Im Zweifelsfall geschmeidig

Thierry Burkart vertritt in der FDP alte Werte und gilt als frische Kraft. Der Aargauer ist auf bestem Weg in den Ständerat.

Ein Porträt von Ursula von Arx (Text) und Yves Bachmann (Bilder), 19.07.2019

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So lacht kein Untertan. So lacht ein Sieger: Thierry Burkart.

Ein Glücksfall von Mann. Voller bewährter Tugenden. «Gradlinig, überzeugend, bürgerlich» – mit diesen verbalen Hinweis­schildern macht Thierry Burkart auf seiner Website auf sich aufmerksam.

Gereckt und gleichzeitig gelassen steht er da, hinter ihm sattgrün blühende Felder, gepflegt-üppige Wälder, sanft sich wellende Hügel. Das blassblaue Hemd, perfekt gebügelt und porentief rein, spannt an den genau richtigen Stellen. Es wird gekrönt von einem informierten Blick und einem potent zupackenden Lächeln, wobei die Intaktheit des Gebisses zu bewundern ist: Wie eine Phalanx von Soldaten sind die Zähne aufgestellt, lückenlos blitz­blanken sie einen an. So lacht kein Untertan. So lacht ein Sieger.

Zur strahlenden Erscheinung kombiniert er einen ruhigen Auftritt. «Als Politiker bin ich zurück­haltend. Als Politiker muss man sich bewusst sein, dass man nicht nur sich selber repräsentiert», sagt Thierry Burkart. Er sagt es wie ein Staats­mann, passend zum Ort, an dem wir uns befinden. Es ist Juni, wir sitzen an einem Tisch in der Nähe des Ständerats­saales der Schweizerischen Eidgenossenschaft, dem wahrscheinlich zukünftigen Arbeitsplatz von Thierry Burkart.

Wie ein Staatsmann

Thierry Burkart ist unterwegs, tagaus, tagein. Von der Session in Bern geht es jetzt dann gleich weiter zu einer TCS-Versammlung in Neuenburg. Seine 200-Quadrat­meter-Terrassen­wohnung hoch über Baden sieht ihn kaum, so fleissig engagiert er sich für die Zukunft unseres Landes und die seine. Das private Glück ordnet er dem öffentlichen unter. Zwar bedauert er, sich mit seinen 43 Jahren noch nicht verbindlich gebunden zu fühlen, aber «die Frauen von heute» seien «anspruchs­voller», so erklärte er sich sein Single­dasein in der «Schweiz am Sonntag», «sie wollen keinen Mann, der ständig auf Achse ist».

Und «ständig auf Achse» ist Thierry Burkart tatsächlich. Ob als FDP-Nationalrat und FDP-Ständerats­kandidat, ob als Mitglied des FDP-Fraktions­vorstandes und als Mitglied der FDP-Partei­führung, ob als Vize­präsident der Anti-EU-Beitritt-Bewegung Perspective CH oder als Vize­präsident des Verwaltungs­rates der Assista Rechts­schutz SA oder als Präsident des Verbandes Fernwärme Schweiz oder als Verwaltungs­rat der Birchmeier Holding AG oder als Vorstand und Konsulent des Aargauischen Gewerbe­verbandes (AGV); ob in Baden oder Birr, in Giswil, Habsburg, Lenzburg, Neuenburg oder Kaiseraugst, ob in Oberentfelden, Möriken-Wildegg oder in Reitnau, in Siggenthal, in Unterkulm, Zofingen, in Wohlen oder Wittnau: Unermüdlich redet Thierry Burkart vor und mit Leuten, schüttelt Hände, klopft Schultern, spinnt Netze, lächelt Komplimente weg (etwa wenn TCS-Zentral­präsident Peter Goetschi ihn in seiner Gegenwart als «verlässlich, blitzgescheit, zielorientiert und gesund ambitiös» lobt) – und dabei werden seine Mund­winkel so permanent nach oben gezogen, dass man fürchten könnte, mimisch sei sein Gesicht bald nicht mehr aufzutauen.

Die Furcht ist unbegründet. Denn Thierry Burkart sieht weder die Schweiz im Allgemeinen noch den Kanton Aargau im Besonderen als Land des ewigen Lächelns. Sondern eben: «Fleiss, Engagement, Bescheidenheit, Eigenverantwortung.»

