Und dann wirst du zum Problem gemacht

Roxane Gay ist eine der wichtigsten feministischen Stimmen. In ihrem neuen, autobiografischen Buch spricht sie über das Thema «fatness» – und zielt auf die Verbindung zwischen verschiedenen Formen der Diskriminierung.

Von Sieglinde Geisel, 27.07.2019

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«Wenn ich mit Halsschmerzen zum Arzt gehe, möchte ich mir nicht anhören, dass ich abnehmen soll, sondern ich möchte etwas gegen die Halsschmerzen»: Roxane Gay (2014). Jennifer Silverberg/Guardian/eyevine/laif

Dicke Menschen entkommen ihrem Körper nicht. «Egal, was ich leiste, zuallererst werde ich immer dick sein.»

Das schreibt Roxane Gay in ihrem Buch «Hunger», das im amerikanischen Original 2017 herauskam. Bereits ihr Essayband «Bad Feminist» (2014) war ein Bestseller, doch berühmt wurde sie in Amerika und bald international, als sie über ihre fatness schrieb. Dieses Jahr sind beide Bücher auf Deutsch erschienen, und beim Openair Literatur Festival Zürich hatte Roxane Gay vor kurzem ihren ersten Auftritt im deutsch­sprachigen Raum.

Wir treffen uns in der Lobby ihres Hotels. Ich habe nicht das Gefühl, mit meinen Fragen vorsichtig sein zu müssen, und doch habe ich ein Problem bei der Suche nach den richtigen Worten. Fürs Dicksein gibt es selbst in unserer politisch manchmal hyper­korrekten Zeit keinen höflichen Ausdruck. Roxane Gay nennt sich selbst fat, ihre Übersetzerin Anne Spielmann vermeidet das im Deutschen so negativ besetzte Wort «fett», meistens heisst es «dick».

Sprache, betont Roxane Gay, sei enorm wichtig: «Worte können vielen Menschen dabei helfen, das Gefühl zu haben, dass sie auf der Welt sein dürfen», sagt sie in einem dieser sorgfältig formulierten Sätze, deren Resonanz­raum weit über das Problem von fatness hinausgeht. Denn mit ihrer dunklen Hautfarbe – ihre Eltern stammen aus Haiti – kennt Roxane Gay Diskriminierung auch noch in anderer Hinsicht.

Ein perfektes Wort werde es wohl nie geben, meint Gay erstaunlich gelassen, aber fat sei immerhin korrekt. Sie zieht das Wort allen anderen Begriffen vor: Obese sei ein medizinischer Begriff und impliziere, dass man ein Problem sei. Das Gleiche gelte für den vermeintlich neutralen Begriff overweight, schliesslich setzt der eine Norm voraus.

«Und dann sind da diese merkwürdigen politisch korrekten Worte. Es gibt Leute, die bezeichnen sich beispiels­weise als fluffy. Doch ich bin 44 Jahre alt, und ich werde mich sicher nicht ‹flauschig› nennen, ich bin ja kein Haustier», sagt sie lachend. Ihr Humor ist befreiend, auch in ihren Texten begegnet man dieser unverblümten Sprache. «Ich bin der dickste Mensch – das ist der ständige destruktive Refrain, und ich entkomme ihm nicht.» Als ich sage, ich fände solche Sätze mutig, widerspricht Roxane Gay: «Das ist nicht mutig, sondern schlicht die Wahrheit.»

Schreiben mache sie glücklich, sagt sie, schon seit ihrer Kindheit. Denn über das, was sie schreibe, habe sie Kontrolle. Nach ihrem Creative-Writing-Studium war Roxane Gay Privat­dozentin, zeitweise Gastprofessorin, ansonsten lebte sie die prekäre Existenz einer freien Schrift­stellerin. Und nun: feministische Starautorin.

