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Alltägliche Gewalt: Kreuze nahe der mexikanischen Stadt Ciudad Juárez erinnern an ermordete oder verschwundene Frauen. Rodrigo Abd/AP/Keystone

Die Hoffnung stirbt auch in Mexiko zuletzt

Armut, Zerfall, Gewalt: Vier mexikanische Autorinnen halten ihrem Land schonungslos den Spiegel vor. Das rüttelt auf – aber überzeugt es auch literarisch?

Von Michi Strausfeld, 01.06.2019

«So fern von Gott und so nah an den Vereinigten Staaten» lautet ein verbreitetes Sprichwort in Mexiko. Es trifft einen wunden Punkt. Das Land steckt in einer existenziellen Krise. In europäischen Medien sorgt es vornehmlich für negative Schlag­zeilen: Drogen­kriege, Frauen­morde, Korruption, die Mauer, violencia. 2017 hatte Mexiko 127 Millionen Einwohner, das Durchschnitts­alter betrug 28 Jahre – ein junges, ein dynamisches Land.

Aber wie sieht der Alltag der Menschen aus? Wie leben sie mit den zahllosen Problemen? Eindringlicher und anschaulicher als in jedem Sachtext bekommt man das in der Gegenwarts­literatur geschildert. Vier Romane bieten nuancen­reiche Einblicke ins Leben, sei es in den grossen Städten, sei es in der Provinz. Die bedrückenden Schicksale, von denen sie erzählen, graben sich durch die literarische Gestaltung tief ins Gedächtnis.

Fernanda Melchor: «Saison der Wirbelstürme»

Beginnen wir in den armseligen, heissen Dörfern der Provinz Veracruz, wo nur die Land­strasse, auf der die Last­wagen zu Ölfeldern und Raffinerien rollen, eine Verbindung zur Küste oder in die nächst­grössere Stadt ermöglicht. In dieser Region spielt der Roman «Saison der Wirbel­stürme» von Fernanda Melchor (*1982, sie wurde soeben mit dem Anna-Seghers-Preis ausgezeichnet).

In Veracruz spielt nicht nur das Klima verrückt. Ein paar Kinder entdecken im Zuckerrohr­feld eine Leiche. Das ganze Dorf gerät in Aufruhr, denn die Tote ist die «Dorfhexe», deren magische oder teuflische Künste die Bewohner fasziniert und geängstigt haben. Nichts Genaueres weiss man über sie, nur, dass sie regen Männer­besuch hatte, angeblich viel Geld hortete und Getränke braute für Abtreibungen, Liebes­zauber und gegen Krankheiten. Raubmord oder Rache?

Der Mordfall wird nie aufgeklärt. Dafür erfahren wir viel über die Dorf­bewohner, die keine Vergnügen kennen ausser Alkohol, Sex und Drogen. Kaum eine Familie lebt zusammen, meist sucht der Vater das Weite, manchmal flüchtet auch die Mutter und lässt die Kinder zurück. Gross­mütter verwöhnen ihre Enkel und sehen ihnen jede Missetat nach, entschuldigen Drogen­handel, sexuelle Gewalt oder kleinkriminelle Handlungen.

Mädchen hingegen werden für jede Kleinigkeit bestraft und erniedrigt, sie sind hauptsächlich dazu da, im Haus zu helfen und ihre Brüder zu versorgen. Ein ungebrochener Machismo wird in den ländlichen Familien praktiziert. Zärtlichkeit und Zuneigung schimmern nur moment­weise auf, Prostitution und Promiskuität hingegen sind allgegenwärtig.

Fernanda Melchor reiht lose verbundene Geschichten aneinander. Besonders beeindruckend ist die der zwölf­jährigen Norma, die vom Liebhaber ihrer Mutter missbraucht wird. Kunstvoll nuanciert die Autorin die wider­sprüchlichen Empfindungen des Mädchens – seine ambivalenten Gefühle von Lust und Schuld prägen sich tief ein. Als Norma schwanger wird, flieht sie aus Angst ins nächste Dorf und kommt bei einem Jungen unter, der sich in sie verliebt – und ausnahms­weise keinen Sex verlangt, weil sein permanenter Drogen­konsum ihn längst zum Zombie gemacht hat.