Männliche Seilschaften

Leistung muss sich lohnen. «Das Leistungs­prinzip muss aufrecht­erhalten werden», sagt er. Der Sozial­staat solle nur zum Einsatz kommen, wenn es nicht anders gehe, zum Beispiel bei der Überbrückungs­rente für über Sechzig­jährige, da ist er, Thierry Burkart, dafür, denn in ihren Genuss kämen «Menschen, die ein ganzes Leben lang gekrüppelt haben», da sei er «auch als liberaler Mensch der Überzeugung, dass die Gesellschaft eine Verantwortung trägt».

Doch nur schon die Idee eines vom Staat ausgegebenen bedingungs­losen Grund­einkommens strapaziert sein staats­skeptisch ausgerichtetes Vorstellungs­vermögen. Er ist dagegen. Zwar sieht Thierry Burkart durchaus, dass «unter­stützende Rahmen­bedingungen» hilfreich sind fürs Reüssieren, doch glaubt er fest daran, «dass man sich Erfolg durch Einsatz­willen erarbeiten kann».

Bei solchen gedanklichen Vorgaben kann es nicht erstaunen, dass sich in Thierry Burkarts Unterstützerclub die Sieg- und Einfluss­reichen versammeln: lauter Verwaltungs­räte, Verwaltungsrats­präsidenten, Partei­präsidenten, sonstige Präsidenten, Unter­nehmer, CEOs, National­rätinnen, ehemalige National­räte, Staats­anwälte, Chefärzte, Ober­richter, Berufs­offiziere, Divisionäre a. D. (ehemals Kdt Ter Reg 2), Geschäfts­inhaber, Geschäfts­mitinhaber, Geschäftsführer.

Thierry Burkarts vorwiegend männliche Seil­schaften lassen ihn nicht im Stich: Wer sich mit ihm bei Perspective CH gegen einen EU-Beitritt engagiert, der findet sich auch unter seinen Unter­stützern, so der Unter­nehmer Otto H. Suhner oder Dr. Daniel Heller von Farner Consulting oder Andreas Glarner, SVP-Nationalrat und Präsident der Aargauischen Vater­ländischen Vereinigung.

«Ein Fall von Kindsentführung»

Wenn Thierry Burkart die Seite der Mächtigen vertritt und weniger die Seite der abgewrackten Habenichtse, dann nicht, weil er kein Gehör für deren Sorgen hätte, sondern weil er deren Sorgen für vermeidbar hält. Sie selbst nämlich könnten sie vermeiden, würden sie sich nur bemühen. Mindestens hier in der Schweiz. In einem Land wie Indien sei das natürlich anders, relativiert er: «Wegen des Kasten­denkens. Aber in unserem Land, und das liebe ich wirklich sehr an unserem Land, da ist die soziale Durchlässigkeit gross.»

Er selbst ist ja der lebende Beweis dafür, dass Kummer versickern kann, wenn man ihn nicht hochkocht. Dass mit der richtigen Einstellung ein stabiles Selbst­gefühl sich einstellt. Dass Straucheln kein Natur­gesetz ist und Arbeit sich auszahlt.

Er stammt aus einer, wie er sagt, «einfachen Mittelstands­familie». Er war drei Jahre alt, als sein Vater Frau und Kinder verliess, um in seine alte Heimat Italien zurückzukehren, im Gepäck hatte er Thierrys fünf Jahre älteren Bruder: «Es war ein Fall von Kinds­entführung», sagt Thierry Burkart heute. Mit dem Bruder hat er inzwischen ab und an Kontakt, der Vater ist verstorben. Die Mutter, von Beruf Heil­pädagogin, hat zu hundert Prozent als Lehrerin gearbeitet und zog ihn und seine Schwester allein auf, ohne Alimente.

Aber Thierry Burkart hatte nie das Gefühl, das eigentliche Leben fände bei den Nachbarn statt. «Mir fehlte nichts», sagt er. Er hatte Freunde, eine nette Gross­mutter, und vor allem hatte er einen Gross­vater, der mit ihm Schnee­männer baute, Schlösser und Schützen­häuser besuchte und abends aus Grimms Märchen vorlas. Thierry Burkart hat das Buch bis heute, hat es in Leder einbinden lassen, dieses Buch wäre der Gegenstand, den er retten würde, würde sein Haus brennen. Der Gross­vater starb, als sein Enkel sechseinhalb war. Thierry Burkart wird allgemein: «Was bringt es zu klagen?», fragt er und sagt, dass er sich Selbst­mitleid verbiete.

