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Kampf der Brüder

Rupert Murdochs Imperium schrumpft zum ersten Mal. Übrig bleibt eine knallharte rechte Nachrichten­maschine – mit Lieblingssohn Lachlan an der Spitze. Wie führt er den Konzern in die Zukunft? Die Geschichte einer Mediendynastie, Teil 3.

Von Jonathan Mahler, Jim Rutenberg («New York Times Magazine», Text), Anne Vonderstein (Übersetzung) und Joan Wong (Illustrationen), 01.06.2019

Was bisher geschah

Die Murdochs haben beim Brexit und beim US-Wahlkampf auf die richtige Seite gesetzt. Der Sieg von Donald Trump hat dem Medien­imperium in den USA bislang nicht gekannten Einfluss verschafft. Doch eine hässliche Geschichte aus der Vergangenheit holt die Murdochs ein. Zudem macht Rupert der Bruderzwist zwischen seinen Söhnen Lachlan und James immer mehr zu schaffen.

XII. Das Eingeständnis

Anfang August 2017 empfängt Rupert Murdoch Disney-Chef Robert A. Iger in seinem Moraga-Weingut in den Hügeln von Bel Air – die Immobilie im toskanischen Landhaus­stil ist 28,8 Millionen US-Dollar wert. Bei einem Glas Wein unterhalten sich die Medien­schwergewichte über die Konkurrenz durch die neuen Streaming­dienste, die zur Gefahr für ihr eigenes Geschäfts­modell wird, und sie beraten, was dagegen zu tun sei.

Bei Disney setzt man in diesem Konkurrenz­kampf auf Expansion. Zunächst überlegen die beiden Medien­tycoons, ob es ratsam sei, Vermögens­werte beider Konzerne zusammen­zulegen. Dann unterbreitet Iger Murdoch einen weitaus radikaleren Vorschlag: Wie wäre es, wenn Disney 21st Century Fox kauft, das Hollywood­studio, das Murdoch 1985 dem Ölmilliardär Marvin Davis in zähen Verhandlungen abgerungen hat? Der Vorschlag läuft allem entgegen, was Murdochs Geschäfts­gebaren bislang ausgemacht hat – seit nunmehr 65 Jahren setzt er auf Wachstum und die Eroberung immer neuer Geschäfts­zweige. Aber er geht tatsächlich auf das Angebot ein.

Murdoch beschliesst zu schrumpfen.

In gewisser Weise ist es das Eingeständnis einer Niederlage: Mit seinen Expansions­vorhaben ist er endgültig und unwiderruflich vor die Wand gefahren, und zwar aufgrund eigener Versäumnisse – siehe die innerfamiliären Konflikte, den Rechtsruck bei Fox News und das Debakel bei Sky News. Vielleicht ist es Zeit für einen neuen Plan? Warum nicht das Film­studio, mit dem er zwei Drittel des Gesamt­umsatzes generiert, abspalten und sich auf seine wichtigsten Einfluss­mittel konzentrieren, die Zeitungen und Fox News? Murdochs Sohn James könnte sich dann anderswo umblicken und vielleicht mit 21st Century Fox zu Disney wechseln. Er selbst könnte gemeinsam mit Lachlan das verbliebene, deutlich abgespeckte Unternehmen kapern, um es wieder auf Kurs zu bringen.

Hinter dieser Entscheidung stehen nicht nur geschäftliche Gründe, es sind auch familiäre Erwägungen. Die Doppel­spitze mit den Murdoch-Söhnen James und Lachlan hat sich nicht bewährt, das zeigen die letzten Ereignisse. In der Führungs­etage herrscht kein Zweifel daran, wo Murdochs Sympathien liegen – wenn Lachlan in Meetings mit seinem Konferenz­stuhl zum Vater herüberrollt, strahlt dieser übers ganze Gesicht. Es ist auch klar, an welchen Sohn man sich mit Fragen und Bitten zu wenden hatte. («Und was sagt Lachlan dazu?» bekommt jeder zu hören, der im Gespräch mit James zu einer Entscheidung gekommen ist.)

Der Steuermann: Lachlan Murdoch nimmt mit seiner Jacht Ipixuna an einer Regatta vor Hamilton Island, Australien, teil (2006). Jack Atley/Bloomberg/Getty Images

James hat ein anderes Bild von Lachlan: Er sieht ihn als jemanden, der sich vor allem für Privilegien und Status­symbole interessiert, die mit seiner Macht­position einhergehen. Es empört James, dass sein Bruder sich in einem alten Aufnahmeset eine Kletter­wand aufbauen lässt und für sich bei einem privaten Sicherheits­dienst einen Leibwächter anheuert, der ihn auf Schritt und Tritt begleitet. Lachlan zeigt sich seinerseits irritiert davon, dass James immerzu auf Prinzipien, Vorschriften und Regeln pocht, was sich seiner Ansicht nach nicht mit dem unter­nehmerischen Abenteuer­geist verträgt, für den das Murdoch-Imperium schliesslich steht.

Zu dieser Recherche

Wie viel Macht haben Medien? An keinem Beispiel lässt sich das besser sehen als am Murdoch-Konzern. Fest in Familien­hand, macht er Präsidenten und Premier­ministerinnen, beeinflusst Gesetze, entscheidet mit über das Wohl und das Weh von Menschen. Jonathan Mahler und Jim Rutenberg vom «New York Times Magazine» haben monatelang recherchiert, mit mehr als 150 Menschen über die Familie Murdoch, ihr Imperium, ihr Wirken gesprochen. Wir haben diesen Artikel eingekauft, Anne Vonderstein hat ihn übersetzt.

Mit Trumps Präsidentschaft vertieft sich die Kluft zwischen den beiden Brüdern weiter. James stört sich immer mehr an den Entwicklungen bei Fox News. Er hat grundsätzlich nichts gegen einen konservativen Nachrichten­sender, aber ihm missfällt die Gestalt, die dieser Konservatismus zu bestimmten Sendezeiten angenommen hat: eine politische Waffe ohne jeden journalistischen Qualitäts­anspruch und ohne Rücksicht auf den Wahrheits­gehalt, die alle Rhetorik und jede politische Entscheidung des Präsidenten reflexhaft verteidigt.

Als Trump im Januar 2017 sein Dekret unterzeichnet, das den meisten Menschen aus diversen muslimisch geprägten Ländern die Einreise in die USA verweigern soll, wendet sich James an seinen Vater und den Bruder: Er will mit ihnen ein Memorandum an alle muslimischen Mitarbeiter im In- und Ausland aufsetzen, um sie zu beruhigen. Das Unternehmen soll sich entschieden und unmissverständlich von dem Dekret distanzieren und klarmachen, dass es alles in seiner Macht Stehende tun wird, um Mitarbeiter zu unterstützen, die mögliche Konsequenzen daraus zu befürchten haben. Lachlan plädiert für eine deutlich moderatere Wortwahl ohne direkte Erwähnung Trumps und des Einreise­verbots für Muslime, das ja schliesslich Abend für Abend auf Fox News von den Moderatoren befürwortet werde. Das Rundschreiben wird schliesslich in abgemilderter Form veröffentlicht. Aber selbst dieser Version stimmt Lachlan erst nach «harter Überzeugungs­arbeit» zu, wie James nach Auskunft einiger Personen aus seinem privaten Umfeld sagt.

