Stell dir vor, die UBS wird klimaneutral

Was müsste passieren, damit die Finanz­industrie keine Gelder mehr an Öl- und Kohle­firmen vergibt? Wir machen die Probe aufs Exempel.

Von Olivier Christe, 05.08.2019

Eine Bank und ein Haufen Kohle: Die Gruppe Collective Climate Justice blockierte am 8. Juli 2019 die UBS-Filiale am Aeschenplatz in Basel. Georgios Kefalas/Keystone

Die Plakate hingen am 4. Mai überall in der Schweiz: drei kleine Hütchen aus Geldscheinen, darüber bedankt sich die UBS für die Unterstützung während der Finanzkrise – und verspricht als Gegenleistung, das Klima zu retten.

Wie sie das hinkriegen wollte, stand da ebenfalls: «100% klimaneutral».

Das Erstaunen war gross. Die UBS ist nicht irgendeine Bank. Sie gehört zu den 29 global systemrelevanten Geldinstituten, ist weltweit führend in der Vermögens­verwaltung und der grösste Player auf dem Schweizer Finanzplatz.

Der Bund hatte diesen Finanzplatz nur zwei Jahre zuvor einem umfassenden Portfolioverträglichkeitstest unterzogen. Der Test zeigte: Die hiesigen Finanzflüsse unterstützen eine Klima­erwärmung von 4 bis 6 Grad Celsius.

Und nun wollte die UBS alles ändern?

Zu früh gefreut. Das Finanzinstitut distanzierte sich umgehend von der Aktion, kurz darauf bekannte sich die anonyme Gruppe Ignorance Unlimited dazu. Sie hatte über Nacht 400 gefälschte Plakate in acht Städten angebracht.

Ok, Fake. Doch – könnte die UBS das Klima retten, wenn sie wollte?

1. Was das heisst: klimaneutral

Zunächst zu den Begrifflich­keiten. «100 Prozent klimaneutral» bezieht sich auf Finanz­flüsse. Darunter versteht der Bund die gesamthaft in der Schweiz verwalteten Vermögen, also etwa 7200 Milliarden Schweizer Franken.

Das Pariser Klima­übereinkommen schreibt vor, dass diese Finanz­flüsse mit einer emissions­armen Entwicklung in Einklang gebracht werden müssen. Ziel ist eine Begrenzung der Erhöhung der mittleren Erd­temperatur auf deutlich unter 2 Grad, wobei Anstrengungen für 1,5 Grad unternommen werden müssen.

Auf Banken übersetzt ist mit Finanz­flüssen also von dem Geld die Rede, das von oder über Banken in die fossile oder die erneuerbare Industrie fliesst. In der Finanz­welt wird von braunen und grünen Finanz­flüssen gesprochen.

«Klimaneutral» könnte vermuten lassen, dass sich ein Durch­schnitt daraus berechnen liesse und dieser braungrüne Durch­schnitt irgendwie Paris-kompatibel sein müsste. Das klingt gut, ist aber falsch. Um das Pariser Ziel umzusetzen, muss Geld zwar in erneuerbare Energien fliessen – doch vor allem braucht es ein rasches Absenken der Flüsse in die fossile Industrie.

Warum? Ein Irrglaube ist, dass grüne Finanz­flüsse automatisch braune abschaffen. Deutlich machen das zwei Studien, die kürzlich erschienen sind.

Nur wegen mehr grünen Investments nehmen die braunen also nicht ab.

Soll das 1,5-Grad-Ziel eingehalten werden, so reicht das Kohlenstoff­budget der Erde bei gleich­bleibenden Treibhausgas­emissionen noch für knapp zehn Jahre. Der Klima­forscher Reto Knutti von der ETH macht deshalb klar: «Die Treibhausgas­emissionen aller Sektoren müssen auf null gesenkt werden. Der Prozess muss heute beginnen, bis in zehn Jahren die Hälfte geschafft sein.»

Die Vorgabe ist also klar – doch deren Umsetzung für Banken nicht trivial.

