Wir sind die Republik. Ein digitales Magazin für Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur, das im Januar 2018 gestartet ist. Es ist ein Projekt gegen die Wahrscheinlichkeit: Wir wollen im winzigen Schweizer Markt ausschliesslich von unseren Leserinnen finanziert sein. Wollen Sie Teil dieses Abenteuers sein?

Operation Nabucco

Frau Nebukadnezars sehr früher Tod

Von Michael Rüegg, 06.06.2019

«Das Wichtigste haben wir noch nicht genannt: Emotionen!» Der Satz fällt nach einem einstündigen Gespräch mit Andreas Homoki im Foyer der Probebühne. Darüber, was eine Opern­inszenierung ist, was sie kann, was sie soll, wie sie soll. Am Ende lässt sich alles auf dieses eine Wort reduzieren: Gefühle.

Eben nicht das, was in Homokis Erinnerung eine Dame an der Parkhaus­kasse sagte, vor ein paar Jahren, in Deutschland: «Eigentlich geht man ja wegen der Musik hin.» – «Da kann ich mir ja auch eine Platte kaufen», findet Andreas Homoki.

Gemäss Wikipedia wird er nächstes Jahr sechzig. Aber so etwas wie ein Alter scheint Homoki nicht zu haben. Vielleicht Reife, aber die verschwindet hinter seiner Energie und seiner Berliner Schnauze.

Herr Homoki, wieso führen Sie jedes Jahr selbst Regie? Reicht es nicht, Intendant zu sein?
Das ist mein Beruf. Intendant ist ja kein Beruf, sondern ein Amt auf Zeit.

Seit 2012 ist Homoki am Zürcher Opernhaus, er wechselte hierher von der Komischen Oper in Berlin. Zu den Proben trägt er meist ein Hemd. Irgendwann wird ihm darin zu warm, weil er sich bewegt, zu den Sängern auf die Bühne geht, gestikuliert, Bewegungen vorgibt. Also zieht er es aus, und darunter kommt, wie eigentlich immer, ein Opernhaus-T-Shirt zum Vorschein – bedruckt mit den Zahlen einer der vergangenen Spielzeiten, die er verantwortet hat. «Ich glaube, er hat sehr viele davon», sagt einer seiner Mitarbeiter, «ich hoffe es zumindest.»

Oper und Sprechtheater sind für einen Regisseur nicht dasselbe. Im Sprechtheater kann man umschreiben, Rollen streichen, dazuerfinden. Manchmal bis zu dem Punkt, wo eine Zuschauerin einen Klassiker kaum wiedererkennt. In der Oper diktiert die Partitur den Verlauf, sie bildet das Korsett, um das ein Regisseur nicht herumkommt.

Giuseppe Verdi komponierte «Nabucco» Mitte des 19. Jahrhunderts. Aus dieser Zeit stammen unzählige Opern, die kaum mehr gespielt werden. Doch «Nabucco» ist ein Klassiker. Irgendwo steht es immer auf dem Spielplan. Für eine Opern­bühne ist dieser Verdi ein «Tiefrisiko-Stück», wie der Intendant sagt. Aber nicht nur: «Ich wollte das schon lange bringen», sagt Homoki. Aber selber inszenieren wollte er nicht zwingend: «Viele Regisseure machen einen Bogen um ‹Nabucco›.» – Weshalb? – «Weil ein klarer Erzähl­rahmen fehlt. Und die vordergründige Logik.»

Klassiker hin oder her. In Homokis «Nabucco» werden keine Frauen in faltigen Tüchern (siehe auch: die typische Hebräerin) auftauchen. Es werden keine Götzen­statuen die Bühne zieren. «Das ist kein speziell hebräisches oder babylonisches Stück», erklärt Andreas Homoki. Aus seiner Sicht geht es um den Bruch mit einem alten, verkrusteten Herrschafts­system und die Zuwendung hin zu einer neuen Vorstellung von Staat und Gesellschaft. Damit knüpft er an den ursprünglichen Erfolg von Verdis Stück an. Italien erkannte sich damals in den Hebräern wieder und mochte in den fiesen Babyloniern die sie unterdrückende österreichisch-ungarische Doppel­monarchie erkennen.

Entsprechend sind auch die Kostüme in der neuen Inszenierung ans 19. Jahrhundert angelehnt. Und die Bühne wird nicht an ein vorderasiatisches Museum erinnern.

Michael Rüegg

Homokis «Nabucco» ist eine Familien­geschichte. Zwischen dem alten König, der schon langsam einen an der Waffel hat. Den beiden Töchtern: Fenena, die als Geisel in Jerusalem dem Alten abschwört und sich fürs Neue öffnet. Und ihrer machthungrigen Schwester Abigaille, die ihren Vater vom Thron stösst.

