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Es gibt Dinge, die kann Carrie-Ann Matheson besonders gut. Etwa Klavier spielen, schliesslich ist sie gelernte Konzert­pianistin. Oder Partituren einstudieren, denn Matheson ist auch ausgebildete Dirigentin.

Und dann gibt es Dinge, die kann Carrie-Ann Matheson nicht besonders gut. Zum Beispiel singen.

Und trotzdem ist Singen das, was die Kanadierin dieser Tage oft tut, sehr oft sogar. Ihren Job könnte man beschreiben als eine Art Delegierte des Dirigenten für den Gesang. Musikalische Einstudierung heisst das. Und dann ist Carrie-Ann Matheson auch noch Maestra suggeritrice, doch dazu später.

Während der Szenen­proben zu «Nabucco» hört man Matheson immer wieder diejenigen Parts singen, deren Sängerinnen und Sänger gerade nicht anwesend sind. Mitunter ist sie ein Ein-Frau-Chor. Gelegentlich unterstützt durch die Korrepetitorin am Klavier (die ihrerseits ein Ein-Frau-Orchester darstellt).

«Ich musste mich irgendwann überwinden und einfach singen, egal, wie es rauskommt», sagt Matheson fröhlich, nachdem sie mir verziehen hat, dass ich sie für eine Amerikanerin hielt. Vor fünf Jahren kam sie von the Met, der Metropolitan Opera in New York, nach Zürich. Während Regisseur Homoki die Handlung von «Nabucco» dirigiert, ist sie in den szenischen Proben für die Musik zuständig. Hierfür sitzt sie auf einem Hocker, vor ihr die Partitur. Eine Kamera überträgt ihre Dirigenten­gesten auf Bildschirme links und rechts der Proben­bühne. Carrie-Ann ist quasi omnipräsent, egal, wohin ein Sänger schaut.

Er ist ein besonderer Morgen, der Morgen jenes Mittwochs. Drei Tage zuvor hat die Sopranistin Catherine Naglestad sich aus der Produktion zurück­ziehen müssen, aus familiären Gründen, wie es heisst – ausgerechnet sie, die Fan war von meinem Urwald-T-Shirt. Sie, die quasi mein erstes Date mit einem Opernstar hätte werden sollen. Vier Wochen vor der Premiere fehlte nun plötzlich Prinzessin Abigaille.

Dass trotzdem keine Panik ausgebrochen ist, ist einer Mischung aus Routine und Glück geschuldet. Kaum war Naglestads Ausstieg bekannt, liefen im Opernhaus die Drähte heiss. Als Ersatz konnte Anna Smirnova gefunden werden. Die Russin, noch keine 40 Jahre alt, wollte gerade in Moskau ihre Koffer auspacken und sich nach Auftritten in Berlin und München ein paar Tage Ruhe gönnen. Da klingelte das Telefon. Innerhalb eines Tages war ihr Visum für die Schweiz bewilligt, Smirnova packte ihre Koffer wieder. Und obwohl sie in Moskau noch am Dienstag tagsüber vor den verschlossenen Türen der Schweizer Botschaft stand, landete die Sängerin am Abend in Zürich.

Michael Rüegg

Und nach einer Kostüm­anprobe am Mittwoch­morgen stand die Solistin um zehn bereits auf der Proben­bühne Escher-Wyss, in rissigen Jeans und weissen Turnschuhen. Ein hoch­erfreuter Andreas Homoki nahm sie in Empfang und füllte ihren Kopf sogleich mit seinem «Nabucco»-Konzept.

An dieser Stelle kommen wir zurück auf Carrie-Ann Mathesons anderen Job, den der Maestra suggeritrice. Sie ist das, was die Souffleurin beim Sprech­theater ist. A prompter, wie Matheson sagt. Sie steht in einer Box am Bühnen­rand. Dabei flüstert sie weniger, dafür gibt sie Handzeichen.

Wie eine Verkehrs­polizistin auf der Kreuzung:

Du, singen. Du nicht. Jetzt du.

Anna Smirnova, die frisch eingetroffene Abigaille, hat Mathesons Einflüsterung scheinbar nicht nötig. Souverän singt sie sich durch die Szenen. Die Rolle beherrscht sie bereits, und die Partitur scheint noch sehr präsent. Regisseur Homoki kann sich voll und ganz aufs Szenische konzentrieren. Im Eiltempo holt er mit Smirnova nach, was sie die vergangenen zwei Proben­wochen verpasst hat. Für eine gemeinsame Entwicklung der Rolle bleibt hier keine Zeit.

Es wirkt wie ein Programmier­vorgang: Blick so, Haltung so, Reaktion da. Stoisch hört Anna Smirnova zu. Speichert die Anweisungen im Kopf. Quittiert mit einem trockenen «Okay». Setzt um. Das geht von morgens um zehn bis abends um neun. Nach ein paar Stunden bin ich allein vom Zuschauen erschöpft. Aber die Abigaille steckt das weg. Szene für Szene.

Was die Maestra suggeritrice betrifft, die wird während der Aufführungen frei haben: In der «Nabucco»-Aufführung am 23. Juni wird es ausnahms­weise keinen Souffleusen­kasten geben.

Zumindest Anna Smirnova wird ihn auch nicht brauchen.

Zur Operation Nabucco

Michael Rüegg besucht bis zur Premiere am 23. Juni über mehrere Wochen die Proben für «Nabucco» am Zürcher Opernhaus und spricht mit zahlreichen Beteiligten. In der nächsten Folge lesen Sie von Sissi und dem Kasperli-Theater. Hier finden Sie alle erschienenen Beiträge.

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