Es gibt keine klaren Vorgaben dazu, wie ein Paris-kompatibles Portfolio auszusehen hat. «Zu komplex» sei dies, wird deshalb immer wieder gesagt. Man wisse ja nicht, wie sich einzelne Firmen in Zukunft verhalten würden.

Andererseits ist bekannt: 71 Prozent aller industriellen Emissionen können gemäss dem «Carbon Majors Report» der Vereinigung CDP auf gerade einmal hundert Unter­nehmen aus der fossilen Industrie zurückgeführt werden.

Die Sache wäre im Grunde also einfach: Kein weiteres Geld darf in die Neu­erschliessung fossiler Lager­stätten fliessen. Kohle ist ein absolutes Tabu, von den Förder­firmen müssen Paris-kompatible Ausstiegs­strategien vorgelegt werden.

2. Klimaneutral: Wo steht die UBS?

Das Wichtigste vorneweg: Die UBS erfüllt keinen dieser genannten Punkte.

Über zwei Milliarden Dollar flossen von ihr alleine 2018 in die Erschliessung neuer Reserven. Der gesamten Industrie rund um fossile Brenn­stoffe stellte die UBS gemäss RAN/Banktrack sogar 10 Milliarden Dollar zur Verfügung.

Die klarsten Einschränkungen sieht die Bank für projekt­spezifische Finanzierungen von Kohle­kraftwerken vor. Seit März stellt sie solche nicht mehr zur Verfügung. Der Haken: Gerade Kohle­kraftwerke werden weltweit selten projekt­spezifisch, sondern meist über Unternehmens­kredite finanziert, wie Greig Aitken von der NGO Banktrack berichtet.

Zahlen, die von Banktrack erhoben wurden und der Republik vorliegen, zeigen etwa, dass die UBS 2018 dem chinesischen Energie­unternehmen Huadian Power, das neue Kohle­kraftwerke errichtet, Unternehmens­kredite über (nach Unternehmens­sparte gewichteten) 153 Millionen Dollar gewährte. Insgesamt betrug die Summe aller Finanzierungen von Kohle­kraftwerken durch die UBS vergangenes Jahr rund 332 Millionen Dollar.

Noch nicht kohlefrei

Kreditengagement der UBS im fossilen Bereich, in Dollar

Kohlekraftwerke330 Mio.Flüssiggas320 Mio.Tiefwasserbohrungen250 Mio.Fracking210 Mio.Arktische Bohrungen130 Mio.Kohleförderung120 Mio.Ölsand62 Mio.0200400 Mio.

Quelle: RAN/Banktrack

Die UBS schreibt, dass sie keine Kredit- und Kapitalmarkt­aktivitäten für Unter­nehmen aus dem Kohlebergbau­sektor unterstütze, die sogenanntes MTR (mountaintop removal) betreiben. Allerdings umfasst diese besonders heftig kritisierte Technik des Tagebaus nur einen Bruchteil der weltweiten Kohle­förderung. Der Zuger Firma Glencore etwa stellte die UBS vergangenes Jahr gemäss Banktrack rund 64 Millionen Dollar für Kohleminen zur Verfügung. Weltweit steckte die Bank 121 Millionen Dollar in Kohleminen. Auch für extreme Öl-Förder­methoden wie Fracking, Ölsand und arktische Bohrungen sprach die UBS weiterhin Geld.

Insgesamt zeigen die Nachhaltigkeits­kriterien der Bank wenig Wirkung. Von rund 1650 Finanzierungs­gesuchen mit Berührungs­punkten bei Umwelt-, Sozial- und Governance­themen lehnte sie 2018 nur knapp 100 ab.

3. Klimaneutral: Wo stehen die UBS-Kunden?

Als Bank stellt die UBS der fossilen Industrie direkt Kredite zur Verfügung, als Vermögens­verwalterin berät sie Kundinnen und bietet Anlage­lösungen an. Die Bilanz sieht in diesem Bereich ebenfalls noch nicht Paris-kompatibel aus.

