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Preis der Republik

Das ist nicht lustig

Der Schweizer Patrick Chappatte ist, was Schweizer eher selten sind: Berufshumorist. Er kommentiert das Weltgeschehen mit spitzer Feder. Nun hat die «New York Times» ihren Karikaturisten entlassen. Wir finden: Er hat viel eher einen Preis verdient.

Von der Republik-Jury, 13.06.2019

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Sehr verehrter Preisträger

Sehr geehrte Verlegerinnen und Verleger

Liebe Freunde der – hier stimmt das Bild ausnahms­weise – spitzen Feder

Der heutige Preisträger ist der humorvollste Export eines Landes, das so lustig ist wie eine Kartonschachtel.

Sie, verehrter Patrick Chappatte, brauchten jeweils vier magere Stunden für eine Karikatur. Morgens von 7.30 Uhr bis 11.30 Uhr suchten Sie in Ihrem Atelier in Genf nach Ideen, Sie skizzierten im Sprint­modus und liessen die Redaktion der berühmten «New York Times» über Ihre Entwürfe abstimmen, weil Ihnen das so lieber war. Und schliesslich zeichneten Sie dann eine Karikatur, die immer «lustig und tiefgründig, leicht und gleichzeitig schwer» zu sein hatte. Eine Karikatur, die das Versprechen meistens erfüllte – und oft übertraf.

Chapeau, Chappatte! Wir verneigen uns vor Ihnen.

Für die Leistungen, die Sie jede Woche vollbringen. Für all Ihre Besten. Auch jene, die regelmässig in der «NZZ am Sonntag» oder im «Spiegel» erscheinen. Wie traurig aber, dass bald Ihr grösstes, Ihr Welt­publikum nicht mehr in den Genuss kommt, Sie süffisant das Welt­geschehen kommentieren zu sehen. Rein bildlich, versteht sich.

Denn Ihre politischen Karikaturen erscheinen ab Juli nicht mehr in der internationalen Ausgabe der «New York Times». Weil da nämlich gar keine Karikaturen mehr erscheinen. Auch der zweite hauseigene Karikaturist Heng Kim Song verliert seine Aufträge. Es heisst, man wolle die internationale Ausgabe der amerikanischen angleichen, die ohne Karikaturen auskommt.

Angleichen ist hier das Wording für: Sie werden aus dem Blatt gebügelt. Zwei schöne Falten weniger.

Jetzt sollen Sie schweigen, findet die «New York Times» – auch bildlich. Doch Sie wären nicht Chappatte, wenn Sie nicht noch einmal ausholen und von der Tusche zur Tastatur wechseln würden.

In einem Blogeintrag bringen Sie Ihre Absetzung mit der Netanyahu-Karikatur eines anderen Karikaturisten in Verbindung, die antisemitische Tropen enthielt – und trotzdem in der NYT erschien. Zu Recht erboste sich das Netz über die Zeichnung, die Zeitung entschuldigte sich flugs. Und beendete die Zusammen­arbeit nicht nur mit dem portugiesischen Zeichner der Karikatur. Sondern mit allen externen Karikaturisten.

Herr Chappatte, Sie schreiben, dieser Cartoon hätte nie erscheinen dürfen – recht haben Sie. Aber Sie schreiben auch, dass wir in einer Welt leben, in der sich ein moralinsaurer Mob auf Social Media versammelt, wie ein Sturm aufsteigt und sich dann mit einem überwältigenden Knall auf die Redaktionen ergiesst. Und dass diese Shitstorms dann immer öfter zu sofortigen Gegen­massnahmen der Redaktionen führen, die nicht nur jede Diskussion im Keim ersticken. Sondern auch eine Menge Leute betreffen, die mit dem Problem, um das es geht, gar nichts zu tun haben.

Wie jetzt bei Ihnen. Wo die Zeitung den Chappatte mit dem Bade ausschüttet.

So wird eine kritische Stimme leiser gestellt. Eine, die auch ein Lautsprecher war für jene unter Ihren Kolleginnen weltweit, die sich nicht äussern können oder konnten. Weil sie entlassen wurden. Oder um ihr Leben fürchten, weil ihnen autoritäre Regierungen mit Verfolgung drohen.

Die «New York Times» begründet den Rauswurf weder finanziell noch ideologisch. Nein, es gehe hier um eine reine Formanpassung. Sagt die Zeitung.

Was wie eine schlechte Ausrede tönt, ist wohl auch eine schlechte Ausrede.

Denn die NYT entledigt sich all ihrer Karikaturisten, nachdem sie über Wochen harter Kritik ausgesetzt war. Sie schmeisst nun plötzlich auch Sie raus, sehr geehrter Herr Chappatte, obwohl sie Ihren Zeichnungen über die letzten Jahre hinweg immer mehr Platz eingeräumt hatte.

Fragwürdig, im absoluten Minimum. Wer sich Meinungs- und Pressefreiheit auf die Front schreibt, sollte mit Kritik umgehen können, ohne den Kahlschlag als «Basta!»-Taktik einzusetzen.

Sie, sehr geehrter Herr Chappatte, haben in Ihrem Blog Fragen aufgeworfen, die weit über den eigentlichen Anlass hinaus­reichen. Dafür und weil Sie seit Jahren die Schweiz mit würde­vollem Humor im Ausland repräsentieren, gebührt Ihnen diese Woche der Preis der Republik. Er soll Ihnen als Ermutigung dienen, die «New York Times» mit einem Feuer­werk zu verlassen. Wir freuen uns auf den Knall.

Auf dass Ihre Zunge und vor allem Ihr Stift noch lange spitz bleiben – wenn auch nicht mehr für die «New York Times».

Illustration: Doug Chayka

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