Strassberg

Ich bin, der ich nicht bin!

Was ist Identität? Eine private Fiktion, sagt David Hume. Und diesen Begriff von Identität sollten wir bejahen. Teil 2/2.

Von Daniel Strassberg, 16.07.2019

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Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er nicht sich selbst ist. Diese Abwandlung eines Schiller­zitats hätte die Punch­line der letztwöchigen Auszählung dessen sein können, was Identität meines Erachtens nicht ist: ein durch Gott, das Gehirn oder die Gene festgelegtes inneres Wesen, für das wir scheints ein untrügliches Gefühl haben. Ich habe das Ende der Ironie bedauert, des spielerischen Umgangs mit sich selbst, besonders auch mit der Geschlechts­identität, so wie ihn die Queer-Community pflegt. Heute muss jede erdenkliche Variante buchstäblich festgeschrieben werden. Irgendwann wird man Autofahrer*&~Innen schreiben müssen.

Gerne hätte ich es bei der Kritik belassen. Doch Identität ist in den letzten Jahren zu einem Politikum erstens Ranges geworden, das uns zwingt, eine Bestimmung von Identität zu suchen, die nicht den Identitären in die Hände spielt. Kleinlaut geben selbst Linke zu, dass Globalisierung und Individualisierung Identität zerstört hätten, und sie fordern einen neuen linken Patriotismus. Herbert Grönemeyer besingt dann die Schönheit Bochums. Doch ist das tatsächlich eine Alternative zum Loblied der SVP auf die Schönheit der Schweizer Berge? Verankern nicht beide Identität in einem zufälligen Stück Boden? Wie früher die Konstellation der Sterne soll nun die Mutter Erde unser Wesen bestimmen?

Was also könnte Identität bedeuten, wenn sie nicht als Seele eingehaucht, im Gehirn und in den Genen festgeschrieben oder durch den Boden verliehen wird? Und wenn sie andererseits nicht wie ein Joghurt in der Migros beliebig ausgewählt werden kann?

Ich machte mich auf die Suche und wurde bei David Hume (1711 bis 1776) fündig. In seinem Traktat über die menschliche Natur entwickelt er eine Vorstellung von Identität, auf die sich ein ironischer Umgang mit sich selbst gründen liesse.

Es gibt einige Philosophen, die sich einbilden, wir seien uns dessen, was wir unser Ich nennen, jeden Augenblick aufs unmittelbarste bewusst; wir fühlten seine Existenz und seine Dauer; wir seien sowohl seiner vollkommenen Identität unmittelbar gewiss.

[Sie nehmen] vielleicht etwas Einfaches und Dauerndes in sich wahr, was sie «sich selbst» nennen; ich bin doch gewiss, dass sich in mir kein derartiges Moment findet.

Es findet sich im Geist in Wahrheit weder in einem einzelnen Zeit­punkt Einfachheit noch in verschiedenen Zeit­punkten Identität; sosehr wir auch von Natur geneigt sein mögen, uns eine solche Einfachheit und Identität einzubilden.

Aus: David Hume, «Ein Traktat über die menschliche Natur», Buch 1, Teil IV, Absch. 6

Hume lässt keinen Zweifel daran, dass es Identität nicht «gibt», jedenfalls nicht so, dass man in meinem Genom feststellen könnte, zu wie viel Prozent ich Jude bin (wird aber gemacht!). Identität sei eine Fiktion, sagt er, allerdings eine, die wir dringend brauchen, weil wir unsere Erfahrungen auf irgendetwas Fixes beziehen müssen. Sonst würden wir in diesem sich ständig in Veränderung befindlichen Strom der Erfahrungen, der Leben heisst, untergehen. Diesen Fluchtpunkt des Erlebens nennt Hume Identität – oder Selbst.

Nun folgt ein bemerkenswerter Zusatz: Nur diejenigen Erfahrungen werden für die Identität relevant, auf die wir entweder stolz sind oder für die wir uns schämen (pride and humility). Stolz und Scham erlauben uns, Erfahrungen als unsere eigenen Erfahrungen zu erkennen.

Ein Mensch ist beispielsweise stolz auf ein schönes Haus, das ihm gehört oder das er selbst gebaut und zustande gebracht hat. Objekt des Stolzes ist in diesem Falle er selbst; Ursache desselben das schöne Haus.

Ich bin stolz auf dieses Haus, weil es erstens schön ist und weil es, zweitens, mir gehört. Vielleicht besitze ich es, vielleicht habe ich es gebaut, manchmal genügt es, dass ich seit Jahren auf meinem Weg zur Arbeit daran vorbeigehe. Stolz werde ich es dann meinem Besucher zeigen. Jedenfalls kann ich mir das Haus in irgendeiner Weise zurechnen. Dadurch weiss ich gleichzeitig, was mein bedeutet. Wer ich bin.