Kein Kaltblüter

Die Schulen durchlief er problemlos, danach Studium der Rechts­wissenschaft an der HSG St. Gallen und in Lausanne, um nun neben seinen vielen Neben­ämtern als lic. iur. Rechts­anwalt LL. M. zu arbeiten, bei Voser Rechts­anwälte, Baden, zu 30 bis 40 Prozent.

Thierry Burkart klagt also nicht. Eher sieht er sich als vom Schicksal gehegt: «Es hat nicht jeder die Möglichkeiten, die ich haben darf.» Und wenn er ein bisschen später erzählt, wie er an ebendiesem Anlass war, an dem ein ihm bekannter Unternehmer seinen Sohn offiziell zu seinem Nachfolger ernannt hatte, und wie dabei die Worte fielen: «Ich bin stolz, mein Sohn, was du mit der Firma machst», und wie dieser Satz ihn, Thierry Burkart, zu Tränen gerührt habe, so erzählt er die Episode nicht, um zu einem ausschweifenden Sezieren einer möglichen unverarbeiteten Vater­sehnsucht anzuregen, sondern um zu illustrieren, dass er ein Mensch mit Gefühlen ist und kein kaltes Stück Fleisch. Er sagt: «Ich bin ein emotionaler Mensch.» Und: «Ich kann durchaus einmal aufbrausend sein.» Und: «Ich bin nah am Wasser gebaut.» Und: «Mir geht schnell etwas zu Herzen.»

Nein, Thierry Burkart ist kein Kaltblüter. Er hat warmes, rotes Blut in seinen Adern und eine weiche, rührbare Seele. Und er schämt sich nicht dafür. Nicht für die Tränen, die er bei «Nur die Liebe zählt» vergossen hat, einer deutschen Fernseh­show, die zwischen 1993 und 2011 vor laufender Kamera Menschen zusammen­führte, die sich lange nicht mehr gesehen hatten, oder Liebende, die einander ihre Liebe gestanden. Und erst recht schämt er sich nicht für die vielen Tränen, die er um seinen bei einem Auto­unfall verstorbenen Schul­freund weinte. Bei der Rede aber, die er an der Trauer­feier zu halten hatte, schaffte er es, «stark zu bleiben, weil ich nicht in die Leute schaute».

Berechnend, sehr berechnend, komplett berechnend

Mit einem solchen Einblick in sein Leben und Denken hält Thierry Burkart all jenen Politikerkolleginnen entgegen, die ihn als «viel unnahbarer, als man denken würde» (Irène Kälin, Nationalrätin Grüne) taxieren, als «aalglatt» (FDP-Kollege), als «berechnend» (Cédric Wermuth, SP-Nationalrat), als «sehr berechnend» (Irène Kälin, Nationalrätin Grüne) oder als «komplett berechnend» (FDP-Kollege) bezeichnen.

Sicher ist: Für das Ziel, nicht nur sich selber, sondern bald den ganzen Kanton Aargau in der kleinen Kammer repräsentieren zu können, hat Thierry Burkart gute Vorarbeit geleistet. Das wird mit an Bewunderung grenzender Sachlichkeit erkannt: «Seine Karriere ist durchgeplant», sagt Cédric Wermuth. «Er hat seine Karriere geplant. Da wird nichts dem Zufall überlassen», ist Irène Kälin überzeugt. «Er überlässt in seiner politischen Tätigkeit nichts dem Zufall», weiss Sabina Freiermuth, FDP-Fraktions­präsidentin im Aargauer Grossen Rat.

Sie meint das «im positiven Sinne», dass er sich «in seinen Kern­themen wie kein Zweiter auskennt». Er könne darum manchmal «fordernd» sein, «halbe Sachen gehen nicht», er habe «sehr hohe Ansprüche in erster Linie an sich, aber auch an die anderen». Sabina Freiermuth lobt seine «Kreativität»: Wenn es auch nur eine winzige Schnitt­menge gebe für einen möglichen Kompromiss, Thierry Burkart finde sie, sagt sie.