Monate später kommt es bei einem Aufmarsch weisser Rassisten in Charlottesville, Virginia, zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit linken Gegen­demonstranten. Trump sieht in einer Stellung­nahme die «Schuld auf beiden Seiten» und behauptet, auch unter den rechtsradikalen Teilnehmern fänden sich «gute Menschen». Kathryn drängt darauf, dass James und sie ohne vorherige Abstimmung mit Lachlan und Rupert einen offenen Protestbrief verfassen. «Wenn wir noch nicht mal gegen Nazis in Virginia die Stimme erheben, wogegen denn dann?», sagt sie zu James laut einer Person, die bei der Unterhaltung zugegen war.

Bislang hat sich Kathryn an den ungeschriebenen Verhaltens­kodex des Familien­clans gehalten und sich mit Kritik an Fox News und dem Medien­konzern öffentlich zurückgehalten. Aber dass die Moderatoren auf Fox News dem dumpfen Patriotismus und weissen Nationalismus, der Trumps Aufstieg zur Macht begleitet, ihre Zustimmung geben, macht ihr diese Zurück­haltung zusehends schwer.

Auf Twitter bricht sich gelegentlich ihre Enttäuschung über die Haltung des Familien­unternehmens öffentlich Bahn, etwa durch ihre offensive Unter­stützung für David Hogg. Er hatte den Amoklauf an einer Schule in Parkland, Florida, im Februar 2018 überlebt und setzt sich für eine Verschärfung der Waffen­gesetze ein. Hogg war auf Twitter von Fox-Moderatorin Laura Ingraham verspottet worden, weil er von mehreren Colleges abgelehnt wurde; als Reaktion darauf rief Hogg zu einem Werbeboykott ihrer Sendung auf. Auch Bill Kristol erhielt Kathryns Unter­stützung, ein «Never Trump»-Republikaner, der den Sender verlassen hat. Und sie äusserte sich anerkennend über einen Artikel in der «Washington Post», der darauf aufmerksam machte, dass die Neonazi-Website «The Daily Stormer» sich bei Carlson dafür bedankt, dass er «alle unsere Themen behandelt».

XIII. Die Familiendynamik

Die Spannungen, die sich im Laufe der letzten zweieinhalb Jahre zwischen James und Lachlan aufgebaut haben, entladen sich im Herbst 2018, als der Disney-Deal erst möglich, dann wahrscheinlich und schliesslich Wirklichkeit wird.

Bei James stösst der neue Plan sofort auf Begeisterung. Er eröffnet ihm grössere Unabhängigkeit von der Familie und macht den Weg frei zur wohl bedeutendsten Position, die es in der Medien­welt gibt. Er nimmt Vieraugen­gespräche mit Iger auf, mal trifft man sich zum Lunch, mal auf Konferenzen, immer geht es auch um die Frage, welche Rolle James bei Disney über­nehmen könnte.

Unterwegs zum Mediengipfel in Sun Valley, Idaho: James Murdoch (links), Disney-Boss Robert A. Iger und Willow Bay von Bloomberg News (2012). David Paul Morris/Bloomberg/Getty Images

Der Endsechziger Iger steht kurz vor dem Ausscheiden aus dem Berufs­leben; sein Vertrag läuft im Sommer 2019 aus. Ein Nachfolger für ihn ist noch nicht benannt. Eine Spitzen­position bei Disney könnte James wieder ins Rennen als Nachfolger seines Vaters bringen. Lange hat er davon geträumt, den Familien­konzern zu übernehmen, aber jetzt besteht plötzlich Aussicht auf einen Führungs­posten bei einem dreimal so grossen Zusammen­schluss aus Disney und 21st Century Fox – dem dann grössten Medien­unternehmen der Welt, das zudem noch unbelastet wäre von jedem ideologischen Ballast, der weitere Wachstums­prozesse behindern könnte. Im Vorstand von 21st Century Fox wirbt James für Zuspruch zu dem Verkaufsvorhaben.

Lachlan wiederum ist ausser sich. Nicht einmal drei Jahre nachdem sein Vater ihn aus Australien zurück­gelockt hat, spricht dieser nun davon, das Imperium zu zerlegen, an dessen Errichtung er sein Leben lang gearbeitet hat. Nach Lachlans Ansicht ist 21st Century Fox dem Wettbewerb sehr wohl auch in seiner bisherigen Form gewachsen. Aber das kleinere Stück vom Kuchen, das ihm nach dem Verkauf von Teilen der Firma bleiben würde, ein Sender mit einem alternden Publikum plus das Auslauf­modell Kabel­fernsehen? Das ist alles andere als ein Wachstumsmarkt.

Je weiter die Gespräche mit Iger voranschreiten, umso erbitterter stemmt sich Lachlan gegen das Vorhaben. «Warum zum Teufel sollte ich den Rest der Firma haben wollen?», fragt er im Kreis von Vertrauten. Bei einem gemeinsamen Abend­essen in Manhattan im Herbst 2017 platzt Lachlan dann endgültig der Kragen, wie drei Zeugen des Vorfalls berichten. «Wenn du noch einen einzigen Telefonanruf in dieser Sache machst, bist du einen Sohn los», droht er. «Ich werde nie mehr mit dir reden!» (Vertreter von Rupert und Lachlan bestreiten, dass es zu dieser Drohung gekommen ist.)

Im Laufe unserer Recherche haben wir mit einem Dutzend Menschen gesprochen, die an den Disney-Verhandlungen beteiligt waren. Aus den Gesprächen ergeben sich zwei diametral entgegen­gesetzte Versionen der Ereignisse im nächsten Kapitel der Murdoch-Saga. Diejenigen, die James näherstehen, behaupten, Lachlan habe sein Erstgeburts­recht in Gefahr gesehen und versucht, den Deal mit allen Mitteln zu verhindern. Er soll sogar ein anderes Unter­nehmen zur Abgabe eines konkurrierenden Übernahme­angebots ermutigt haben, bei dem 21st Century Fox mehr Aktien behalten hätte.

Diejenigen, die Lachlan näherstehen, behaupten, James habe den Deal aus Gründen des persönlichen Ehrgeizes und des Karrierismus durchziehen wollen und schliesslich einen Preis akzeptiert, der weit unter dem liege, was man mit dem Lebenswerk seines Vaters hätte erzielen können. Ihrer Darstellung nach bestätigt sich Lachlans Sicht auf die Dinge, als sein Vater ihm erzählt, er habe einen Anruf von einem Banker erhalten, der ihm mitteilte, James habe seine zukünftige Position bei Disney zum Bestandteil der Verhandlungen gemacht. (Die Gesprächs­partner aus dem James-Lager bestreiten das und sagen, es sei James primär darum gegangen, den besten Deal für die Familie und die Aktionäre auszuhandeln.)

Die zerrüttete Familien­dynamik bleibt Iger nicht verborgen. Er bindet James dennoch eng in die Verhandlungen ein, weil er weiss, dass er in ihm einen starken Befürworter seiner Übernahme­pläne hat. Eine Zusage im Hinblick auf einen Posten oder eine spezifische Führungs­position bei Disney ist damit nicht verbunden. Öffentlich äussert Iger nur, dies sei eine Erwägung.

Im Oktober drohen die Verhandlungen zu scheitern, wie sich den Akten der US-Wertpapier- und Börsen­aufsichtsbehörde entnehmen lässt. In einem Telefonat teilt Murdoch senior Iger mit, dass die Bewertung des Unter­nehmens durch Disney «nicht angemessen» und es an der Zeit sei, die Gespräche «einzustellen». Aber die beiden Männer brechen die Verhand­lungen nicht ab und treffen sich in London – Iger ist zur Premiere des Disney-Films «Star Wars – The Last Jedi» angereist –, wo sie weitere Details besprechen. Am 13. Dezember 2017 treten sie mit einem ersten Abkommen an die Öffentlichkeit, noch unter Vorbehalt der Zustimmung der Behörden: Disney erwirbt Geschäfts­teile von Fox im Wert von 52,4 Milliarden US-Dollar.

