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Szene aus «Ubu Tells the Truth» (Film, 35 mm, 1997). © the artist

Kunst

Der Zauberer

Kunstmuseum Basel: «A Poem That Is Not Our Own»

Die Werkschau des südafrikanischen Zeichners, Filmemachers, Regisseurs und Schauspielers William Kentridge ist ein faszinierender Kosmos sinnlich-politischer Kunst.

Von Max Glauner, 08.07.2019

Ein Triumph sondergleichen! Die Welt schien zu leuchten, das Publikum war verzaubert, frenetischer Applaus. So etwas hatte man noch nicht gesehen, nicht in Duisburg, nicht auf der Ruhr­triennale, die im letzten Sommer mit der Inszenierung von William Kentridges «The Head and the Load» eröffnet wurde. Ein aberwitziger Bilder­reigen in anderthalb Stunden auf einer achtzig Meter breiten Bühne wurde da gefeiert, ein Fest des Lebens und ein Totentanz, anachronistisch und seiner Zeit voraus, gegenwärtig und durch und durch politisch.

Kentridges Kunst ist nun auch in Basel zu erleben. Ein Must auch für alle, die mit Gegenwarts­kunst nicht viel am Hut haben. Der Südafrikaner, 1955 in Johannesburg in eine aus Litauen stammende jüdische Anwalts­familie geboren, hat in der Rheinstadt keinen Theater­auftritt, aber eine Ausstellung, die man nur als Gross­ereignis bezeichnen kann. Man hat dem inzwischen weltweit verehrten Künstler nahezu das gesamte Museum für Gegenwart im Sankt-Alban-Graben ausgeräumt und zusätzlich vier Video­installationen im Hauptbau des Kunst­museums einrichten lassen.

Wer mit der Vorstellung, politische Kunst sei trocken und uninteressant, das Entrée des Museums für Gegenwart betritt, könnte sich zunächst bestätigt sehen. Im Foyer lockt nichts, nichts zieht das Auge an. Selbst der Künstler­name und der Titel der Ausstellung «A Poem That Is Not Our Own» finden sich erst auf einer dem Eingang abgewandten Sperrholz­wand eines der drei Blackbox-Video-Film-Kabinette. Fast rüde hat man sie in den grossen Erdgeschoss­saal gestellt.

Doch das hat Prinzip. Welches Kunstwerk, welche Werk­gruppe Kentridges hätte man hier repräsentativ für das Ganze ausstellen sollen? Der Künstler, der an der Ausstellungs­konzeption beteiligt war, setzt nicht auf das einzelne Objekt, sondern auf seinen Zusammenhang, seinen Widerhall im Prozess, in dem das Flüchtige, Ephemere mehr zählt als das Beständige. Zwar schuf Kentridge in den vergangenen Jahren auch monumentale Skulpturen für den öffentlichen Raum. Doch sie zeigen kaum die wirklichen Stärken seiner Arbeit, die aus seinem Talent als Zeichner und der Liebe zum Theater erwuchsen.

Der Theatermann und der Zeichner

Die drei Kabinette zum Auftakt zeigen mit sieben Video­filmen einen Quer­schnitt seiner Film­arbeiten, die seit 1985 entstanden sind. In «Vetkoek/Fête Galante» (1985), einem seiner ersten Filme, beobachtet die Kamera den nackten Künstler, ganz Kind seiner Zeit, von hinten beim Zeichnen und bringt zum ersten Mal seine unverwechselbare Stop-Motion-Technik zum Einsatz. Sie verleiht seinen Film­bildern etwas zittrig Ungefähres, eine Unschärfe, deren oszillierende, transitorische Kraft eine grosse Anziehung entwickelt.

