Poesie & Prosa

Die düstere Schönheit der Devices

Philipp Schönthaler: «Der Weg aller Wellen»

Der deutsche Schriftsteller hat einen Roman über die Schrecken des Internetzeitalters geschrieben. Doch gerade im Tech-Jargon der Digitalisierung findet er ästhetische Qualitäten.

Von Johannes Franzen, 16.08.2019

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«Ohne dass etwas Bemerkenswertes vorgefallen wäre, hatte ich von einem auf den anderen Tag keinen Zugang zum Campus mehr.» So beginnt Philipp Schönthalers Roman «Der Weg aller Wellen». Der namenlose Erzähler – Mitarbeiter in einem riesigen Technikkonzern – versucht, seinen Arbeits­platz zu erreichen, doch scheitert er vor dem Handscanner am Eingang: kein einfacher glitch, sondern, wie sich im Verlauf der Handlung zeigen wird, eine digitale Verneinung seiner ganzen Identität. Wie in Franz Kafkas «Process», auf den der erste Satz anspielt, wird auch der Protagonist in «Der Weg aller Wellen» zum Opfer unsichtbarer Mächte, die ihm in eskalierenden Verweigerungen absprechen, ein Mensch zu sein.

Der Roman gehört zu einem mehrbändigen Projekt unter dem Namen «Leben und Dienste». Schon im ersten Teil dieser Reihe, im Erzählband «Vor Anbruch der Morgenröte», ging es Philipp Schönthaler um das Grauen und die Schönheit der digitalen Epoche. Leben und Dienste, Alltag und Arbeit werden in der Gegenwart beherrscht von Techniken der Vernetzung.

Schönthaler ist als Autor auf der Suche nach den literarischen Möglichkeiten dieser Gegenwart, nach dem Horror, aber auch dem Humor, der durch die Erzählung des Digitalen erzeugt werden kann. Diesem Thema hatte er sich auch in seinem Essay «Porträt des Managers als junger Autor» gewidmet, einem Text über die Rolle des Story­tellings in der Unternehmens­strategie grosser Konzerne – kein kultur­kritisches Pamphlet, sondern ein Plädoyer dafür, sich erzählerisch auf diese unsaubere Welt der Vermischung von Digitalität, Wirtschaft und Erzählung einzulassen.

Wie kann eine Literatur des Digitalen aussehen? Philipp Schönthaler gibt die Antwort. Julia von Vietinghoff

«Der Weg aller Wellen» folgt diesem Programm: Faszination statt reflexhafter Abwehr, auch für die weniger appetitlichen Aspekte der Gegenwart. So vermeidet Schönthaler eine Kultur­kritik, wie sie etwa Dave Eggers in seinem Bestseller «The Circle» («Der Circle») vollzieht. Bei Eggers tritt die Protagonistin trotz der Mahnungen ihres tugendhaft internet­abstinenten Ex-Freundes in die Dienste eines monströsen daten­sammelnden Unter­nehmens irgendwo zwischen Facebook, Google und Apple. Sie macht sich zur Mittäterin in einer weltumspannenden Macht­übernahme, in der die Privatsphäre der Menschen durch eine Ideologie der totalen Transparenz vernichtet wird. Eggers’ Buch ist ein dystopischer Thesen­roman; der Autor stellt sein erzählerisches Talent in den Dienst einer kultur­kritischen Analyse.

Schönthalers «Weg aller Wellen» handelt ebenfalls von den Gefahren des Internet­zeitalters. Auch hier wird erzählt von einem mächtigen Technik­konzern irgendwo zwischen Facebook, Google und Apple. Auch hier geht es um die Zerstörung von Individualität. Wer aber in diesem Roman vor allem eine Argumentations­hilfe sucht, kommt nicht auf seine Kosten. Das Buch wiederholt nicht einfach die Klischees der Kritik im Mittel der realistischen Prosa, sondern ringt der digitalisierten Welt literarische Schönheit ab. Der Roman ist ein Beispiel dafür, wie eine Literatur des Digitalen aussehen könnte – über die Fiktionalisierung von Leitartikeln hinaus.

Diese Verbindung von Gegenwarts­diagnose und ästhetischer Subtilität gelingt Schönthaler vor allem deshalb, weil er dem glücklichen Einfall folgt, seinen Roman als Neuauflage von Kafkas «Das Schloss» zu schreiben. Kafka erscheint als naheliegende Vorlage. Wie der Landvermesser K., der erfolglos versucht, das Schloss – den Sitz der mächtigen Bürokratie – zu erreichen, wird auch Schönthalers Erzähler, angestellt in der Abteilung «Sales & Ads», von seinem Arbeitsplatz (dem «Ring») gewaltsam ferngehalten. Mit sich steigernder Panik und einem Gefühl des Kontroll­verlustes, das sich bei der Lektüre ausgesprochen plausibel anfühlt, versucht er vergeblich, sich Zugang zu verschaffen.

