Strassberg

Ich bin, der ich bin!

Was ist Identität? Warum neoliberale Ideologie, Späthippietum und Rechtsidentitäre die falsche Antwort haben. Teil 1/2.

Von Daniel Strassberg, 09.07.2019

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Als der internationale Leichtathletik-Weltverband kürzlich entschied, dass Caster Semenya nur noch in einem 800-Meter-Lauf als Frau starten dürfe, wenn sie vorgängig ihren Testosteron­spiegel medikamentös senke, war ein Argument gegen diesen Entscheid, dass sich Caster Semenya eben als Frau fühle.

Einige Transgender, vor allem diejenigen, die durch die Medien geschleppt werden, begründen ihren Wunsch nach einem operativen Eingriff mit dem Gefühl, eine Frau in einem Männer­körper oder ein Mann in einem Frauen­körper zu sein, ein Gefühl, das sie oft schon seit ihrer Kindheit begleite. Auch war zu lesen, dass Menschen, die sich dunkelhäutig fühlen, künftig das Recht haben sollen, dies in ihren Papieren festzuhalten. Eigentlich, so die Aussage, bin ich eine Frau/ein Mann/dunkelhäutig, doch ich lebe in einem falschen Körper.

Auf der anderen Seite will der deutsche Gesundheits­minister Jens Spahn sogenannte Konversions­therapien verbieten, die Schwule zu Heteros umpolen sollen, auch dann, wenn dies vom Klienten gewünscht wird.

Zur Klarstellung: 1. Der Semenya-Entscheid ist in vielerlei Hinsicht fragwürdig. 2. Jede/jeder soll eine andere Lebens­form derjenigen vorziehen dürfen, in der sie/er gerade lebt. Also auch als Frau mit Penis oder als Mann mit Vulva. 3. Konversions­therapien sind hanebüchener Unfug.

Dennoch interessiert mich die Frage, was das Gefühl bedeutet, eigentlich im falschen Körper zu leben. Und weshalb man dieses Gefühl für stichhaltiger hält als das Gefühl, eine falsche sexuelle Orientierung zu haben, also zum Beispiel homosexuell zu sein und lieber heterosexuell sein zu wollen. Was hat das alles mit Identität zu tun?

Die feministische Philosophie hat nach 1968 die Vorstellung von Identität radikal umgekrempelt: Wir werden nicht als Frau geboren, hiess es damals, wir werden zu Frauen gemacht. Frau zu sein, ist kein Schicksal, Frausein ist eine Lebens­form. Zwar sind auch Lebens­formen gesellschaftlich vorgestanzt, doch frau kann sich dazu unterschiedlich verhalten: Sie kann sie akzeptieren, sich gegen sie auflehnen, sie verändern oder sogar ganz wechseln. Welch eine Befreiung, nicht nur für Frauen! Frau kann mit Lebens­formen spielen, mann kann sich verkleiden und maskieren. Jede und jeder kann zu seiner sogenannten Identität eine ironische Distanz gewinnen, mal Frau sein, mal Mann, mal rebellisch, mal angepasst, mal sich selbst, mal ein anderer. Frau muss sich nicht entscheiden.

Der amerikanische Philosoph Richard Rorty trat für diese ironische Haltung ein:

«Leute dieser Art nenne ich ‹Ironikerinnen›, weil sie nie ganz dazu in der Lage [sind], sich selbst ernst zu nehmen, weil [sie] immer dessen gewahr [bleiben], dass die Begriffe, in denen sie sich selbst beschreiben, Veränderungen unterliegen; immer im Bewusstsein der Kontingenz und Hinfälligkeit ihrer abschliessenden Vokabulare, also auch ihres eigenen Selbst.

[...]

Das Gegenteil von Ironie ist gesunder Menschenverstand.»

Richard Rorty, «Kontingenz, Ironie und Solidarität», S. 127–128.

Ironikerin zu sein, bedeutet also, für etwas einzustehen, ohne sich damit völlig zu identifizieren, für etwas zu kämpfen, ohne sich der Sache sicher zu sein, und vor allem: nicht immer mit sich übereinstimmen zu müssen, nicht immer sich selbst sein zu müssen.

Doch nun ist Schluss mit lustig, es gilt wieder ernst. Eine merkwürdige Koalition aus neoliberaler Ideologie («Du bist, was du sein willst»), Späthippietum («So stimmt das für mich») und Rechts­identitären («Die Schweiz den Schweizern») haben der Ironie den Garaus gemacht und die Identität wieder biologisch fixiert. Allerdings nicht in den sekundären Geschlechts­merkmalen wie einst, sondern im Gehirn – oder in den Genen. Wird im ersten Drittel der Schwangerschaft viel Testosteron ausgeschüttet und im letzten wenig, wird das Gehirn des Kindes weiblich und der Körper männlich. Sagt die Wissenschaft.

Um das Jahr 1260 stellte Thomas von Aquin fest, dass Gott dem männlichen Fötus nach 40 Tagen, dem weiblichen nach 80 Tagen eine Seele einhaucht. Die 40 Tage mehr Reifezeit lassen die männliche Seele der weiblichen Seele haushoch überlegen sein. Deswegen hielt der heilige Thomas die Frau für einen Missgriff der Natur.

Das ist gespenstisch nahe bei den neurobiologischen Erklärungen von Identität! Und es ist ein gefährlicher Rückfall in die dunklen Zeiten, als die Seele noch Schicksal war und die gesellschaftliche Stellung festlegte. Gemäss der Theologie im Mittelalter bekam man eine unveränderliche Seele für alle Zeiten zugeteilt. Die von der Neurobiologie betriebene Gehirn­metaphysik ist de facto nur eine leichte Abwandlung der mittelalterlichen Seelen­lehre: Wieder gibt es eine ewige weibliche Seele (Gehirn), eine ewige männliche Seele (Gehirn), eine ewige schwarze Seele (Gehirn) und eine ewige weisse Seele (Gehirn). Da der Seele das Primat über den Körper zukommt, darf man den Körper der Seele anpassen, nicht aber die Seele selbst verändern. Deshalb gehören Konversions­therapien verboten.

Dennoch gibt es zwischen der katholischen Seelen­lehre und dem heutigen Identitäts­biologismus eine entscheidende Differenz: Allmächtig und allwissend ist nicht mehr Gott, sondern das eigene Gefühl. Ich bin, was ich fühle! Sich selbst als höchste Instanz über das eigene Selbst zu setzen, führt aber letztlich nur zu einer ebenso leeren wie traurigen Tautologie: Ich bin, der ich bin!

In der Bibel ist dies die Selbstbeschreibung Gottes (2. Mose 3,14).

In dieser Kolumne ging es um eine Kritik des Identitätsgefühls. Aber worauf liesse sich ein Identitätskonzept gründen? Hier gehts zum zweiten Teil.

Illustration: Michela Buttignol

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