SP-Nationalrat Matthias Aebischer stimmt zu: «Er reicht keinen Vorstoss ein ohne Chance auf eine Mehrheit.» Die Zusammen­arbeit beim Bundes­beschluss über die Velowege ist ihm in guter Erinnerung. Thierry Burkart habe begriffen, dass es für Autofahrer Vorteile bringe, wenn die Strasse durch Velowege und einen funktionierenden öffentlichen Verkehr entlastet werde.

Auch der Aargauer Cédric Wermuth hat ein «professionelles Vertrauens­verhältnis» zu Thierry Burkart, sie haben gemeinsam das Komitee Bahn­anschluss Mittelland gegründet: «Er hält sich an das, was man abmacht.» – «Ebendies», sagt Sabina Freiermuth, also «dieses umfassende Denken», auch über Partei­grenzen hinweg, das schätze sie «ganz besonders an Thierry Burkart». Und: Er sei «ein Stratege, wie ich keinen zweiten kenne».

Bloss nicht aus dem Fenster lehnen

Dass Thierry Burkart das Handwerk des politischen Taktierens wie ein Meister beherrscht, bezweifelt keiner: Es sei clever, wie er probiere, «für seine Sachen Mehrheiten zu bekommen, dafür weibelt er auch gerne bei seinen Ratskollegen», sagt Eric Nussbaumer, SP-Nationalrat. Ein FDP-Kollege sagt: «Er schielt extrem nach rechts. Das ist im Kanton Aargau, wo die SVP über 35 Prozent macht, strategisch sicher klug, wenn man dieses Potenzial für sich erschliesst.» Und Irène Kälin hegt den Verdacht, «dass der Überzeugungs­täter Thierry Burkart vom Strategen Thierry Burkart überrollt wurde».

Tatsächlich zeigt sich Thierry Burkart bei potenziell heiklen Themen geschmeidig. Oder verschwiegen. Es gibt Situationen, da lässt er sich offenbar nicht gerne ins Gesicht und in die Karten sehen. Da kann es passieren, dass er – so geschehen am Seminar der FDP-Bundeshaus­fraktion in Engelberg – sich weder an der Diskussion zum Rahmen­abkommen beteiligt noch an der Abstimmung dazu. Er verliess den Raum vorher, «damit er sich nicht aus dem Fenster lehnen musste», vermutet ein Partei­kollege. Das war im Februar. Auf die Frage, wie er es aktuell mit dem Rahmen­abkommen halte, antwortet Thierry Burkart ausweichend, zuerst müsse die Kündigungs­initiative der SVP bekämpft werden, denn werde die angenommen, sei das Rahmen­abkommen sowieso vom Tisch.

Thierry Burkart, Kompromisskünstler mit weicher Seele und unbändigem Wille zur Selbstoptimierung.

Auch kann es passieren, dass er sich am Parteitag entschuldigen lässt, wenn über die Verschärfung des Waffen­rechts abgestimmt wird. Im Gegensatz zu seiner Partei lehnte er diese ab, wollte aber der FDP nicht in den Rücken fallen. So positionierte er sich gegenüber der Mutter­partei als einerseits loyal und andererseits unabhängig. Und konnte gleichzeitig der SVP gefahrlos zuwinken, still, standhaft, doch nicht exponiert.

Dort kommt das gut an: SVP-Nationalrat Adrian Amstutz sitzt mit ihm in der Kommission für Verkehr und Fernmelde­wesen und lobt ihn «als verlässlichen Verkehrs­politiker». Die Zusammen­arbeit sei «hervorragend», nicht zuletzt, weil Thierry Burkart «sich auch parteiintern abgrenzt». «Wohltuend» sei es, «dass er sich nicht von jedem grünen Lüftchen umwehen» lasse und «den Ablasshandel mit der CO2-Abgabe» nicht einfach gutheisse.