Mit ihren rund 3200 Milliarden Franken an verwaltetem Vermögen zählt die UBS zu den grössten Asset-Managern der Welt. Gemäss einer Analyse der britischen NGO InfluenceMap stossen die Firmen, die mit diesem Vermögen gehalten werden, jährlich Treibhaus­gase im Umfang von 760 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten aus – rund 16-mal so viel wie die ganze Schweiz.

Im Industrievergleich ist diese Bilanz nicht ganz schlecht. Blackrock, der Branchen­primus, ist mit rund doppelt so viel verwaltetem Vermögen für über 12-mal so viele Treibhausgas­emissionen verantwortlich. Trotzdem ist klar: Auch die Kunden der UBS haben noch grösseren Umschichtungsbedarf.

«Vermögende Anleger und institutionelle Kunden interessieren sich zunehmend für das Thema Klima­wandel», sagt Christian Leitz, Leiter Corporate Responsibility bei der UBS. «Im normalen Privatkunden­geschäft schlägt sich die Sensibilisierung noch am wenigsten nieder.»

Der Markt für nachhaltige Anlagen wächst zwar rasant. Ebenso wächst das Engagement der UBS in diesem Bereich. Die Bank gibt an, dass sie 2018 über 87 Milliarden Dollar an Kunden­vermögen klimatisch nachhaltig investiert habe. Das klingt nach viel, entspricht aber nur einem Anteil von 3 Prozent.

Kommt hinzu, dass der Begriff schwammig definiert ist. Nach wirklich Paris-kompatiblen Anlage­lösungen sucht man vergebens. Der klima­freundlichste UBS-Fonds ist nach eigenen Aussagen der Climate Aware Fund. Dieser reduziert den CO2-Fuss­abdruck gegenüber dem globalen Durchschnitt jedoch nur um 40 bis 50 Prozent und ist damit weiterhin kohlenstoff­intensiv.

Gegenüber Privatkunden positioniert sich die UBS vermehrt als Anbieterin grüner Investments. In Gross­britannien diskutiert sie mit Pensions­kassen über Klima­risiken und -ziele. Die Bank analysiert, welche Öl- und Kohle­firmen einen CO2-Verringerungs­plan haben und welche nicht.

Eine Vorreiterin auf diesem Gebiet ist die Bank indes nicht. Kleinere Privat­banken und Versicherungen am hiesigen Finanzplatz sind weiter.

Möchte die UBS also 100 Prozent klimaneutral sein, wie die Fake-Kampagne nahelegt, müsste viel angepasst werden. Ist die Bank dazu gewillt?

Der UBS-Verantwortliche für Nachhaltig­keit, Christian Leitz, sagt: «Wir bestehen nicht auf einem sofortigen und radikalen Ausstieg.» Die Bank lege den Schwerpunkt auf direkte Kunden­gespräche und den Dialog: Man müsse den Unternehmen eine Chance geben, den Übergang zu schaffen.

Diese Methode, Bedingungen ans Geld zu knüpfen, ist neben dem Ausstieg eine andere Möglichkeit einer Paris-kompatiblen Strategie. Die UBS wendet sie nicht alleine an. Wichtige Akteure der Finanz­industrie und aus dem regulatorischen Umfeld vertreten ähnliche Positionen. Um sie glaubwürdig umzusetzen, müsste die UBS allerdings klare Bedingungen formulieren und Konsequenzen ziehen, wenn Unternehmen ihre Ziele nicht einhalten.

Szenenwechsel.

Angenommen, UBS-Chef Sergio Ermotti wacht eines lauen Sommer­morgens auf, blickt aus dem Fenster und sagt: «Diese Erde hat Besseres verdient.» Einen Monat später liegt eine Paris-kompatible Strategie auf dem Tisch.

4. Was wäre, wenn die UBS klimaneutral würde?

Die naheliegende Annahme ist: Wenn sich eine Bank bei ihren Geschäften einschränken muss, kann ihr das nicht nützen – sondern nur schaden.

Ob sie stimmt, ist in diesem Fall allerdings sehr schwer zu beurteilen.

Der betriebswirtschaftliche Schaden bei einem Kredit­stopp an die fossile Industrie hängt von der Summe der betroffenen Vermögens­werte, den Zinsmargen sowie der möglichen Kompensation durch andere Geschäfte ab.