Nach einem viel zu späten Abtreibungs­versuch verblutet Norma im Kranken­haus. Eine Tote mehr, das kümmert niemanden. Der Leichen­gräber kündigt seinen Helfern den ersten Wirbel­sturm der Saison an: «Das Wasser kann euch nichts tun, und die Finsternis geht vorbei. Habt ihr’s gesehen? Das Licht dort in der Ferne? Das kleine Licht, das aussieht wie ein Stern? Dorthin müsst ihr gehen (...), das ist der Ausgang aus diesem Loch.»

Mit dieser bescheidenen Zuversicht endet der Roman, in dem Fernanda Melchor ihrer Empörung, Trauer, Wut und Verzweiflung Ausdruck verleiht – ihre atemlosen (und von Angelica Ammar grossartig übertragenen) Wort­kaskaden ziehen sich oft über mehrere Seiten hin, reissen uns mit und lassen eine verstörende Beklemmung zurück.

Guillermo Arriaga: «Der Wilde»

Man möchte vermuten, das Leben in der Metropole sei einfacher, vor allem für die aufstrebende Mittel­schicht. Der erfolgreiche Cineast und Schrift­steller Guillermo Arriaga (*1958) schildert den Alltag der Heranwachsenden im bescheidenen Viertel Unidad Modelo von Mexiko-Stadt Ende der 1970er-Jahre. Sein 740-seitiges Opus «Der Wilde» kann man schwer resümieren, denn eigentlich handelt es sich um zwei Romane.

Der erste thematisiert das von Tragödien geprägte Heranwachsen des Protagonisten Juan Guillermo, der zweite seinen Kampf ums Überleben mit dem Wolfs­hund Colmillo.

Juan Guillermos Eltern arbeiten hart, um ihren beiden Söhnen eine Privat­schule zu finanzieren, denn sie glauben, dass nur Bildung einen Aufstieg ermöglicht. Eine intakte Familie in einer hilfsbereiten Nachbarschaft. Aber die Älteren beobachten voller Sorge, wie ihnen die Jugend entgleitet: Traditionelle Werte schwinden, die Moral ist lockerer und die Sprache vulgär geworden. Drogen­dealer und religiöse Fanatiker scheinen miteinander zu wetteifern um Einfluss und Macht.

Schule, Freund- und Feindschaften, Machismo und das komplizierte Verhältnis zu den Mädchen: Die Leserin wird mitgenommen, wenn die Buben über die Dächer von Haus zu Haus springen und fern von den Erwachsenen ein ungestümes Eigenleben führen. Juan Guillermo bewundert seinen älteren Bruder, weiss aber nicht, dass der auch als Dealer tätig ist und im Clinch mit der korrupten Polizei steht, die entweder an den Gewinnen beteiligt werden will oder ihn kaltstellen möchte.

Als der Bruder als Opfer einer von fanatischen Priestern indoktrinierten Jugend­gang in einem Wasser­bassin ertrinkt, schwört Juan Guillermo Rache. Seine Eltern sterben wenig später bei einem Verkehrs­unfall – haben sie aus Trauer den Tod gesucht? Der Siebzehn­jährige bleibt allein zurück, geht nicht mehr zur Schule, und nur die Liebe zur Medizin­studentin Chelo ist ihm eine Stütze, obwohl er von Eifersucht zermürbt wird.

In dieser Zeit nimmt er Colmillo bei sich auf, einen reinrassigen Wolf. Die Handlung gewinnt an Tempo. Nach und nach entdeckt Juan Guillermo die kriminellen Verstrickungen seines geliebten Bruders mit dem Drogen­handel: «Mexiko ist doch nur ein einziger Sumpf.» Um einen Neuanfang zu machen, reist er mit Chelo und einem Zirkus­freund nach Kanada. Auf Colmillo, den gezähmten Wolf, wartet dort die Wildnis – und die Freiheit.

