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Traum vom Imperium

Wenn er anruft, räumen Staatschefs den Kalender frei. Rupert Murdoch ist der mächtigste Medienmogul der Welt. Wie kam es dazu? Was will er – und vielleicht am wichtigsten: Was kommt nach ihm? Die Geschichte einer Mediendynastie, Teil 1.

Von Jonathan Mahler, Jim Rutenberg («New York Times Magazine», Text), Anne Vonderstein (Übersetzung) und Joan Wong (Illustrationen), 30.05.2019

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Wie viel Macht haben Medien? An keinem Beispiel lässt sich das besser sehen als am Murdoch-Konzern. Fest in Familienhand, macht er Präsidenten und Premierministerinnen, beeinflusst Gesetze, entscheidet mit über das Wohl und das Weh von Menschen. Erst gerade haben die Murdochs bei den Wahlen in Australien den Finger auf die Waage gelegt. Doch wie kam es, dass Rupert Murdoch so mächtig wurde? Das ist eine Geschichte, die in Down Under beginnt und über die USA nach England führt. Es ist eine Geschichte über territoriale Gewinne und ökonomische Verluste. Jonathan Mahler und Jim Rutenberg vom «New York Times Magazine» haben monatelang recherchiert, mit mehr als 150 Menschen über die Familie Murdoch, ihr Imperium, ihr Wirken gesprochen. Wir haben diesen Artikel eingekauft, Anne Vonderstein hat ihn übersetzt.

I. Der Sturz

Rupert Murdoch liegt auf dem Boden seiner Kajüte, unfähig, sich zu bewegen. Es ist im Januar des Jahres 2018. Murdoch verbringt gemeinsam mit seiner vierten Ehefrau Jerry Hall seinen Karibik­urlaub auf der Jacht seines erstgeborenen Sohnes Lachlan. Die Sarissa – benannt nach den besonders langen und gefährlichen Lanzen des Kriegs­heeres im antiken Makedonien – misst knapp 45 Meter. Sie ist auf den sportlichen Wettkampf in Superjacht-Regatten ebenso ausgelegt wie auf Familien­urlaube. Der Steuerraum lässt sich zu einem Schwimmbad umfunktionieren. In der Kajüte, wo die Kinder schlafen, werfen zwei separate Licht­schalter die Imitation des nördlichen oder des südlichen Sternen­himmels an die Zimmer­decke. Und auf Deck wird ein herausnehmbares Brett zur Kletterwand. Lachlan, der die Jacht entworfen hat, ist leidenschaftlicher Alpin­kletterer. Doch für einen 86-Jährigen wie Rupert hält die Sarissa ungeahnte Gefahren bereit. Er stolpert auf seinem nächtlichen Weg ins Badezimmer.

Es ist nicht sein erster Sturz. Schon vor ein paar Jahren ist Murdoch einmal auf dem Weg von einer Bühne die Treppe hinunter­gefallen, ein andermal stolperte er über einen Teppich in einem Hotel in San Francisco. Die Familie ist beunruhigt, lässt aber nichts an die Öffentlichkeit dringen. Diesmal aber, im Januar 2018, scheint die Lage ernst.

Murdoch wird auf einer Trage von der Sarissa abtransportiert und nach Los Angeles ins Kranken­haus geflogen. Die Diagnose lässt nicht lange auf sich warten: eine Wirbelsäulen­fraktur, die eine sofortige Operation erforderlich macht, sowie ein spinales Hämatom, das zur vollständigen Lähmung oder schlimmsten­falls zum Tod führen kann. Beunruhigt meldet sich Ehefrau Jerry Hall bei Murdochs erwachsenen Kindern – und will sie überreden, sofort nach Kalifornien zu kommen, um sich mit dem Vater auszusöhnen.

Der Mann, der im Krankenhaus­bett in Los Angeles auf das Eintreffen seiner Kinder wartet, spielt für das Welt­geschehen eine grössere Rolle als wohl jemals eine Privat­person zuvor. Als Kopf eines expandierenden globalen Medien­imperiums hat er das Kommando über gleich mehrere Fernseh­sender, einen weltweiten Nachrichten­dienst, einen namhaften Verlag sowie eine Filmproduktions­gesellschaft in Hollywood.

Die Zeitungen und Fernseh­sender, über die Rupert Murdoch gebietet, haben massgeblich die populistischen Strömungen gestärkt, die einen Beitrag zur Regierungs­bildung nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern weltweit geleistet haben. Sein Nachrichten- und Meinungs­sender Fox News Channel, der rund um die Uhr Propaganda ausstrahlt, ist mit Donald Trump und seiner Hardcore-Gefolgschaft verschmolzen. Er verhilft Murdoch zu nie da gewesenem Einfluss auf die Meinungs­bildung in den USA.

In Grossbritannien hat sich Murdochs Londoner Boulevard­blatt «The Sun» an die Spitze des Kreuzzugs gesetzt, der die Insel von der EU befreien will – und in dem dann folgenden Chaos hat es Theresa May zum Amt der Premier­ministerin an der 10 Downing Street verholfen.

In seinem Geburtsland Australien, wo Murdochs Imperium praktisch die Allein­herrschaft innehat, haben sich seine Presse­organe für die Abschaffung der Klimaschutz­steuer starkgemacht. Australien ist das erste Land der Welt, in dem eine derartige Steuer ersatzlos gestrichen ist, noch bevor sie sonst irgendwo auf der Welt überhaupt eingeführt wurde. Ausserdem hat Murdoch einen unliebsamen australischen Premier­minister nach dem anderen aus dem Amt getrieben.

Den grössten Coup seines Lebens hat Rupert Murdoch aber noch vor sich, als er auf Lachlans Jacht zu Fall kommt.

Nur wenige Wochen zuvor hat Murdoch auf einem Londoner Dach per Handschlag eine vorläufige Vereinbarung mit dem Vorstands­vorsitzenden des Disney-Konzerns besiegelt. Disney will Murdochs TV- und Film­produktions­gesellschaft 21st Century Fox für 52,4 Milliarden Dollar kaufen.

Doch jetzt liegt Murdoch im Kranken­haus. Und mit einem Mal ist völlig ungewiss, wer eigentlich die Kontrolle über das weltweite Medien­imperium ausübt.

Das Imperium wächst heran: Rupert Murdoch 1973 mit seiner zweiten Ehefrau Anna, Tochter Elisabeth (Mitte) und den Söhnen Lachlan (links) und James. David Graves/REX Shutterstock/Dukas

Murdoch hat sechs Kinder aus seinen ersten drei Ehen: Prudence (Jahrgang 1958) aus der ersten Ehe mit dem australischen Model Patricia Booker (geschieden 1965) hält seit je eine gewisse Distanz zum Familien­unternehmen. Aus der dritten Ehe mit Wendi Deng (geschieden 2013) stammen die Töchter Grace (Jahrgang 2001) und Chloe (2003). Sie spielen ebenfalls noch keine Rolle in dieser Frage.

Anders die Kinder aus der zweiten Ehe Murdochs mit Anna Mann (geschieden 1999). Das Leben von Elisabeth (Jahrgang 1968), Lachlan (1971) und James (1972) ist weitgehend davon bestimmt, den Kampf um die Nachfolge ihres Vaters untereinander auszufechten. Alle sind von früher Kindheit an mit dem Geschäft vertraut. Am Frühstücks­tisch zu Hause in der Fifth Avenue in New York lernen sie alles, was es über das Zeitungs­machen zu wissen gibt. Der Vater doziert bei der Lektüre der Morgen­ausgaben ausführlich über die Auswahl und das Layout der Artikel oder die Anzahl der Werbe­anzeigen. Jedes seiner Kinder malt sich schon früh im Leben aus, dass es selbst einmal an der Spitze des ständig wachsenden Unternehmens stehen könnte. Aus dem Freundes­kreis der Familie heisst es denn auch: Rupert Murdoch hat keine Kinder heran­gezogen, sondern künftige Medienmogule.