Der Ruhm kommt ihr immer noch surreal vor. Er hat ihre Geldprobleme gelöst – «I was broke like a joke», witzelt sie abends bei der Lesung, als sie darauf angesprochen wird –, doch hat er ihr auch eine Verantwortung aufgebürdet, die sie nie gesucht hatte. Für viele dicke Menschen ist sie ein Hoffnungs­anker. «Manche Menschen offenbaren mir in E-Mails Dinge, die sie noch nie jemandem erzählt haben. Ich fühle mich oft nicht in der Lage, darauf mit der Sorgfalt zu reagieren, die sie verdienten.»

Die erste Charakter­eigenschaft, die Roxane Gay zugeschrieben wird, lautet meistens: Humor. Doch sie hat auch das, was man gesunden Menschen­verstand nennt. Als bad feminist bezeichnet sie sich, seit sie erkannt hat, dass sie den landläufigen Idealvorstellungen des Feminismus nicht entspricht – sei es, weil sie nicht den richtigen Musik­geschmack hat, denn sie hört gerne Rap, auch wenn die Texte frauen­verachtend sind; sei es wegen ihrer Lieblingsfarbe Pink. Ihr geht es darum, den Feminismus über die weisse Mittelklasse hinaus zu erweitern.

«Feminismus kann man nicht auf das Geschlecht reduzieren. Wir müssen auch über race sprechen, über ethnische Zugehörigkeit, sexuelle Orientierung, Klasse und so weiter. Denn wir erleben Macht ganz unterschiedlich.» Eine schwarze Frau, die ihre Kinder allein grosszieht und im Niedriglohn­sektor arbeitet, hat ganz andere Probleme als eine Sheryl Sandberg: Die Geschäfts­führerin von Facebook will in ihrem Buch «Lean In» ambitionierten Frauen Mut machen, endlich die Glasdecke zur Chefetage zu durchstossen. Den einen Frauen geht es um die Karriere, den anderen ums Überleben.

Und noch ein grosses Lebensthema: Scham

In «Hunger» beschreibt Gay schonungslos, wie beschwerlich ihr Leben ist, sobald sie die eigene Wohnung verlässt. Treppen­steigen ist eine Heraus­forderung, und bei Einladungen denken die Gastgeber oft nicht daran, einen Stuhl für sie bereit­zustellen, in den sie hineinpasst. In ihrem Buch wolle sie ehrlich sein – «even if it sucks. And it sure did suck!», sagt sie und lacht. Ein Moment, in dem mir eine Zahl aus ihrem Buch einfällt: 261 Kilo hat sie gewogen, als sie sich bei einer Infoveranstaltung zur Adipositas-Chirurgie auf die Waage stellte. «Ich hatte geglaubt, das Gefühl der Scham zu kennen, aber erst an diesem Abend wusste ich, was Scham wirklich ist», heisst es im Buch.

25 Jahre hatte Roxane Gay über das Ereignis geschwiegen, das der Auslöser ihres Dickwerdens war. Als Kind war sie mager, hoch aufgeschossen, sie ist 1,91 Meter gross. Mit zwölf Jahren dann wurde das Mädchen Opfer einer Gruppen­vergewaltigung, in einer Hütte im Wald, ein Verbrechen, das ihr Leben in ein Vorher und ein Nachher teilte und dazu führte, dass sie alles ass, was sie bekommen konnte. Sie fühlte sich wertlos und ausgeliefert und ass sich einen Panzer an, denn nur so fühlte sie sich sicher.

Wie ein Leitmotiv zieht sich die Wendung «braves Mädchen» durch ihre Texte. Ihre Familie erwartete gute Noten, gutes Benehmen und beruflichen Erfolg. In Haiti ist Fettleibigkeit noch mehr verpönt als im Westen, und so war ihr Gewicht in der Familie ein ständiges Thema. Mit 19 Jahren tauchte sie unter, ging mit einem älteren Mann, den sie im Internet kennen­gelernt hatte, nach Arizona.