Anlässlich der Bekannt­gabe erscheint ein Foto, das Iger und Murdoch vor der Kulisse der St. Paul’s Cathedral auf dem Dach eines Hoch­hauses in ungelenker Umarmung zeigt. Es ist ein eigentümliches Bild: Der Tycoon der grössten politischen Polarisierungs- und Wutentfesselungs­maschinerie im Land neben dem Herrscher über einen Medien­konzern, dessen Name gleichbedeutend ist mit Gleichmut, Gelassenheit und guter Laune. Innerhalb des Murdoch-Imperiums gibt bereits die Unvereinbarkeit von Fox News und 21st Century Fox Anlass zu ironischen Spässen oder auch zu Beschwerden. Die «Simpsons», die auf Fox laufen, widmen eine ihrer Episoden etwa einer Parodie auf Fox News mit einem Nachrichten­band, das Meldungen anzeigt wie: «Sind Demokraten krebserregend?» oder «Studie: 92 Prozent der Demokraten sind schwul». Bei kontroversen Bericht­erstattungen auf Fox News, etwa anlässlich des Neonazi-Aufmarsches in Charlottesville, kommt es immer wieder zu Beschwerde­anrufen von Serien­machern an der Westküste, die die Murdochs drängen, sie möchten solche Aussetzer doch bitte unterbinden.

Aber die Führungs­riege bei 21st Century Fox hat sich im Laufe der Trump-Ära weitgehend an die täglichen Verstösse gegen die guten Sitten durch die Polit­showmaster gewöhnt, die Rassismus und Hass auf Immigranten schüren. Nun steht die Verschmelzung von 21st Century Fox mit einem Unter­nehmen an, das dafür bekannt ist, einen weiten Bogen um die Politik zu machen.

Und was Fox News betrifft, so steht seinen Machern nach dem Deal ein unternehmens­eigenes Hindernis weniger im Weg bei dem Vorhaben, ihren Zuschauern genau das zu bieten, was diese hören und sehen wollen.

XIV. Der Deal

Es ist der grösste Deal, den Murdoch je abgeschlossen hat. Und ausgerechnet jetzt stürzt der 86-Jährige auf dem Weg ins Badezimmer auf Lachlans Jacht und muss nach Los Angeles transportiert werden.

Als ihr Vater Anfang 2018 im Ronald Reagan UCLA Medical Center in Los Angeles liegt, machen sich seine Kinder auf den Weg zu ihm. Er könnte diesen Sturz nicht überleben. Lachlan und seine Frau Sarah treffen zuerst ein. Elisabeth und ihr Mann Keith Tyson kommen aus London angereist, James und Kathryn aus New York. Murdochs Operation verläuft erfolgreich. Nicht lange nach dem Eintreffen seiner Kinder ist sein Zustand wieder stabil. Murdoch scherzt später, dass ihm erst gedämmert habe, wie ernst es um ihn bestellt gewesen sein muss, als er aufgewacht sei und alle seine Kinder um sich herum versammelt gesehen habe.

Murdoch bleibt noch einige Monate ans Bett gefesselt, aber die Geschäfte führt er auch von seinem Schlaf­zimmer in Moraga aus weiter. In einer E-Mail an die Geschäfts­führung und den Vorstand (die «Vanity Fair» zugespielt wurde) beschreibt er den Vorfall als einen «Segelunfall» und kündigt an, dass er eine Zeit lang von zu Hause aus arbeiten werde. «Aber Sie hören von mir via E-Mail, Telefon oder SMS!»

Die Verhandlungen werden fortgesetzt. Währenddessen richten Lachlan und James es sich in den veränderten Gegeben­heiten ein. James hat sich den von ihm gewünschten Job bei Disney nicht sichern können. Zudem reift die Erkenntnis, dass ihm die extrem unflexiblen und hierarchischen Strukturen im Familien­unternehmen nicht liegen. Wie drei ihm nahestehende Personen berichten, kommt James deshalb im Winter zum Entschluss, dass er nicht dabei sein wird, wenn der Konzern unter ein neues Dach zieht. Lachlan bekommt, was vom Murdoch-Imperium übrig geblieben ist, ohne dass sein jüngerer Bruder sich noch einmischt.

Anfang Juni 2018, der Vertrag mit Disney steht kurz vor dem endgültigen Abschluss, taucht plötzlich ein neuer Bieter auf. Comcast-Chef Brian Roberts bietet Murdoch 65 Milliarden Dollar für 21st Century Fox, 12,6 Milliarden mehr als Disney. Murdoch hat, nach Aussage dreier Personen, die wissen, wie er tickt, nicht vor, an Comcast zu verkaufen. Aus verschiedenen Gründen zieht er Disney vor, unter anderem aufgrund seiner Bewunderung für Iger, den er als Geistes­verwandten und als bezüglich Risiko­freude ebenbürtige Führungs­persönlichkeit schätzt. Ausserdem will Disney in Aktien bezahlen und nicht wie Comcast in bar, wodurch hohe Steuer­zahlungen auf Murdoch zukämen.

Aber die Aussicht auf einen Bieterkrieg kommt Murdoch zupass. Gerade ist das Gerichts­verfahren des US-Justiz­ministeriums gegen die geplante Megafusion zwischen dem US-Telekommunikations­riesen AT&T und dem Medien­konzern Time Warner angelaufen. Murdoch wittert eine Möglichkeit, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: ein höheres Angebot zu erzielen und den Zuschlag dafür dem Mann zu erteilen, der ihm lieber ist.

Mit dem Disney-Rivalen Comcast im Rücken gelingt es Murdoch, Disneys Angebot in die Höhe zu treiben. 71,3 Milliarden Dollar lautet das neue und, wie Iger und seine Mannschaft hoffen, nun wirklich letzte Angebot. Sie reisen nach London, um es persönlich zu überbringen. Sie wählen eigens die Route über Irland, um zu vermeiden, dass Comcast davon Wind bekommen könnte, indem es den Flugverkehr auf Privatjets überwachen lässt, die direkt von den USA aus einreisen. Murdoch hat Disney an der Angel.

Vater-Sohn-Gespräch: Rupert und Lachlan Murdoch (2018). David Paul Morris/Bloomberg/Getty Images

Im Juli 2018, Murdoch ist inzwischen wieder auf den Beinen, findet die Medienkonferenz in Sun Valley, Idaho, in seinem Beisein statt, auch Roberts und Iger nehmen teil. Murdoch wirkt quicklebendig, endlich kann er wieder richtig mitmischen. Es gibt nur ein Problem: Sollte Comcast nun ebenfalls mit einem höheren Angebot ins Rennen gehen wollen, ist Murdoch treuhänderisch verpflichtet, den Vorstand zu informieren, und dieser könnte das Angebot akzeptieren, sofern keine berücksichtigens­werten Umstände vorliegen. Doch Murdoch hat kein Interesse daran, dass der Preistreiber den Sieg davonträgt.

