Preis der Republik

Trockengelegt

Ganz Sachsen ist von den Nazis belagert. Ganz Sachsen? Nein! Eine kleine Gemeinde an der Neisse macht vor, was Zivilcourage ist. Und wie man, wortwörtlich, einen braunen Sumpf austrocknet.

Von der Republik-Jury, 27.06.2019

Liebe Preisträgerin

Ladies, Gentlemen, and everyone beyond

Es ist verdammt heiss, wir alle freuen uns auf ein kühles Bier, also halten wir diese Laudatio kurz und über­geben gleich mal das Wort an Friedrich Dürren­matt. Der sagte nämlich einst: «Ich gehe auf keine Demonstration. Ich bin selber eine.»

Liebe Gemeinde Ostritz, du hast dem grossen Schweizer, womöglich ohne je von ihm gehört zu haben, aus der Ober­lausitz zugerufen: «Warum nicht beides?»

Dabei wolltest du gar keine Heldin sein, keine Ikone des Wider­stands werden, als du am vergangenen Wochen­ende ein Zeichen setztest, das weit über den deutschen Sprachraum hinaus Schlagzeilen gemacht hat. Doch es war, wenn wir das mal etwas flapsiger als Dürrenmatt sagen dürfen, die coolste Aktion in diesen hitzigen Tagen.

Letztes Wochenende, als sich rund 600 Neonazis auf deiner Gemarkung, in Spuckdistanz zur polnischen Grenze, versammelt haben, auf Privat­grund notabene, da hätten deine 2300 Einwohner auch einfach die Schotten dicht machen können. Besuch bei Verwandten, ab auf die Datsche, mit schall­dichten Kopfhörern in den Warte­modus, bis der Nazi­dumpfrock verklungen ist – und die Welt einmal mehr erfahren hat, dass in Sachsen Hopfen und Malz verloren ist.

Stattdessen sind sie shoppen gegangen. Zur subversivsten Einkaufs­tour der Welt.

Ja, du hast auch Gegenveranstaltungen durchgeführt, 300 Leute sind aus Protest gegen die Naziparty auf die Strasse gegangen; gegen eine menschen­feindliche Ideologie. Das ist richtig und wichtig, aber das allein wäre noch nicht preiswürdig, es ist schlicht Bürgerinnenpflicht.

Nein, du bist auch selbst eine Demonstration geworden, weil deine Einwohner zu Dutzenden in den einzigen Laden weit und breit geströmt sind, um sämtliche Bier­vorräte aufzukaufen. Flapsig gesagt: Du hast den Nazis das einzig Helle und Prickelnde in ihrem Leben entzogen. Um zu zeigen, was du von ihnen und ihrem völkischen Reinheits­gebot hältst. Verehrte Preis­trägerin, geschätztes 2300-Seelen-Kaff am östlichsten Zipfel Deutschlands: Ohne Gewalt, ohne Lärm hast du der Welt gezeigt, wie man einen braunen Sumpf trockenlegt.

Zugegeben, liebes Ostritz, du hattest Hilfe. Vom Verwaltungs­gericht Dresden, das am Freitag verfügte, die 4400 Liter Bier auf dem Festivalareal – 7,3 Liter pro Besucher – zu konfiszieren, weil von den fast ausschliesslich männlichen Rechts­extremen gewaltsame Ausschreitungen mit Gegen­demonstranten zu befürchten waren. Es gibt ihn also noch, den Staat, der seine Bürger vor seinen Feinden schützt.

Aber du, liebes Ostritz, hast gezeigt, was es auch noch gibt: humor­vollen, gewalt­freien Protest aus der Mitte der Gesellschaft.

Kaum war die Losung an die Polizei­beamten raus, hast du blitzschnell reagiert – die 120 Kisten Bier des örtlichen Super­markts sollten nicht in die Hände und Hälse der Hakenkreuz-Fetischisten geraten, die bei dir eingefallen sind. Mit Einkaufs­wägeli bist du gegen die Nazis angetreten. Still, entschlossen, ohne grosses Aufheben.

Liebe Ostritzer, ihr habt verstanden: Wahrer Protest braucht nicht unbedingt die grosse Kund­gebung. Er ist eine Haltung. Ein Zustand permanenter Wachsamkeit. Er lebt von spontanen Initiativen, die sich ohne grosse Planung, Organisation oder Kapazitäten im Alltag umsetzen lassen.

Wenn die Demonstration der Leuchtturm ist, ist die Methode Ostritz das Licht, das darin brennt.

Man stelle sich vor, dieses Protest­verständnis würde Schule machen!

Wenn, sagen wir mal, ein Kunstmuseum Mitarbeiterinnen kündigen würde, weil sie am Frauenstreik teilgenommen haben, dann würden die Hundert­tausende, die am 14. Juni auf der Strasse waren, vielleicht eine Online­petition unter­schreiben, die dagegen protestiert. Und vielleicht sogar noch etwas damit bewirken.

Oder wenn, sagen wir mal, eine Partei die trockenen Felder der Bauern nicht auf die Klima­erwärmung zurück­führen, sondern die Dürre der Zuwanderung in die Schuhe schieben würde, dann würden die Stimm­berechtigten vielleicht eine Partei wählen, deren Verantwortliche nicht so reden, als hätten sie gerade günstig 4400 Liter konfisziertes Bier erstanden und darob jedes Mass verloren.

Oder wenn, sagen wir mal, die Hochfinanz Ressourcen verspekulieren würde, als wären es die Lottozahlen der Woche, könnte die Bevölkerung vielleicht ihr Misstrauen damit bekunden, dass alle gleichzeitig zur Bank rennen und ihr ganzes Geld abheb ... halt, nein, blöde Idee. Vergessen wir das ganz schnell wieder.

Und kommen wir zurück zu der Lektion in Sachen Staats­bürgerschaft, die es von dir, liebes Ostritz, zu lernen gab: Demokratie ist der zivile Ungehorsam der Mehrheit gegenüber ein paar dominanten wenigen, die versuchen, sie zu übertönen.

Und damit diese plärrende Minderheit mit Götter­komplex nie vergisst, wie ohren­betäubend die schweigende Mehrheit sein kann, braucht es immer wieder mal Hundert­tausende, die gemeinsam auf die Strasse gehen. Und es braucht immer und überall eine Handvoll Sachsen, die eine gute Idee haben, wenn der politische Anstand kein Nichtstun erlaubt.

Erheben wir also alle unsere Humpen, Stangen und Herrgöttli, unsere Weissen, Hellen, Dunkeln und Hipsterbräus – nun, zumindest alle, die was abbekommen haben …

… auf Ostritz!

Illustration: Doug Chayka

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