Auf lange Sicht

0,01 Prozent machen den Unterschied

Vier Länder, zwei Personen­kategorien, ein Fazit: Es ist eine verhältnismässig kleine Gruppe von Leuten, deren Vermögen in den letzten Jahrzehnten in den Himmel gewachsen ist.

Von Isabel Martínez, 24.06.2019

In den Teilen eins, zwei und drei dieser Serie haben wir über Einkommen gesprochen – und die eher stabile Entwicklung derselben in der Schweiz.

Jetzt wechseln wir die Ebene und sprechen über den Aspekt, von dem abhängt, wie gross die materielle Ungleichheit ist: das Vermögen.

Wir schauen uns dazu die Vermögens­konzentration in vier Ländern an: in Grossbritannien, Frankreich, den USA und der Schweiz. Und zwar mittels Grafiken, die den Anteil der obersten 1 beziehungsweise 0,01 Prozent am gesamten Vermögen eines Landes im Zeit­verlauf darstellen – von 1900 bis heute.

Wenn dieses Gesamt­vermögen ein Kuchen ist, so sprechen wir also über die Grösse des Kuchen­stücks, das den Reichen und den Super­reichen gehört.

Die Top-1-Prozent

Wir starten mit dem Land, das über die letzten gut hundert Jahre die spektakulärste Entwicklung aufweist: Grossbritannien.

Grossbritannien

Im Vereinigten Königreich mit seiner monarchischen Tradition lagen um 1900 rund 70 Prozent des Vermögens in den Händen des obersten Prozents.

Eine kleine Elite kontrollierte also den Grossteil des Reichtums. Erbschaften waren entsprechend konzentriert und hatten eine grosse Bedeutung. Ein modernes Erbschafts­steuergesetz wurde erst mit dem Finance Act 1894 eingeführt, davor herrschte ein Flicken­teppich aus mangelhaft umgesetzten Gesetzen rund um die Weitergabe von Vermögen über die Generationen.

Im Verlauf des 20. Jahrhunderts änderte sich das Bild aber dramatisch. Das geht aus der unten stehenden Abbildung hervor: Bis in die 1980er-Jahre sank der Anteil des obersten Prozents kontinuierlich auf zuletzt rund 20 Prozent.

My goodness, die Eliten haben verloren

Vermögensanteil des obersten 1 Prozent

190019401980201520%020406080%
Grossbritannien

Quelle: WID, Alvaredo et al. (2016).

Verantwortlich für die breitere Streuung des Vermögens waren neben den Erbschafts­steuern auch die zwei Weltkriege und die Dekolonisierung. Beides führte zu Vernichtung und Umschichtung von Vermögens­werten in der Gesellschaft, was eine gleichmässigere Verteilung zur Folge hatte.

Einen wichtigen Grund für die gleichere Vermögens­verteilung sehen die Autoren der Studie, aus der die obigen Daten stammen, zudem in der Ausweitung des Wohn­eigentums, das nach dem Zweiten Weltkrieg politisch gefördert wurde. Dieses ist in der Bevölkerung weiter verbreitet und dadurch gleichmässiger verteilt als das sonstige private Finanzvermögen.

Die Wohn­eigentums­quote in Gross­britannien beträgt heute 65 Prozent. Vor der Finanz­krise lag sie sogar bei 73 Prozent. Zum Vergleich: 1918, Ende des Ersten Weltkriegs, lebten erst 23 Prozent der Bevölkerung im Eigenheim.

Frankreich

Auch Frankreich ist eine ehemalige Monarchie. Doch bereits die Revolution im 18. Jahrhundert hat Spuren hinterlassen und die Vermögens­konzentration reduziert. So wurde 1791 eine allgemeine Erbschafts­steuer eingeführt, zudem mussten Erbschaften gleichmässig unter Geschwistern aufgeteilt werden. Ab 1901 wurde die Steuer progressiv ausgestaltet und in der Folge öfters erhöht.

Im Lauf des 20. Jahrhunderts sank so die Vermögens­konzentration auch in Frankreich. 1900 besass das reichste Prozent der Franzosen noch fast 60 Prozent des Vermögens. Bis 1980 besass diese Kategorie noch 17 Prozent.

Mehr Egalité als vor hundert Jahren

Vermögens­anteil des obersten 1 Prozent

190019401980201523%020406080%
Frankreich

Quelle: WID, Garbinti et al. (2018).

Ähnlich wie in Grossbritannien spielten weltgeschichtliche Ereignisse auch in Frankreich eine Rolle. Die Zerstörung von Vermögens­werten während des Zweiten Weltkriegs hinterliess Spuren bei der Vermögensverteilung.

Nach dem Krieg wurden Unternehmen verstaatlicht; Wohnungs­bau und Wohn­eigentum wurden stark gefördert, sodass die Wohn­eigentümer­quote anstieg. Dies trug zu einer gleichmässigeren Verteilung des Vermögens bei.