Das Trump-Justiz­ministerium kommt Murdoch zu Hilfe: mit seinen kartell­rechtlichen Einsprüchen gegen den in einem Bundes­gerichts­entscheid genehmigten Zusammenschluss von AT&T und Time Warner. Auf den ersten Blick hat das Gerichts­verfahren nichts mit Comcast zu tun, aber der Einspruch gegen das Fusionierungs­urteil liefert Murdoch einen dringend benötigten Vorwand, um Disney den Zuschlag zu geben: Comcast ist in der Vergangenheit bei einem hitzigen Bietergefecht mit AT&T und Time Warner schon einmal ins Visier der Regulierungs­behörden geraten. Die Entscheidung für Comcast wäre also riskant. Es gibt keinen Beweis dafür, dass das US-Justiz­ministerium seinen Einspruch auch mit Blick auf Murdochs Interessen getroffen hat; aber das Ergebnis der Kartellrechts­klage ist klar: Murdoch erhält für den Verkauf seiner Geschäfts­anteile 20 Milliarden Dollar mehr als vorher – und dies auch noch von dem favorisierten Bieter.

Für Murdoch persönlich springen bei dem Deal mit Disney rund 4 Milliarden Dollar heraus, sein persönliches Vermögen wächst damit auf 18 Milliarden. Jedes seiner sechs Kinder erhält 2 Milliarden Dollar. Lachlan und James bekommen darüber hinaus Disney-Aktien im Wert von 20 Millionen Dollar zuzüglich Abfindungen als «goldenen Handschlag» in Höhe von jeweils rund 70 Millionen Dollar.

Das ist zwar sehr viel, aber nicht das, was sie eigentlich wollten.

XV. Der Staatsstreich

Mitte August 2018 steigt Lachlan Murdoch in T-Shirt und Jeans die Gangway seiner Gulfstream G550 hinab und verschwindet im schwarzen Range Rover, der auf der Landebahn bereitsteht. Australische Paparazzi sind anwesend, keine Seltenheit, wenn er oder sein Vater in Sydney landen. Dieses Mal sind Vater und Sohn gemeinsam vor Ort: Murdoch ist bereits zwei Tage zuvor eingetroffen. Sie wollen zu einer Abend­veranstaltung anlässlich einer Sky-Preis­verleihung gehen, aber sie haben noch anderes vor.

Am nächsten Abend lädt Lachlan einen kleinen Kreis von Sky-Mitarbeiterinnen und -Managern in seine 16-Millionen-Dollar-Villa in Sydney zu ein paar Drinks ein. Auch in Australien ist Sky inzwischen zu einer politischen Grösse geworden, auch dort sind die besten Sendeplätze mit stramm rechten Moderatoren von Polit- und Meinungs­shows besetzt. Im Vergleich zu Amerika sind die Zuschauer­zahlen zwar niedrig, aber in der Hauptstadt Canberra ist Sky Sender erster Wahl, und man steht kurz vor Abschluss eines Vertrags, um auch ins australische Hinterland vorzudringen – demografisch gesehen das Äquivalent zur US-Provinz, wo die Anhänger von Donald Trump zu Hause sind.

Wie bei seinem Spiegelbild Fox News sind auch bei Sky Australia die Themen Ethnie, Identität und Leugnung des Klimawandels ein Dauerbrenner. Abend für Abend heizen die Moderatoren und Talkshow-Gäste die Wut der Zuschauer an auf die angeblich linksliberal unterwanderten Medien, auf den «zur eigenen Auslöschung beitragenden Selbsthass» des Westens und auf die Einwanderung (meist muslimischer) illegaler Boots­flüchtlinge aus Indonesien oder Malaysia. Letzteres ist exakt das australische Pendant zur polarisierenden US-amerikanischen Diskussion über die «Flüchtlings­karawanen» mittelamerikanischer Migranten, die sich auf dem Weg in die USA befinden.

Wenige Tage vor Lachlans Eintreffen in Sydney hat Sky News den Anführer einer Neonazi-Gruppe, Blair Cottrell, zu einem Einzelinterview eingeladen – er ist kurz zuvor wegen «Anstiftung zur Verachtung von Muslimen» zu einer Geldstrafe verurteilt worden. Es ist nicht das erste Mal, dass Cottrell im australischen Fernsehen zu Wort kommt, aber diesmal entfacht er einen landesweiten Sturm des Protestes, weil seine Äusserungen auf Sky so gut wie unwidersprochen geblieben sind. Ohne auf harte Nachfragen zu stossen, kann Cottrell in der «Adam Giles Show» zur «Verteidigung unserer angestammten australischen Identität» aufrufen und dafür plädieren, die Einwanderung auf Menschen zu beschränken, «deren Kultur unserer eigenen nicht zu fremd ist», etwa auf «weisse Farmer aus Südafrika». (Sky entschuldigt sich dafür und setzt die Show ab.)

Auch in Lachlans Wohnzimmer kommt man auf Innenpolitisches zu sprechen. «Glauben Sie, dass Malcolm überleben wird?», fragt Lachlan in die Runde. Gemeint ist damit der amtierende Premier­minister Malcolm Turnbull, der zum liberalen Flügel seiner Partei gehört und seit 2015 im Amt ist. Unlängst hat er seine Pläne bekannt gegeben, in Einhaltung des Pariser Klima­abkommens für eine drastischere Reduzierung der CO2-Emissionen zu sorgen. Der erste innerparteiliche Widerstand aus den konservativen Reihen hat sich bereits formiert. Dass die Murdochs so gut wie nie direkte Anweisungen erteilen, ist jedem bekannt, der für sie arbeitet. Ihre Wünsche äussern sie eher indirekt, vielleicht in einem Tweet – wie Murdoch im Frühjahr 2016, als er sich im Wahlkampf auf die Seite Donald Trumps schlägt; oder aber auch nur in Form einer Frage, deren Implikationen der gleichgesinnten Führungsriege kaum entgehen dürften.

In den folgenden Tagen setzen die Moderatoren auf Sky Australia und die Murdoch-Zeitungen – die Chefredaktoren sind separat zu Drinks in Lachlans Villa gewesen – eine Kampagne in Gang, um Turnbull aus dem Amt zu jagen. Der bekannte konservative Radiomoderator Alan Jones, der auch eine Sendung auf Sky hat, ruft zur «Rebellion» gegen den Premier auf. Tage später erscheint im «Daily Telegraph», der wichtigsten Murdoch-Zeitung in Sydney, ein Bericht über Versuche der Entmachtung des Premiers durch seine konservativen Widersacher. Andrew Bolt, jener Murdoch-Kolumnist, der sich schon einmal wegen Anstiftung zu Rassen­diskriminierung eine Anzeige eingehandelt hat, teilt den Sky-Zuschauern mit, Turnbull habe «seine Glaubwürdigkeit und seine Macht verloren». Und in der landesweit verbreiteten Tages­zeitung «The Australian» wird Turnbull bald darauf sogar zum dead man walking erklärt, zum «Todgeweihten».

Lachlans Bemerkung über Turnbull spricht sich herum und kommt auch dem Premier selbst zu Ohren. Dass er bei Sky News nicht gerade wohlgelitten ist, ist ihm nicht neu. Monate zuvor hat ihm eine Mitarbeiterin einen Zusammen­schnitt aus Werbeclips des Senders gezeigt, in denen seine Führung des Landes infrage gestellt wird. «Ist das normal?», fragt er, wie sie sich erinnert. Inzwischen aber muss er zu der Überzeugung kommen, dass es sich bei der kritischen Bericht­erstattung um eine konzertierte Aktion gegen ihn handelt. Einer seiner Mitarbeiter geht denn auch auf Konfrontation mit der Führungs­mannschaft bei Sky Australia. In einem Schreiben, das auch uns vorliegt, heisst es, das Turnbull-Team sei darüber informiert, dass «Lachlan Dienstag­abend bei einem Treffen mit den Chefredaktoren keinen Zweifel daran gelassen hat, dass er MT loswerden will».