Der Roman ist partiell brillant, im Ganzen jedoch zu weitschweifig. Kommentare über Bücher und Autoren, über Mythen aus vielen Teilen der Welt, über Inuit und Wölfe retardieren die Erzählung. Gleichwohl: Arriaga hält seine Verzweiflung hinsichtlich der korrupten Politik in grossartigen Bildern fest. Und anhand der Geschichte von Juan Guillermo (in die vermutlich autobiografische Erfahrungen eingeflossen sind) zeigt er zugleich, dass trotz des omni­präsenten Elends positive Gefühle fortbestehen: Überlebens­wille und Lebens­lust gehen Hand in Hand.

Antonio Ortuño: «Die Verschwundenen»

In «Die Verschwundenen» seziert Antonio Ortuño (*1976) das Leben seiner Heimatstadt Guadalajara, der zweit­grössten Stadt des Landes. In diesem «reizenden Ort» werden gigantische Schwarzgeld­summen gewaschen. Das erklärt die luxuriösen Wohn­anlagen und beeindruckenden Hoch­häuser, erbaut von den weltweit teuersten Architekten.

Der erfolgreiche Don Carlos Flores möchte am Rande von Guadalajara eine Gewinn versprechende gated community schaffen und hat dafür etliche Investoren gewonnen. Leider verzichten zwei Familien trotz massiver Drohungen nicht auf ihr Eigentum, sie legen Rechts­einspruch ein und weigern sich, ihre Häuser zu räumen – bis sie urplötzlich verschwinden.

Wenig später wird Señor Flores der Geld­wäsche beschuldigt. Ein paar Journalisten recherchieren obendrein das mysteriöse Verschwinden der beiden Familien. Für Don Carlos wird die Lage ungemütlich. Daher schliesst der Mogul einen Pakt mit den Behörden: Sein Schwieger­sohn übernimmt die Schuld für schmutzige Geld­geschäfte und geht ins Gefängnis. Allerdings hatte der mächtige Don Carlos ihm baldige Freiheit und viel Geld zugesichert. Ein falsches Versprechen: Der Schwieger­sohn verbringt fünfzehn Jahre im Knast, seine Familie zerbricht. Doch er gibt sich nicht geschlagen. Nach einem furiosen Showdown wird er Verwalter des geschrumpften «Erbes» und träumt jetzt von einem neuen Leben.

Ortuño zeigt in diesem spannenden Roman die Allmacht der Droge. Sie hält Behörden und Polizei im Klammer­griff und prägt die ganze Stadt: Ihre wunderbare Skyline kann niemand anders erklären als mit dubiosen Geschäften. Guadalajara, einst als «Athen von Mexiko» und «Perle des Westens» gepriesen, ist eine kriminelle Metropole der Geldwäsche.

Aura Xilonen: «Gringo Champ»

Im Umkreis von Guadalajara blüht der Drogen­handel ebenfalls. Seine Bosse befehlen über ganze Dörfer – wer kann, flieht vor Armut und Gewalt in den Norden. Auch der junge Liborio im Roman «Gringo Champ» von Aura Xilonen (*1995) sucht dort sein Glück. Er schwimmt über den Rio Bravo, schlägt sich durch die Wüste durch und wird halb verdurstet von Lands­leuten aufgegriffen, die als illegale Tage­löhner auf den Feldern arbeiten.

Wir redeten über «Gringo Champ»

Am 12. März fand die vierte Ausgabe des Republik-Buch­clubs statt. Mit dabei war Elisabeth Bronfen – und einer der besprochenen Romane war «Gringo Champ» von Aura Xilonen. Die Diskussion können Sie hier im Video anschauen.