Klimawandel «teilweise menschengemacht»

CO2-Lenkungsabgabe, Reduktion des CO2-Ausstosses bis 2050 auf null, Flugticket­abgabe, keine alten Elektro­heizungen, keine neuen AKWs – Thierry Burkart kann die neue Klima­politik seiner Partei­präsidentin Petra Gössi und der FDP-Basis wohl nur schon deshalb nicht einfach gutheissen, weil er in seinem Kampf um den Ständerat von zahlreichen Logistikern unterstützt wird.

Ihnen dürfte er sich verpflichtet fühlen, entsprechend vorsichtig wählt er jetzt die Worte: «Ich anerkenne selbst­verständlich, dass der Klima­wandel teilweise menschen­gemacht ist», sagt er. Um gleich zu betonen, dass «bei der Diskussion um die Massnahmen» darauf geachtet werden müsse, dass sie «nicht nur ökologisch nachhaltig» seien, sondern auch «ökonomisch und sozial nachhaltig». Er verweist auf «die gilets jaunes in Frankreich, wo bereits eine Erhöhung von nur 7 Eurocent auf den Liter Benzin zu landes­weiten Protesten» geführt habe. Als Künstler der kosten­freien Worte zeigt er sich auch, wenn er «Massnahmen» fordert, «die Wirkung zeigen und keine Symbol­politik» seien. Und er benutzt das gleiche Wort wie die SVP, auch er spricht von Ablasshandel: «Ein moderner Ablass­handel kann nicht das Ziel der Politik sein.»

Wenn Thierry Burkart spricht, klingt es nie polemisch, nie hetzerisch, nicht nach Wahlkampf. Er kann dasselbe sagen wie seine Kollegen von der SVP, bei ihm kommt es im Duktus der Stimme der Vernunft daher. Er könnte uns erzählen, das Klima würde gerettet werden, wenn alle Menschen einmal vom 10-Meter-Brett herunter­springen würden, wir würden glauben, die reine Fakten­demut spreche aus ihm.

Natürlich gibt es immer Leute, die Verpackungs­künste nicht zu schätzen wissen und die glauben, den Inhalt von der Form klar unterscheiden zu können. Sie sehen dann zum Beispiel in Thierry Burkarts überraschender Bekannt­machung, dass er seine Ämter als Vize­präsident des TCS Schweiz und als Präsident des TCS Aargau abgeben werde – einen strategischen Schachzug. Das habe er nur gemacht, weil er befürchte, es könnte der Karriere schaden, in dieser klima­freundlichen Zeit zu eindeutig mit Auto, Strasse und CO2 in Verbindung gebracht zu werden, vermuten sie. Thierry Burkart selber hat eine andere Erklärung: «Es ist besser zu gehen, wenn es bedauert wird, als dass bedauert wird, dass man noch nicht gegangen ist», sagte er in einer Rede an der TCS-Delegierten­versammlung in Neuenburg.

Hände ohne Ende, die geschüttelt sein wollen

Die Rede hielt er teilweise auf Französisch – und gab sich dabei keine Blösse. Sein Auftritt war tipptopp: Locker perlten die Worte aus seinem Mund, makellos die Aussprache, charmant sein Lächeln, klar die Botschaft: Der Verkehr auf den Schweizer Strassen soll so fliessend werden wie sein Französisch. Die vier Wochen Intensiv­kurs in Frankreich und die Kontakt­pflege zu den welschen Kollegen im Nationalrat, wo er «sprachlich profitieren darf», haben schöne Früchte getragen.

Dass Thierry Burkarts unbändiger Wille zur Selbstoptimierung registriert und gewürdigt wird, zeigen die Reaktionen seiner TCS-Kollegen. Viele schenken ihm ihre Zuwendung, Hände ohne Ende, die geschüttelt sein wollen:

«Super Rede, Thierry. Chapeau!»

«Thierry, ich verfolge jeden deiner Schritte.»

«Thierry und ich, wir haben zusammen durchgebracht, dass die Autobahnvignette nicht teurer wird, gäll, Thierry.»

«Ja, da haben wir ja unseren zukünftigen Ständerat!»

«Darf man schon gratulieren?»

Thierry Burkart scheint sich im Erwartungs­korsett seiner Fans nicht unwohl zu fühlen. Nur ein bisschen wirkt er wie ein zufälliger Gast auf seiner eigenen Geburtstagsparty.