Sie hatte Glück: «Dieser ältere Mann war mir fremd, aber er war nett. Er tat mir nicht weh», heisst es in «Hunger». «Er zwang mich nie zu irgend­etwas, was ich nicht tun wollte. Er passte auf mich auf und stellte mich anderen Leuten vor, die mir fremd, aber nett waren und mich so akzeptierten, wie ich war – jung, verloren und ein verdammtes Wrack –, ohne mich auszunutzen.» Nach einem Jahr gelang es ihrer Familie, sie aufzuspüren.

Über diese schreibt Roxane Gay mit grosser Wertschätzung: «Alles, was gut und stark an mir ist, beginnt mit meinen Eltern.» Von der Vergewaltigung allerdings erfuhren ihre Eltern erst durch «Bad Feminist». Wie viele Opfer sexueller Übergriffe hatte Gay sich schuldig gefühlt. «Meine Familie ist sehr katholisch», erklärt sie, «und ich dachte, die Vergewaltigung sei bereits vorehelicher Sex.» Ihr Vater war verletzt, als er von dem Verbrechen erfuhr, er hätte alles dafür getan, seiner Tochter Recht zu verschaffen. Als «Hunger» erschien, bat sie ihre Eltern, das Buch nicht zu lesen. «Ich habe ihnen gesagt: Es steht nichts drin, dessent­wegen ihr sonntags nicht mehr in die Kirche gehen könntet.»

Und wie kam es zu dem Entschluss, «Hunger» zu schreiben?

Als der Vorgänger «Bad Feminist» erschien, drängte ihre Agentin dazu, gleich einen Vertrag für das nächste Buch abzuschliessen. «Ich sagte ihr: Worüber ich am aller­wenigsten schreiben möchte, ist fatness – und in diesem Moment war mir klar, dass ich genau darüber schreiben sollte.»

Aber das Schreiben fiel ihr ungeheuer schwer. Zwei Jahre lang hat sie das Buch vor sich hergeschoben – und es dann in vier Monaten geschrieben. «Ich hatte keine Lust, den Vorschuss zurückzuzahlen», erklärt sie nur halb ironisch. Nie wieder werde ihr ein Buch so schwer­fallen wie dieses. Über ihren Körper zu schreiben, in dem sie von Tag zu Tag lebt, sei eine Heraus­forderung gewesen, eine Konfrontation mit den eigenen Verhaltensmustern.

Auf die unausgesprochene Frage «Warum bist du so dick?» aber habe sie nach wie vor keine Antwort. In den USA gelten 38 Prozent der Bevölkerung als krankhaft fettleibig, und auch viele andere Länder haben wachsende Zahlen von Betroffenen zu verzeichnen. Nicht immer hat das selbst­zerstörerische Essen einen so klar benennbaren Auslöser wie bei Roxane Gay. Trotzdem ist sie überzeugt: «Es kommt nur sehr selten vor, dass jemand einfach ein Vielfrass ist. Meistens gibt es einen Grund dafür.»

Doch unabhängig von der Frage nach den Ursachen: Vielleicht sollten wir, meint Gay, «viel eher fragen: Bist du glücklich? Bist du gesund?» Als dicker Mensch kann man durchaus glücklich und gesund sein – allerdings wird es einem nicht leicht gemacht. Ein besonderes Problem sind dabei ausgerechnet die Ärzte. «Wenn ich mit Halsschmerzen zum Arzt gehe, möchte ich mir nicht anhören, dass ich abnehmen soll, sondern ich möchte etwas gegen die Halsschmerzen.» Hier scheint ihr Buch immerhin ein Umdenken in Gang zu setzen: Viele Ärzte berichten, dass «Hunger» ihren Blick auf fettleibige Patienten verändert habe.

Am Anfang des Buchs lehnt Roxane Gay die magen­verkleinernde Operation noch ab, der sie sich im Januar 2018 dann doch unterzogen hat. «Will ich mit 60 Jahren bettlägerig sein?», hatte sie sich gefragt. Denn die Gelenke halten diesem Gewicht auf Dauer nicht stand. Manche Leute glaubten, diese Operation sei eine einfache Lösung. «Dabei ist es die schwierigste aller Entscheidungen.» Das erste Jahr nach der Operation sei schrecklich, man müsse völlig neu essen lernen, und manche Nährstoffe kann der Körper nicht mehr aufnehmen. Sie bereut den Schritt trotzdem nicht, denn der Erfolg ist ungleich grösser als bei jeder Diät. «Ich kaufe mir jeden Monat neue Kleider.» 80 Kilo hat sie bisher abgenommen, damit sei sie auf halber Strecke zu ihrem Ziel.

