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Wenn coole Typen wie Brad Pitt als Stuntmen auftreten, kann Quentin Tarantino nicht weit sein. Sony Pictures/Imago

Film

Besoffen von Nostalgie

Quentin Tarantino: «Once Upon a Time … in Hollywood»

Der Regisseur frönt in seinem neusten Werk hemmungslos seiner Liebe für die Filmgeschichte – und vernachlässigt darüber seinen eigenen Film.

Von Simon Spiegel, 14.08.2019

Wir alle werden älter – auch das Kino. Ein Viertel­jahrhundert ist es her, da hob Quentin Tarantino mit «Pulp Fiction» das Hollywood­kino aus den Angeln. Natürlich war er nicht alleine, aber seine zweite Regiearbeit steht emblematisch für die Ära des Independent-Kinos der 1990er-Jahre, für eine personelle und ästhetische Frischkur der US-Film­industrie mit ausgeklügelten Dialogen und absurd übertriebenen Gewalt­darstellungen. Vor allem aber steht Tarantino für ein Kino, das in selbstbewusst-ironischer Weise mit erzählerischen Konventionen spielt.

Und 25 Jahre später? Es wäre zweifellos übertrieben, alles, was heute über Leinwände und Bildschirme flimmert, auf Tarantino zurückzuführen. Aber es wäre auch nicht völlig falsch. Mit «Pulp Fiction» erreichte die Post­moderne den Mainstream, und weder weitverzweigte Mega-Franchises wie die Marvel-Superhelden-Filme noch die zahlreichen Serien-Highlights von Netflix und Konsorten wären ohne die tonale Verschiebung denkbar, die Tarantino mitinitiierte.

Es fehlt an Drive

Meister Tarantino scheinen diese Entwicklungen allerdings nur mässig zu interessieren. Während alle von Serien und filmischen Universen sprechen, beklagt er das Verschwinden des analogen Films und denkt laut darüber nach, seinen Job als Regisseur nach seinem zehnten Film an den Nagel zu hängen. Kino ist für Tarantino ein nostalgisches Medium, und wenn die Filmkopie nicht mehr durch Kratzer, Farb­veränderungen und andere Verschleiss­spuren als historisches Artefakt erkennbar ist, geht für den Regisseur eine seiner grundlegenden Qualitäten verloren.

Und damit sind wir bereits mittendrin im Gefühls­kosmos von «Once Upon a Time … in Hollywood», einem Film von regelrechter Nostalgie-Besoffenheit. Erzählt wird die Geschichte von Rick Dalton (Leonardo DiCaprio), einem Fernsehstar, dessen Karriere sich Ende der 1960er-Jahre im Niedergang befindet. Ihm zur Seite steht sein treues Stuntdouble Cliff Booth (Brad Pitt), der mangels Arbeit als Ricks Chauffeur und Mädchen für alles fungiert.

Trotz der leuchtend gelben Kleider: Margot Robbie bleibt als Sharon Tate in «Once Upon a Time» ziemlich blass. Sony Pictures/Keystone

Erzählt wird auch eine der schrecklichsten Episoden in der Geschichte Hollywoods, der Mord an Sharon Tate und vier ihrer Freunde durch Mitglieder der Manson Family. Tate (Margot Robbie) und ihr Ehemann Roman Polanski sind die neuen Nachbarn Daltons, und die regelmässigen Datums­einblendungen machen von Anfang an klar, worauf der Film hinauslaufen wird.

Bis es aber so weit ist, geschieht erstaunlich wenig. Nicht, dass «Once Upon a Time» je richtig langweilig würde, aber dem mehr als zweieinhalb­stündigen Film fehlt es über weite Strecken am richtigen Drive.

Coole Typen, heisse Schlitten, farbige Klamotten

Im Grunde war Tarantino nie ein grosser Geschichten­bauer. Seine Spezialität sind nicht packende Plots mit raffiniert modulierter Spannungs­kurve, sondern das, was man im Englischen als set piece bezeichnet: einzelne Sequenzen, die als mehr oder weniger abgeschlossene Einheiten funktionieren und in die der Filme­macher seine ganze Brillanz packt. Dass Tarantino den zeitlichen Ablauf seiner Filme so gerne durch Kapitel, Rück­blenden und andere erzählerische Kunst­griffe aufbricht, dürfte nicht zuletzt daran liegen, dass er auf diese Weise den oft dünnen Plot kaschieren kann. Das gilt selbst für «Pulp Fiction», wohl nach wie vor Tarantinos Meisterwerk: eine einzige Abfolge filmischer Glanz­momente, die chronologisch erzählt wohl nur halb so interessant wäre.