Noch etwas anderes ist Turnbull zu Ohren gekommen: Rupert Murdoch empfinde es als Affront, dass der Premier sich seit seiner Ankunft in Australien noch nicht bei ihm gemeldet hat. Turnbulls Stabschef, der bereits vergeblich versucht hat, ein Treffen mit Murdoch zu arrangieren, verdoppelt daraufhin seine Anstrengungen. Mehr als ein Telefon­termin springt aber für Turnbull nicht heraus, doch den nutzt er, um Murdoch zu bitten, er möge von ihm ablassen. «Geben Sie mir etwas Zeit. Ich muss erst mit Lachlan sprechen», sagt Murdoch. «Ich bin jetzt im Ruhestand. Ich frage Lachlan.» (Durch einen Sprecher lässt Rupert Murdoch mitteilen, er habe sich von Turnbull nicht missachtet gefühlt.)

Ein Opfer der Murdoch-Medien: Malcolm Turnbull erklärt 2018 an einer Pressekonferenz seinen Rücktritt als australischer Premierminister. Sam Mooy/EPA/Keystone

Zwei Tage darauf wird Turnbull von konservativen Gegnern durch eine innerparteiliche Kampf­abstimmung aus dem Amt getrieben; die Fraktion fordert mehrheitlich einen «Sturz» (spill) der Regierung. Das folgende Machtgerangel sorgt für so viel politisches Theater, dass es nicht nur abendfüllend, sondern bei Sky Australia 24 Stunden auf Sendung ist; die Zuschauer­zahlen erreichen ein Allzeit­hoch. (Die Murdochs bestreiten jede Mitwirkung am Sturz Turnbulls.)

Wie immer bei den Murdochs ist es auch in diesem Fall nicht leicht, persönliche, finanzielle und ideologische Interessen scharf voneinander zu trennen. Alle drei Faktoren scheinen in ihrer Entscheidung, sich gegen Turnbull zu wenden, eine Rolle gespielt zu haben. Das fängt damit an, dass Turnbull durch eine Kampf­abstimmung gegen seinen Vorgänger Tony Abbott – einen langjährigen Freund Rupert Murdochs – ins Amt gekommen ist. (Abbott ist einer der Anführer des innerparteilichen Aufstands gegen Turnbull.) Es geht damit weiter, dass Turnbull politische Vorhaben in Angriff genommen hat, die sich nicht gut mit den ökonomischen Interessen der Murdochs vertragen – etwa den Ausbau des nationalen Breitbandnetzes. Aus Sicht der Murdochs erhielten damit Streaming­dienste wie Netflix, die eine gefährliche Konkurrenz für ihr hoch profitables Kabel-TV-Geschäft darstellen, staatlich subventionierten Zugang zu allen australischen Haushalten.

Nach Darstellung der wenigen nicht zum Murdoch-Konzern gehörenden australischen Zeitungen handelt es sich bei Turnbulls Sturz um einen von Murdoch angeführten «Staatsstreich». Der ehemalige Premierminister Kevin Rudd, der vor Jahren ebenfalls unter Beteiligung der Murdochs aus dem Amt getrieben wurde, beschreibt Murdoch in einem Gastbeitrag für den «Sydney Morning Herald» als «eines der grössten Krebsgeschwüre in der austra­lischen Demokratie».

Die Nachfolge Turnbulls tritt Scott Morrison an. Kaum ist er im August 2018 im Amt, tut er sich auch schon mit Donald Trump zusammen. Zur ersten persönlichen Begegnung der beiden kommt es Ende 2018 beim G-20-Gipfel in Buenos Aires. «Ich glaube, das wird eine gute Beziehung», sagt Trump nach dem Treffen. Bei den aktuellen Wahlen vor einigen Tagen setzte sich Morrison durch, obwohl die Umfragewerte gegen ihn gesprochen hatten. Im Wahlkampf hatte er auf das polarisierende Thema Einwanderung gesetzt und versprochen, seine Partei werde hart durchgreifen. Politische Beobachter wie der renommierte australische Journalist Tony Koch erklärten den Sieg Morrisons auch mit der Partei­ergreifung durch die Murdoch-Medien.

Koch schreibt von einer «beschämenden Verzerrung» in der Bericht­erstattung dieser Medien. So konnte Andrew Bolt in der Haupt­sendezeit vor einer «Invasion» warnen. Er sagte im «Bolt Report» auf Sky News: «Es besteht die Gefahr, dass wir ethnischen und religiösen Unfrieden importieren, sogar Terrorismus.» Begleitend zu diesen warnenden Worten wird im Hinter­grund ein Bild eingeblendet, das vor Augen führt, wie Australiens Zukunft aussehen könnte: Es zeigt auf offener Strasse betende Muslime, die sich reihenweise gen Mekka verbeugen.

Sieger entgegen allen Umfragewerten: Scott Morrison lässt sich am 18. Mai 2019 in Sydney als australischer Premierminister feiern. An seiner Seite Ehefrau Jenny und die Töchter Lily (links) und Abbey. Brook Mitchell/Getty Images

Als die oppositionelle Labor-Partei vor den Wahlen gegen erheblichen Widerstand ein Gesetz durchbringt, wonach Ärzte das Recht haben, schwerkranke Einwanderer in den Auffang­lagern auf der winzigen Südsee-Insel Nauru oder auf Manus Island in Papua-Neuguinea zur Gewähr­leistung angemessener medizinischer Versorgung in australische Kranken­häuser zu bringen, gehen die Prime-Time-Moderatoren auf Sky erneut in die Offensive.

XVI. Das Streaming

Inzwischen ist also mit Lachlan die dritte Generation der Murdoch-Dynastie an die Macht gekommen. Die Übernahme des Medien­imperiums 21st Century Fox durch Walt Disney muss in einigen Ländern noch die behördliche Genehmigung erlangen – die beiden Unternehmen haben unter anderem in China, Mexiko und Brasilien sich überlappende Geschäftsfelder –, aber Lachlan richtet es sich schon einmal in seiner neuen Funktion als Vorsitzender und Chief Executive beim neuen Fox ein.

Das Imperium ist mit dem Übernahme­deal durch Disney zwar sehr viel kleiner geworden. Aber an politischer Macht hat es nicht eingebüsst, und an der Richtung kann kein Zweifel bestehen.

Lachlan gibt so gut wie nie offizielle Interviews, aber bei einem Führungs­wechsel im Familien­unternehmen lässt sich eine öffentliche Stellungnahme wohl kaum vermeiden. Lachlan wählt dafür die von der «New York Times» gesponserte DealBook-Konferenz zum Thema Unternehmens­führung. Am 1. November 2018, keine drei Monate nach dem «Staatsstreich» in Australien, betritt Lachlan die Bühne im Time Warner Center in Midtown Manhattan. In weissem Hemd ohne Krawatte, dunkelblauem Anzug und den Outback-Stiefeln, seinem Markenzeichen, gibt er den Verkauf an Disney bekannt und schildert ihn als uneigennützigen Akt. «Der strategische Vorteil dieses Angebots war für uns unmittelbar einleuchtend», erklärt er seinem Interviewer, dem «New York Times»-Kolumnisten Andrew Ross Sorkin. Auf die Frage, ob er bei der Aussicht, nun einen stark geschrumpften Konzern zu übernehmen, nicht auch so etwas wie Bedauern empfinde, erwidert er: «Für mich standen die Interessen unserer Aktionäre dabei an oberster Stelle.» Während der kurzen Fragerunde im Anschluss wiegelt er Kritik an Fox News ab. «Ich wüsste nicht, warum ich mich schämen sollte», sagt er, auf die Fox-Moderatoren in den Programmen zur Hauptsendezeit angesprochen. «Ehrlich gesagt, glaube ich, dass es unserem Land guttäte, wenn wir alle mehr Toleranz für die Meinung anderer aufbrächten.»

