfilm «Schindlers Liste» vom Schicksal der Krakauer Juden. Der Film wurde teilweise im damaligen jüdischen Viertel Kazimierz gedreht, das heute kein jüdisches Viertel mehr ist. Jeder Krakau-Touristen­führer erwähnt ausführlich «Schindlers Liste», doch kaum einer bringt seine Gruppe nach Kazimierz. Es gibt dort nichts zu sehen.

Sechste Station: Auschwitz

Wir sind durchs Gelände von Majdanek gegangen, haben die Leere von Treblinka erfahren. Und nun Auschwitz, 50 Kilometer oder eine gute Stunde Busfahrt von Krakau entfernt. Erst kurz vor dem Ziel weisen einzelne Wegweiser auf das «Museum Auschwitz» hin. Auschwitz ist auch ein Städtchen, Oświęcim auf Polnisch, am Fluss Soła gelegen, mit heute knapp 40’000 Bewohnern. Zwischen dem Stamm­lager Auschwitz I und dem Vernichtungs­lager Birkenau (Auschwitz II), etwa drei Kilometer voneinander entfernt, sind neue Einfamilien­häuser entstanden. Mitten im Wohn­quartier weist ein Schild den Weg hinunter zur ersten «Juden­rampe»: Dort kamen die Züge mit den Deportierten an. Mit Inbetrieb­nahme von Auschwitz II wurde die Eisenbahn­linie verlängert, direkt ins Lager hinein, so nahe wie möglich an die Gaskammern von Birkenau.

Warum haben die Alliierten diese Eisenbahn­linien nicht bombardiert? Sie wussten längst von den Lagern. Jan Karski, Kurier der polnischen Heimat­armee, war es gelungen, aus den besetzten Gebieten zu entkommen. Er informierte 1942 und 1943 die Alliierten in London und Washington über die Vernichtung der Juden. In den USA kam es zur direkten Unterredung mit Präsident Franklin D. Roosevelt. Oder zum Gespräch mit Felix Frankfurter, Richter am Supreme Court. Doch keiner mochte dem polnischen Boten Glauben schenken. Karskis Botschaft war derart ungeheuerlich und unvorstellbar, dass sie nicht ernst genommen wurde.

Aus ganz Europa wurden die Menschen nach Auschwitz gebracht. Wir stehen auf der Rampe von Birkenau. Hier sind die Leute aus den Waggons ausgestiegen, mussten in eine Reihe stehen und wurden von einem SS-Arzt kurz gemustert. Schickte er sie nach rechts, dann bedeutete dies den sofortigen Tod. Wurden sie nach links gewiesen, stand ein Lager­alltag bevor, den nur wenige überlebten. Schwarzweiss­fotos zeigen ankommende Frauen und Kinder, die in den Tod geschickt werden. Sie gehen den Zaun entlang, in Richtung der Gaskammern. Auf der Rampe steht heute ein sorgfältig restaurierter Zugwaggon. Touristen halten ihre Handys in die Höhe und posieren für Selfies.

Vor dem Eingangstor in Auschwitz mit dem zynischen Lagermotto «Arbeit macht frei»: Das Foto, das alle machen.
Hier starben Frauen, Männer, Greise, Kinder, Babys: Vernichtungs­kammer in Auschwitz.

Überhaupt ist der Rummel in Auschwitz irritierend, das pietätlose Verhalten mancher Besucher verstörend. Der grosse Parkplatz vor dem Haupt­eingang zum Stamm­lager ist voller Cars, Reisende aus aller Welt treffen ein, darunter viele Schul­klassen. Einige Gruppen tragen die Flagge ihres Heimat­lands auf dem Rücken und singen patriotische Lieder. Unser Guide heisst Natalia. Sie sagt: «Bitte auf dem Gelände nicht rauchen und nur ohne Blitz fotografieren.»

Wie oft hat sie die Geschichte von Auschwitz schon erzählt?

Am 27. Januar 1945 wird das Lager von den Sowjets befreit. Eine Schwarzweiss­fotografie zeigt eine Frau, die überlebt hat, 25 Kilogramm schwer. Über eine Million Menschen sind in Auschwitz gestorben. Wir gehen von Baracke zu Baracke, in die Bunker im Unter­geschoss, wo Gefangene gefoltert wurden, verhungert und verdurstet sind. Wir kommen an der Villa des Lager­kommandanten Rudolf Höss vorbei, er hatte die Idee, die Häftlinge mit Zyklon B zu ermorden. Weil es schnell und effizient ging und weil die Täter nicht zuschauen mussten, wenn die Menschen qualvoll krepierten.

Es waren Lagerinsassen, Mitglieder des Sonder­kommandos, die die Opfer in die Gaskammern führten und fünfzehn, zwanzig Minuten später die Türen wieder öffneten, die ineinander verkeilten Leiber herauszogen, in die Krematorien transportierten. Rudolf Höss war es auch gewesen, der in Auschwitz die tätowierten Nummern für jene einführte, die nicht sofort ermordet wurden. Es war ein weiterer Schritt hin zur Entmenschlichung.

Natalia führt uns in Räume mit Kinder­kleidern, Kinder­zeichnungen, mit Koffern, Brillen­gestellen oder Bergen von menschlichen Haaren. Nicht alle von uns schaffen es, diese Räume zu betreten. Auf den Koffern stehen Namen: Ruth Heumann, Erna Schwarz, Waisenkind Nr. 615, Dr. Kurt Wieluner, Jacob Greilsamer. Das Notieren hilft, wenn der Boden schwankt. All diese Menschen sind in die Züge gestiegen, unfreiwillig, aber in der Hoffnung, irgend­wohin deportiert zu werden, wo sie den Macht­habern nicht mehr im Wege sind und wo sie die Chance haben, weiterzuleben.

Abermillionen haben vergeblich gehofft.

Die Massenvernichtung, schreibt Zygmunt Bauman, sei nicht von Erregung und Tumulten begleitet worden, «sondern wurde in der Toten­stille allgemeiner Gleichgültigkeit vollzogen».

Und: Der Genozid stelle weder eine Anomalie noch eine Fehl­funktion dar, sondern demonstriere, wohin die rational-technisierten Tendenzen der Moderne führen könnten.

Sie haben in diesem Artikel viele Worte gelesen, aber die wichtigsten drei fehlten. Seit je beruht jede funktionierende Gemeinschaft auf diesen drei Worten. Liebende sagen sie zueinander. Gute Politiker sagen sie ihren Wählern, gute Priester ihrer Gemeinde, gute Eltern ihrem Kind. Sie lauten: Fürchte dich nicht! – Wir von der Republik glauben, dass auch im Journalismus gilt, was Franklin D. Roosevelt einst zur Politik sagte: «Wir haben nichts zu fürchten als die Furcht selbst.»

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