Die Operation lässt das körperliche Hunger­gefühl verschwinden. In «Hunger» heisst es allerdings: «Ich weiss, dass der Hunger im Kopf ist und im Körper und im Herz und in der Seele.»

Was geschieht mit dem mentalen Hunger, der dazu geführt hat, dass ihr Essverhalten ausser Kontrolle geriet?

Die Frage ist berechtigt, denn es gibt eine Folge der Operation, von der niemand spricht: Viele Menschen greifen danach zum Alkohol oder zu Drogen. «Auf dem Internet finden Sie ganze message boards, die sich mit nichts anderem befassen.» Roxane Gay geht seit der Operation wieder in die Therapie. Um zu verhindern, dass sie in alte Muster zurückfällt. Denn es geht nicht nur um die Aufarbeitung des ursprünglichen Traumas. Mit einem dicken Körper in einer Gesellschaft zu leben, die mit dicken Menschen ein Problem hat, das kann selbst traumatisierend sein.

Wie sehr sie im Alltag noch immer mit fatphobia konfrontiert ist, musste Roxane Gay indes auch in Zürich erfahren. Auf dem Weg zu ihrem Hotel­zimmer habe eine Dame bei ihrem Anblick entsetzt nach ihrem Mann gerufen, ganz als traue sie ihren Augen nicht. «Hey, I’m a person!», habe sie dieser Frau gesagt. Denn das ist das Verletzende bei Begegnungen dieser Art: nicht mehr als Mensch wahrgenommen zu werden.

Ihrem Buch hätte Roxane Gay auch den Titel «Scham» geben können. «In dicken Körpern ist so viel Scham gebunden. Es hat mit der Scham begonnen über das, was mir geschehen ist. Diese Scham hatte zur Folge, dass ich es niemandem sagte. Und dann kam die Scham, in einem dicken Körper zu leben.»

Hat Roxane Gay eine Definition für Scham?

«Gute Frage! Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Ich denke, Scham entsteht in dem Moment, wo du glaubst, du seist ein Problem, obwohl du es nicht bist.»

Wie so viele Sätze von Roxane Gay weist auch dieser über ihre eigene Situation hinaus und zielt auf jede Form der Diskriminierung ab. Wir leben in einer Zeit, in der Menschen allzu leicht zum Problem erklärt werden. Auch wenn sie nur anders sind.

Zu den Büchern

Roxane Gay: «Hunger. Die Geschichte meines Körpers». Aus dem Englischen von Anne Spielmann. btb-Verlag, München 2019. 320 Seiten, ca. 35 Franken. Der Verlag bietet eine Leseprobe.

Im englischen Original: «Hunger. A Memoir of (My) Body». Harper 2017, ca. 26 Dollar. Der Verlag bietet eine Leseprobe.

Roxane Gay: «Bad Feminist. Essays». Aus dem Englischen von Anne Spielmann. btb-Verlag, München 2019. 416 Seiten, ca. 16 Franken. Der Verlag bietet eine Leseprobe.

Im englischen Original: «Bad Feminist. Essays». Harper 2014, ca. 16 Dollar. Der Verlag bietet eine Leseprobe.

Zur Autorin

Sieglinde Geisel, Kultur­journalistin und Buch­autorin in Berlin, ist die Gründerin und Leiterin von «tell» – Online­magazin für Literatur und Zeit­genossenschaft. Im Zürcher Kampa-Verlag erschien in Buch­form das lange Gespräch zwischen ihr und Peter Bichsel «Was wäre, wenn?». Für die Republik schrieb Sieglinde Geisel zuletzt über Julian Barnes.

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