«Ich wüsste nicht, warum ich mich schämen sollte»: Lachlan Murdoch an der DealBook-Konferenz 2018 in New York. Michael Cohen/Getty Images for The New York Times

In den Tagen vor der Konferenz hat es Äusserungen von Moderatoren und Gästen auf Fox News gegeben, die den fanatischsten Positionen der White-Nationalist-Bewegung in nichts nachstehen. Nur wenige Tage vor dem antisemitischen Angriff auf eine Synagoge in Pittsburgh mit elf Toten behauptet etwa ein Gast bei der Show «Lou Dobbs Tonight», dass der Migranten­treck aus Honduras von dem «von Soros besetzten Aussen­ministerium» finanziert sei. (Der Sender distanziert sich später davon.) Wie sich aus einem Posting des Pittsburgh-Attentäters in sozialen Netzwerken ergibt, war er zu der Ansicht gekommen, dass Juden Flüchtlingen bei der Einreise helfen.

Die Verbalangriffe von Fox-Moderator Tucker Carlson gegen die Einwanderungs­politik werden immer schärfer: «Man sagt uns, es sei unsere moralische Pflicht, die Armen der Welt bei uns aufzunehmen, auch wenn es unser Land ärmer und schmutziger macht und immer tiefer spaltet.» Von Lachlan erhält er dazu mehrere SMS, die ihm den Rücken stärken sollen, wie zwei Personen berichten, die die Text­nachrichten gelesen haben.

In Washington bleiben derweil die Grenzen zwischen Fox News und dem Weissen Haus weiterhin verschwommen. Auf Hannitys Drängen hin macht Donald Trump im Sommer 2018 Bill Shine zu seinem Kommunikations­direktor und läutet damit eine neue Ära zunehmender Feindschaft zwischen dem Weissen Haus und den Mainstream-Medien ein: Im Juli 2018 ist Shine erst wenige Tage im Amt, als er im Regieraum bei Fox anruft, um einen Text über Ivanka Trump ändern zu lassen, der am unteren Rand des Bildschirms zu sehen ist, wie uns ein Mitarbeiter des Senders mitteilt. Shine hält den Text für unvorteilhaft, die Bitte wird ihm nicht erfüllt. Shine sorgt auch dafür, dass die CNN-White-House-Korrespondentin Kaitlan Collins, die Donald Trump mehrere kritische Fragen zu Michael Cohen und Wladimir Putin gestellt hatte, von einer Veranstaltung ausgeschlossen wird.

Im Unterschied zu seinem Vater verfügt Lachlan nicht über eine langjährige Beziehung zu Donald Trump, aber er stellt Hope Hicks, die ehemalige Kommunikations­direktorin des Weissen Hauses, bei New Fox als Leiterin der Kommunikations­abteilung ein. Hope Hicks ist mit ihren 29 Jahren noch sehr jung für den Posten, doch sie gehört zu den wenigen aus Trumps innerem Zirkel, die das Weisse Haus nicht im Unfrieden verlassen haben. Und sie steht weiterhin in engem Kontakt zum Präsidenten, zur Familie Trump und zu Mitarbeitern im Weissen Haus. (Aus privaten Unter­haltungen mit Kushner geht hervor, dass er ihr eine Empfehlung für Murdoch geschrieben hat.)

Im Herbst 2018 nimmt Lachlan sein erstes grosses Geschäfts­vorhaben in Angriff. Es besteht in der Gründung des neuen On-Demand-Streaming­dienstes Fox Nation, der nur im Abonnement erhältlich ist und sich an «Fox-Superfans» richtet. Mit ihm soll eine neue Generation von Fox-Stars und -Zuschauern erschlossen werden. Zu den beliebtesten Moderatorinnen des Senders gehört die 26-jährige Tomi Lahren, eine frischgebackene Absolventin der University of Nevada, Las Vegas, die sich mit messerscharfen Kurz­nachrichten in den sozialen Medien einen Namen gemacht und viele Follower gewonnen hat. Eine Kostprobe ihrer Postings ist etwa der Kommentar zur Black-Lives-Matter-Bewegung: «der neue KKK», also Ku-Klux-Klan. In einem anderen Beispiel macht sie refugees zu rapeugees; ein unübersetzbares Wortspiel zu Flüchtlingen, das rape (Vergewaltigung) beinhaltet.

Die meisten Programme auf Fox Nation werden tagsüber im Livestream gesendet, wodurch sie den vielen Zuschauern, denen das Tagesprogramm bei Fox TV politisch zu moderat ist, eine willkommene Alternative bieten. Als Internet-Streamingdienst gelten für Fox Nation ausserdem geringere gesetzliche Auflagen als für Meinungs­äusserungen im TV-Abend­programm. Neben der meinungslastigen politischen Bericht­erstattung hält das Programm­angebot auch leichtere Kost – Steve Doocy von «Fox & Friends» präsentiert etwa eine Kochshow – oder Dokumentar­filme bereit, wie etwa über den ehemaligen Nachrichten­sprecher der «CBS Evening News» mit dem Titel: «Black Eye: Dan Rather and the Birth of Fake News». Auf längere Sicht hat Lachlan vor, dieses neue Format, eine Art unverdünnte, hemmungslose Fox News, auch für andere Länder anzubieten.

In der «Roger Ailes Show» hatte Ailes früher einmal Sean Hannity davon abgehalten, seine Sendung für einen Spendenaufruf für die Tea Party zu nutzen. Ailes’ Überzeugung, der Sender müsse einen Mindestabstand zu seinen politischen Verbündeten einhalten, wirkt bei Trumps letztem Wahlkampf­auftritt für die Zwischen­wahlen im November ziemlich überholt. Die Bühne teilt Donald Trump sich mit Sean Hannity und der Fox-Moderatorin Jeanine Pirro. Hannity gibt sich publikumsnah, nennt die Reporter im Presse­bereich «Fake News» und hält eine Lobrede auf Trumps Erfolge. Auf die zaghafte Rüge durch das Fox-News-Management wegen seiner Teilnahme an dieser Wahlkampf­veranstaltung präzisiert Hannity: Er habe mit der Kritik keineswegs die anwesenden Fox-Reporter gemeint, sondern nur die anderen.

Man kann den Eindruck gewinnen, als würde Fox News dem Präsidenten die Politik diktieren oder zumindest die Basis lenken, die einen massgeblichen Einfluss auf die Politik des Weissen Hauses hat. Ende 2018 scheint sich im Haushaltsstreit zwischen Trump und den neuerdings im Aufwind befindlichen Demokraten ein Kompromiss abzuzeichnen. Prompt werden in den Polit­talkshows des Senders zahlreiche Stimmen laut – sowohl vonseiten der Moderatoren als auch ihrer Gäste –, die wesentlich weniger kompromiss­bereit klingen als der Präsident selbst. Ein Haushalt ohne die für den Bau einer Mauer an der Grenze zu Mexiko erforderlichen 5 Milliarden US-Dollar sei absolut nicht unterzeichnungs­fähig, heisst es immer wieder.

«Hören Sie nicht auf Ihre Berater», wendet sich Moderator Pete Hegseth bei «Fox & Friends» an den Präsidenten. Und genau das tut Trump dann auch nicht. Vielmehr hört er auf Fox und verhängt eine Haushalts­sperre. Damit ist die Kampagne, die Monate zuvor ihren Anfang genommen hat, auf ihrem Höhepunkt angekommen. Und wie die dauerhafte Lähmung der britischen Regierungs­geschäfte und die politischen Unruhen in Australien ist auch das Chaos, das nun in den USA eine Eigendynamik annimmt, auf die Machenschaften einer einzigen Familie zurückzuführen.