Eigentlich hätte auch die Israelische Oper in Tel Aviv die Zürcher Inszenierung gern übernommen. Doch Homoki hat den Israelis sein Konzept erläutert. Nämlich dass er «Nabucco» vom Biblischen entrümpelt habe. «Sie waren sehr nett, aber haben dann doch verzichtet.» In Israel verkauft das Stück nur mit einer angemessenen Portion jüdischer Historie.

Nein, ein Naturalist sei er nicht, sagt Homoki. Also keiner, der Bühnen wie in alten Hollywood­filmen herrichten lassen würde.

Was ist mit Wasser auf der Bühne?
Kein Wasser.

Nackte?
Nein.

Blut?
Kein Blut.

Und keine Tiere – denn eigentlich steht im Libretto, dass Nabucco im ersten Akt auf dem Pferd in den Tempel reitet. Möglich, meint Homoki, dass man das früher gemacht habe, irgendeinen sedierten Gaul auf die Bühne gezerrt und einen zitternden Bariton draufgesetzt habe. Aber so was sei passé.

Und Kinder, Kinder auch nicht.

Normalerweise.

Denn bei «Nabucco» macht der Regisseur eine Ausnahme. Kaum ist unser Gespräch zu Ende, stehen vier Mädchen um die neun Jahre im Proberaum. Je zu zweit werden sie in «Nabucco» als Statistinnen auftreten. Andreas Homoki macht eine kurze, stufengerechte Werkeinführung.

«Wir haben die beiden Prinzessinnen, Abigaille und Fenena, und ihren Vater, den König. Und Fenena verliebt sich.»

Eines der Mädchen kichert.

«Verlieben ist nicht lustig!», weist der Regisseur sie an und löst damit noch mehr Gelächter aus.

Das ist eine der Nischen, die ein Opern­regisseur auskosten kann. Homoki erfindet die Prinzessinnen als Kinder und lässt sie im Stück immer wieder auftauchen, in einer Art Rückblende. Ohne dass die Partitur sich dadurch verändern würde. Ein Zusatz­modul, quasi.

Die erste Sequenz mit den Mädchen wird während der Ouvertüre serviert. Statt das Orchester bei geschlossenem Vorhang spielen zu lassen, sollen Töchter und Vater wie auf einem Familien­foto posieren. Mit dabei: die allseits unerwähnte Mutter der beiden. Und kaum sieht man sie das erste Mal, fällt die Mutter auch schon tot um.

Familie Nabucco erlebt also in den ersten Sekunden der Aufführung ein grosses Drama. Steht nicht im Libretto. Hat der Regisseur dazuerfunden. Ist seine Freiheit.

Und so üben die Mädchen nun zwei Stunden lang neben anderen kurzen Szenen ihre Reaktion auf den Tod der Mutter. Respektive einer Hospitantin. Also ohne die richtige Mutter, die wird eine andere Statistin spielen.

Aber mit echter Besorgnis.

Immer wieder. Bis die kurze Szene sitzt.

Zur Operation Nabucco

Michael Rüegg besucht bis zur Premiere am 23. Juni über mehrere Wochen die Proben für «Nabucco» am Zürcher Opernhaus und spricht mit zahlreichen Beteiligten. Lesen Sie in der nächsten Folge von einer singenden Verkehrs­polizistin. Hier finden Sie alle erschienenen Beiträge.

Jetzt sind Sie dran!

Was gefällt Ihnen an diesem Beitrag? Was gibt es zu ergänzen? Was ist kritikwürdig? Ihre Mitverlegerinnen und die Redaktion freuen sich auf Ihr Wissen und Ihre Perspektive. Reden Sie mit auf unserer Dialogseite.

Da Sie schon hier sind – eine Warnung!

Wir von der Republik wollen Sie als Abonnentin gewinnen. Deshalb sagen wir Ihnen nur ungern, dass Lesen nicht ohne Risiko ist. Schopenhauer warnte, dass gleichsam mit fremdem Kopf denkt, wer liest. Und dadurch allmählich die Fähigkeit verliert, selber zu denken. Sein Schluss: «Solches aber ist der Fall sehr vieler Gelehrter: Sie haben sich dumm gelesen.» Deshalb versprechen wir Ihnen, falls Sie uns abonnieren, Ihnen so wenig wie möglich zu liefern: nur das Wesentliche. Und nur im Notfall mehr als drei Texte pro Tag.


Noch nicht überzeugt? Jetzt probelesen

seit 2018