Elegie auf den ökonomischen und kulturellen Verfall Südafrikas: «The Mouth Is Dreaming» (2019). Gina Folly
Kentridges Kunst ist stark von seiner Liebe zum Theater geprägt: «Right Into Her Arms» (2016). © the artist

Wenn die Besucherin «Vetkoek» mit der jüngsten Arbeit «The Mouth Is Dreaming» (2019) vergleicht, einer Elegie auf den ökonomischen und kulturellen Verfall Südafrikas, fällt ihr rasch ins Auge, wie nahe sich beide Arbeiten stehen, bei aller Differenz in Gestus und Technik. Kentridge zeichnet bevorzugt mit Kohle und Kreide, schwarz und weiss, manchmal auch mit signalroten Linien, Ziffern, Buchstaben, strukturiert Figuren und streicht sie in einem zweiten Schritt wieder durch, verändert sie, als läge ihnen ein grundsätzliches Ungenügen zugrunde. Die Reihe von Korrekturen ist dann in den Folgebildern filmisch festgehalten und immer noch zu lesen. Eine Bewegung entsteht. Im Ausradieren und Löschen verrät sich der bildende Künstler, im anachronistischen Beharren auf Figuration und Menschen­darstellung der Theater­mann. Oder ist es gerade umgekehrt? Die Qualität Kentridges liegt darin, die Zeichnung als Performanz, die Darstellung als Präsenz zu begreifen. Die Zeichnung ist ihm Bühne, ihr Medium ist der Film. Sie entzieht sich von Anfang an absoluter Gültigkeit und somit aller usurpatorischer Machtansprüche.

Ein Leben im Widerspruch

Dabei hätte alles auch anders kommen können. 2013 entstand im Haus der Kunst München die Aufzeichnung eines Gesprächs zwischen William Kentridge und seinem 91-jährigen Vater Sir Sydney. Er lebt noch heute. Die Moderation lag bei dem kürzlich verstorbenen Okwui Enwezor, der als Kurator Kentridge schon 1997 zur Johannesburg-Biennale eingeladen hatte, demselben Jahr, in dem er zum ersten Mal an einer Documenta teilnahm. Die Befangenheit zwischen Vater und Sohn ist deutlich zu spüren. Hier der Anwalt, der mit der Verteidigung Nelson Mandelas und Desmond Tutus vor Gerichten des Apartheid­regimes, ebenso wie die 2015 verstorbene Mutter als Anwältin in Südafrika und Grossbritannien, einen wesentlichen Beitrag zum Kampf gegen die Apartheid geleistet hat. Dort der inzwischen berühmte Künstler.

Anwalt, der Beruf des Vaters, der Mutter Felicia und des Grossvaters Morris Kantrovitch – von dem sich der Familien­name Kentridge ableitet –, sei eigentlich der einzige Beruf, zu dem er wirklich getaugt hätte, bekannte William Kentridge einmal. Doch nach der Schule studierte er mit Bachelor­abschluss Politik und African Studies und wechselte dann an die Johannesburg Art Foundation als Meister­schüler des Malers und Aktivisten Bill Ainslie. 1981 schliesslich nahm er eine Theater- und Pantomimen­ausbildung an der Ecole Jacques Lecoq in Paris auf. Bis Mitte der 1980er-Jahre war er als Theater- und Art-Director für TV-Serien und kleine Spielfilme tätig, bis er über den Umweg eigener Bühnen­bilder, Animations­filme und Kohle­zeichnungen zurück zur bildenden Kunst fand.

Nachdem ab 1990 die Apartheid­gesetze in Südafrika nach und nach aufgehoben wurden, war Südafrika 1993 nach 23 Jahren wieder auf der Venedig-Biennale vertreten. Kentridge war dabei. Seitdem gilt er unangefochten als der international bekannteste Künstler seines Landes.

Promenaden und Prozessionen

Auch die Basler Ausstellung zeigt die Verschlungenheit seines Werdegangs. 2015 hatte bereits das Zürcher Haus Konstruktiv eine erste fulminante Ausstellung mit Kentridge in der Schweiz gezeigt. Sie präsentierte die in einen Video-Bilder-Rausch übersetzte Bühnen­arbeit «Die Nase» nach Dmitri Schostakowitschs Grotesk-Opern-Adaption der Nikolai-Gogol-Erzählung. Die enge Verzahnung von Bühne, Fest, politischem Statement und ästhetischem Feingespür wurde bereits in Zürich deutlich. Basel legt noch eins obendrauf.