Die Familiendynamik ist entsprechend angespannt, geprägt von Rivalität, Konkurrenz und ständig wechselnden Allianzen. Das liegt vor allem daran, dass Murdoch es immer wieder hinauszögert, seine Nachfolge zu regeln. Er will eine Verschärfung des Geschwister­konflikts vermeiden und wohl auch seiner eigenen Sterblichkeit nicht ins Auge blicken müssen. Lieber verordnet Murdoch seinen Kindern samt Ehe­partnern eine Familien­therapie bei einem Experten für Wirtschafts­dynastien in London. Zum gruppen­therapeutischen Retreat geht es sogar einmal auf die Murdoch-Ranch in Australien. Doch dem Macht­gerangel und den Manipulationen setzt auch das kein Ende.

Was die Rollen des potenziellen Nachfolgers und des verstossenen Sohnes angeht, so haben Lachlan und James sie im Laufe der Jahre mehrfach getauscht. Zwar ist es ein offenes Geheimnis für jeden aus dem näheren Umfeld der Murdochs, dass Lachlan das Lieblings­kind seines Vaters ist. (Und dass Murdochs Standard­antwort auf entsprechende Hinweise lautet: «Ich liebe alle meine Kinder.»)

Doch es ist James, der das Unternehmen in den ersten Jahrzehnten des 21. Jahr­hunderts fit für die digitale Zukunft macht – weltweit neue Märkte erschliesst, das Online­angebot ausbaut, die Breitband- und die Streaming­technologie einführt –, während der ältere Bruder Lachlan nach einem bitteren Zerwürfnis mit dem Vater ein eigenes Unternehmen in Australien aufbaut.

Als Lachlan schliesslich 2015 auf Drängen seines Vaters in die Vereinigten Staaten zurückkehrt, platziert Murdoch ihn auf einem Spitzen­posten – und damit in direkter Konkurrenz zu James: Das mittlere Management muss beiden Brüdern Bericht erstatten. Ein merkwürdiges Arrangement, und das nicht nur, weil jeder der beiden sich als eigentliche Führungs­spitze verstehen kann. Auch was das Temperament betrifft, ihre politischen Ansichten und ihre Vorstellungen, wohin es mit dem Unternehmen in Zukunft gehen soll, sind James und Lachlan kein gutes Team.

James will das Murdoch-Imperium zu einer globalisierten, plattform­über­greifenden News- und Entertainment­marke ausbauen, an der auch Besucher des Weltwirtschafts­forums in Davos oder die Leserschaft des «Economist» ihre Freude hätten. Lachlan hingegen schwebt etwas vor, was eigentlich der Vergangenheit angehört, aber zunehmend an Aktualität gewinnt, nämlich eine nicht nur offen nationalistische und rechts­populistische, sondern zugleich extrem profitable politische Propaganda­maschinerie.

Lachlan, James, Anna und Rupert (v.l.) bei einer Theaterpremiere 1987 in New York. Ron Galella Collection/Getty Images

Die Trophäe, die Position an der Spitze des mächtigsten Medien­imperiums der Welt, kann nur eines der Murdoch-Kinder gewinnen. An Entscheidungen über die Zukunft des Konzerns sind aber alle der genannten vier gleicher­massen beteiligt. Murdoch hat seine beiden Unternehmen 21st Century Fox und News Corp. so strukturiert, dass der Murdoch-Family-Trust eine Mehrheits­beteiligung an ihnen hält. Er selbst verfügt über vier der acht Stimmen des Trusts, seine vier ältesten Kinder haben je eine Stimme. Murdoch kann also nicht überstimmt werden. Allerdings hat er auch festgelegt, dass mit seinem Tod seine vier Stimmen erlöschen werden und die gesamte Entscheidungs­gewalt dann auf seine Kinder übergeht. Das bedeutet, dass nach seinem Tod ein Macht­gerangel ausbrechen könnte, das die Konkurrenz­kämpfe zu Lebzeiten des Oberhaupts in den Schatten stellt. Und das die politische Landschaft in der englisch­sprachigen Welt gewaltig verändern könnte.

Als die Murdoch-Kinder sich auf den Weg ins Spital nach Los Angeles machen, spricht vieles dafür, dass dieser Moment nun gekommen ist.

II. Die Macht

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass sich mächtige Medien­konzerne erst nach mehreren Generationen etablieren. Das mag auch ein Grund dafür sein, dass diese Macht oft in den Händen von Familien­dynastien liegt. So war etwa die «Washington Post», bevor Amazon-Gründer Jeff Bezos sie aufkaufte, acht Jahrzehnte lang im Familien­besitz der Grahams. Bis heute ist William R. Hearst III. Vorstand der Hearst Corporation, die einst von seinem Urgrossvater, dem Bergbau­unter­nehmer und US-Senator George Hearst, gegründet wurde. An der Spitze der «New York Times» steht seit mehr als einem Jahrhundert die Familie Ochs Sulzberger.

Im Vergleich dazu ist das Murdoch-Imperium zwar noch jung; dafür ist es mächtiger als irgendeine andere Medien­dynastie weltweit.

Das lässt sich am Aufstieg des Rechts­populismus messen. Bis vor ein paar Jahren sprach noch vieles dafür, die populistischen Bewegungen für ein vorüber­gehendes kulturelles Phänomen zu halten. Inzwischen sind sie die einfluss­reichste politische Kraft unserer Zeit, an der die Welt­ordnung des letzten halben Jahrhunderts zu zerbrechen droht. Das Murdoch-Imperium hat die rechts­populistische Welle nicht verursacht. Aber mehr als jedes andere Medien­unternehmen hat sie ihr freien Lauf gelassen, ihr Antrieb gegeben und Profit aus ihr geschlagen.

Die Murdoch-Kanäle haben demagogischen Aussen­seitern zum Aufstieg verholfen und dazu beigetragen, dass der Ethno­nationalismus sich etabliert hat und selbst die Vorstellung von Wahrheit zu einem Politikum geworden ist. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Mag sein, dass die Familie sich die Destabilisierung der Demokratien auf der ganzen Welt nicht auf das Banner geschrieben hat. Aber schon jetzt zeichnet sich ab, dass sie wohl zu ihren folgenreichsten Hinterlassenschaften gehören wird.

Sechs Monate lang haben wir auf drei Kontinenten mehr als 150 Interviews über die Murdochs und ihr Imperium geführt. Wir haben mit Menschen gesprochen, die der Familie persönlich nahestehen, mit Geschäfts­partnern, die ihre Ziele teilen, und mit Gegnern, die – mit wechselndem Erfolg – versucht haben, sich diesen Zielen in den Weg zu stellen. (Aus Furcht vor Vergeltungs­massnahmen waren die meisten nur unter Zusicherung der Anonymität zu einem Gespräch mit uns bereit.)

Mit unserem Interesse an Murdochs Imperium sind wir nicht allein. Murdoch ist fester Bestandteil der englisch­sprachigen Kultur­industrie. Das britische Theaterstück «Ink», das die Übernahme des britischen Boulevard­blatts «The Sun» durch Murdoch und seinen Aufstieg zum Pressezar schildert, hatte im April 2019 auch am Broadway Premiere. Und die fiktive Medien­dynastie der Roys aus der zweiten Staffel der HBO-Serie «Succession» – Sendebeginn ist im Sommer 2019 – weist unübersehbare Ähnlichkeiten mit dem Familien­clan der Murdochs auf.

Dass diese beiden Geschichten – das weltweite Anwachsen autoritärer, rechts­populistischer Bewegungen und ein Medien­konzern in den Händen einer Familien­dynastie – tatsächlich nahezu untrennbar miteinander verknüpft sind, fiel uns allerdings erst im Lauf dieser Gespräche auf. Es ist nicht falsch, Fox News als den verlängerten Arm Trumps und des Weissen Hauses zu bezeichnen. Aber wer sich auf diesen Aspekt konzentriert, läuft Gefahr, den grösseren Zusammen­hang aus dem Blick zu verlieren. Das Weisse Haus – wie die Amtssitze der britischen Premier­ministerin und des australischen Premier­ministers – ist nämlich nur eines von vielen Instrumenten, deren sich die Familie bedient, um die Welt­geschicke in ihrem Sinn zu beeinflussen.