Vielleicht etwas Rückwärtsgewandtes

Zum Glück ist seine Rastlosigkeit nicht rein beruflicher Natur: «Ich bin gerne unter Leuten», sagt er. Er spielt Poker («Da bleib ich gelassen, auch wenn ich verliere – und das geschieht oft»). Er geht wandern («Mit Freunden, die mit Politik nichts zu tun haben»).

Oder er besucht – als ehemaliger Harley- und heutiger Vespa­besitzer – das Trucker- und Country-Festival in Interlaken. Dass er kaum zwischen diese ganzen Kerle passt, die, nachdem sie genug getankt haben, eine kleine Rauferei zu schätzen wissen, spielt keine Rolle. Denn Thierry Burkart lebt seine Geselligkeit manchmal auch mit Jägern aus, obwohl er kein Jäger ist, an Schützen­festen, obwohl er kein Schütze ist, und an Schwing­festen, obwohl er kein Schwinger ist.

Seine Faszination für diese spezifischen Sport­arten gründet in einem emotional-intellektuellen Überbau: Neben dem «technologischen Anschluss» und der «Positionierung der Schweiz in der Welt mittels Freihandels­abkommen» enthält Thierry Burkarts Zukunfts­vision für sein Land nämlich noch einen dritten Punkt, und der heisst «Identität bewahren». In den althergebrachten Traditionen des Schwingens, Schiessens und Jagens verortet er «die Seele unseres Landes», die es zu pflegen gelte. Das möge, sinniert er, «vielleicht etwas Rückwärts­gewandtes» haben, aber ebenso «etwas Warmes» und «Verbindendes», was man ja auch im Militär finden könne, «neben dem Sicherheits­element natürlich», quasi als Nebeneffekt.

Er schliesst nichts aus und niemanden

Man könnte jetzt das Offensichtliche einwenden, dass das Identitäts­angebot von Thierry Burkart sich haupt­sächlich an blasshäutige Schweizer Männer zu richten scheine. Dass sein Bild der Welt vielleicht etwas monochrom ausgefallen sei, dass es hierzulande auch anders­farbige Menschen gebe und weibliche.

Aber das weiss er natürlich auch. Doch sieht er keine Notwendigkeit, lauthals in den so stark gewachsenen Chor derer einzustimmen, die gegen das Bewährte ansingen. Er fühlt sich dieser rasant wachsenden Herde von Meinungs­helden nicht zugehörig, die mutig zu sein glauben, wenn sie Armee, Atom, Ozon und alles Alte infrage stellen und dabei deren grosse Verdienste ignorieren.

Er selber schliesst nichts aus und niemanden. Er ist offenherzig, auch gegenüber den Frauen. In der «Arena» sagte er zu Regula Rytz, der Partei­präsidentin der Grünen, dass er sie, also Regula Rytz, eben allgemein sehr gerne anschaue. In der «Schweizer Illustrierten» sagte er, dass er seine Harley schon viel früher verkauft hätte, hätte er gewusst, «welche Wirkung die Vespa auf Frauen hat».

Es mag Leute geben, die diese Art von Charme für verstaubt halten. Andere sehen in Thierry Burkart die Zukunft. Mindestens die Zukunft der FDP. Er ist für sie ein Hoffnungs­träger, ihr Shootingstar.

Zur Autorin

Die Journalistin Ursula von Arx schreibt über alles Menschenmögliche. Im Verlag Kein & Aber sind von ihr der Anti-Glücks­ratgeber «Ein gutes Leben» und «Liebe, lebenslänglich», eine Sammlung von Familien­geschichten, erschienen. Jeden zweiten Montag schreibt sie eine Kolumne für den «Blick». Für die Republik schrieb sie bereits ein Porträt über Tamy Glauser.

Sie haben in diesem Artikel viele Worte gelesen, aber die wichtigsten drei fehlten. Seit je beruht jede funktionierende Gemeinschaft auf diesen drei Worten. Liebende sagen sie zueinander. Gute Politiker sagen sie ihren Wählern, gute Priester ihrer Gemeinde, gute Eltern ihrem Kind. Sie lauten: Fürchte dich nicht! – Wir von der Republik glauben, dass auch im Journalismus gilt, was Franklin D. Roosevelt einst zur Politik sagte: «Wir haben nichts zu fürchten als die Furcht selbst.»

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