Gerade diese Glanzmomente fehlen in «Once Upon a Time» aber weitgehend. Stattdessen feiert der Film all jene Dinge, die der Regisseur liebt: coole Typen – insbesondere Stuntmen –, heisse Schlitten, farbige Hippie-Klamotten, Radio­ansagen, fetzige Musik sowie – eine bekannte Obsession Tarantinos – Füsse in allen erdenklichen Hüllen. Und natürlich Filme: «Once Upon a Time» quellt förmlich über von Zitaten und Anspielungen. Kaum eine Szene, in der im Hinter­grund nicht mindestens ein Film­plakat oder eine alte Fernseh­serie zu sehen ist.

Charmant, aber ziemlich beliebig

Wie schon in früheren Filmen hat Tarantino in «Once Upon a Time» besonders grosse Freude daran, den Stil vergangener Epochen zu imitieren. Seine Hauptfigur gibt ihm dazu reichlich Gelegenheit. Tarantino erfindet für Rick Dalton eine ganze Filmografie, die mit kurzen Clips illustriert wird: von der Schwarz­weiss-Westernserie «Bounty Law» über den Zweite-Weltkrieg-Reisser «The 14 Fists of McCluskey» und eine Reihe von Spaghetti-Western bis zu einer Version des Ausbruchs­films «The Great Escape», in der Dalton an der Stelle von Steve McQueen zu sehen ist.

Passt zu Tarantinos Nostalgie-Besessenheit: In seinem neuen Film erzählt er die Geschichte des Fernsehstars Rick Dalton (Leonardo DiCaprio), dessen Karriere sich Ende der 1960er-Jahre dem Ende zuneigt. Sony Pictures/Keystone

Das ist alles sehr charmant, manchmal sogar ausgesprochen witzig, aber es wirkt auch ziemlich beliebig. Was fast völlig fehlt, sind die set pieces, jene grossartigen Momente, die es sonst in jedem Tarantino-Film gibt und die einem mit ungebremster Kraft in Erinnerung rufen, was Kino alles kann.

Die Geschichte von Dalton und Booth könnte genauso gut auch eine Stunde kürzer sein, denn wichtig ist nur, dass sie schliesslich beim 9. August, bei der Nacht der Tate-Morde ankommt. Das Zusammen­treffen der Handlungs­stränge soll schicksalhaft erscheinen, weshalb der Film immer wieder zeigt, was Nachbarin Sharon Tate derweil so treibt. Die Parallel­schaltung suggeriert Bedeutung, ohne diesen Anspruch je einzulösen. Die Szenen mit Tate sind selten interessant und verlangsamen den ohnehin schon plätschernden Film noch zusätzlich.

Das unausweichliche Ende

Für manche Kritiker zeigt sich in der blassen Figur Sharon Tates der angeblich notorische Sexismus Tarantinos; der englische «Guardian» verstieg sich sogar zu einem halben Boykott-Aufruf. Dass es wenig andere Regisseure gibt, deren Œuvre so viele – im übertragenen wie im wörtlichen Sinne – starke Frauen­figuren aufweist, sei hier nur am Rande erwähnt. Zwar ist Margot Robbie als Tate sträflich unterfordert, aber der Grund hierfür dürfte nicht in Tarantinos Frauen­hass liegen, sondern in einem grundlegenden Konstruktions­fehler des Drehbuchs. Die Szenen mit Tate haben schlicht keinen erzählerischen Eigenwert, sondern dienen nur als regelmässige Erinnerung an respektive Vorschau auf das unausweichliche Finale: das Massaker der Manson Family.

Je näher die schicksalhafte Nacht rückt, umso unwohler fühlt man sich allerdings im Kino­sessel. Fiktion darf zwar alles, aber müssen wir unbedingt mitansehen, wie einige durchgeknallte Hippies die hoch­schwangere Tate erstechen? Doch just in diesem Moment überrascht uns der Film gleich doppelt. In der Schluss­sequenz zeigt Tarantino nicht nur endlich, was er wirklich draufhat, er schafft es auch, alle zuvor aufgebauten Erwartungen zu unterlaufen und mit einem gänzlich unerwarteten Ende aufzuwarten. Das entschädigt zwar nicht völlig für die vorangegangenen zweieinhalb Stunden, lässt aber hoffen für seinen nächsten, vielleicht letzten Film.

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… aber die wichtigsten drei fehlten. Seit je beruht jede funktionierende Gemeinschaft auf diesen drei Worten. Liebende sagen sie zueinander. Gute Politiker sagen sie ihren Wählern, gute Priester ihrer Gemeinde, gute Eltern ihrem Kind. Sie lauten: Fürchte dich nicht! – Wir von der Republik glauben, dass auch im Journalismus gilt, was Franklin D. Roosevelt einst zur Politik sagte: «Wir haben nichts zu fürchten als die Furcht selbst.»


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