Was wollen die Murdochs? Abgesehen von der Familien­dynamik gibt es viele Gründe, aus denen Medien­dynastien zusammenhalten – da ist der Geschäfts­alltag mit seinen unternehmerischen Zwängen, das Bewahren des Familienerbes, das Gefühl, der Vergangenheit gegenüber in der Pflicht zu stehen. Welches Ziel die Murdochs verfolgen, zeigt sich vielleicht am deutlichsten an dem weltweiten Radius ihrer Aktivitäten, daran, dass sie ein Imperium im buchstäblichen Sinne des Wortes errichtet haben: Den Murdochs geht es um territoriale Eroberung.

Rupert Murdoch begann seine Karriere mit einer kleinen Regional­zeitung in Australien, die er von seinem Vater geerbt hatte. Es dauerte nicht lange, bis er daraus ein erst nationales, dann ein internationales Medien­unternehmen mit politischer Schlag­kraft gemacht hatte. Das gelang ihm, indem er seine Medien nutzte, um seine Wunsch­kandidaten in politische Ämter zu hieven und diese dann, kaum waren sie im Amt, hemmungslos für die Ausweitung der eigenen Markt­präsenz zu instrumentalisieren.

Ein Businessman in Australien: Rupert Murdoch im Jahr 1968. Aubrey Hart/Getty Images

Das murdochsche Nachrichten­imperium in seiner heutigen Grösse ist der beste Beweis dafür, wie profitabel sein jahrzehnte­langer Tausch­handel mit Mandats­trägern verlaufen ist. Daher ist es nicht einmal gelogen, wenn Murdoch behauptet, er habe «nie einen Premierminister um etwas gebeten». Wozu auch? Dem Presse­zaren stehen schliesslich genügend Platt­formen zur Verfügung, um seine Wünsche kundzutun. Es ist nicht schwer für die Macht­habenden, sich auszurechnen, was Murdoch will, und auch nicht, was er bereit ist, ihnen für die Erfüllung seiner Wünsche zu geben: eine breite Basis, Wähler – Macht.

Zur vollen Entfaltung gekommen ist die Murdoch-Methode zur Errichtung eines Imperiums in der Ära Trump. Damit hat sich Murdoch seinen lang gehegten Traum von einer engen Beziehung zu einem amerikanischen Präsidenten erfüllt. Auf den ersten Blick gibt es nicht viel, was die beiden Männer gemeinsam hätten: Der eine ist Weltbürger mit Wohn­sitzen auf verschiedenen Kontinenten und ein chronischer Vielleser, der zumindest ein gewisses Mass an Selbst­distanz besitzt. (Ein Foto vom vergangenen Jahr zeigt Murdoch am Strand bei der Lektüre von «Utopia for Realists», einem Buch des niederländischen Historikers Rutger Bregman, der einem von Murdochs TV-Moderatoren ins Gesicht sagen wird, er sei ein «Millionär, der sich von Milliardären finanzieren lässt».) Der andere platzt vor Stolz, Amerikaner zu sein, macht Urlaub in den eigenen Country Clubs, ernährt sich von Fast Food und verbringt seine Zeit vor dem Fernseher.

Eines aber haben sie gemeinsam: Sie sind Söhne von Vätern, die aus eigener Kraft und auf der Basis desselben Credos − Wachstum durch territoriale Eroberung − Imperien errichtet haben. Und die für die Durchsetzung ihres Ziels auf das gleiche Kalkül setzten: die Ausweitung der eigenen Macht- und Einfluss­sphäre durch gezielte Kontakte zur Politik. Trump haben diese Kontakte geholfen, Steuer­erleichterungen durchzusetzen; Murdoch haben sie es ermöglicht, Anti-Monopol-Gesetze und Restriktionen für ausländisches Eigentum zu umgehen.

In seiner mittlerweile sechzig­jährigen Tätigkeit als Medien­unternehmer hat Murdoch alles darangesetzt, sich den Anschein eines Pragmatikers zu geben, der auch linke Regierungen unterstützt, wenn es ihm in den Kram passt. Und doch haben seine Presse­organe in der gesamten englisch­sprachigen Welt derweil für einen Rechts­drall gesorgt. Sei es 2003 durch die Befürwortung der amerikanischen Invasion in den Irak mit der «Koalition der Willigen»; sei es durch die Leugnung des Klimawandels oder durch die Verunglimpfung in- und ausländischer Menschen nichtweisser Hautfarbe, die als Bedrohung für die weisse Mehrheitsgesellschaft dargestellt werden.

Rupert, Lachlan und James Murdoch an der Hauptversammlung der News Corporation im Oktober 2002 in Adelaide, Australien. Peter Mathew/Fairfax Media/Getty Images

Während sein Medien­imperium sich unaufhaltsam ausdehnt, in neue Länder vordringt und andere Medien­konzerne verschlingt, hält Rupert Murdoch unerschütterlich an einer Konstante fest: dass es ein Familien­unternehmen bleibt. Dahinter steht nach aussen die Überzeugung, dass Interventionen des Staats eine Gefahr für die Unabhängigkeit der Presse darstellen. Und nach innen ein Geschäfts­modell, das sich staatlicher Inter­ventionen bedient, um die eigenen Interessen zu befördern und die Interessen seiner Konkurrenten zu untergraben. Für die Murdoch-Dynastie verlaufen die Grenzen zwischen Politik, Geld und Macht nicht nur fliessend, sie sind schlicht nicht vorhanden; im Dienst der imperialen Expansion greifen diese Bereiche nahtlos ineinander.

Ein Imperium von diesem Ausmass wird immer gewisse kulturelle und ideologische Wider­sprüche aufweisen. Für den Geschäfts­mann Murdoch ist der Kunde König, und so führt er nicht nur rechte Boulevard­blätter, sondern auch Unterhaltungskonzerne, Sportkanäle und politisch gemässigte Qualitätszeitungen im Portfolio. Ähnliche Widersprüche verkörpert er in seiner Person. Der gebürtige Australier ist selbst Einwanderer in den USA, befeuert aber den amerikanischen Nationalismus. Er ist Milliardär, gibt sich aber populistisch. Und er ist ein Familien­vater, der keinen Anlass sieht, Berufliches von seiner Familie fernzuhalten. Vielmehr verschmilzt er Business und Bluts­verwandtschaft zu einer untrennbaren Einheit.

Die meisten Dynastien gehen daran zugrunde, dass die Entscheidungs­prozesse an mehrere Personen und verschiedene Generationen übergehen, deren Einstellungen zum Familien­unternehmen wie zur Welt im Grossen und Ganzen unvereinbar sind. Niemand weiss das besser als Murdoch selbst, dem 2007 die Übernahme des US-amerikanischen Verlags Dow Jones & Company gelang, bei dem auch das «Wall Street Journal» erscheint – weil die Inhaber­familie Bancroft, die das Unternehmen mehr als ein Jahr­hundert geführt hatte, sich nicht geschlossen gegen ihn zu positionieren verstand. Um zu verhindern, dass ihn ein ähnliches Schicksal ereilen könnte, sicherte Murdoch seiner Familie einen Mehrheits­anteil am Unternehmen. So konnte es ihm niemand entreissen.

Nun muss er sich nur noch darum kümmern, dass es nicht zerfällt.

III. Der Aufstieg

Um zu verstehen, wie das Murdoch-Imperium funktioniert, muss man an seine Anfänge zurückkehren. An dem Tag, an dem Rupert Murdoch 1931 geboren wird, ist sein Vater Keith Murdoch in seinen Redaktions­räumen vollauf damit beschäftigt, zum ersten Mal mit einer Presse­kampagne die Wahl des australischen Minister­präsidenten zu entscheiden. Schon in jungen Jahren hatte Keith sich als Kriegsberichterstatter einen Namen gemacht. Mit seinen die Militär­zensur umgehenden Berichten über die verheerenden Verluste seiner Lands­leute in der Schlacht von Gallipoli – einem Feldzug des britischen Empire gegen das Osmanische Reich im Ersten Weltkrieg. Dank dieser Berühmtheit stieg er beim Melbourner Zeitungs­verlag «The Herald and Weekly Times» in eine Führungs­position auf.