XVII. Der Sieg

James Murdoch, der den grössten Teil seines Erwachsenen­lebens damit verbracht hat, zu beweisen, dass er zu Recht an der Spitze des Familien­unternehmens steht, hat inzwischen den endgültigen Bruch vollzogen. Ende 2018 macht er sich selbstständig, mit einem eigenen Büro im Greenwich Village in New York, von dem aus er sein beträchtlich gewachsenes Vermögen verwaltet und Investitionen in Start-ups aus der Technologie­branche tätigt. Mit seinem Bruder spricht er so gut wie gar nicht mehr.

Die enge Verflechtung von Politik und Wirtschaft, der seine Familie ihren Reichtum verdankt, hat James immer als selbstverständliche Gegebenheit hingenommen. Er hat sich sogar, wenn auch erfolglos, in London selbst an einer eigenen Verflechtungs­variante versucht. Mehr als zwei Jahrzehnte ist er dem Unternehmen treu geblieben, um vor den Augen seines Vaters zu bestehen und um seinen familiären Verpflichtungen nachzukommen. «Ich kann nicht einfach aussteigen», sagt er einem Freund während des Abhör­skandals um «News of the World». «Meine ganze Erziehung war eine Vorbereitung auf diesen Job.»

Die Bindung ist nicht nur emotional: James’ gesamtes Vermögen besteht aus den Aktien­anteilen am Familien­unternehmen. Nun hat der Vater Lachlan auserwählt. Das Imperium, um dessen Übernahme James sich über Jahre bemüht hat, wird zerschlagen. Aus dem lebenslangen Konkurrenz­kampf der beiden Brüder ist Lachlan als Sieger hervor­gegangen. Bloss, ist das wirklich ein Sieg? Gegenüber Freunden äussert sich James abfällig über das neue Unter­nehmen seines Bruders. Es sei ein «politisches Projekt».

Doch selbst unter diesen Umständen kann James sich nicht komplett von dem neuen Unternehmen distanzieren: Er hält immer noch einen grossen Anteil der Stimmrechts­aktien daran, die in einem Treuhand­fonds liegen. Solange sich daran nichts ändert, ist sein Vermögen an Lachlans «politisches Projekt» gebunden. Es ist allerdings schwer, daran etwas zu ändern, denn Rupert Murdoch hat vertraglich festgelegt, dass seine Kinder ihre Stimmrechts­aktien nicht an Aussenseiter verkaufen dürfen. Und weil Rupert ausserdem der Mehrheits­aktionär des Familien­fonds ist, ist mit den Aktien nicht einmal ein echtes Mitspracherecht verbunden. James sieht nur einen Ausweg: seine Aktien an Lachlan und den Vater zu verkaufen und darauf zu hoffen, dass seine Schwestern das Gleiche tun würden. So würde aus einer äusserst komplexen Familien­dynastie eine einfache Erbmonarchie.

Elisabeth und Prudence stimmen dem Vorschlag sofort zu. Auch bei Rupert Murdoch findet die Idee Anklang, denn wenn James geht, befreit sich das Unternehmen von einem Kritiker in den eigenen Reihen. Er drängt Lachlan, auf das Angebot einzugehen: Dann würden Vater und Sohn zu Allein­besitzern. Die Verträge werden aufgesetzt, aber Ende 2018, als sich Lachlan die Chance bietet, Herrscher über die verbleibenden Print- und TV-Aktivitäten zu werden, schreckt er plötzlich zurück. (Über einen Sprecher lässt Lachlan mitteilen, es sei finanziell nicht möglich gewesen, seine Geschwister auszukaufen.)

Hat Rupert Murdoch nun gewonnen oder verloren? Einerseits hat er alles erreicht, was er wollte: Er hat seine Kinder zu Multi­milliardären gemacht, er hat die Geschäfts­zweige behalten, an denen ihm am meisten liegt, und er hat seinem Lieblings­sohn die Kontrolle über das Unter­nehmen übergeben. Als 2016 alle, auch Murdoch selbst, fest mit dem Wahlsieg Hillary Clintons rechneten, setzte er auf den Gegen­kandidaten – und auf die Macht gegenläufiger historischer Kräfte – und wurde dafür mit Quoten, Geld und Zugang zu politischer Macht belohnt. Und doch hat Murdoch mit dieser Wette sowohl seine Familie als auch sein Unter­nehmen auseinander­gerissen. Übrig geblieben ist nicht das weltumspannende Medien­imperium, in dem sein gesamter Ehrgeiz steckt, sondern eine politische Waffe.

James und Kathryn haben sich vorgenommen, diese Waffe mit einem Teil ihres Vermögens zu entschärfen. Anfang 2019 ruft ihre Stiftung Quadrivium Projekte zur Verteidigung der Demokratie vor den wachsenden Gefahren des Rechtspopulismus sowie zur Stärkung der Demokratie aus.

Die endgültige Übernahme durch Disney ist für das Frühjahr 2019 geplant. Im Februar nehmen die Murdochs noch ein letztes Mal als Inhaber des geschichts­trächtigen Konzerns 21st Century Fox an der Oscar­verleihung teil. Das Ereignis gehört seit vielen Jahren zum festen Bestand­teil ihres Termin­kalenders; auf den legendären Partys in der Murdoch-Villa in Beverly Hills waren einst viele Hollywood­grössen zu Gast.

Auf dem «Vanity Fair»-Dinner, das Teil der Festlichkeiten ist, kommt es zu einem kurzen, denkwürdigen Wortwechsel. In gewisser Hinsicht bringt er den ideologischen Konflikt auf den Punkt, der nicht nur die Familie Murdoch, sondern die gesamte Welt in zwei Lager spaltet. In anderer Hinsicht wiederum handelt es sich nur um einen kurzen innerfamiliären Schlagabtausch. Oder aber auch um beides zugleich, denn das lässt sich bei den Murdochs kaum unterscheiden.

Kathryn Murdoch ist neben Jon Lovett platziert, einem ehemaligen Reden­schreiber Barack Obamas und Hillary Clintons, der inzwischen den Trump-kritischen Podcast «Pod Save America» betreibt. Lovett ist zunächst nicht sonderlich begeistert von der Tisch­ordnung. Aber im Gespräch mit Kathryn stellt sich schon sehr bald heraus, dass sie die Ansichten des Murdoch-Unter­nehmens nicht teilt. Unweigerlich kommt man im Lauf der Unter­haltung auch auf Fox News zu sprechen und auf den Schaden, den dieser Sender der amerikanischen Demokratie zufügt. Kathryn schlägt vor, Lovett mit ihrem Schwager bekannt zu machen, dem CEO von Fox News, der an einem der Nebentische sitzt. Lovett wehrt zunächst ab, er sagt: «Ich glaube, das Gespräch wäre für alle Beteiligten unangenehm.» Doch später am Abend gelingt es Kathryn, die beiden doch noch zusammenzubringen.

«Sind Sie eigentlich stolz darauf, was sich bei Ihnen jeden Abend zwischen 8 und 11 Uhr abspielt?», fragt Lovett Lachlan. «Glauben Sie, das tut der Welt gut?»

«Ja», sagt Lachlan. «Ich finde, unsere Leute leisten grossartige Arbeit.» Dann stellt er Lovett eine Gegenfrage: Gebe es denn Konservative, die für ihn als Gast auf Fox überhaupt akzeptabel wären? Bevor Lovett antworten kann, zählt Kathryn schon die Namen einer ganzen Reihe von Republikanern auf, die nicht zu den Trump-Befürwortern gehören.