Sein Weg führt weiter, bis er in einem Städtchen unterkommt, wo er als Buchhändler­gehilfe sein Auskommen findet. Der Chef beschimpft ihn zwar unaufhörlich, aber er hilft ihm auch: «Wenn hier eines fokkin Tages mal die Migra auftaucht, Bastard, schrumpf zur Ameise und versteck dich in einer Spalte der Buch­handlung. Da oben ist ein Dach­boden, da kommt niemand hoch ...» Die saftigen anglo-hispanischen Neuschöpfungen prasseln auf den Leser nieder wie Stark­regen: faszinierend, assoziations­reich und oft poetisch.

Liborio fängt heimlich zu lesen an. Vor allem aber gerät er in diverse Schlägereien. Wie sich herausstellt, ist er ein Natur­talent – weil er schon als Kind in Mexiko um sein Überleben kämpfen musste. Nun kämpft er um eine junge Schönheit, in die er sich verguckt hat: «Und da durchfährt es mich, als die Micker­ficker der schönen Chica nachsteigen, im Disturbo­modus ...» Liborio boxt sich buchstäblich durch, bis er schliesslich bei einem Wett­kampf alle seine Gegner besiegt. Nun interessiert man sich plötzlich für ihn. Nicht nur deshalb erinnert der Roman an ein Märchen.

Vor allem aber entzündet er ein sprachliches Feuer­werk – sogar auf Deutsch. Hut ab vor Susanne Lange, die diese übersetzerische Meister­leistung vollbracht hat! Die Energie des vor Fantasie sprühenden Neusprechs, der uns beim Lesen immer wieder zum Lachen bringt, verleiht dem Buch rasante Zugkraft und den abenteuerlichen Ton eines Schelmenromans.

Brutale Verhältnisse, wie sie durchaus der ausser­literarischen Wirklichkeit entsprechen, herrschen in allen hier vorgestellten Romanen. Ihre meist jugendlichen Protagonisten geben sich dennoch nicht geschlagen. Sie trotzen den nieder­schmetternden Umständen ihr kleines Glück ab – und geben es, nebst all ihren anderen Erfahrungen, weiter an uns Leserinnen und Leser.

Zu den Büchern

Fernanda Melchor: «Saison der Wirbelstürme». Aus dem mexikanischen Spanisch von Angelica Ammar. Wagenbach, Berlin 2019, 235 Seiten, ca. 34 Franken.

Guillermo Arriaga: «Der Wilde». Aus dem Spanischen von Matthias Strobel. Klett-Cotta, Stuttgart 2018, 745 Seiten, ca. 40 Franken. Der Verlag bietet eine Leseprobe.

Antonio Ortuño: «Die Verschwundenen». Aus dem Spanischen von Hans-Joachim Hartstein. Kunstmann, München 2019, 255 Seiten, ca. 32 Franken. Der Verlag bietet eine Leseprobe.

Aura Xilonen: «Gringo Champ». Aus dem Spanischen von Susanne Lange. Hanser, München 2019, 335 Seiten, ca. 36 Franken. Der Verlag bietet eine Leseprobe.

Zur Autorin

Michi Strausfeld ist Literatur­vermittlerin, Herausgeberin zahlreicher Anthologien und Kritikerin. Von 1974 bis 2008 war sie im Suhrkamp-Verlag verantwortlich für die ibero­amerikanische Literatur, danach bis 2015 im S.-Fischer-Verlag. Sie lebt in Berlin und Barcelona. Für die Republik schrieb sie bereits über Bücher zum «Borderland», zu der Grenze zwischen Mexiko und den USA.

Sie haben in diesem Artikel viele Worte gelesen …

… aber die wichtigsten drei fehlten. Seit je beruht jede funktionierende Gemeinschaft auf diesen drei Worten. Liebende sagen sie zueinander. Gute Politiker sagen sie ihren Wählern, gute Priester ihrer Gemeinde, gute Eltern ihrem Kind. Sie lauten: Fürchte dich nicht! – Wir von der Republik glauben, dass auch im Journalismus gilt, was Franklin D. Roosevelt einst zur Politik sagte: «Wir haben nichts zu fürchten als die Furcht selbst.»


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