Mit ihm begann alles: Sir Keith Murdoch 1951 auf der Rose Bay Air Base bei Sydney. Fairfax Media/Getty Images

Diese Position nutzte er, um Gegner zu bestrafen und Verbündete zu belohnen. Joseph Lyons, der Kandidat für das Amt des Premier­ministers, den er unterstützte, hatte ihm dabei geholfen, bei der Gründung seines Radio­senders in Adelaide bestimmte restriktive Regelungen zu umgehen, wie der Historiker Tom Roberts 2015 in seiner Murdoch-Biografie «Before Rupert» schreibt. Dass Lyons die Wahlen zum australischen Premier­minister gewann, bedeutete für Keith, dass der Premier­minister ihm nun auch nach Belieben zu Diensten zu sein hatte. «Ich habe ihn ins Amt gebracht», soll er anlässlich eines späteren Streits mit dem Premier gesagt haben, «und kann auch dafür sorgen, dass er es wieder verliert.»

Schon als das Projekt eines der ersten australischen Zeitungs­konglomerate noch am Anfang stand, warnte eine australische Zeitung vor Keith Murdochs gefährlichem Ehrgeiz. In einem Leit­artikel hiess es, er sei dabei, «mit Amts­inhabern seiner Gnaden und mit Reportern, die bei ihm in die Schule gegangen sind, eine Presse­diktatur in Australien zu errichten». Bei Ruperts Vater verbanden sich Geschäfts­interessen mit klaren ideologischen Vorstellungen über die Mechanismen der Macht und darüber, wer das Recht hatte, sie auszuüben. Er war Mitglied der «Eugenics Society of Victoria» und schrieb einmal, Gross­britannien stehe vor der grossen Frage, «ob das Land im Notfall auch bereit ist, dafür zu kämpfen, dass Australien weiss bleibt».

Zu einem Medien­imperium hatte es Keith Murdoch, der 1952 im Alter von 67 Jahren plötzlich starb, allerdings nie gebracht. Er besass zwei regionale Zeitungen, von denen eine verkauft werden musste, damit die Erbschafts­steuern beglichen werden konnten. Aus dem Erbe verblieb seinem 21-jährigen Sohn Rupert, der damals gerade sein Studium (Philosophie, Politik, Wirtschaft) in Oxford beendete, die «News of Adelaide» mit einer Auflage von 75’000 Exemplaren. Aber Rupert erhielt bereits etwas viel Wertvolleres von seinem Vater: eindrücklichen Anschauungs­unterricht darin, wie man sich mit Medien Politiker gefügig machen kann.

Ganz oben auf der Tages­ordnung steht für ihn deshalb, den Plan vom Aufbau eines Murdoch-Imperiums in Australien nun selbst umzusetzen. Zu diesem Zweck kauft er zunächst einige Lokal­zeitungen auf und gründet dann «The Australian», die erste australische Zeitung mit nationaler Reichweite. Damit steht ihm eine einfluss­reiche Plattform zur Verfügung, mit deren Hilfe er Regierungen an die Macht verhelfen kann, die gesetzliche Beschränkungen von Beteiligungs­verhältnissen an Medien­unternehmen liberalisieren. Mithilfe des so gewonnenen Spiel­raums übernimmt er nach und nach die Kontrolle über knapp zwei Drittel des australischen Zeitungsmarktes.

Rupert Murdoch (rechts) an der Aktionärsversammlung der «News of the World», 1969 in London. Aubrey Hart/Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Kaum hat sein Medien­imperium in Australien richtig Gestalt angenommen, expandiert Murdoch auch schon nach Gross­britannien und in die Londoner Fleet Street. Mit dem Kauf von «News of the World» und «The Sun» im Jahr 1969 stehen ihm Sprach­rohre zur Verfügung, mit denen er Margaret Thatchers Kandidatur für das Amt der Premier­ministerin erfolgreich voranzutreiben versteht. Im Gegenzug verzichtet die Regierung Thatcher darauf, die Kartell­behörden einzuschalten, um ihn an der Einverleibung des Traditions­blattes «The Times» in sein Medien­konglomerat zu hindern. So gelingt es Murdoch mithilfe der britischen Regierung, neben Massen­blättern auch eine führende Qualitäts­zeitung unter seine Kontrolle zu bringen.

Als Nächstes sind TV-Stationen an der Reihe. Nachdem die britische Regierung bei der Ausschreibung ihrer einzigen Lizenz für einen Satelliten­sender Murdoch zunächst hat leer ausgehen lassen, eilt Margaret Thatcher ihm abermals zu Hilfe. Sie lässt ihm freie Hand bei der Gründung von Sky Television, das seine Programme von Luxemburg aus nach Gross­britannien ausstrahlt. Je grösser Murdochs Imperium wird, umso mehr Macht wächst ihm zu, Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die einer weiteren Expansion im Wege stehen. Sein Einfluss wird dem britischen Politik­betrieb zusehends unangenehm, was Murdoch aber nur noch mehr Auftrieb zu geben scheint.

5. Februar 1989, Start von Sky TV in London: Rupert Murdoch (4. v. r.) und seine Crew. Georges De Keerle/Getty Images

«It’s The Sun Wot Won It» («Die Sun hat ihn reingebracht») lautet der Aufmacher des Boulevard­blatts nach dem Wahlsieg von John Major, dem Vorsitzenden der Tories, der 1992 britischer Premier­minister wird. Und in der Tat hat die «Sun» seine Kandidatur mit einer Schmutz­kampagne gegen seinen Opponenten Neil Kinnock tatkräftig unterstützt. («Nightmare on Kinnock Street» war der vernichtende neunseitige Artikel in der «Sun» überschrieben, in dem auch eine satirische Stimm­abgabe unter verstorbenen Welt­politikern durchgeführt wurde, bei der Stalin sich für Kinnock ausspricht.)

Dass Murdoch allerdings, wann immer es seinen Interessen dient, auch im Hand­umdrehen die Seiten wechseln kann, beweist seine nicht minder erfolgreiche Unterstützung der britischen «New Labour»-Bewegung Anfang der Neunziger­jahre. Die damalige Tory-Regierung hatte Gesetzes­entwürfe vorgelegt, die ihn gezwungen hätten, sich beim Erwerb weiterer Fernseh­sender weitgehend aus dem Zeitungs­geschäft zurückzuziehen.

Nach demselben Schema geht Murdoch in den USA vor. Seine bis 1980 zurückreichende Bekanntschaft mit Roy Cohn – ehemaliger Berater von Senator Joseph McCarthy und ein Mentor Trumps – verschafft ihm Zugang zum inneren Zirkel um Ronald Reagan. Zu diesem Zirkel gehört auch Roger Stone Jr., ebenfalls ein Trump-Vertrauter und Leiter von Reagans New Yorker Büro. Er räumt in einem späteren Interview ein, er habe Murdoch im Wahl­kampf 1980 dabei unterstützt, die «New York Post» – damals dessen neueste Erwerbung unter den Boulevard­blättern – als Pro-Reagan-Wahlkampf­waffe einzusetzen. Murdoch schenkt Stone auf der Feier anlässlich von Reagans Sieg bei den Präsidentschafts­wahlen im Club 21 eine Druckplatte der «Post» vom Wahltag, und Reagans Wahlkampfteam bedankt sich bei ihm, indem es dafür sorgt, dass Murdochs Antrag auf Einbürgerung schnell stattgegeben wird. Damit ist die rechtliche Voraussetzung für den Erwerb von Fernseh­sendern in den USA erfüllt, und Rupert Murdochs Vorstoss in den amerikanischen Fernseh­markt steht nichts mehr im Wege.

Auch das Verbot des gleichzeitigen Besitzes von Fernseh­stationen und Zeitungen auf demselben Markt hebt die Reagan-Regierung im späteren Verlauf der Amtszeit auf. So kann Murdoch Inhaber der «New York Post» und des «Boston Herald» bleiben, als er mit Fernseh­kanälen in beide Städte vordringt. Die Regierung George H. W. Bush wiederum setzt Regularien aus, wonach es dem Kabel-TV untersagt ist, Sende­plätze zur besten Sendezeit zu besetzen oder davon zu profitieren. Die durch die Liberalisierung frei gewordenen Sende­plätze füllt Murdoch mit Formaten aus seinem erst unlängst erworbenen Filmstudio 21st Century Fox – etwa den «Simpsons» oder «21 Jump Street» – und mit gewinnträchtigen, weil frei erwerbbaren Wieder­holungen alter Hits wie «M*A*S*H» oder «L.A. Law». Damit ist er im Besitz des vierten amerikanischen Kabelsenders.