Die UBS gibt an, dass fossile Kredite vergangenes Jahr 1,2 Prozent des gesamten Kredit­engagements ausgemacht haben. Auch wenn Banktrack und RAN klar höhere Zahlen ausweisen, ist klar: Kohle-, Öl- und Gasfirmen bilden nur einen Bruchteil der Einträge im Kreditbuch. Im Vergleich zu den grössten US-Banken ist die UBS nicht ein riesiger Fisch. In der Banktrack-Rangliste der 33 grössten Kohle-, Öl- und Gasfinanzierer liegt die Bank nur auf Rang 25.

Ein kleiner Fisch

Finanzierungen für fossile Unternehmen, in Dollar

1. J.P. Morgan Chase64 Mrd.2. Wells Fargo61 Mrd.3. Citi43 Mrd.6. Barclays25 Mrd.14. Credit Suisse17 Mrd.17. Deutsche Bank15 Mrd.25. UBS10 Mrd.31. Santander4,6 Mrd.04080 Mrd.

Quelle: RAN/Banktrack. Finanzierungen = Kredite an rund 1800 Unternehmen aus dem gesamten fossilen Lebenszyklus, gewichtet nach dem Anteil der Sparte im jeweiligen Unternehmen.

Wie hoch die Margen bei diesen Finanzierungen sind, bleibt Geheimnis der UBS. Allzu stark von gewöhnlichen Kredit­geschäften abweichen dürften sie aber nicht: Bislang sprach eher die Kredit­sicherheit für solche Engagements.

Ähnlich ist es im Bereich der Aktien: Die Rendite eines Portfolios ohne fossile Industrien unterscheidet sich nur unmerklich vom Gesamt­index. Zu diesem Schluss kommt etwa Jeremy Grantham, ein weltbekannter Investor.

Aus fossilen Anlagen auszusteigen, wäre selbst für einen Super­tanker wie die UBS über kurz oder lang also ohne weiteres möglich, sagt Reto Ringger, Gründer der Globalance-Bank, die auf nachhaltige Anlagen spezialisiert ist.

Michael Diaz, Leiter Anlegen bei der Alternativen Bank Schweiz, betont, dass Selbst­beschränkungen, beispielsweise im Rüstungs­bereich, für Banken im Grunde nichts Ausser­gewöhnliches sind: «Sie gehören zum Daily Business.»

Den Strukturwandel anzupacken, wie ihn das Pariser Abkommen verlangt, sei mach- und zumutbar, sagt Peter Fanconi, Präsident der nachhaltigen Investment­firma Blue Orchard und der Graubündner Kantonal­bank. Es gehöre zur strategischen Positionierung eines modernen Finanzinstituts.

Die verschiedenen Aussagen und Analysen deuten darauf hin, dass die UBS eine Klimawende durchaus schaffen könnte, ohne dabei Verluste zu erleiden.

5. Die Kohlenstoffblase

Chancen würden sich sogar bieten: Die UBS könnte durch die Umschichtung von fossilen in Paris-kompatible Geschäfte anderen Banken zuvorkommen und weniger stark betroffen sein, wenn die sogenannte Kohlenstoff­blase platzt und die Preise fossiler Vermögens­werte in den Keller rasseln – ein Szenario, das unter Finanz­experten zuletzt ausgiebig diskutiert wurde.

Steven Ongena, Professor für Banking an der Universität Zürich, schreibt in einer Spezialpublikation, dass sogenannte Stranded Assets, also Vermögens­werte, deren Markt­wert unerwartet drastisch sinkt, im Bereich der fossilen Industrie immer wahrscheinlicher werden. Er rechnet vor, dass dadurch global 560 Milliarden Dollar verdampfen könnten und sich dies in Form einer Finanz­krise auf die internationale Wirtschaft ausweiten würde.