Heute liegt die Wohn­eigentums­quote in Frankreich ähnlich hoch wie in Grossbritannien, bei etwas über 64 Prozent. Anders als nördlich des Ärmelkanals stieg die Quote jedoch auch nach der Finanzkrise weiter.

Der auffällige Anstieg der Vermögens­konzentration von 1995 bis 2000 sowie der darauffolgende Rückgang rühren von der unterschiedlichen Entwicklung der Aktien- und Immobilien­preise her: Erstere stiegen während des Dotcom-Booms stark an, was den Reichsten zugute kam. Gleichzeitig stiegen die Immobilien­preise nur verhalten, die Vermögen der Mittel­schicht wuchsen entsprechend weniger. Nach dem Platzen der Blase war es einige Jahre lang umgekehrt: Die Immobilien­preise stiegen, die Aktien­preise dagegen fielen.

USA

In föderalistischen, jungen Staaten war die Vermögens­konzentration zu Beginn des 20. Jahrhunderts nochmals geringer. Die jahrhunderte­alten Adels­geschlechter der britischen Lordschaften oder der französischen Aristokratie gab es in den Vereinigten Staaten oder in der Schweiz nicht.

Entsprechend tief war der Anteil des obersten Vermögens­prozents: In den USA lag er vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs bei 45 Prozent.

Rückkehr in die Roaring Twenties

Vermögensanteil des obersten 1 Prozent

190019401980201537%020406080%
USA

Quelle: WID, Saez & Zucman (2016)

Ähnlich wie in Grossbritannien und Frankreich gingen die Spitzen­vermögen in den USA bis in die 1980er-Jahre zurück. Gründe dafür waren die Kriegs­finanzierung, die Einführung einer starken Steuer­progression und, wie in den anderen Ländern auch, hohe Erbschafts­steuern.

Das breit abgestützte Wirtschafts­wachstum nach dem Zweiten Weltkrieg liess die Wohn­eigentums­quote bis zur Finanz­krise von 45 auf beinahe 70 Prozent steigen. Das wirkte der Vermögens­konzentration entgegen.

Ab 1980 nahm der Vermögens­anteil des obersten Prozents in den USA allerdings deutlicher zu als in den anderen Ländern. Wesentlich dazu beigetragen haben die massiven Steuer­senkungen der Regierung von Ronald Reagan: Erbschafts­steuern, Kapital­gewinn­steuern und Steuern auf hohe Einkommen wurden extrem gesenkt, ebenso die Firmen­steuern. Die Reichen haben von dieser Steuer­politik am meisten profitiert.

Zudem sind die Spitzen­löhne gestiegen und neue Tech-Firmen sind entstanden, die an der Börse hoch bewertet werden. Entsprechend gehören die Besitzer dieser Firmen zu den reichsten Menschen auf dem Planeten.

Schweiz

In der Schweiz entwickelte sich die Vermögens­konzentration bis 1945 ähnlich wie in ihrer amerikanischen Schwester­republik. Danach nahm sie jedoch deutlich weniger stark ab als in den USA und den europäischen Nachbarn.

Ein Hauch gutschweizerischer Stabilität

Vermögensanteil des obersten 1 Prozent

190019401980201530%020406080%
Schweiz

Quelle: Föllmi & Martínez (2017), aufdatiert bis 2015 mit den aktuellen Daten der ESTV.

Ein möglicher Grund dafür ist die vergleichsweise tiefere Steuer­belastung in der Schweiz in jener Zeit. Soziologische Forschung zeigt zudem, dass in der Schweiz wirtschaftliche, politische, und militärische Eliten noch lange eng miteinander verbandelt waren. Dies war hier möglicherweise stärker der Fall als in grossen Ländern wie Grossbritannien, Frankreich oder den USA.

Zudem hat die Schweiz im internationalen Vergleich eine der niedrigsten Wohn­eigentums­quoten: 1991 lag sie bei 31 Prozent, 2017 bei 38 Prozent. Der ausgleichende Effekt von Wohn­eigentum auf die Vermögens­verteilung ist hierzulande somit deutlich geringer als in anderen Ländern, wo das Vermögen einer breiten Bevölkerungs­schicht durch die steigenden Immobilien­preise, insbesondere über die letzten 20 Jahre, wuchs.

In jüngster Zeit beobachten wir auch in der Schweiz wieder einen Anstieg des Vermögens­anteils des Top-1-Prozents. Mit knapp 30 Prozent ist dieser Anteil allerdings noch immer deutlich tiefer als in den 1960er-Jahren oder vor dem Zweiten Weltkrieg. Die Situation der Reichen ist somit auf die lange Sicht einigermassen stabil.

Die Top-0,01-Prozent

Das Bild der Schweiz ändert sich jedoch, wenn wir noch weiter an die Spitze der Verteilung gehen – zu den Super­reichen, den obersten 0,01 Prozent.

Diese Personen besitzen ein Vermögen von schätzungsweise 210 Milliarden Franken. Das entspricht 8 Prozent des Schweizer Gesamt­vermögens. In den 1960er-Jahren lag diese Zahl noch bei 6 Prozent, 1980 sogar nur bei 4 Prozent. Seither ist der Vermögens­anteil der Super­reichen aber markant gestiegen. Speziell ab der Jahrtausend­wende setzte dieser Trend in der Schweiz ein.