Rupert Murdoch versteht sich mehr als jeder andere Medien­mogul seiner Generation darauf, die seismischen Erschütterungen, die den Fernseh­markt in den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts von Grund auf verändert haben, für seine Zwecke zu nutzen – auch das hat er sich bei seinem Vater abgeschaut, der im Bereich Radio und Wochen­schauen Trends sehr früh erkannte und umsetzte. Ausgelöst haben die Veränderungen innovative Technologien, mit denen erstmals die weltweite Verbreitung schier endloser Mengen an Content möglich wurde.

Hinzu kommen Änderungen der gesetzgeberischen Vorgaben, insbesondere die Liberalisierung des gesamten TV- und Radiomarktes. Die Aufhebung der seit 1949 für den Rundfunk geltenden sogenannten Fairness-Doktrin – gemäss der die Bericht­erstattung über kontroverse Themen verschiedene Standpunkte in ausgewogener Weise darzustellen hat – durch die Reagan-Regierung bringt eine neue Generation von explizit rechtskonservativen Radio­moderatoren hervor.

Mit der neu gewonnenen Freiheit kann nun ganz nach Belieben Meinungs­mache für ein latent konservatives Massen­publikum betrieben werden, das gegen die Bericht­erstattung in den öffentlichen Medien tendenziell Vorbehalte hat. Es ist damals nur eine Frage der Zeit, bis vergleichbare Programme auch in das im Aufschwung begriffene Medium des 24-Stunden-Kabel­fernsehens Einzug halten werden. Und der Erste, der diesen Schritt macht, ist natürlich – Murdoch.

Er hatte seinem jüngeren Rivalen Ted Turner neidisch beim Aufbau des Nachrichten­senders CNN zugeschaut. 1996 konzipiert Murdoch gemeinsam mit Roger Ailes, einem Ex-Medien­berater der republikanischen Präsidenten Richard Nixon und George H. W. Bush, das konservative Gegenstück zu CNN. Fox News richtet sich an alle Amerikaner, deren politische Präferenzen in den Fernseh­nachrichten bislang nicht ausreichend berücksichtigt worden sind. Auch hier hilft ihm eine Gefälligkeit aus der Politik. Als der Medien­konzern Time Warner, dem das New Yorker Kabelnetz gehört, sich weigert, Fox News in sein Kabel­angebot aufzunehmen, setzt der New Yorker Bürger­meister Rudolph Giuliani – ebenfalls Republikaner, später Trump-Berater und ein ständiger Gast auf den Seiten der «Post» – Time Warner öffentlich unter Druck und ermöglicht so die Einspeisung von Fox News in das New Yorker Kabelnetz.

Rupert Murdoch (rechts) gratuliert Roger Ailes zur Ernennung als Chef von Fox News (1996). Allan Tannenbaum/Getty Images

Mit dem Nachrichten­kanal Fox News, der die Zuschauer rund um die Uhr mit Beiträgen versorgt und praktisch das Monopol auf TV-Nachrichten rechts der Mitte innehat, wächst Murdoch ein bislang ungeahnter Einfluss zu. Dabei kommen ihm auch politische Ereignisse zugute, die in die ersten Jahre des Bestehens von Fox News fallen und die Öffentlichkeit in zwei Lager spalten: die Lewinsky-Affäre und der erste Irakkrieg infolge der Angriffe vom 11. September 2001. Im Vergleich zu Fox News sind Murdochs Zeitungen grobe Werkzeuge, denn sein Nachrichten­sender kann nicht nur wesentlich subtiler, sondern auch viel tiefer in die Bewusstseins­bildung eingreifen: Stunde für Stunde, Tag für Tag prägt er das Bild, das sich die Millionen US-Bürger, die ihre Nachrichten vor allem bei Fox News beziehen, von der Realität machen.

Laut einer Studie aus dem Jahr 2007 verschiebt sich die Wählerschaft in einem Sende­gebiet nach Einspeisung des Kanals in das TV-Netzwerk systematisch nach rechts: der sogenannte Fox-Effekt. In einer Umfrage des unabhängigen, überparteilichen Pew Research Center aus dem Jahr 2014 erklärt die Mehrheit der ihrem Selbst­verständnis nach konservativen Wählerschaft, es sei der einzige Nachrichten­sender, dem sie vertrauten. Ein Termin in Murdochs Büro, in dem der Medien­tycoon direkt über dem Fox-Newsroom in Manhattan residiert, wird zum Pflicht­termin für jeden republikanischen Präsidentschafts­anwärter.

Fünfzig Jahre nachdem Murdoch sein Erbe an den «News of Adelaide» angetreten hat und viele Deals später ist er endlich auf dem Gipfel der weltweiten Meinungs­bildungs­macht angekommen. «Wir Republikaner dachten anfangs, Fox würde für uns arbeiten», sagte David Frum, ein ehemaliger Schreiber von Reden für George W. Bush, einmal in einem Interview in der Spätnachrichten­sendung «Nightline» des US-amerikanischen Fernseh­senders ABC. «Jetzt müssen wir feststellen, dass wir für Fox arbeiten.»

IV. Die Brüder

Der Erfolg, mit dem Murdoch sein Imperium errichtet hat, lässt unweigerlich die Frage aufkommen, wer an seine Stelle treten wird, sollte er einmal nicht mehr da sein. In fortgeschrittenem Alter soll er mehrmals im privaten Kreis gesagt haben, er wolle nicht so werden wie der Medien­mogul Sumner Redstone, der selbst dann nicht bereit war, die Kontrolle über CBS und Viacom abzugeben, als er nicht mehr ohne fremde Hilfe sprechen oder essen konnte. Aber Murdoch wird erst 75, dann 80, und sein Plan für die Zukunft des Unternehmens hat immer noch keine festen Umrisse angenommen.

Der Chef des australischen Murdoch-Zweigs: Lachlan im März 1996. Tim Clayton/Fairfax Media/Getty Images

Zunächst scheint es so, als sei Lachlan der auserkorene Nachfolger. Schon als er 22 Jahre alt ist, übergibt ihm Rupert die Geschäfts­führung seiner australischen Zeitungs­ketten und begleitet ihn dann auf dem Aufstieg zum Posten des Verwaltungs­chefs von News Corp., den der Sohn im Alter von 33 Jahren übernimmt. Aber Lachlans Karriere nimmt nach mehrfachen Auseinander­setzungen mit langjährigen Führungs­kräften, die ihm das Gehabe eines Kron­prinzen vorwerfen, ein vorzeitiges Ende. Im Ärger über seinen Vater, der sich auf die Seite seiner Kritiker schlägt, verlässt Lachlan 2005 nicht nur das Unternehmen, sondern gleich die USA und kehrt mit einer Abfindung in Höhe von 100 Millionen US-Dollar aus dem Familien­trust in das Stamm­land der Familie zurück. Damit avanciert James, damals Vorstands­chef von British Sky Broadcasting BSkyB – ehemals Sky Television, später kurz Sky genannt – zum Thronanwärter.

Das ändert sich im Sommer 2015, als der 84-jährige Murdoch Sohn James ohne jede Vorankündigung degradiert und Lachlan an die Stelle der Nummer zwei rückt. Dies erfährt James allerdings nicht etwa persönlich von seinem Vater, sondern bei einem mittäglichen Geschäfts­essen von Chase Carey, dem Präsidenten von 21st Century Fox: Lachlan, teilt dieser ihm mit, sei auf dem Weg zurück in die USA, um das Familien­unternehmen zu übernehmen. James habe seinem älteren Bruder von nun an Bericht zu erstatten.

James verschlägt es die Sprache. Keine zwei Jahre ist es her, dass die beiden Brüder gemeinsam mit ihrem Vater ausführlich die Nachfolge geregelt haben. Man hatte sich darauf geeinigt, dass James die Leitung übernehmen und Lachlan einen rein symbolischen Posten bekleiden sollte. In James Augen steht ihm also die Führungs­position zu – weil die Abmachung so lautet, aber auch, weil er sie sich verdient hat. Schliesslich hat er Jahre seines Lebens in den Aufbau des Unternehmens gesteckt, ist mit seiner Familie nach Hong­kong und London gezogen, einmal im Monat nach Mumbai geflogen, um mit dem Satelliten-TV-Geschäft der Familie in neue Technologien und neue geografische Märkte zu expandieren – während sein Bruder in Australien Jagd auf Fische und Krebse betreibt und zweifelhafte Investitionen tätigt. Ausser sich vor Wut droht James, alles hinzuschmeissen, und macht sich nach dem Mittag­essen mit Chase Carey direkt auf den Weg zum Flughafen, um unverzüglich nach Indonesien abzureisen.