Ob dieses Szenario wirklich eintritt, wissen wir erst in ein paar Jahren. Sergio Rossi, Professor für Finanz­ökonomie an der Universität Fribourg, glaubt, ein überstürzter CO2-Ausstieg einer system­relevanten Bank wie der UBS könnte sogar der Auslöser sein, der die Kohlenstoff­blase zum Platzen bringt. Egal, ob das stimmt oder nicht: Erneut auf der falschen Seite der Geschichte zu stehen, ist ein Risiko, das sich eine Bank wie die UBS nicht leisten kann.

Eine an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften erarbeitete Master­arbeit schätzt, dass in der UBS-Bilanz bereits heute klimabedingte Finanz­risiken über 14 Milliarden Dollar schlummern. Das ist zwar nicht so viel, wie die Bank in der US-Hypotheken­krise von 2007 und 2008 verlor, aber genug, um das Finanz­institut ein weiteres Mal in die Knie zu zwingen.

Die Risiken lassen eigentlich nur eine Strategie zu: 100 Prozent klimaneutral.

Zu diesem Schluss kommen nicht nur Klima­aktivisten, sondern auch Leute wie Christine Lagarde, Direktorin des Internationalen Währungs­fonds. Ohne einen globalen Effort zur Verminderung der Emissionen würden steigende Temperaturen bald zur Auslöschung ganzer Wirtschafts­sektoren führen, sagte sie am diesjährigen World Economic Forum in Davos.

Knapper sagte es der französische Finanz­minister Bruno Le Maire in einer Rede vom November 2018: «Notre finance sera verte – ou elle ne sera pas.»

Unsere Wirtschaft wird grün sein – oder gar nicht.

6. Klimaneutral: Was tut die Politik?

Die Politik schlief lange – nun wacht sie langsam auf. Zurzeit gibt es zwei Empfehlungen, wie mit klima­bedingten Finanz­risiken umzugehen ist.

Eine stammt von der Task-Force on Climate-related Financial Disclosures (TCFD), einer Initiative unter Leitung des New Yorker Ex-Bürger­meisters Michael Bloomberg. Sie wurde 2015 gegründet und empfahl Unternehmen 2017, freiwillig ihre Risiken offenzulegen: Wie stark sind sie von physischen Risiken wie etwa Überschwemmungen, Zyklonen oder Dürren betroffen? Wie wirkt sich die Klima­politik von Staaten auf ihr Geschäft aus?

Die durch TCFD geförderte Transparenz ist grund­legend – aber sie beinhaltet keine Absenk­ziele. Die Bedeutung dieses Unter­schieds beweist die UBS selbst. Sie stellt bereits heute klima­bezogene Kennzahlen nach TCFD zur Verfügung. So gibt sie für 2018 an, keine signifikanten klima­bezogenen Finanz­risiken in ihrer Bilanz erkannt zu haben. Diese Fest­stellung erstaunt.

Entweder wettet die UBS darauf, dass das 1,5-Grad-Ziel verfehlt wird, oder sie stützt sich darauf, dass Versicherungen schon für den Schaden aufkommen werden. Ein Spiel mit dem Feuer: So kommunizierte der Versicherungsriese AXA, dass spätestens eine Plus-4-Grad-Welt nicht mehr versicherbar sei.

Eine zweite Empfehlung richtet sich an Aufsichts­behörden. Sie stammt vom Network for Greening the Financial Sector (NGFS), einem weltweiten Zusammen­schluss solcher Institutionen. Die Autorinnen betonen, dass der Klimawandel sich von anderen Risiken unterscheide: Er sei unumkehrbar, Massnahmen seien dringend. Der NGFS-Bericht hält fest, dass klimabedingte finanzielle Risiken noch nicht ausreichend an der Börse abgebildet seien. Massnahmen zur Schadens­begrenzung und Anpassung seien deshalb jetzt nötig und fielen in die Mandate von Zentral­banken und Aufsichtsbehörden.

Nach fast zweijährigem Zögern traten die Schweizerische National­bank (SNB) und die Eidgenössische Finanzmarkt­aufsicht (Finma) im Frühling dem Netzwerk bei. Sie waren damit eine der letzten solchen Institutionen globaler Finanzplätze. Die Empfehlungen würden geprüft, sagen sie auf Anfrage. Die Dringlichkeit, die der Bericht nennt, scheint aber nicht angekommen zu sein.