Ab diesem Zeitpunkt zeigen sich auch Unterschiede zu anderen Ländern. Während in Frankreich die obersten 0,01 Prozent ihren Vermögens­anteil nicht weiter steigern konnten, zogen die Spitzen­vermögen in den USA ungebremst davon. Beinahe so, als hätte es nie eine Finanzkrise gegeben.

Der Wiederaufstieg der Superreichen

Vermögensanteil der obersten 0,01 Prozent

19001940198020153%10%8%051015%
Frankreich
USA
Schweiz

Quelle: WID, Garbinti et al. (2018), Saez & Zucman (2016), Föllmi & Martínez (2017), ESTV.

Ähnlich wie bei den Topeinkommen ist also auch bei den Spitzen­vermögen die Schere ganz oben am stärksten aufgegangen – sowohl in der Schweiz als auch in den USA. Rechnet man die reichsten 0,01 Prozent aus den Top-1-Prozent heraus, fällt der Anstieg der Top-1-Prozent bereits viel geringer aus.

In der Schweiz und Frankreich verläuft die Kurve dann annähernd flach. Der jüngste Anstieg der Ungleichheit ist also ein Phänomen der Super­reichen.

Reich – aber nicht superreich

Vermögensanteil der obersten 1 bis 0,01 Prozent

190019401980201521%28%22%0204060%
Frankreich
USA
Schweiz

Quelle: WID, Garbinti et al. (2018), Saez & Zucman (2016), Föllmi & Martínez (2017), ESTV

Es ist somit letztlich eine verhältnismässig kleine Gruppe von Personen, deren Vermögen in den Himmel gewachsen ist. Eigentlich könnten uns diese Leute egal sein. Allerdings müssen wir uns bewusst sein, dass vom Zuwachs des Vermögens der letzten 20 Jahre vor allem die Reichsten der Reichen profitiert haben. Ob das gerecht ist, ist eine berechtigte Frage.

Berechtigt ist auch die Frage nach den demokratiepolitischen Implikationen dieser Entwicklung. Grosser Reichtum geht mit grosser Macht einher: Es steigt die Gefahr, dass Medien, Abstimmungen oder Wahlen gekauft werden und politische Prozesse von finanzstarken Personen im Land beeinflusst werden. Für die USA gibt es dazu einschlägige wissenschaftliche Evidenz.

Umso wichtiger sind deshalb Transparenz bei der Finanzierung von Parteien und Kampagnen, eine vielfältige Landschaft von freien Medien sowie «checks and balances» in der Politik, um die demokratischen Grund­werte zu schützen.

Die Daten

Für die Schweiz basieren die Werte auf Steuer­statistiken. Bis 1957 erhob der Bund eine Vermögens­steuer und publizierte alle zwei Jahre eine Vermögens­statistik. Danach veröffentlichte er periodisch eine Vermögens­steuer­statistik, die auf Daten der Kantone beruhte. Seit 2003 erscheint die Vermögens­steuer­statistik wieder jährlich, da diese unter anderem als Berechnungs­grundlage für die NFA dient.

Die Schweizer Vermögen­steuer­daten haben den Vorteil, dass darin auch die rund 15’000 Steuer­pflichtigen mit einem Vermögen von mehr als 10 Millionen und damit die Top-0,1-Prozent enthalten sind. In Umfrage­daten fehlen diese Super­reichen. Ein Nachteil der Steuer­daten ist jedoch, dass sie eine wichtige Vermögens­komponente ausschliessen: die steuerbefreiten Vorsorge­gelder in Pensions­kassen, Lebens­versicherungen und der privaten Vorsorge 3a. Wir korrigieren unsere Schätzung deshalb um diese Vermögen, die in Statistiken der SNB und in historischen Statistiken publiziert sind. Für die anderen Länder stammen die Daten von der frei zugänglichen World Inequality Database (WID).

Die Autorin

Isabel Martínez ist promovierte Ökonomin und forscht an der Universität St. Gallen zu Einkommens- und Vermögens­ungleichheit. Als Fellow der World Inequality Database bereitet sie regelmässig die Daten zur Schweiz auf. Sie arbeitet zudem als Ökonomin beim Schweizerischen Gewerkschafts­bund und ist Mitglied der Wettbewerbs­kommission.

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… aber die wichtigsten drei fehlten. Seit je beruht jede funktionierende Gemeinschaft auf diesen drei Worten. Liebende sagen sie zueinander. Gute Politiker sagen sie ihren Wählern, gute Priester ihrer Gemeinde, gute Eltern ihrem Kind. Sie lauten: Fürchte dich nicht! – Wir von der Republik glauben, dass auch im Journalismus gilt, was Franklin D. Roosevelt einst zur Politik sagte: «Wir haben nichts zu fürchten als die Furcht selbst.»


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