Mit seinem vornehmen, beinahe britischen Akzent und seinem Faible für Jeans und Espadrilles verkörpert James den Prototyp der globalen Machtelite unserer Zeit. Als Jugendlicher pflegt er das Image des Enfant terrible, färbt sich die Haare, lässt sich piercen und eine Glühbirne auf den rechten Arm tätowieren. Während des Studiums in Harvard spielt er eine Zeit lang mit dem Gedanken, sich auf mittelalterliche Geschichte zu spezialisieren, und schreibt für die studentische Satire­zeitschrift «The Harvard Lampoon».

1995 verlässt er die Universität Harvard ohne Abschluss, um der US-Rockband Grateful Dead ein paar Monate hinterherzureisen und anschliessend ein Independent-Hip-Hop-Label namens Rawkus Records zu gründen, das Künstler wie Talib Kweli and Mos Def produziert. Im Jahr darauf kauft sein Vater die Platten­firma, bindet James in News Corp. ein und setzt damit seinem kurzen Intermezzo ausserhalb des Familien­betriebs ein Ende. 2000 heiratet James Kathryn Hufschmid aus dem US-Bundesstaat Oregon, ein ehemaliges Teilzeit­model und Marketing­leiterin in der Mode­branche, die er bei einer Reise auf die Fidschi-Inseln auf der Jacht eines gemeinsamen Freundes kennengelernt hat.

Mit ihrer eher linksliberalen Gesinnung bleibt Hufschmid eine Aussen­seiterin im Familien­clan. Immer wieder kommt es zu hitzigen Auseinander­setzungen mit ihrem Schwieger­vater über die auf Fox verbreiteten politischen Ansichten. Murdoch, der ewigen Diskussionen überdrüssig und besorgt über den starken Einfluss seiner Schwieger­tochter auf seinen Sohn, bittet James mehr als einmal allein zum Essen, wenn es Geschäftliches zu besprechen gibt, wie eine Person aus dem näheren Umfeld Murdochs berichtet.

Auf dem Weg in die Opposition zum Vater: James mit seiner Ehefrau Kathryn. Scott Olson/Getty Images

Auch nach seinem Eintritt in das väterliche Unternehmen gibt James seine hochfliegenden Pläne nicht auf. Er glaubt, genau der Richtige zu sein, um das riesengrosse und in mancher Hinsicht rückständige Unternehmen in die Zukunft zu führen. Er lässt die Redaktionsräume klimaneutral umbauen, investiert in Digital­kanäle wie Hulu und verpasst dem Sender Fox News einen gemässigteren Ton. James, vom Selbstbild her ein Mann der Mitte, betrachtet das Nachrichten­netzwerk als Haupt­hindernis, das seinen unternehmerischen Expansions- und Diversifikations­vorhaben im Weg steht. In einer Besprechung mit der Führungs­riege soll er gesagt haben, er wolle dem Murdoch-Imperium ein neues Image verpassen, damit es nicht mehr als ein Geschäfts­modell dastehe, das im Wesentlichen aus «einem einzigen Produkt mit einem charismatischen Gründer» bestehe.

Für Lachlan hingegen ist dieser charismatische Gründer eine absolute Identifikations­figur. Lachlans Werdegang verläuft auf einer deutlich anderen Bahn als der seines jüngeren Bruders. Mit seinem Vater teilt er eine ausgeprägte Affinität zu Australien, nicht nur, weil es das Herkunfts­land seiner Familie ist, sondern auch, weil ihm die raue Macho­kultur dort wie auf den Leib geschneidert ist. Als junger Mann arbeitet er als Gehilfe auf einer australischen Farm, hütet Schafe und impft Lämmer, während er im Urlaub auf der Familien­ranch in Cavan im Süden Australiens bei Adelaide zum Gewehr greift, um lästige Kängurus zu erlegen. (Sein Vater begnügt sich mit dem Schiessen auf Tontauben.)

Nach seinem Studium in Princeton kehrt Lachlan in die Heimat seines Vaters zurück, um dort im Familien­unternehmen zu arbeiten. Schon bald ist er in aller Munde, weil er Outback-Stiefel zum Anzug trägt, mit der Kawasaki zur Arbeit braust, beim Klettern ein Armband­tattoo zur Schau trägt und das australische Model Sarah O’Hare datet. 1999 heiraten die beiden.

Mit politischen Äusserungen hält Lachlan sich in der Öffentlichkeit zurück. Aber seine Mitarbeiter aus dieser Zeit erinnern sich bis heute gut an einige seiner prägnanten Positionen. Chris Mitchell, langjähriger Chef­redaktor des «Australian», kommt in seinen 2006 erschienenen Memoiren «Making Headlines» zu der Einschätzung, dass «kein australischer Politiker einen so dezidierten Konservatismus vertrat wie Lachlan», der seinen Vater bei den meisten Themen rechts überhole. Als etwa eine der Murdoch-Zeitungen einen Leitartikel zur Befürwortung der gleich­geschlechtlichen Ehe plant, taucht Lachlan – so berichten drei Augen­zeugen – in den Redaktions­räumen auf, um sein Missfallen an der Entscheidung zu bekunden. (Lachlan lässt uns auf Nachfrage durch einen Vertreter mitteilen, dass er sich an einen solchen Vorfall nicht erinnern könne und die Ehe für alle befürworte.) Andere Personen aus seinem näheren Umfeld wissen zu berichten, dass er der Ansicht sei, es werde zu viel Geld und Aufmerksamkeit in die Bekämpfung des Klima­wandels gesteckt.

Es ist nicht so, dass Lachlan seinen jüngeren Bruder nicht für einen guten Manager hielte. Aber James ist nicht halb so risiko­erprobt wie er selbst, der in Australien so manche Bewährungs­probe bestanden hat. Zwar haben sich einige Investitionen als Flop erwiesen – zum Beispiel ist der Fernsehsender Ten, den er gekauft hat, nach sechs Monaten und 232 Millionen US-Dollar Verlust in Konkurs gegangen. Dafür spielen andere Kanäle, darunter eine Gruppe von Top-100- und Easy-Listening-Radio­sendern, jährlich zwei­stellige Millionenbeträge Gewinn ein.

Wendi Deng (links), Rupert Murdochs dritte Ehefrau, der Patron, Sarah O’Hare, die Gattin von Lachlan (1999 in Sydney). Patrick Riviere/Getty Images

Schon seit Jahren versucht Murdoch senior vergeblich, seinen erstgeborenen Sohn Lachlan zur Rückkehr in die Vereinigten Staaten zu bewegen. Aber erst als Murdochs Scheidung von seiner dritten Ehefrau Wendi ansteht, zieht Lachlan diesen Schritt auch tatsächlich in Erwägung. Seine Abneigung gegen Wendi sitzt tief und reicht in die Zeit vor der Ehe­schliessung zurück. Jahre zuvor, als die Brüder von der geplanten Heirat erfahren, versuchen sie, ihren Vater bei einem gemeinsamen Abend­essen im Manhattener Restaurant Babbo davon abzubringen – einer der seltenen Anlässe, bei denen die Brüder einer Meinung sind. Die Ehe gibt ihnen wenig Anlass, ihre Meinung über Wendi zu ändern. Nicht nur James, sondern auch mindestens ein anderer Manager der Corporation erhält sogar Hinweise aus dem Aussen­ministerium, dass es Anzeichen dafür gebe, dass Wendi für den chinesischen Staat spioniert. Die gesamte Familie findet, dass ihr Vater von seiner Frau schlecht behandelt wird und sich ins Gesicht sagen lassen müsse, er sei «alt» oder «dumm». (Ein Sprecher von Wendi Murdoch bestreitet diese Vorwürfe.)