Lachlan wendet sich ab und einem anderen Gespräch zu.

XVIII. Die Zukunft

Am Morgen des 19. März 2019 geht das neue, abgespeckte Fox unter dem Namen Fox Corporation offiziell an die Börse. Es untersteht weiterhin der Kontrolle durch die Murdochs; die Leitung übernimmt Lachlan als Vorstands­vorsitzender und Co-Vorstands­vorsitzender, Rupert Murdoch ist Co-Vorstands­vorsitzender. Laut «Ad Age» hat es eine Woche zuvor bereits eine Vorab­präsentation für potenzielle Werbekunden von Fox News gegeben, um diesen zu versichern, dass es sich um einen «unbedenklichen» Werbeplatz für die Produkt­platzierung handelt.

Der Video­zusammenschnitt zeigt Interviews mit Fox-News-Zuschauern – «ein Nachrichten­sender mit präziser und ehrlicher Berichterstattung» – und eine Podiumsdiskussion mit Fox-Mitarbeitern, die sich optimistisch über die Lage im Land und im Sender äussern. «Wir Amerikaner erleben gerade eine wirklich grossartige Zeit», sagt Laura Ingraham. «Tatsächlich sehe ich im Moment nicht, wie es noch besser sein könnte.»

Der «Fox-News-Effekt» erreicht jedenfalls die höchsten Werte in der 22-jährigen Unternehmens­geschichte. Aus einer im März 2019 veröffentlichten Studie des demokratischen Umfrage­instituts Navigation Research geht hervor, dass 62 Prozent der US-amerikanischen Bevölkerung, aber nur 12 Prozent des Fox-Publikums meinen, der Klimawandel sei hauptsächlich vom Menschen verursacht. Andererseits halten 78 Prozent der Fox-Zuschauer, aber nur 17 Prozent der übrigen Amerikaner Donald Trump für den besten Präsidenten, den Amerika jemals hatte.

Auch anderswo auf der Welt macht sich der Murdoch-Effekt bemerkbar. Nach der Entscheidung der Briten für den Brexit schlingert Gross­britannien in anhaltendes Regierungschaos. Es droht der ungeregelte Austritt ohne ein Abkommen mit der EU – gemäss Prognosen mit katastrophalen ökonomischen Folgen. Ende März 2019 fordern in London über eine Million Demonstranten die Abhaltung eines zweiten Referendums. May verliert in ihrer eigenen Partei an Rückhalt. Wenn es um ihre mögliche Nachfolge geht, darf ein Name nicht fehlen: der Brexit-Befürworter und konservative Abgeordnete Michael Gove – ein ehemaliger Murdoch-Kolumnist und ein enger Freund Rupert Murdochs.

Einst Kolumnist bei Murdoch, heute Brexit-Befürworter und möglicher neuer britischer Premierminister: Michael Gove schaut schon mal bei 10 Downing Street vorbei. Alberto Pezzali/NurPhoto/Getty Images

Viele tausend Kilometer entfernt zeigen sich andere Konsequenzen des fremden­feindlichen, nationalistischen Furors, den das Murdoch-Imperium weltweit befeuert und zum Mainstream hat werden lassen. In Neuseeland schiesst der mutmassliche Attentäter Brenton Tarrant am 15. März in zwei Moscheen in Christchurch um sich und tötet dabei 51 Menschen. Eine direkte Verbindung zwischen Tarrant und Sky Australia besteht nicht, aber Kritiker des Senders weisen schon bald nach der Tat auf seine rassistischen, antimuslimischen Parolen hin. In einem Online­kommentar, den die «Australian Broadcasting Corporation» (ABC) gefunden hat, bezeichnet Tarrant den Wahlsieg von Donald Trump als «eines der wichtigsten Ereignisse in der neueren Geschichte». Ein weiteres seiner Idole ist Blair Cottrell, dessen Auftritt bei Sky Australia für American Express Anlass war, sich als Werbekunde zurückzuziehen. Nach dem Attentat kehrt auch eine junge Mitarbeiterin dem Sender im Protest den Rücken: «In den letzten Jahren habe ich – wenn auch nur in einer unteren Funktion – bei einem Sender gearbeitet, dessen Ton dazu beigetragen hat, wie mir bewusst war, radikale Anschauungen vom Rand der Gesellschaft zu legitimieren», schreibt sie in der Kommentarspalte der ABC-Website.

In den USA bereitet sich das geschrumpfte Murdoch-Imperium zu diesem Zeitpunkt bereits auf die nächsten Präsidentschafts­wahlen vor. Einer der ersten Schritte besteht darin, die «New York Post» mehr in Einklang mit «Fox News» zu bringen. Die Zeitung, die täglich ins Weisse Haus geliefert wird, gehörte lange zur ersten Morgenlektüre von Donald Trump, aber die Bericht­erstattung geht nicht immer freundlich mit ihm um. Im Januar holen die Murdochs einen ehemaligen Herausgeber des Blatts zurück, den Australier Col Allan, um das Blatt wieder auf die richtige Spur zu bringen. Allan, ein alter Golf­partner von Murdoch, ist in der australischen Boulevard­presse gross geworden und hat sich dort einen Namen als «Rupes Bulldogge» gemacht. Der Herausgeber der «New York Post» Jesse Angelo, von Kindheit an James Murdochs bester Freund, gibt nach dieser Personalentscheidung umgehend seinen Rücktritt bekannt.

Auf Fox News wird die Freigabe des Berichts von Sonderermittler Robert Mueller zu den Russland-Verflechtungen von Präsident Trump als das Ende einer zweijährigen «Hexenjagd» gefeiert – und als Beginn von Trumps Wiederwahl­kampf. Als Folge der Russland-Affäre ergingen Anklagen gegen 34 Personen; 5 ehemalige Mitarbeiter oder Wahlkampfhelfer von Trump haben sich schuldig bekannt oder wurden von einem Gericht verurteilt; ausserdem ist die Russland-Untersuchung noch nicht abgeschlossen. Weitere Untersuchungen auf der Ebene des Staates, der Bundes­staatsanwaltschaft oder des Repräsentanten­hauses sind bereits eingeleitet.

Und doch feiert Fox Muellers Verzicht auf weitere Anklagen als einen Sieg auf ganzer Linie: Das ganze Verfahren sei ein von den Demokraten in Gang gesetzter Staatsstreich, der von den Mainstream-Medien mit einer bewussten Desinformation der Öffentlichkeit unterstützt worden sei. Die Demokraten und die mit ihnen verbündete Presse seien zwar diesmal, so warnen die Stimmen auf Fox, an der Absetzung des Präsidenten gescheitert, aber sie würden in den kommenden Monaten ihre Anstrengungen sicher verstärken. «Man muss sie in den politischen Dreck treten und dafür sorgen, dass sie als die Minderheit gesehen werden, die sie sind», sagt Rush Limbaugh, der Doyen der rechtskonservativen Radio­moderatoren, in Hannitys Polittalkshow.

Der Präsidentschafts­wahlkampf 2020 und eine neue Ära in der Murdoch-Dynastie haben längst begonnen.

Bildnachweis Coverillustration von Joan Wong für «New York Times Magazine»: Alessia Pierdomenico/Bloomberg/Getty Images; Lisa Maree Williams/Getty Images; Matt Baron/Shutterstock; Shutterstock

Zum Text

Dieser Text erschien zuerst unter dem Titel «How Rupert Murdoch’s Empire of Influence Remade The World» im «New York Times Magazine». Er wurde von Anne Vonderstein aus dem Englischen übersetzt.

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