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Das Leben spielt

Die Wirklichkeit, die wir nicht kennen

Von Andrea Arezina, 15.08.2019

Manchmal trennt uns nur ein Fussgänger­streifen von ihnen, aber zwischen ihren und unseren Leben liegen Welten.

«Another Reality» und «Mama Rosa» heissen zwei Dokumentar­filme, die am diesjährigen Filmfestival in Locarno liefen. Beide blicken in Lebens­wirklichkeiten, die den wenigsten Zuschauerinnen und Zuschauern vertraut sein dürften. Was die Filme so sehenswert macht: Sie kommen ohne Analysen und Kommentare von Lehrerinnen, Politologen, Sozial­arbeitern oder Soziologinnen aus. Das Wort haben die Protagonistinnen und Protagonisten selbst.

Die Regisseure von «Another Reality», Noël Dernesch und Olli Waldhauer, haben vier Jahre lang fünf Männer in Berlin begleitet. Agit, Ahmad, Parham, Kianush und Sinan. So unterschiedlich ihre Geschichten auch sind: Die fünf gehören Grossfamilien mit Clanstrukturen an. Und sie haben, immer wieder, das Gesetz übertreten.

Die Frage stellt sich: Bietet man den Kriminellen damit nicht eine Bühne? Doch, das tut man. Dafür erfährt man, was die Gangster antreibt, was ihre Ängste und Träume sind, weshalb sie gelandet sind, wo sie sind.

Einer von ihnen wollte Polizist werden. Hatte die Einladung für die Aufnahme­prüfung schon in der Hand, dann kam die erste Vorstrafe – was für die Polizei­schule noch kein Ausschluss­kriterium war. Doch bei der zweiten Vorstrafe (Körper­verletzung) war er aus dem Rennen. Er holte sich eine dritte wegen Bedrohung von Zeugen und eine vierte wegen Raubs mit Waffen. Das schnelle Geld mit Drogen­handel und illegaler Autovermietung war verlockender. «Selber schuld», sagt er.

Ein anderer schaut nachdenklich in die Kamera: «Es wäre viel cooler, wenn ihr mich ausfragen würdet, wie hast du es geschafft, einen mit Aids infizierten Menschen zu heilen?» Wenn man also, soll das heissen, auf die Frage nach dem eigenen Leben von Helden­taten berichten könnte statt von einer kriminellen Vergangenheit. Das wäre cool.

Manche der Porträtierten sassen mehrere Jahre im Gefängnis. Angst mache ihnen, sagen sie, dass ihrer Familie nun jederzeit jemand etwas antun könnte. Einer erzählt, er hoffe, seine Kinder würden nie so werden wie er. Ein anderer pflichtet bei: Käme irgendein 15-Jähriger zu ihm, weil er Gangster werden möchte, würde er ihm eine Ohrfeige verpassen. «Das ist kein Spass. Das ist kein Leben.»

Sie alle seien irgendwie reingerutscht. Immer tiefer gesunken. Es sei keine Entscheidung, mehr eine Entwicklung gewesen, erzählen sie.

Immer wieder gibt es auch Szenen, bei denen man lachen muss. Etwa wenn Parham versucht, das Verb «sterben» zu konjugieren, und sagt: «Ihr sterbt.»

Der Kollege widerspricht: «Ihr stirbt.»

Parham: «Ihr sterbt.»

So geht das eine ganze Weile, bis die beiden eine Wette abschliessen – nur um das Gleiche beim nächsten Verb fortzusetzen. «Ihr fahrt oder ihr fährt?»

Parham, der heute unter dem Künstler­namen PA Sports als Hip-Hopper bekannt ist, hat es geschafft, sein altes Leben gegen eine Musiker­karriere einzutauschen.

In Locarno lief «Another Reality» erstmals in der Schweiz. Bei der anschliessenden Diskussions­runde wurden die beiden Regisseure zum Beispiel mit dieser Frage aus dem Publikum konfrontiert: «Wieso ist während zweier Stunden keine einzige Frau zu sehen?»

Dernesch und Waldhauer antworteten, es sei ihnen nicht geglückt, Vertrauen zu den Frauen aufzubauen. Einige der Mütter ihrer Protagonisten hätten sie zwar in die Wohnung reingelassen, sie durften auch mal beim Abend­essen dabei sein. Doch im Film vorkommen wollten die Frauen nicht. Die Welt draussen spiele sich praktisch nur in Männer­kreisen ab, aber zu Hause, da gehorchten die Gangster ihren Müttern, so die beiden Regisseure.

Was in «Another Reality» ausgeblendet bleibt, stellt der Regisseur Dejan Barac im Film «Mama Rosa» in den Fokus: seine eigene Mutter.

Rosa würde man kaum in einer der üblichen Zeitschriften-Homestorys porträtieren. Ihre Familie lebt in Luzern in einer Block­wohnung, wie es sie in der Schweiz zu Tausenden gibt. Das Gegenteil von dem, was man aus Architektur­katalogen kennt.

Im Wohnzimmer vor dem Fernseher steht ein kniehoher Tisch. Er ist zugedeckt mit Zigaretten- und Medikamenten­schachteln. Mit Tellern, Tassen, Handys, iPads, einem grossen Computer. Der pflege­bedürftige Ehemann von Rosa (und Stiefvater des Regisseurs): «Wir haben von nichts zu leben.» Die Familie wurde betrieben, ein Teil des Einkommens geht dafür weg.

Rosa schuftet. Sie ist entweder in den Gängen des Alters­heimes zu sehen, in dem sie tagsüber putzt, oder daheim, wenn sie Risotto kocht auf Wunsch der Tochter, die aber wieder mal nicht heimkommt.

Als Opfer sieht sich Rosa nicht. Nur einmal bricht es aus ihr heraus: «Poštovanje fali», die Wertschätzung fehle, sagt sie zum Sohn, als er sie fragt, wieso sie Tränen in den Augen habe. Und womöglich fragt sich die Zuschauerin, wie oft sie selbst schon mal im Gang die Putzfrau wahrgenommen und sich bei ihr fürs Sauber­machen bedankt hat.

Dejan Barac hat für seine zwanzig­minütige Doku Kameras in der Familien­wohnung laufen lassen, auf gut Glück, wie er sagt. Es ist ihm gelungen, die ungeschönte Realität seiner Mutter einzufangen.

Auch Dejan Barac zeigt uns another reality: eine Wirklichkeit mitten unter uns, die wir viel zu selten wahrnehmen.

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