Abgesehen von der Causa Wendi aber gibt es so gut wie nichts, worüber Einigkeit zwischen den Brüdern herrscht. Nicht nur die Frage der Kontrolle über das väterliche Imperium ist Anlass zu Streit, sondern auch ein 800-Quadrat­meter-Anwesen im spanischen Stil in Beverly Hills, das Murdoch 1980 inklusive Innen­einrichtung dem Musik­mogul Jules Stein abgekauft hat. Für beide Söhne, die Teile ihrer Kindheit dort verbracht haben, besitzt es grossen emotionalen Wert. Nach Aussage von sechs Personen aus dem näheren Umfeld der Familie sind James und Lachlan tief getroffen, als sie erfahren, dass ihr Vater das Anwesen zum Verkauf ausgeschrieben und bereits ein Angebot des Schau­spielers Leonardo DiCaprio in Höhe von 35 Millionen US-Dollar erhalten hat. Die Brüder sollen kurz überlegt haben, das Anwesen gemeinsam zu kaufen und es abwechselnd für ihre Aufenthalte in Los Angeles zu nutzen. Schliesslich erwerben James und Kathryn das Haus ohne Beteiligung Lachlans zu einem ermässigten Preis von 30 Millionen US-Dollar. Lachlan ist aufgebracht darüber, dass James den Zuschlag auf das Haus bekommen hat. Rupert Murdoch schenkt ihm zum Trost einige alte Stücke aus dem Mobiliar, von dem James und Kathryn wiederum glauben, es sei durch den Kauf in ihren Besitz übergegangen.

Während James nach seiner Entmachtung im Ausland ist und die Kündigung erwägt, feilen sein Vater und sein älterer Bruder an einer Kompromiss­lösung für die künftige Leitung des Imperiums.

Ihr Vorschlag sieht folgendermassen aus: Alle Abteilungen von 21st Century Fox haben beiden Brüdern gemeinsam Bericht zu erstatten. James wird CEO, während Lachlan sich mit dem Vater den etwas wohlklingenderen Titel des Verwaltungsrats­vorsitzenden teilt. Öffentliche Verlautbarungen werden mit äusserstem Bedacht so formuliert, dass James keinen Gesichts­verlust erleidet und beide Brüder als absolut gleichrangig dastehen, auch wenn Lachlan de facto die höhere Position bekleidet. Beide erhalten mit jährlich knapp 20 Millionen US-Dollar das gleiche Start­gehalt und Dienst­flugzeuge, die sie auch für private Zwecke nutzen können. James wird in den Geschäfts­räumen in Manhattan residieren, Lachlan am anderen Ende des Landes in der Vorstands­etage des 21st-Century-Fox-Geländes im Bürohaus 88, in dem einst sein Vater gesessen hat. Lachlan stattet das Büro mit Fotos von der Ranch in Cavan und einer Schwarzweiss­aufnahme von Rupert Murdoch vor einer Druck­maschine der «New York Post» aus.

Stolzer Pressemann: Rupert Murdoch freut sich als Herausgeber der «New York Post» auf das Ende eines 56-tägigen Streiks (Oktober 1978). Bettman/Getty Images

James lässt sich zwar zögerlich auf diese Bedingungen ein, aber die Frage der Nachfolge ist damit immer noch nicht endgültig geklärt. In der Presse wird der Führungs­wechsel als gleichrangige Teilung der Macht Murdochs mit seinen Söhnen dargestellt, sodass James zumindest in der Öffentlichkeit weiterhin als Nachfolger seines Vaters gilt. Als sich die erste Aufregung gelegt hat, geben die Brüder dem «Hollywood Reporter» gemeinsam ein Interview. Der Titel: «The New Age of Murdochs».

Lachlan spricht dabei von einer «nahtlosen» Übergabe der Geschäfte.

V. Der Kandidat

Anfang 2015 erhält Murdoch einen Anruf von Ivanka Trump. Sie schlägt ein gemeinsames Mittag­essen mit ihrem Vater vor.

Bald darauf kommt man in den Räumen von Fox News in Manhattan zusammen. Auch Ivankas Ehemann Jared Kushner ist mit von der Partie. Als der erste Gang auf dem Tisch steht, teilt Donald Trump Murdoch mit, dass er sich an den Präsidentschafts­wahlen beteiligen werde.

Murdoch löffelt seine Suppe weiter, ohne auch nur den Blick zu heben, und sagt: «Dann können Sie sich aber auf was gefasst machen.» Die Anekdote hören wir gleich dreimal, von unterschiedlichen Gesprächspartnern.

Zwischen Murdoch und den Trumps bestehen enge Beziehungen. Sie reichen zurück bis in die 1970er-, 1980er-Jahre, als Trump die «Post» offensiv umwirbt und dafür nutzt, sich in New York einen Namen zu machen. Kushner und Murdoch kennen sich, seit Kushner 2006 den «New York Observer» gekauft hat. Zwischen dem 80-jährigen Medien­tycoon und dem 30-jährigen Presse-Parvenü entwickelt sich trotz des Alters­unterschiedes eine enge Freund­schaft. Murdoch und seine Frau Wendi laden Jared und Ivanka sogar auf einen gemeinsamen Jacht­urlaub in der Karibik ein. Nach ihrer Scheidung 2013 vermittelt Kushner, der auch in der Immobilien­branche tätig ist, Murdoch einen Innen­ausstatter für seine neue Junggesellen­wohnung. Ivanka wird zu einer von fünf Treu­händerinnen, die die Aktien­anteile der beiden Murdoch-Töchter aus der Ehe mit Wendi an News Corp. und 21st Century Fox im Wert von 300 Millionen US-Dollar verwalten. (2016 gibt sie die Treuhandschaft auf.)

Donald Trump, Anna Murdoch Mann und Rupert Murdoch 1993 in New York. The LIFE Picture Collection/Getty Images

Murdoch schätzt Trump als perfekten Typen für die Boulevard­presse, der die Auflage in die Höhe treibt – aber ernst nehmen kann er ihn nicht, schon gar nicht als Kandidat für das höchste Amt im Staat. «Ein *** Idiot», so lautet seine Einschätzung, wenn er auf Trump angesprochen wird, wie drei Personen aus seinem näheren Umfeld unabhängig voneinander erzählen. Die genaue Wortwahl bleibt das Geheimnis zwischen den Informanten und den Autoren. (Murdoch lässt uns über eine Sprecherin mitteilen, das sei frei erfunden.)

Das Urteil von Roger Ailes, dem langjährigen CEO von Fox News, über Trump fällt nicht sehr viel gnädiger aus, jedenfalls nicht, sobald dieser ausser Hörweite ist. Auch Ailes und Trump stehen sich nahe: Ihre Allianz geht zurück auf das Jahr 1989, als Rudolph Giuliani sich um das Amt des Bürger­meisters in New York bewirbt; Ailes ist sein Medien­berater, Trump kümmert sich um die Spendenbeschaffung.

2011 räumt Ailes als Chef von Fox News Trump montagmorgens einen festen Sendeplatz in «Fox & Friends» frei, wo Trump regelmässig seine Mär von Barack Obamas gefälschter Geburtsurkunde verbreiten darf. Und doch ist Ailes empört, als Trump sich das Präsidenten­amt anzumassen versucht. Dieser Mann habe nun wirklich nichts im Oval Office zu suchen, so seine Einschätzung nach Aussage einer Person aus seinem damaligen Umfeld.

Dass Fox News ihm im Wahl­kampf die Unterstützung verweigert, muss für Trump eine böse Überraschung gewesen sein. Alles schien bislang dafür zu sprechen, dass seine persönliche Beziehung zu Murdoch und Ailes ihm eine positive Bericht­erstattung sichern würde. Schliesslich hatte er von Ailes sogar eine E-Mail bekommen mit der Frage, was dieser für ihn tun könne. (Trump druckt die E-Mail aus, versieht sie mit einem begeisterten Kommentar und schickt sie seinem Wahlkampfmanager.)