Stolz oder Scham (wenn Sie in Mallorca einer Gruppe Aargauer begegnen) zeigen gleichsam Zugehörigkeiten an. Auf die Siege der Schweizer Fussball­national­mannschaft bin ich beispielsweise mächtig stolz (Tatsache!), weil ich sie mir auf eine undurchsichtige Weise zurechne und als zu mir gehörig betrachte. Sie gehören zu meiner Identität, ja sie produzieren letztlich meine Identität, denn ich weiss, dass ich Schweizer bin, weil ich selbst auf einen Sieg gegen Andorra stolz bin (nochmals: Tatsache!).

Ich bin stolz, obwohl ich natürlich genau weiss, dass ich an den Siegen keinerlei Anteil und keinerlei Verdienst habe. Der Fehlschluss der Identitären ist, dass sie glauben, die Zugehörigkeit zu einem Flecken Erde bringe den Stolz hervor – und nicht umgekehrt –, und sie sich deshalb die Zugehörigkeit als Verdienst anrechnen.

Wenn ich hingegen stolz auf die Schweizer National­mannschaft bin, so weil mich viele Erinnerungen mit ihr verbinden. Zum Beispiel, dass ich mit meinem Vater in den Ferien stundenlang in die nächste Beiz gewandert bin, um ihre Spiele anzusehen.

Identität ist demnach das Sediment einer Lebens­geschichte, all jener Dinge, auf die ich einmal stolz war oder für die ich mich schämte, all jener Gegebenheiten, mit denen ich fertigwerden musste. Und diese Erfahrungen prägten die Art, wie ich fortan die Welt sah.

Humes Auffassung bietet tatsächlich einen Ausweg aus der Sackgasse der heutigen Debatte, die zwischen Essentialismus und Konstruktivismus erstarrt ist. Der Essentialist behauptet, Identität sei biologisch, historisch, geografisch oder theologisch festgelegt. Der Konstruktivist kontert, Identität sei lediglich eine gesellschaftliche Konstruktion, eine Rollen­zuschreibung. Beide Positionen scheinen mir wenig plausibel, weil beide Identität letztlich als Zugehörigkeit zu einer Gattung (Frau, Mann, Schweizer, Muslim, Schwarzer, Arbeiter) und nicht als Resultat einer Lebens­geschichte begreifen. Und weil beide dadurch deterministisch werden: Der Essentialismus leugnet die Möglichkeit, sich zu dem, was uns mitgegeben ist, auf unterschiedliche Weisen zu verhalten, der Konstruktivismus leugnet, dass zufällige Lebens­ereignisse, wie eine Krankheit oder der frühe Tod der Eltern, eine Rolle spielen und dass biologische Gegebenheiten wie Grösse, biologisches Geschlecht und Lungen­volumen real sind und nicht bloss konstruiert.

Dass Identität als fixe Zugehörigkeit zu einfachen und groben Klassen verstanden wird – Schweizer, Mann, Jude, weiss –, führt zu dem paradoxen Mythos, dass Identität frei gewählt werden kann. Wie geht das zusammen? Die Identität ist schon immer festgelegt, so die Theorie, aber die meisten Menschen wissen nicht, wer sie in Wirklichkeit sind. Wer nun eine Identität wählt, hat, wenn er alles richtig macht, bloss seine wahre, tief in ihm verborgene Identität wiederentdeckt. Ob ich – aus freien Stücken – die richtige Wahl getroffen habe, wird über meinen Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Darüber, ob ich wirklich ich selber bin.

Demgegenüber ist Humes Identität eine private Fiktion, die hilft, unterschiedlichste Erfahrungen in die Lebens­geschichte zu integrieren. Schweizer zu sein, ist also nicht Zugehörigkeit zu einem Volk oder zu einem Land, sondern bloss der Name für einen bestimmten Strang meiner Lebens­geschichte, für eine bestimmte Weise, mich zu meinen Erfahrungen und Gegebenheiten zu verhalten.

Solange ich mir bewusst bin, dass Identität keine heilige Mission, sondern eine private Fantasie ist, kann ich spielerisch damit umgehen. Und auch mal auf einen Sieg von Andorra stolz sein. Aus purer Schadenfreude.

Dies ist der zweite Teil einer Kolumne über das Konzept der Identität. Den ersten Teil finden Sie hier.

Illustration: Michela Buttignol

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