Die Schau bietet mit Skizzen­büchern, Zeichnungen, Collagen, kinetisch-akustischen Skulpturen, Environments und Video­installationen einen repräsentativen Überblick über das gesamte Schaffen des Künstlers. Doch ihre eigentliche Stärke liegt darin, den Schwerpunkt auf eine Gattung im Werk Kentridges zu legen, die er spätestens seit 2012 mit dem Auftritt zur Documenta 13 in Kassel entwickelt hat: die monumentale Promenade, der Reigen, die Prozession.

Requisiten der Musiktheater-Performance «The Head and The Load» (2018). Gina Folly
Triumph­zug von Tod und Leben: Die 8-Kanal-Video-Installation «More Sweetly Play the Dance» (2015). Gina Folly

Die Musiktheater-Performance «The Head and the Load» (2018) wird ausführlich mit Requisiten und Zeichnungen dokumentiert. Auch die 3-Kanal-HD-Film-Installation «KABOOM!» (2018), die eine Vorstufe des Projekts präsentiert, ist zu sehen. Den Museums­gängerinnen werden durch das Werk die fürchterlichen Leiden Schwarz­afrikas während des Ersten Weltkriegs bewusst, die bis heute ihre Nachwirkungen haben. Es erinnert nicht nur an die zwanzig Millionen Opfer, die durch Kampf­handlungen, Krankheiten und Hungers­nöte zu Tode kamen, sondern auch an die willkürlichen Macht­ansprüche und Territorial­kämpfe der Kolonial­mächte. Kentridge lässt diese Geschichte in einem feierlichen, traurig-schönen Zug am Auge seiner Zuschauer vorüberziehen, doch er verweigert ein eindeutiges Narrativ. Im Rücken der Sieger tauchen stets die Geister der Besiegten wieder auf.

Eine weitere solche Prozession können wir anhand einer Serie beeindruckender Vorzeichnungen und Drucke zu «Triumphs and Laments» (2016) im zweiten Obergeschoss nachverfolgen. Kentridge wusch aus den verschmutzten steinernen Uferböschungen des Tibers in Rom auf 550 Metern Länge die Schwarz-Weiss-Zeichnung von rund achtzig historischen Bildmotiven heraus, von Andrea Mantegna bis Ian Berry. Diese flüchtigen Tableaus feierte Kentridge mir einer Prozession, indem er am beleuchteten Ufer Schiffe mit Musikern und Sängern vorübergleiten liess.

Zum Höhepunkt der Schau dürfen die Besucherinnen und Besucher jedoch vollkommen in Kentridges Welt eintauchen. Die 8-Kanal-Video-Installation «More Sweetly Play the Dance» (2015) entfaltet auf acht grossen hintereinandergestellten Leinwänden durch Arrangement, Bilder und Musik eine ungeheure Kraft. Gefilmte, überlebens­gross als Schatten­risse gezeigte Darsteller, Musiker, Tänzer mit Instrumenten und Requisiten ziehen vor schwarz-weiss gezeichneten Hintergründen vorbei, wie sie typisch sind für Kentridge. Es ist ein Triumph­zug von Tod und Leben, der die Last uneingelöster Versprechen und unbewältigter Katastrophen aus der Vergangenheit mitträgt, hier der grossen Ebola-Epidemie in Westafrika 2014. Diese fantastische Promenade wird keiner wieder vergessen.

Zur Ausstellung

«William Kentridge – A Poem That Is Not Our Own» im Kunstmuseum Basel ist noch bis zum 13. Oktober zu sehen.

Zum Autor

Max Glauner arbeitet als freier Kultur­journalist für den «Freitag», den «Tages­spiegel», die «Frankfurter Allgemeine Sonntags­zeitung», «Frieze.com», «Artforum» und «Kunstforum International». Er lebt in Berlin und Zürich und ist Dozent an der Zürcher Hoch­schule der Künste, wo er zu innovativen Produktions- und Aufführungs­formaten sowie Strategien der Partizipation und Kollaboration lehrt und forscht.

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