Zu tun gibt es dann in den ersten Monaten des Wahl­kampfs für Roger Ailes tatsächlich allerhand. Meist geht es darum, die Wogen zu glätten, die die turbulente Beziehung zwischen Trump und Fox immer wieder aufwirft. Trump beschwert sich unablässig darüber, der Sender bevorzuge seine Konkurrenten Ted Cruz und Marco Rubio. Hinzu kommen seine regelmässigen Wut­ausbrüche nach der Sendung «Candidate Casino», in der Fox News jeden Freitag politische Berater um einen Roulette­tisch versammelt, die Wetten auf die aussichts­reichsten Kandidaten platzieren. Obwohl Trump in den meisten Meinungs­umfragen gut abschneidet, landet er in der Experten­runde verlässlich auf dem letzten Platz.

Was Trump daran besonders auf die Palme bringt: Der Moderator der Sendung, Bret Baier, hat schon gemeinsam mit ihm auf dem Golfplatz gestanden und war sogar vorübergehend Mitglied in Trumps International Golf Club in West Palm Beach. (Baier kündigt die Mitgliedschaft, als sich abzeichnet, dass Trump sich wahrscheinlich um das Präsidentenamt bewerben wird.) Auch Baier gegenüber macht Trump seiner Empörung Luft. Als Stephen F. Hayes, Heraus­geber des «Weekly Standard» und Fox-Mitarbeiter, ihn in einer Sendung als «Clown» bezeichnet, erhält Baier per Fax Post von Trump. Auf einer Kopie seines Lebens­laufs hat Trump mit schwarzem Textmarker vermerkt: «Und das soll ein Clown alles können? Mit besten Grüssen an Hayes.» Trumps Beschwerden über die ungerechte Behandlung, die Fox ihm widerfahren lässt, hören selbst dann nicht auf, wenn er dort vor laufender Kamera steht. In einem Live­interview nennt er eine lange Liste von Fox-Moderatoren, die seiner Ansicht nach gefeuert gehören, weil sie «voreingenommen» gegen ihn seien.

Doch ist es keineswegs so, als hätte Trump gegen Fox keine Mittel in der Hand. Die Murdoch-Formel beruht darauf, dafür zu sorgen, dass die Medien dem von ihm favorisierten Kandidaten die Begeisterung der reaktionären Leser- und Zuschauerschaft zuspielen. Aber Trump ist auf diese mediale Vermittlung gar nicht angewiesen, denn er erzeugt bereits von ganz allein Begeisterung. Seine Hardcore-Anhängerschaft ist deckungsgleich mit dem Fox-Stamm­publikum, und über seine Social-Media-Accounts kann er direkt mit ihr in Verbindung treten. Vor die Wahl zwischen Trump und Fox gestellt, dürfte ihre Entscheidung wohl kaum zu Roger Ailes’ Zufriedenheit ausfallen.

Zugleich unterstützt eine Reihe neuer rechter Medien­kanäle – «Breitbart», «The Gateway Pundit», «One America News», «Sinclair» – Donald Trumps Kandidatur. Und auch die Mainstream-Sender wissen, dass Trump ein wichtiger Quoten­bringer ist. «Ich brauch in der ‹Today Show› bloss im Pyjama aufzutauchen, und fünf Millionen Zuschauer sind mir sicher», soll Trump gesagt haben, um Roger Ailes auf seinen Markt­wert bei der Fox-Konkurrenz hinzuweisen.

Als Trump im Sommer 2015 im Verlauf der ersten TV-Debatte während der republikanischen Vorwahlen von Fox-Anchorwoman Megyn Kelly aufgefordert wird, Stellung zu seinen Kommentaren über Frauen zu beziehen – «Sie haben Frauen, die Sie nicht leiden können, schon als fette Schweine bezeichnet, als Hunde, Schlampen oder widerliche Tiere» –, lässt er, gemäss seinem ehemaligen Wahlkampf­leiter, Roger Ailes wissen, er bestehe auf einer öffentlichen Entschuldigung von Kelly (die diese ihm verwehrt).

Sechs Monate später, am Vorabend einer republikanischen Fernseh­debatte in Des Moines, ebenfalls unter Moderation Kellys, verweigert Donald Trump seine Teilnahme an der Veranstaltung. Roger Ailes setzt alles daran, Trump umzustimmen. Diese Hoffnung zerschlägt sich endgültig, als Trump ihm vom Flug­hafen aus Iowa anruft, um ihm mitzuteilen, er habe sich nun in letzter Sekunde endgültig dagegen entschieden. Auf Fox News habe sich Charles Krauthammer soeben in einem Beitrag über ihn lustig gemacht. Die Debatte bei Fox findet ohne Donald Trump statt, und die Einschalt­quote bricht gegenüber der ersten Debatte um die Hälfte ein.

Die Jungen verstehen sich: Jared Kushner, Ivanka Trump, Kathryn Hufschmid und James Murdoch (v. l.) an einer Pressevorführung des Films «X-Men: Days of Future Past» in New York (2014). Clint Spaulding/Patrick McMullan/Getty Images

Kushner setzt auf andere Mittel, um Murdoch zu einem Gesinnungs­wandel in Bezug auf Trump zu bewegen. Auf seinem iPhone zeigt er ihm bei privaten Treffen Videos von den überfüllten Wahlkampf­veranstaltungen seines Schwieger­vaters. Doch selbst als Trumps Kampagne immer mehr an Fahrt aufnimmt, blickt Murdoch sich noch nach Alternativen um. Im Sommer 2015 unterschreibt er einen 200’000-Dollar-Scheck, den er an eine Spenden­organisation des vergleichsweise moderaten Republikaners und Trump-Konkurrenten John Kasich schickt, wie sich den Akten der Federal Election Commission entnehmen lässt.

Auch Kathryn, der Frau von James Murdoch, bleibt nicht verborgen, dass ihr Schwieger­vater keine allzu grossen Stücke auf Trump hält. Sie schlägt Rupert Murdoch vor, ein Treffen zwischen ihm und Hillary Clinton zu arrangieren. Als ehemalige Mitarbeiterin bei Hillary Clintons Klima­initiative kennt sie das Ehepaar Clinton und seinen engeren Beraterstab gut und hofft, dass Murdoch sich zu einer Unterstützung Hillarys bewegen lassen könnte oder zumindest zu Neutralität.

Der Gedanke ist nicht ganz abwegig. Immerhin hat Murdoch einst Tony Blair an die Macht verholfen, der mit «New Labour» eine ähnliche Politik «jenseits von links und rechts» vertritt wie Hillary Clinton. Ausserdem hat er ein paar Jahre zuvor eine Fundraising-Veranstaltung zu Hillarys Bewerbung für den Senat organisiert. Murdoch verzichtet auf die Vermittlung seiner Schwieger­tochter, greift selbst zum Hörer und hinterlässt eine Nachricht für Hillary Clinton in ihrem Wahlkampf­büro. Clinton ruft umgehend zurück, lehnt die Einladung zu einem Treffen mit ihm aber ab. (Unsere Bitte um Stellung­nahme bei einem Sprecher Hillary Clintons blieb unbeantwortet.)

Korrigendum: In einer früheren Version war die Gültigkeit der Fairness-Doktrin im US-amerikanischen Rundfunk unscharf übersetzt. Wir bedanken uns bei Verleger Manuel Puppis für die genaue Lektüre und den Hinweis.

Bildnachweis Coverillustration von Joan Wong für «New York Times Magazine»: Patrick Seeger/EPA-EFE/Shutterstock; Paul Hawthorne/Getty Images; Jason LaVeris/FilmMagic; Brooks Kraft LLC/Corbis/Getty Images; Jack Taylor/Getty Images; Taylor Hill/WireImage; Michael Reynolds – Pool/Getty Images; Christophe Morin/Bloomberg via Getty Images

Wie es weitergeht

Ein Abhörskandal beim britischen Murdoch-Blatt «News of the World» sprengt fast den Familienclan. Doch der Brexit bringt Rupert Murdoch in Grossbritannien wieder zurück ins Spiel. Und die Wahl von Donald Trump verhilft dem Murdoch-Imperium zu noch mehr Macht. Aber am Horizont lauert bereits ein neuer Gegner, der nach neuen Regeln spielt: Netflix. Findet der alte Zeitungsfuchs die richtige Antwort?

Zum Artikel

Dieser Text erschien zuerst unter dem Titel «How Rupert Murdoch’s Empire of Influence Remade The World» im «New York Times Magazine». Er wurde von Anne Vonderstein aus dem Englischen übersetzt.

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