Das Kollegium und der Chef weichen seinen digitalen Hilferufen aus. Anrufe bei der Administration enden in Telefon­schleifen und vagen Andeutungen. Schrecken und Komik werden dadurch erzeugt, einem Menschen dabei zuzuschauen, wie er sehnsüchtig ein Ziel umschleicht und sich dabei immer weiter davon entfernt. Die unnahbaren Mechanismen der Biometrie entscheiden scheinbar ohne Anlass und mit erschreckender Plötzlichkeit, dass das Ich des Romans als Mensch nicht mehr registriert wird. Existenz­bedrohend ist das vor allem, weil der Erzähler ansonsten keine Identität besitzt. Wir erfahren kaum etwas über seine Geschichte, seine Kindheit, seine emotionale Entwicklung. Wie bei Kafka folgt auch Schönthalers Text der klaustrophobischen Eigenlogik einer luftdicht abgeschlossenen Welt mit eigenen Gesetzen, die den Leserinnen zunächst absurd erscheinen, bis man sich nach und nach auf diese Gesetze einlässt.

Seltsam und schön wird diese Welt vor allem durch die gleicher­massen irritierende wie originelle Kunstsprache des Romans.

Der Erzähler spricht in einem von Anglizismen durchwirkten Tech-Jargon: die Rede ist von «Phones» und «Devices», es wird «gepunched», «gescannt» oder «gefloated». Doch wird diese Sprechweise nicht vorgeführt – sondern ihre Poesie­fähigkeit in eleganten Sätzen ausgestellt:

Draussen flockten sich die Wolken in einem homogenen Reinweiss, schoben sich geräuschlos ineinander und renderten wahnwitzige, wie am Häufungsgrad der eingehenden Daten erstickende, jeden Sinn und Verstand sprengende Schemas und Shapes.

Diese Mischung aus Tech-Gebabbel und poetischer Beschreibung, aus Hyper­reflexivität und Verblendung, ist die eigentliche Attraktion des Romans.

So ist «Der Weg aller Wellen» auch ein Beispiel dafür, dass konservative Digitalisierungs­kritiker falsch liegen, wenn sie literarische Schönheit gegen die algorithmischen Gefahren verteidigen, wie es der Schriftsteller Ernst-Wilhelm Händler unlängst in einem Essay in der FAZ getan hat. Händler schreibt mit vagem Alarmismus: «Die automatisierte Sprachverarbeitung und die Zurück­dämmung von Emotionen fördern ein inhalts­bezogenes Sprach­verhalten, für das Stil nur ein Störfaktor sein kann. Wer nicht mehr weiss, was Stil ist, vermisst ihn auch nicht.»

Schönthalers Roman zeigt, dass literarische Schönheit sich nicht gegen, sondern nur mit der Gegenwart entwickeln lässt. So wie Kafka seinen Stil aus der vorhandenen Normierung von Sprache und Emotionen einer bürokratisierten Welt der Moderne überhaupt erst herausbilden konnte, so findet Schönthaler seinen Stil in der Auseinander­setzung mit der oft unwirklich und bedrohlich wirkenden digitalen Gegenwart.

Die durchtechnisierte Welt kontaminiert die Wahrnehmung des Erzählers, der im Gesicht einer Frau die «clustermässige Verteilung ihrer Sommer­sprossen» registriert und der seine emotionale Verwirrung nur in der Sprache des Digitalen formulieren kann: «Der Gedanke, dass ich einen toten Pixel auf der Bildfläche darstellen könnte, liess ein undefiniertes Gefühl zurück.»

Diese Sprache erscheint jedoch alles andere als normiert. Selbst dort, wo sie in Fremdworten aufgeht, ist sie lyrisch: «Die Fassaden­elemente leuchteten diaphan, als könnte man durch die Polymerhaut unbekümmert wie durch raschelndes Herbstlaub hindurch­spazieren.» Vor allem in den Natur­beschreibungen besitzt Schönthalers Stil eine seltsame Anmut: «Entlang des Highways bildeten die Zypressen mit ihren vom Wind entstellten Ästen gewebeartige Schwämme, die in einem kaum wahrnehmbaren Unterstrom wogten, dunkle Schatten­risse riesiger Kalbwälder, die sich gegen ihre Umgebung abdichteten.»

In dem Moment, in dem diese Art des Erzählens die Leser zu ermüden droht, folgt im letzten Drittel des Romans ein schroffer Bruch in der Erzähl­perspektive. Die Handlung spielt jetzt in der Wüste, in einer sektenartigen Vereinigung, eingehüllt vom toxischen Staub eines toten Sees.

Diese Vereinigung gruppiert sich um die Figur Ransom, eine Mischung aus Aussteiger, Kultführer und Tech-Guru. Im Zeitraffer wird die Geschichte des Niedergangs einer Zivilisation erzählt, als beiläufige Mikro­katastrophe. Dieser Wechsel der Szenerie wirkt folgerichtig: Die Wüste bietet keinen Fluchtort vor der Klaustrophobie im ersten Teil des Romans. Sie schreibt diese Katastrophen nur fort, verdichtet sie zu einem dystopischen Bild.

Auch das hat Schönthaler von Kafka gelernt: Der Ausstieg aus der modernen Welt ist keine Option, sondern selbst ein modernes Klischee.

Zum Buch

Philipp Schönthaler: «Der Weg aller Wellen». Roman. Matthes & Seitz, Berlin 2019. 269 Seiten, ca. 31 Franken. Der Verlag bietet eine Leseprobe.

Zum Rezensenten

Johannes Franzen, Jahrgang 1984, ist Literatur­wissenschaftler an der Universität Bonn. 2018 erschien sein Buch «Indiskrete Fiktionen» im Wallstein-Verlag.

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