So schreibt die SNB, dass das Ziel der Mitglied­schaft Erfahrungs­austausch und Erkenntnis­gewinn sei. Die Finma evaluiert, wo und wie Klima­risiken stärker in die Aufsichts­tätigkeit integriert werden könnten. Es sei aber in erster Linie an den Finanz­instituten selbst, Klima­risiken zu minimieren.

Die NGFS-Empfehlungen richten sich weiter an die Finanzmarkt­politik. In der Schweiz ist dafür das Eidgenössische Finanz­departement (EFD) zuständig. Diesem empfehlen sie Massnahmen für die Etablierung der TCFD-Richtlinien sowie die Erarbeitung klarer Definitionen von Grün und Braun.

Das EFD sah für beides bislang keinen Bedarf. So schrieb es Ende Mai auf Anfrage, dass ein Verbot der direkten und indirekten Finanzierung von Kohle­kraftwerken oder von Firmen, die in die Ölförderung oder in Flüssiggas investieren, schwer mit der Wirtschafts­freiheit zu vereinbaren wäre.

Wie die Dekarbonisierung auf diesem Weg der Freiwillig­keit vorankommen soll, ist unklar. Bei der UBS war gemäss Banktrack zuletzt eine Zunahme der braunen Finanz­flüsse zu beobachten; und bei der Credit Suisse bewegen sich diese Flüsse sogar noch auf höherem Niveau als bei der UBS.

Immerhin: Ende Juni berichtete der Bundesrat unerwartet, dass er Klima­regulierungen für den Finanz­markt prüfe. In seiner Medien­mitteilung erwähnt er den Aktionsplan für nachhaltige Finanzanlagen, den die EU im März vorgelegt hat. Dieser sieht vier Punkte vor:

  • klare Nachhaltigkeits­definitionen

  • Offenlegungspflichten

  • kohlenstoffarme Vergleichs­indizes

  • Richtlinien für Kunden­gespräche

Das Paket wird noch in diesem Jahr dem EU-Parlament vorgelegt und wird, falls verabschiedet, zum Gesetz für alle Mitgliedsstaaten.

In der Schweiz ist das passende Gefäss für solche Regulierungen das CO2-Gesetz. Zurzeit prüft die Umwelt­kommission des Ständerats, wie die Finanz­flüsse darin eingebunden werden können. In der Herbst­session soll über den Entwurf informiert werden. Anschliessend ist der Ball beim Nationalrat. Das Gesetz kann wohl frühestens 2021 in Kraft treten.

Fazit

Vor wenigen Wochen haben sich Teile eines nationalen Klima­streiks im deutschen Aachen mit einer Aktion der aktivistischen Gruppe Ende Gelände gegen das Kohlebergbau­unternehmen RWE zusammen­geschlossen. Während mehrerer Tage blockierten sie die dortigen Tagebauminen.

Ende Gelände ist Teil des europa­weiten Netzwerks By2020weriseup. Bei diesem dabei ist auch die Gruppe Collective Climate Justice, deren Mitglieder sich letzte Woche aus Protest gegen die Anlage­politik vor den Eingangs­türen der Credit Suisse in Zürich und der UBS in Basel anketteten.

Nun wird viel darüber diskutiert, ob das zu weit ging. Spätestens seit der Rio-Konferenz von 1992 sind die Folgen des Klima­wandels aber bekannt. Damals wäre ein langsamer Übergang noch möglich gewesen – heute nicht mehr.

100 Prozent klimaneutral: Ob die UBS das kann, ist deshalb die falsche Frage.

Die richtige lautet, wie sie und alle anderen Finanzmarkt­akteure sofort dazu gebracht werden können, Paris-kompatible Strategien aufzugleisen. Denn eine Alternative dazu gibt es für den Planeten und seine Bewohner nicht.

Zum Autor

Olivier Christe ist freier Journalist. Er lebt in Basel, schreibt über Klimapolitik und verfolgt insbesondere klimaaktivistische Bewegungen in der Schweiz und Europa.

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